Der Riß im Kontinuum

Das merkwürdige Buch

Der ganze Donnerstag war schon eiskalt, ein Schneesturm tobte draußen und Janni hatte in ihrer Wohnung nichts anderes zu tun als sich mit ihrem Kater zu beschäftigen und etwas World of Warcraft zu zocken. Eigentlich hatte sie eher Lust auf ein gutes Buch, doch obwohl ihr Bücherregal voll von solchen Büchern war, hatte sie sie alle schon teilweise mehrfach gelesen. Auch Bücher kosteten halt Geld. Aber da sie sich diesen Monat noch nicht wirklich etwas gegönnt hatte, nahm sie sich für den nächsten Tag vor, in Ruhe einmal in die Innenstadt zu fahren und wieder einmal eine ganze Weile zu stöbern. Sie würde sich vielleicht wieder einmal einen guten Thriller besorgen, zur Auswahl standen sonst auch Science Fiction oder Fantasy Bücher.
Oh ja, sie würde es sich morgen mit einem Buch gemütlich machen.

Wie geplant fuhr sie dann am nächsten Morgen gleich in die Stadt. Sie bummelte etwas durch die Straßen, fand die großen Bücherläden, doch irgendwie war diesmal nicht das Richtige dabei. Doch es gab ja auch noch andere Läden.
In den relativ verlassenen Nebenstraßen, wo es zu Hauf eher Boutiquen und Antiquitätenläden gab, fand sie schließlich einen winzigen Buchladen, in dem sich die Bücher recht unordentlich auf dem Boden und den Tischen stapelten. Sogar auf der Theke und hinter der Theke lagen Bücher wild herum.
Interessiert trat Janni ein und schaute sich um. Sie war allein im Laden und hinter dem verstaubten Tresen kam auf einmal ein ältlicher, kleiner Mann mit einer viel zu großen Brille zum Vorschein.
"Guten Tag, kann ich Ihnen behilflich sein?" fragte er höflich.
"Oh, wissen Sie, ich suche nach einem guten Thriller, haben Sie in der Richtung etwas?"
"Da muß ich hinten einmal nachschauen, einen Augenblick bitte", sagte er und verschwand wieder in seinen Bücherregalen.
Janni schaute sich derweil etwas weiter um. Die meisten Bücher hier waren Hardcover Bücher, die schon sehr alt aussahen. Philosophie, Gedichte, Romane und Werke von alten Schriftstellern beherrschten die vorrangige Auswahl, doch in einer Ecke fand sie dann alte Science Fiction und Fantasy Romane.
Neugierig arbeitete sie sich durch sie Stapel und bald hatte sie ein Fantasy Buch gefunden, in dem es um Einhörner und Elfen ging. Der Preis war auch in Ordnung und sie wollte gerade wieder zurück zur Theke gehen, als ihr Blick auf einen kleinen, verstaubten Tisch fiel, auf dem etwas glänzte. Als sie näher trat, sah sie unter einem braunen, dicken, alten Buch ein viel größeres mit einer Ecke hervorschauen. Die Ecken waren mit Messing beschlagen und entgegen ihrer Erwartungen sah das Buch noch recht neu aus. Vorsichtig zog sie es heraus. Es war viel größer und schwerer als sie geahnt hatte und sie mußte es mit beiden Händen hochnehmen. Der Buchdeckel hatte außer den Messingecken noch ein außergewöhnliches Symbol darauf:

Es war aus Messing und anderen Metallen geschmiedet und auf dem Buchdeckel befestigt. Behutsam strich sie über die Schmiedearbeit und klappte dann den Deckel vom Buch auf. Die Seiten waren alle leer.
Das ist aber ungewöhnlich, dachte Janni mit einem Stirnrunzeln, ein leeres Buch in einem so antiquierten Laden?
Achselzuckend legte sie ihr gewähltes Fantasy Buch noch obenauf und ging mit beiden Büchern zum Tresen vor.
Das große Buch bot viel Platz für Notizen und Aufzeichnungen, dachte sie, und es würde sich bestimmt schön in ihrer Glasvitrine machen.
Inzwischen war der Ladenbesitzer mit drei Büchern wieder da, und Janni stellte erfreut fest, dass es sich um die gewünschten Thriller handelte. Sie las schnell die Inhaltsangaben und beschloss dann, dass es alle drei Bücher verdienten, gelesen zu werden.
"Ich nehme die drei Thriller und diese beiden hier", sagte sie und zeigte auf die gefundenen Ladenschätze.
Die Augen des Inhabers wurden groß, als er das leere Buch mit dem eigenartigen Symbol sah. Er schaute Janni prüfend an, dann nickte er und meinte: "Oh ja, die Wahl ist sehr gut getroffen... nach all der Zeit..." die letzten Worte murmelte er zwar eher, aber Janni verstand sie trotzdem und wunderte sich. Doch sie räumte dem alten Mann diese Marotte ein. Bei den vielen antiquarischen Büchern würde vermutlich jeder etwas wunderlich werden.
"Das macht dann 53,50 €uro zusammen", sagte er und Janni gab ihm das Geld hinüber.
Sie packte die Bücher in ihren Rucksack und wollte sich gerade verabschieden, als der alte Mann sie noch einmal durchdringend ansah und sagte: "Das Ende ist nah... doch Mut und Tapferkeit sind der Retterin Schwert..."
"Ehm... okay", meinte Janni völlig perplex. "Vielen Dank, einen schönen Tag noch."
Damit verzog sie sich schnellstmöglich aus dem Laden und immer noch grübelnd über den alten Mann und den letzten Satz lief Janni zur Einkaufsstraße zurück und fuhr mit der U-Bahn nach Hause.

Als es später Abend wurde, hatte Janni bereits ein gutes Stück von dem ersten Thriller gelesen und wollte langsam ins Bett gehen. Doch vorher nahm sie noch einmal das große Buch mit dem sonderbaren Amulett drauf in die Hände. Sie wollte an den Innenseiten der Deckel nachschauen, ob es dort vielleicht einen Stempel oder Namenszug gab, der auf den Hersteller hinwies. Doch hinten war alles leer, ebenso vorne, als sie den Deckel aufklappte.
Rein aus Gewohnheit blätterte sie dann die erste Seite weiter und stutze. Das Buch war nicht länger leer, ein Schriftzug war auf einmal zu sehen.
Janni runzelte die Stirn. Vermutlich hatte sie diese Seite im Laden einfach übersehen. Schließlich hatte sie das Buch einfach wahllos in der Mitte aufgeschlagen und von da nach hinten durchgeblättert. Wieder schlug sie nun die Mitte auf und diesmal starrte sie ungläubig auf das Buch.
Das kann jetzt nicht sein, dachte sie völlig verwirrt.
Auch die Mitte war auf einmal mit Text angefüllt. Schnell schlug sie andere Seiten auf, vorne, hinten, mittig... überall war Text. Sie starrte mit offenem Mund auf die Seiten und blinzelte ein paar mal. Das gibt es doch nicht, dachte sie. Doch seltsamerweise versuchte sie nicht, irgendeine Erklärung dafür zu finden, sie nahm es einfach hin, daß in diesem Buch jetzt etwas geschrieben stand.
Der merkwürdige Händler kam ihr wieder in den Sinn und sie beschloß, am nächsten Tag noch einmal vorbeizufahren.
Da ihr Winterurlaub gerade angefangen hatte, hatte sie also auch reichlich Zeit.
Sie zog sich rasch ihr Nachtkleid an, dann kuschelte sie sich ins Bett legte das Buch erst einmal auf den Tisch. Morgen würde noch genug Zeit sein, um es zu lesen und vielleicht konnte ihr der Buchhändler sagen, woher das Buch kam. Täuschte sie sich, oder glänzte das Amulett jetzt viel mehr als vorher?
Sie strich behutsam mit den Fingern drüber und zuckte erschrocken zurück, als das Amulett bei der Brühung aufleuchtete. Sie versuchte es noch einmal, wieder strahlte es kurz auf, als ihre Haut mit ihm in Kontakt kam.
Sehr merkwürdig, dachte sie noch einmal, doch dann ließ sie das Buch liegen, schaltete das Licht aus und war bald darauf eingeschlafen.

Am nächsten Morgen erwachte sie ziemlich plötzlich. Abgesehen von merkwürdigen Träumen in der Nacht, die von zwei Zwillingen handelten, die hoch oben auf einem Berg miteinander rangen, der eine so schwarz wie die absolute Finsternis, der andere strahlend hell wie Sternenglanz, hatte ihr Kater gemeint ihr mit einem Satz auf ihren Bauch klarmachen zu müssen, dass er Hunger hatte und zu Fressen wünschte.
Weil sie wußte, daß ihr kleiner Rabauke so lange keine Ruhe geben würde, bis seine Futterschüssel gefüllt war, stand sie rasch auf und schon kurz darauf war ihr Kater wieder glücklich.
Dann fiel ihr das Buch wieder ein. War das nur ein Traum gewesen, daß es auf einmal gefüllt war?
Neugierig ging sie zu ihrem Schreibtisch und schlug irgendeine Seite auf. Es war leer. Alle Seiten waren weiß und nicht mal ein Druckfleck war irgendwo zu sehen.
"Also, ich hätte schwören können..." murmelte sie vor sich hin. Trotz allem beschloß sie, einfach noch einmal diesen Buchhändler aufzusuchen.

Nur wenig später war sie fertig und machte sich erneut auf den Weg in die Innenstadt. Doch sie konnte den Laden einfach nicht mehr finden.
Aber das war doch hier, an das Geschäft kann ich mich noch erinnern!
Sie stand vor einem kleinen Kramladen, der viele Billigwaren draußen in windschiefen, überdachten Ständern ausgelegt hatte. Und gleich daneben hätte der Buchladen sein müssen. Doch stattdessen waren die Fenster und die Tür mit Brettern vernagelt und an der Fassade konnte man ein paar Rußspuren ausmachen.
Verwirrt ging Janni in den Nachbarladen und fragte den Inhaber, ob es gestern noch ein Feuer nebenan gegeben hätte. Doch dieser verneinte. Und auf die Frage, ob dort ein Buchladen gewesen wäre, meinte der ältliche Mann, daß mal vor 15 Jahren nebenan ein antiquarischer Buchladen gewesen war, dieser aber zu der Zeit abgebrannt sei. Seitdem stehe der Verkaufsraum leer.
Janni meinte, ein Blitz würde in sie fahren. Das war jetzt verrückt. Erst das Buch, und jetzt war der Buchladen nicht da? Sie bedankte sich und machte sich wieder auf den Heimweg.
Zu Hause angekommen suchte sie in der Tüte des Ladens die Quittung, doch dann fiel ihr ein, daß der Inhaber ihr gar keine gegeben hatte. An den Namen des Geschäfts konnte sie sich auch nicht mehr erinnern, sonst hätte sie da mal nachgegooglet.
Ihr Blick fiel wieder auf das seltsame Buch mit dem Amulett. Zögernd streckte sie die Hand danach aus. Wenn sie es jetzt öffnete, würde es mit Sicherheit leer sein, oder?
Sie kam an das Amulett heran und schon wieder leuchtete es hell auf. Das hatte sie also doch nicht geträumt! Schnell schlug sie die Mitte auf und war nicht mal überrascht, dort wieder Text zu finden.
Nun denn, scheinbar soll ich das Buch lesen, dachte sie und machte es sich auf ihrer Couch damit gemütlich. Neugierig schlug sie dann die erste Seite auf und las:

Die letzte Unendlichkeit

Komischer Titel, dachte sie, doch sie blätterte weiter bis zur nächsten Seite.
Gleich nach den ersten Sätzen war sie in das Buch vertieft. Es schien sie fast magisch anzuziehen...

Seit undenklichen Zeiten schon sind die Wächter des Kosmos damit beschäftigt, die Materie- Antimaterieverhältnisse der Genesis zu überwachen.
Das Nichts gebar Milliarden von Universum, die nur im Bruchteil einer Sekunde wieder zerstört wurden, um wieder perfekt zu sein. Doch mitunter kann es passieren, daß ein gerade geborenes Universum, das für den Augenblick perfekt und symmetrisch ist, einen Fehler aufweist.
Virtuelle Partikel werden real, die Quarks, Antiquarks, Materie und Antimaterie schießen in verschiedene Richtungen um sich sofort wieder aufzulösen. Es hätte die gleiche Anzahl sein sollen, sie hätten miteinander kollidieren und die perfekte Leere wiederherstellen müssen. Doch das war nicht geschehen.
In diesem Universum passierte das, was auch schon bei vielen anderen passierte: Die Anzahl der Quarks überstieg leicht die der Antiquarks und ein Überschuß an Materie entstand. Das war der Stoff, aus dem die Sterne und Planeten entstanden sind. Ein neu erschaffenes Universum würde eine Blase um die Partikel formen und die Lebewesen des Universums würden niemals andere Blasen sehen können.
Viele Universen könnten auf diese Weise entstanden sein, man könnte sich das so vorstellen, wie hunderte von Glaskugeln, die im dunklen Raum der Leere schweben, jede beinhaltet ein Universum. Doch sollten sich jemals zwei Blasen nähern und sich treffen, so hätte das die Auslöschung beider Universen zur Folge. Und um so etwas zu verhindern, gibt es die Wächter.

In Jannis Kopf schwirrte es wie 1000 Bienen.
Unser Universum entstanden aus zwei virtuellen Partikeln? So wie ein Elefant mit einem Anti-Elefant? Das ist eine faszinierende Theorie, dachte sie, und las weiter.

Doch es wird eine Zeit kommen, in der auch die Wächter auf die Hilfe eines der Wesen der Universen zurückgreifen müssen, denn sie können in deren Welt nicht lange existieren. Und wenn die Zeit da ist, wird die Hoffnung auf Rettung vor der Vernichtung auf den Schultern einer Einzelnen liegen, die in der Vergangenheit lebt...

Der Mut steckt im Herz,
vergehen wird Schmerz,
zwei Augen die Sehen,
Angst wird vergehen.

Alpha ist der Beginn,
es kommt dann Dir in den Sinn,
Omega am Ende steht,
verzage nicht, sonst ist's zu spät.

Der Weg gefährlich wird sein,
es geht über Berge, Sand und Stein.
Am Ende wirst das Tor Du sehen,
zögere dann nicht, hindurch zu gehen.

Finden wirst Du Feind und Schwert,
doch auch ein Freund, der zu Dir steht.
Mit Alpha wird es beginnen, mit Omega wird es enden,
der Schlüssel zur Rettung liegt in Deinen Händen.

Wenn die Zeit reif ist, wird die Eine ihr Schicksal erkennen...

Janni runzelte die Stirn. Das war ja eine merkwürdige Einleitung. So einen Stil hatte sie noch nie gesehen. Naja, daß hier irgendetwas nicht mit rechten Dingen zuging hatte sie ja auch schon kapiert, also warum sollte sie eine stinknormale Einleitung erwarten?
Gespannt blätterte sie auf den eigentlichen Anfang der Geschichte und las weiter:

Die Voyager glitt durch die Tiefen des Delta Quadrants immer auf dem Weg Richtung Heimat.

Janni setzte sich kerzengerade auf.
Voyager? USS Voyager?
Völlig ungläubig las sie noch einmal den ersten Satz.

Die Voyager glitt durch die Tiefen des Delta Quadrants immer auf dem Weg Richtung Heimat.

"Das glaube ich jetzt nicht!" rief Janni laut aus und starrte mit offenem Mund auf den Text. Doch er veränderte sich nicht.
"Das... das kann nicht sein", stotterte sie. Janni liebte die Serie Star Trek Voyager über alles und war daher natürlich völlig entgeistert, als dieses ominöse Buch genau davon handelte. Schnell las sie weiter:

Captain Kathryn Janeway saß wie so oft in ihrem Bereitschaftsraum und arbeitet an ihrem Computer. Der Türsummer riß sie aus ihrer Konzentration und sie sagte: "Herein."
Commander Chakotay stand vor ihrer Tür und kam lächelnd herein. "Captain, Sie haben schon längst Dienstschluß", kam er gleich zur Sache.
"Ja, ich weiß, aber ich muß noch diese Analysen fertig machen." Sie wollte sich gerade wieder ihrem Computer zuwenden, doch Chakotay war noch nicht fertig.
"Wissen Sie Kathryn, gerade hat mich der Doktor gefragt, ob sie immer noch arbeiten..."
Chakotay wußte, daß er mit dem Satz sofort ihre ungeteilte Aufmerksamkeit haben würde. Und er hatte Recht. Kathryn hob sofort ihren Kopf und sah ihn mit funkelnden Augen an.
Chakotay fuhr fast schon schelmisch fort: "Ich habe gesagt, ich würde mal nachschauen was Sie so treiben."
Kathryn rollte mit den Augen. "Was habe ich jetzt wieder verbrochen, daß ich seine Aufmerksamkeit verdiene?" fragte sie theatralisch. "Chakotay, Sie verpetzen mich doch nicht, oder?"
"Oh, ich fürchte, das liegt gar nicht in meinem Einflußbereich. Der Doktor muß nur den Computer fragen wo Sie sich aufhalten und er weiß Bescheid."
Kathryn seufzte.
"Also habe ich jetzt die Wahl für heute hier aufzuhören oder mir vom Doktor eine Predigt anzuhören? Ich glaube, da höre ich lieber auf für heute. Hätten Sie Lust mit mir zu Abend zu essen Chakotay?"
"Aber mit dem größten Vergnügen. Dann kann ich dem Doktor ruhigen Gewissens sagen, daß sie den Rest des Abends ausspannen?"
Kathryn nickte. "Aber er soll sich nicht angewöhnen mich zu überwachen. Sagen Sie ihm das gleich."
Damit stand sie auf und verließ mit Chakotay erst ihren Bereitschaftsraum und dann die Brücke mit den Worten: "Gentlemen, einen schönen Abend Ihnen noch. Sollten Sie einen Asteroiden unseren Weg kreuzen sehen, scheuen Sie sich nicht mir Bescheid zu sagen."
Chakotay mußte lachen und die Offiziere sahen ihren Captain etwas verdutzt an. Als Kathryn schon im Turbolift war drehte er sich noch einmal um und raunte den Offizieren zu: "Das MHN sitzt ihr im Nacken!"
Harry und Tom mußten lachen und Tuvok zog lediglich eine Augenbraue hoch.
"Chakotay! Das habe ich gehört!" meinte Kathryn schimpfend, aber an dem Zwinkern in ihren Augen sah er, daß sie es nur lustig meinte. Zusammen verließen sie die Brücke und schon kurz darauf saßen die beiden gemütlich zusammen auf Kathryns Couch und plauderten etwas.
"Haben Sie schon die Story von Harry und Seven mitbekommen?" fragte Chakotay Kathryn gerade.
"Nein, erzählen Sie."
"Tom hat es mir erzählt, natürlich vertraulich", meinte Chakotay zwinkernd, was so viel hieß wie: es weiß bereits das ganze Schiff.
"Also, Harry hat Tom gestanden, daß er sehr gerne mal mit Seven ausgehen würde. Aber er hat sich bisher nicht getraut sie zu fragen, weil sie ... nun ja, ziemlich direkt ist und manchmal auch ziemlich auf dem Schlauch steht wenn es um Liebe geht."
Kathryn prustete los und Chakotay fuhr fort: "Tom hat Harry also vorgeschlagen, einen Text zu verfassen und zu üben. Und als echter Freund hat er sich selber angeboten, ihm zu helfen. Harry war natürlich begeistert und als er seine Rede ausgetüftelt hatte, hat er Tom in der Krankenstation abgefangen, der Doktor war gerade inaktiv, stellte sich nun in Pose und begann Tom schon fast einen Antrag zu machen. Natürlich zur Übung!
Was er allerdings nicht wußte war, daß Seven ebenfalls in der Krankenstation war. Sie hatte im anderen Teil zu tun gehabt und da Harry reingestürmt kam und Tom gar nicht erst zu Wort kam, konnte er ihn auch nicht warnen.
Er ratterte also seinen Text runter und genau bei den Worten: 'Wollen Sie mit mir ausgehen'? trat Seven hinter ihn und meinte wohl mit einem sehr überraschten Gesichtsausdruck: 'Fähnrich Kim, ich wußte gar nicht, daß sie ein homosexuelles Verlangen nach Lieutenant Paris entwickelt haben. Herzlichen Glückwunsch. Aber ich dachte, Lieutenant Paris wäre bereits mit Lieutenant Torres involviert? Oder streben sie sexuelle Gruppenpraktiken an?'"
An dieser Stelle war dann alles zu spät. Kathryn fiel fast von der Couch vor Lachen und Chakotay ebenfalls.
"Sie können sich gar nicht vorstellen", versuchte Chakotay zwischen Lachenanfällen zu sagen, "wie rot Harry geworden ist. Tom ist geplatzt vor Lachen und Harry hat sich wohl sofort in sein Quartier verzogen und ist stundenlang nicht herausgekommen!"
Kathryn kugelte sich immer noch vor Lachen und sie hielt sich schon die Seiten weil sie weh taten. Eine mächtige Erschütterung schleuderte sie von der Couch und das Lachen verging ihr augenblicklich.
"Janeway an Brücke, Bericht", sagte sie noch am Boden liegend und sah sich nach Chakotay um. Der war ebenfalls von der Couch geworfen worden, stand aber schon wieder und hielt gerade Kathryn die Hand hin um ihr beim Aufstehen zu helfen.
Dankend nahm sie seine Hilfe an und gerade als er sie hochzog bebte das Schiff erneut so heftig, daß Chakotay sie fest packen mußte, damit sie nicht noch einmal hinfiel. Er konnte gerade noch das Gleichgewicht halten.
Als das Schütteln aufgehört hatte, kam auch endlich Tuvoks Stimme aus Kathryns Combadge: "Wir sind in gravimetrische Verzerrungen geraten. Sie sollten sich das besser ansehen, Captain."
"Commander Chakotay und ich sind auf dem Weg. Schilde auf Maximum und drehen Sie das Schiff in die Welle", sagte Kathryn noch, dann stürmten sie und Chakotay zur Brücke.
Unterwegs wurden sie noch mehrmals gegen die Korridorwände gestoßen weil das Schiff so stark durchgeschüttelt wurde.
Als sie die Brücke erreichten konnte sich Kathryn gerade noch am Geländer festhalten, als die nächste Erschütterung kam.
"Tuvok! Bereiten Sie den Deflektor vor und imitieren Sie bei der nächsten Stoßwelle eine Antimaterieexplosion. Tom, bereiten sie das Schiff vor auf Warp zu gehen. Wir müssen nur aus der Verzerrung kommen. Harry, geben Sie mir den Status durch."
Kathryn und Chakotay hatten sich auf ihre Plätze gekämpft und sahen nun das Phänomen auf dem Schirm.
"Warp-Antrieb ist ausgefallen, wir haben nur noch Impulsantrieb", meldete Tom.
"Verstanden Mr. Paris, dann vollen Impuls vorbereiten."
"Schilde im Heckbereich sind ausgefallen, Mikrofrakturen in der Hülle von Deck 15 bis Deck 10, Notfallkraftfelder halten. Die strukturelle Stabilität ist im kritischen Bereich, wenn wir noch länger in der Verzerrung bleiben, dann wird das Schiff auseinanderbrechen!"
"Tuvok, wie lange brauchen Sie um den Impuls auszustoßen?"
"Ungefähr 3 Minuten Captain."
"Janeway an Maschinenraum, leiten Sie sämtliche Energie in die Bugschilde!"
"Aye Captain, 20% Schilde, mehr ist nicht drin", kam B'Elannas Stimme.
"Wir brauchen mindestens 45% Schildstärke. Wenn wir nicht in 3 Minuten die Schilde haben sind wir tot!"
"Ich kann noch Energie von der Lebenserhaltung abziehen, aber das war's dann."
"Tun Sie's. Mr. Tuvok!"
"Noch zwei Minuten Captain."
Schilde sind bei 40% Captain", sagte Harry. "Eine neue Schockwelle trifft uns gleich. Festhalten!"
Dieses Mal gingen alle zu Boden. Auf der Brücke platze eine Plasmaleitung und Lieutenant Ayala wurde von heißem Dampf getroffen. Er schrie gellend auf und wand sich vor Schmerzen auf dem Boden. Tom schnappte sich das Notfallmedkit, das hinter der Steuerkonsole angebracht war, und lief zu Ayala hin. Ein Transport auf die Krankenstation war momentan unmöglich, aber der Lieutenant mußte sofort versorgt werden.
"Chakotay, übernehmen Sie die Conn", sagte Janeway und schaute besorgt zu Tom und Ayala. Wenigstens hatte Tom durch seine Schichten beim Doktor medizinische Kenntnisse.
Chakotay nickte und setzte sich auf Toms Platz.
"Bereit für vollen Impuls", bestätigte er.
"Mr. Tuvok, zählen sie runter."
"Impulsausstoß bereit in 45 Sekunden."
"Schildstatus?"
"Schilde bei 10%, noch einen Treffer werden wir nicht unbeschadet überstehen", sagte Harry.
"30 Sekunden."
"Die nächste Welle kommt. Bereitmachen."
"Chakotay, was auch passiert, Sie müssen sich irgendwie an der Conn halten."
"Aye Captain", sagte Chakotay und suchte sich zwei gute Haltepunkte an der Konsole.
"Noch 15 Sekunden."
Dann traf die nächste Welle das Schiff und Kathryn meinte, sie würde Achterbahn mit Looping fahren. Sie merkte eine kurze Schwerelosigkeit als sie quer über die Brücke gewirbelt wurde und landete dann schmerzhaft direkt mit dem Oberkörper und dem Kopf an der Maschinenraumkonsole. Für einen Moment wurde ihr schwarz vor Augen und sie hörte Tuvoks und Chakotays Stimme nur noch ganz gedämpft: "3, 2, 1, Impuls initiiert."
"Wir sind frei, ich gehe auf Impuls", hörte sie Chakotays Stimme.
"Captain, wir haben es geschafft", rief Harry von seiner Station.
"Maschinen gestoppt Captain." Chakotay drehte sich zu Kathryns Sessel um nur um festzustellen, daß er leer war. Dann sah er sie an der Konsole liegen und war mit 3 Schritten bei ihr.
"Kathryn, alles in Ordnung?" fragte er besorgt.
Tom war ebenfalls neben ihr aufgetaucht und scannte sie.
"Sie hat eine Schwellung am Schädel und zwei gebrochene Rippen", stellte er fest. Dann behandelte er die Schwellung an Kathryns Kopf, drückte ihr ein Hypospray an den Hals und sagte dann: "Sie sollten sich gleich besser fühlen Captain, die Rippen müssen wir auf der Krankenstation behandeln. Am besten, Sie gehen gleich runter."
Tom ging wieder zu Ayala und Chakotay half Kathryn vorsichtig auf die Beine.
"Oooh, mein Kopf, danke Chakotay", sagte sie, zuckte aber gleich darauf zusammen und hielt sich die Seite wo die Rippen gebrochen waren.
"Captain, kommen Sie, ich bringe Sie auf die Krankenstation. Lt. Ayala nehmen wir gleich mit", sagte Chakotay und schlang ihren Arm um seinen Hals, damit sie sich auf ihn stützen konnte.
"Na schön, Tuvok, ich erwarte in 20 Minuten einen kompletten Schadensbericht. Wir treffen uns im Konferenzraum."
"Ja Captain", sagte Tuvok, und Harry und er machten sich an die Arbeit. Tom stützte Ayala und Chakotay half ihm noch.

Als sie kurze Zeit später die Krankenstation betraten, waren sie fast überrascht, daß sie nicht total überlaufen war.
Das MHN wuselte zwischen den Betten hin und her, aber scheinbar hatte keiner schwere Verletzungen davongetragen. Das meiste waren Prellungen, Platzwunden und gelegentlich ein gebrochener Knochen.
Als der Doktor Ayala sah drückte er den Dermalregenerator, den er gerade an Ensign Lang gebrauchte, dem nächstbesten Helfer in die Hand und eilte zu dem schwer verletzten Lieutenant hin.
Tom erklärte ihm, was er schon gemacht hatte und das MHN war zufrieden. Hätte Tom nicht so gut erste Hilfe geleistet wäre Ayala vermutlich schon tot. Die Verbrühungen waren lebensbedrohlich und das MHN machte sich daran, ihn wieder in Ordnung zu bringen.
Chakotay hatte Kathryn auf eine freie Liege geholfen und Tom kam heran mit einem Knochenregenerator.
"Legen Sie sich bitte auf die Seite Captain und bleiben Sie ruhig liegen", sagte Tom und Janeway tat wie geheißen. Der Pilot brauchte ungefähr 10 Minuten um die Frakturen zu heilen. Als er fertig war sagte er: "Das umliegende Gewebe wird die nächsten Tage noch empfindlich sein, aber die Brüche sind geheilt. Ich schaue mir jetzt noch einmal ihre Schädelschwellung an und wenn die auch völlig abgeklungen ist, dann dürfen Sie wieder gehen."
"Danke Tom", sagte Kathryn und bewegte sich langsam um zu prüfen, ob noch etwas weh tat. Doch es war wie Tom gesagt hatte, sie spürte lediglich noch ein leichtes Ziehen wenn sie an die Stelle kam, wo er sie gerade zusammengeflickt hatte. Der Lieutenant war derweil mit dem Tricorder wieder rangekommen und scannte noch einmal Kathryns Kopf.
"Es ist alles wieder in Ordnung Captain, sie werden vielleicht noch ein wenig Kopfschmerzen haben. Sollten diese bis morgen nicht weg sein, dann kommen Sie bitte noch einmal her. Ansonsten dürfen Sie jetzt gehen", sagte er grinsend.
"Aye Sir", sagte Kathryn und Chakotay mußte sich ein Lachen verkneifen.
"Mr. Paris, ich könnte Ihre Hilfe gebrauchen", hörte Tom die Stimme vom MHN bevor er vor Verlegenheit rot werden konnte. Er half dem MHN bei Ayala und Kathryn und Chakotay begaben sich wieder auf die Brücke zum Konferenzraum.

Janni legte das Buch zur Seite und stand auf. Jetzt klang das Buch schon eher wie ein normale Story.
Sie schaute nach draußen und sah, daß der Schneefall wieder zugenommen hatte. Ihr Kater lag in seinem Katzenbett und döste vor sich hin und sie beschloß, daß eine Tasse Kaffee jetzt genau das Richtige sei, natürlich auf Janeway Art.
Dann holte sie sich noch eine wärmere Decke und mit einer dampfenden Tasse Kaffee in der Hand setzte sie sich wieder auf die Couch, nahm das Buch zur Hand und las weiter.

Grenzen verschwimmen

Harry Kim war gerade dabei den Schadensbericht vorzutragen, der diesmal, so schien es zumindest Kathryn, der längste war, der jemals vorgelesen wurde. Vielleicht hätte sie eher fragen sollen, was nicht kaputt war. Die Liste zog sich von defekten EPS Leitungen über Mikrofrakturen bis hin zu Computerschäden. Also die ganze Palette.
Als Harry endlich zum Ende gekommen war meinte B'Elanna: "Ich will ja nicht den Teufel an die Wand malen aber vielleicht sollten wir lieber gleich ein neues Schiff bauen."
Kathryn seufzte. "Wie lange werden die wichtigsten Reparaturen dauern?"
"Mindestens 3 Wochen, wenn wir auf einem Planeten landen würden, könnten wir die Reparaturen in 2 Wochen schaffen", schätzte B'Elanna.
"Harry, irgendwas passendes in Sensorreichweite?" fragte Chakotay.
"Die Langstreckensensoren sind ausgefallen, mit den normalen Sensoren konnte ich aber nichts finden."
"Dann werden es wohl doch drei Wochen werden", meinte Kathryn. "Tun Sie ihr Möglichstes, B'Elanna. Tuvok, in der Zwischenzeit möchte ich gerne wissen, woher die Verzerrungswellen kamen."
"Eine interessante Frage Captain, zumal ich neben den normalen Energiemenge, die solch ein Phänomen verursacht, diesmal einen temporalen Fluß nachweisen konnte. Diese gravimetrische Verzerrung war definitiv etwas, das noch nie sonst vorgekommen ist."
Kathryns Interesse war geweckt. "Gravimetrische Verzerrungen mit einem temporalen Fluß, das sollten wir genauer untersuchen. Harry, konnten Sie den Ursprung der Verzerrung orten bevor die Sensoren ausgefallen sind?"
"Ja Captain, der Ursprungsort ist ca. 0,077 Parsecs von uns entfernt, wir haben nur die Ausläuferwellen gespürt."
"Tom, setzten Sie einen Kurs und bringen Sie uns dorthin. Ich möchte wissen, was das für ein sonderbares Phänomen ist."
"Aye Captain."
"B'Elanna, Sie bekommen Priorität für die Arbeiten am Schiff, wenn Sie irgendetwas brauchen werden Sie es auch bekommen. Wegtreten."
Die Offiziere standen auf und verließen den Konferenzraum.

Da der Warpantrieb der Voyager beschädigt war konnten sie nur mit Impuls fliegen. Die Zeit wurde natürlich für Reparaturen benutzt und nach 2,5 Wochen erreichten sie endlich die Anomalie im Raum.
"Auf den Schirm", sagte Kathryn gespannt.
Der Sichtschirm wurde erfüllt von einem Riß im Raumgefüge.
"Analyse Mr. Kim?"
"Es ist ein Riß im Raum-Zeit-Kontinuum, aber er scheint künstlich entstanden zu sein. Ich kann Rückstände einer unbekannten Energie messen, die eindeutig typische Merkmale von Warpplasma aufweist."
Harry runzelte die Stirn und Kathryn stand auf und trat zu ihm an die Station.
"Was ist, Harry?" fragte sie neugierig.
"Captain, ich habe so etwas noch nie gesehen", meinte Harry verwirrt, "die Anomalie breitet sich aus."
"Aber das ist doch nicht ungewöhnlich Mr. Kim", sagte Kathryn.
"Nein, normalerweise nicht, aber hier schon. Ich kann hinter den Riß scannen, dort zieht sich der Raum zusammen. Wie kann er sich zusammen ziehen und sich gleichzeitig ausbreiten?"
"Was?" fragte Kathryn verblüfft, trat neben Harry und tippte ebenfalls auf den Kontrollen herum. Auch ihre Gesichtszüge nahmen nun einen überraschten Ausdruck an.
"Es ist beinah wie ein schwarzes Loch", sagte Kathryn nach einer Weile. "Hinter dem Riß wird die Materie eingesogen und zum Rand hin dehnt sie sich aus weil immer mehr Materie angezogen wird."
"Wie ein Trichter?" fragte Chakotay nach, der ebenfalls aufgestanden war und am Geländer stand.
"So könnte man das sagen", erwiderte Kathryn.
"Seven of Nine an die Brücke", kam es auf einmal über Kathryns Combadge.
"Was gibt es Seven?"
"Captain, Sie sollten unbedingt in die Astrometrie kommen. Ich habe etwas sehr beunruhigendes entdeckt", sagte Seven.
"Ich bin gleich da Seven. Chakotay, kommen Sie mit?"
"Das lasse ich mir nicht entgehen."

"Ouch, Katze!" keuchte Janni, als ihr Kater Aufmerksamkeit verlangte und kurzerhand unter ihre Decke gekrochen war, dabei aber ihr Bein als Haltegriff verwendet hatte. Ganz unschuldig schnurrend suchte er sich eine bequeme Position auf ihrem Bauch, rollte sich zusammen und schlief weiter.
Janni mußte lächeln und streichelte ihm über das Fell. Einen warmen Kater auf dem Bauch und ein gutes Buch, das war schon super. Nach ein paar Minuten Katerkraulen las sie weiter.

"Was gibt es Seven?" fragte Kathryn als sie die Astrometrie mit Chakotay betrat.
Neben der Borg stand ebenfalls Icheb an den Konsolen und auf dem großen Projektionsfeld war die Anomalie dargestellt.
Seven drehte sich nicht um als sie die Projektion der Anomalie veränderte und auf einmal viele Richtungslinien um die Anomalie auftauchten.
"Die Anomalie wurde durch einen Gegenstand verursacht, der in der Lage ist das Raum-Zeit-Gefüge zu unterbrechen und zu verändern. Wenn meine Berechnungen korrekt sind, dann wurde dieser Gegenstand entweder mit Absicht oder durch ein Naturphänomen erzeugt und hat diesen Riß verursacht. Captain", Seven drehte sich bei diesem Wort um, verschränkte die Hände auf dem Rücken und sah die beiden Brückenoffiziere ernst an, "wenn es uns nicht gelingt den Riß zu schließen, wird das Universum aufhören zu existieren."
Kathryn riß die Augen auf und starrte Seven ungläubig an. Chakotay stand ihr da in nichts hinterher.
"Die Barriere wurde beschädigt, eine fremdartige Energie breitet sich aus. Sie zerstört alles."

"Sie zerstört alles?" fragte sie sich laut.
Dann fielen ihr die ersten Seiten wieder ein und der merkwürdige Buchhändler.
Das Nichts? überlegte sie.
Wenn die Theorie stimmen sollte, wäre es dann ein Leck in der Blase die unser Universum umgibt? überlegte sie.
Schnell blätterte sie noch einmal an der Anfang des Buches und las den Anfang noch einmal nach. Und dann fiel ihr noch einmal der Satz von dem Buchhändler ein: "Das Ende ist nah... doch Mut und Tapferkeit sind der Retterin Schwert..."
Janni schaute einen Moment ins Leere. Dies hier war kein gewöhnliches Buch, das hatte sie fast vergessen. Was wäre, wenn das Ende wirklich kam? Im 24. Jahrhundert? Und wenn das Buch hier irgendwie die Zukunft vorhersagen konnte?
Mit dem Gefühl auf der richtigen Spur zu sein, was das Wesen dieses Buches betraf, blätterte sie wieder vor und las gespannt weiter.

"Heißt das, das Universum wie wir es kennen hört auf zu existieren?" faßte Kathryn zusammen.
"Ja. Es sei denn, wir finden die Wesen, die für den Riß verantwortlich sind."
"Aber sagten Sie nicht gerade, daß er auch durch ein Naturphänomen entstanden sein könnte?" hakte Chakotay nach.
Seven blickte zu Icheb und nickte ihm zu. Icheb tippte daraufhin auf einige Kontrollfelder und abermals änderte sich die Darstellung. Diesmal war es eine Ansicht von atomaren Verbindungen verschiedenster Elemente.
"Es besteht immer noch ein 2%ige Chance, daß diese Verbindung", Seven deutete auf eine bestimmte Verbindung, "auf natürliche Weise entstanden ist, aber zu 98% ist es wahrscheinlicher, daß dies auf künstliche Weise erschaffen wurde. Diese Verbindung, wie wir sie hier sehen, kommt in der Natur nicht vor."
"Genauer gesagt", mischte sich Icheb ein", KANN diese Verbindung nicht in der Natur vorkommen, zumindest theoretisch."
"Dann sind Sie also sicher, daß das Ende des Universums von einer fremden Spezies eingeleitet wurde?" fragte Kathryn erschüttert.
"Spezies 8472 vielleicht?" fragte Chakotay.
Seven verneinte. "Der Raum hinter der Anomalie ist nicht vergleichbar mit dem fluiden Raum, in dem 8472 lebt. Außerdem hat Icheb vorhin eine sehr schwache Ionenspur gefunden, die auf die Anwesenheit eines Raumschiffes schließen könnte. Sie führt von der Anomalie weg."
Kathryn schaute Chakotay an und tippte dann auf ihr Combadge.
"Janeway an Brücke, scannen Sie nach einer schwachen Ionenspur die von der Anomalie wegführt und folgen Sie ihr mit Höchstgeschwindigkeit."
"Ja Ma'am", antwortete Tom und kurz darauf beschleunigte die Voyager und folgte der Spur der Fremden.
"Wie alt ist die Spur Seven?" fragte Kathryn.
"Ungefähr 18 Tage."
"Und dann können Sie sie immer noch aufspüren?" wunderte sie sich.
Abermals tippte Seven auf einige Kontrollen und wieder änderte sich die Ansicht auf dem Sichtschirm und wieder waren dort chemische Details zu sehen.
"Die Fremden benutzen einen unbekannten Antrieb, der vermutlich aber mit Tachyonen arbeitet. Wir haben in der Ionenspur noch welche gefunden. Tachyonen kann man bis zu einem Monat noch nachweisen", erklärte Seven.
"Scannen Sie weiter nach dem Schiff und versuchen Sie herauszufinden, wie wir den Riß schließen können", sagte Kathryn, dann verließ sie mit Chakotay die Astrometrie.

"Computerlogbuch der Voyager, Sternzeit 57961.03. Seit fast zwei Wochen folgen wir der Ionenspur der Fremden und wie es aussieht, haben wir sie bald eingeholt. Wir hoffen, daß sie die Anomalie nicht absichtlich herbeigeführt haben, ansonsten wird unser Universum wohl bald enden."
"Captain", ließ sich Kims Stimme vernehmen, "die Langstreckensensoren haben ein fremdes Schiff geortet. Es scheint das zu sein, was wir suchen."
"Rufen Sie es."
"Kanal offen."
"Hier ist Captain Kathryn Janeway vom Raumschiff Voyager, ich hätte gerne mit Ihnen über die Anomalie gesprochen."
Einen Moment lang herrschte Stille und ein angespanntes Warten auf der Brücke.
Absicht oder Unfall? Freundlich oder feindlich? überlegte Kathryn.
"Captain, das Schiff verlangsamt seine Geschwindigkeit und kommt jetzt auf uns zu", sagte Harry.
"Waffenstatus des Schiffs Mr. Tuvok?" fragte Kathryn.
"Waffen sind nicht aktiv, Schilde sind unten", antwortete der Sicherheitsoffizier.
Kathryn sah zu Chakotay. "Ich nehme das mal als gutes Omen. Tuvok, bereiten Sie sich dennoch vor, notfalls sofort unsere Schilde und Waffen zu aktivieren."
"Captain, das Schiff hat seinen Antrieb gestoppt. Sie rufen uns."
"Auf den Schirm", sagte Kathryn gespannt.
Der Sichtschirm zeigte nun nicht mehr das fremde Schiff, das jetzt im Raum trieb, sondern das Gesicht eines alten Mannes, der aber irgendwie auch wieder jung erschien.
Kathryn war nicht die Einzige, die das Wesen verblüfft anstarrte. Auch die übrigen Offiziere schauten zweimal hin.
Der Fremde vereinte einige Gegensätze in sich, er war alt und doch jung, müde und doch hellwach, groß und doch klein, matt und doch wieder strahlend...
Kathryn hätte der Liste noch ein paar Punkte hinzufügen können, doch da begrüßte sie der Fremde: "Captain Janeway, ich grüße Sie. Um gleich auf den Punkt zu kommen - die Anomalie war ein schwerwiegender Unfall, der niemals hätte passieren dürfen. Doch leider ist er passiert und ich muß dringend die Eine finden, die den Stein finden kann der den Riß wieder versiegelt. Meine Zeit ist knapp."
Kathryn war für einen Moment sprachlos, doch dann fragte sie: "Darf ich fragen mit wem ich die Ehre habe? Und was für eine Person ist das, die sie suchen? Vielleicht können wir Ihnen helfen? Wir haben auch ein großes Interesse daran, daß dieser Riß geschlossen wird. Kommen Sie doch auf unser Schiff, dann können wir uns in Ruhe unterhalten."
Der Fremde sah sie mit seinen silberleuchtenden Augen durchdringend an, so daß Kathryn etwas unruhig wurde. Dieses Wesen verströmte eindeutig eine sonderbare Macht, die sie sich nicht erklären konnte. Dann nickte es jedoch und sagte: "Sie haben wohl Recht. Ich werde Ihr Angebot in Anspruch nehmen."
"Gut Mr. ... ?" fragte Kathryn höflich.
Das Wesen überlegte kurz. "Nennen Sie mich einfach Eli." Er gluckste. "Wissen Sie, mich hat noch nie jemand nach meinem Namen gefragt, eigentlich habe ich auch gar keinen."
Kathryn runzelte die Stirn. So etwas hatte sie auch noch nicht gehört. "Also gut Mr. Eli, wir beamen sie an Bord."
"Ich freue mich auf unsere Begegnung Captain." Dann war Eli vom Schirm verschwunden und die Offiziere sahen wieder das kleine Schiff im Raum treiben.
"Chakotay, Tuvok", sagte Kathryn und ging zum Turbolift. Die beiden angesprochenen Offiziere folgten ihr.

Als die drei Offiziere den Transporterraum betraten, wartete bereits Ensign Lang auf den Befehl, das Wesen an Bord zu beamen.
"Energie", sagte Kathryn und kurz darauf erschien Eli auf der Transporterplattform.
"Willkommen an Bord der Voyager", begrüßte ihn Kathryn.
Eli lächelte sie an und trat von der Plattform herunter.
"Eine interessante Erfahrung, gebeamt zu werden", sagte er.
Kathryn beschloß in dem Moment, daß sie Eli sympathisch fand. Ihr Instinkt sagte ihr, daß dieses Wesen gutherzig war.
Auf dem Weg zum Konferenzraum erzählte Kathryn ihm die Kurzfassung, woher die Voyager kam und wie sie in den Delta Quadranten gekommen war. Eli hörte aufmerksam und interessiert zu und hakte bei einigen Punkten nach. Dann kamen sie in den Konferenzraum, in dem schon Seven, das MHN, Tom, B'Elanna und Harry saßen. Kathryn bot Eli einen Platz und als alle saßen stellte Kathryn kurz ihre Offiziere vor.
Eli betrachtete jeden mit wachen Augen und nickte. Dann wandte sich Kathryn an Eli: "Seven of Nine und Mr. Kim haben Scans von dem Riß durchgeführt. Aber von was er verursacht wurde, das können wir nur raten. Vielleicht erzählen Sie uns, was passiert ist, dann können wir gemeinsam nach einer Lösung suchen."
Eli holte einmal tief Luft, verschränkte die Hände auf dem Tisch und schaute sie für einen Moment an. Er überlegte, wie und wo er anfangen konnte. Schließlich sagte er: "Ich bin ein Wächter. Meine Aufgabe ist es dafür zu sorgen, daß die Universen nicht kollidieren."

An der Stelle mußte Janni das Buch zur Seite legen, denn das Telefon klingelte.
"Hallo?" meldete sie sich.
"Hey, hier ist Ela, ist bei Dir auch so ein Unwetter? Ich hab gerade die Nachrichten gesehen, entweder, wir steuern auf die nächste Eiszeit zu oder Petrus hat seit Tagen üble Laune."
Janni schaute aus dem Fenster. Der Schneesturm tobte noch heftiger als vorher.
"Ich glaub, in einer Stunde bin ich hier eingeschneit", antwortete sie. "Aber ist das wirklich überall so?"
"Hast Du in den letzten Tagen mal die Nachrichten gesehen und den Wetterbericht gehört? Die ganze Welt spielt verrückt! Die Meteorologen stehen vor einem Rätsel und in einigen Ländern wurde schon der Notstand ausgerufen."
"Ehrlich? Das klingt ja übel..." sagte sie nachdenklich.
"Und weißt Du, was das Verrückteste überhaupt ist?" fragte Ela weiter.
"Nö, was denn? Ist der Yeti aufgetaucht?" witzelte Janni.
"Yeti, quatsch, viel unglaublicher. Du mußt Dich mal nachts auf den Balkon stellen und die Sterne beobachten. Die Astronomen haben Risse im Himmel entdeckt!" sagte Ela aufgeregt. "Keiner kann sich erklären, wo die herkommen."
Elas Stimme schien sich zu entfernen und Janni ließ den Hörer sinken. Sämtliches Blut schien ihr aus dem Gesicht gewichen zu sein und wie von selbst fielen die Puzzleteile an ihren Platz.
"Janni? Janni!! Bist Du noch dran?" gewahr sie auf einmal Elas Stimme.
"Ja... ja, ich bin da."
"Was ist denn los? Du warst auf einmal weg."
"Ich... mir ist eingefallen, daß ich vergessen hab Zwockel zu füttern", erfand sie hastig eine Ausrede. Ihr war übel.
"Zwockel? Du hast vergessen Deinem Kater Fressen zu geben? Wie gemein!" piesackte Ela. "Dann los, in die Küche! Ich ruf Dich später noch mal an. Und sieh Dir die Nachrichten an!"
"Ja, mach ich.. danke Ela. Grüß Olli von mir."
"Immer doch, bye."
"Bye."
Ela hatte aufgelegt und Janni stand wie festgewurzelt da und hielt den Hörer in der Hand. Dann schnappte sie sich die Fernbedienung und schaltete den Fernseher ein. Auf fast allen Kanälen liefen irgendwelche Sondermeldungen zu ungewöhnlichen Wetterphänomenen und vor allem den unerklärlichen Rissen im Himmel. Völlig sprachlos ließ sie sich auf die Couch nieder und hörte gerade einem Astronomen zu, der eine Theorie zu den Rissen darstellte.
"... werden die Risse sich ausweiten. Vermutlich hängen damit auch die Wetterphänomene zusammen", beendete er gerade seinen Bericht.
Die Risse werden sich ausweiten... ging es Janni noch einmal durch den Kopf. Langsam sah sie wieder auf das merkwürdige Buch mit dem Amulett drauf. Ein absurder Gedanke schoß ihr durch den Kopf. Was, wenn sie gemeint war in dem Buch?
Blödsinn, rief sie sich sofort zur Ordnung. Was dümmeres konnte mir jetzt nicht einfallen. Als ob ich da etwas machen könnte und als ob ICH in einem Buch vorkommen würde...
Und doch, so sehr sie diesen Gedanken als lächerlich abtat, er blieb in ihren Gedanken hängen.
Ich muß weiterlesen, dachte sie und klappte das Buch wieder auf.

Die Auserwählte

Die meisten der Offiziere hoben an der Stelle eine Augenbraue.
"Können Sie das... näher erläutern?" fragte Kathryn.
Eli schüttelte den Kopf und sagte höflich: "Tut mir leid, das kann ich nicht. Ich fürchte, das zu erklären wäre zu lange. Mir läuft die Zeit davon Captain", sagte er nun mit Nachdruck.
Kathryn hatte auf einmal das Gefühl, daß ihr ebenfalls die Zeit ablief, und ein merkwürdiges Gefühl sagte ihr, daß sie ihre wissenschaftliche Neugierde heute einfach mal ruhen lassen mußte.
"Captain", fuhr er fort, "ich bin in Ihr Universum gekommen und habe versucht einen kleinen Riß mit einem Stoßwellentorpedo zu schließen, doch ich hatte keinen Erfolg. Dabei ist leider ein wichtiges Artfakt durch den Spalt gefallen, es ist unbedingt notwendig, daß ich es wiederbekomme, nur damit kann ich das Universum heilen."
"Und wie können wir Ihnen dabei helfen?" fragte Chakotay.
"Ich konnte herausfinden, wo sich das Artefakt ungefähr befindet. Doch es gibt nur eine Person", er machte an der Stelle eine bedeutungsvolle Pause, "nur eine Person, die in der Lage ist, dieses Artefakt zu finden und diese Eine befindet sich in der Vergangenheit."
Eli suchte nach den richtigen Worten um die besondere magische Bindung zu erklären.
"Sehen Sie, es ist fast... als wenn Sie einen Hund hätten. Der Hund ist darauf abgerichtet, daß nur der Besitzer ihn anfassen kann. Würde ein Fremder ihn anfassen, würde er zubeißen. Das ist jetzt natürlich nur rein metaphorisch, aber glauben sie mir, es ist nur dieser einen Person gestattet, dieses Artefakt zu berühren. Alle anderen würden sterben."
Die Offiziere schauten Eli verwundert an. "Und wer ist diese Eine?" fragte Seven.
"Das weiß ich nicht", sagte Eli, doch bevor jemand etwas einwerfen konnte meinte er: "Sie wird es allerdings wissen, wenn die Zeit reif ist."
"Aber wie?" fragte B'Elanna. "Wir wissen nicht wer sie ist, geschweige denn WANN sie ist und wie soll sie hiervon erfahren?"
Die Halbklingonin war kurz davor die Beherrschung zu verlieren, doch Eli lächelte sie nur an.
"Bevor ich auf diese Frage antworte, lassen sie mich Ihnen versichern, daß diejenige, die den Stein finden muß, es wissen wird."
B'Elanna schaute höchst genervt, sie konnte so unklare Aussagen gar nicht leiden. Doch Eli ging nicht weiter auf sie ein.
"Bevor wir auf dieses Thema zurückkommen, müssen wir den Stein lokalisieren."
"Haben Sie einen Vorschlag wie wir das bewerkstelligen sollen?" fragte Tuvok.
"In der Tat, in der Tat", antwortete er und zog einen winzigen Kristall aus seiner Tasche. Er war länglich und schillerte in Regenbogenfarben. In der Mitte war ein kleiner Chip eingelassen, der ununterbrochen rotierte.
Aus der anderen Tasche holte er dann so etwas wie ein Padd hervor, nur war es noch kleiner und von der Funktion her könnte es ein Tricorder sein.
"Ich habe schon angefangen nach dem Stein zu suchen. Der Kristall kann Raum und Zeit durchdringen und findet somit früher oder später", er blickte in die Runde, "und ich hoffe eher früher als später", er sah wieder auf den Kristall und den Tricorder, "den magischen Stein."
Er tippte auf einen Button und nur wenige Sekunden später schwebte der Kristall über seiner ausgestreckten Handfläche und fing an, sich zu drehen. Dabei sandte er wellenförmige Lichteffekte aus und gerade, als Kathryn dachte, der Kristall würde aufgrund seiner extrem hohen Rotationsgeschwindigkeit gleich in einer Wand landen, stoppte er abrupt.
Eli lachte kurz auf: "Ha! Ich wußte es doch, schon haben wir ihn." Doch im nächsten Moment verflog seine Heiterkeit und wurde durch ein Stirnrunzeln ersetzt.
"Was ist los?" fragte Kathryn.
"Oh, das ist ein Problem", sagte Eli. "Es scheint, als hätten wir es noch mit einer Paralleldimension zu tun, das hatte ich fast befürchtet..." murmelte er vor sich hin.
"Was heißt das?" fragte Kathryn gleich.
"Das heißt, daß ich ein Portal zwischen zwei Welten erschaffen muß, so etwas ist immer recht kompliziert... vor allem muß es gut versteckt sein, nicht daß jemand anderes hindurchtritt."
Eli verfiel ins Grübeln doch plötzlich richtete er sich auf und sagte: "Captain, ich muß sie jetzt verlassen. Meine Zeit läuft ab."
"Warten Sie", rief B'Elanna, "wie sollen wir die Eine finden?"
"Ach richtig, das habe ich fast vergessen." Eli mußte kichern.
"Sie ist bereits hier. Sie bekommt alles mit. Sie hört alles und in gewisser Weise... sieht sie auch alles. Sie wird es wissen. Sie hat Alpha und Omega."

Jannis Herz begann heftig zu klopfen.
Das ist nicht möglich, das KANN NICHT SEIN! schoß es ihr durch den Kopf.
In einer plötzlichen Bewegung, fast als hätte sie sich am Buch verbrannt, ließ sie es fallen und ihr Atem beschleunigte sich. Das Buch fiel herunter und es landete aufgeklappt auf den Seiten.
Janni starrte auf das Amulett auf dem Buch und keuchte. Alpha und Omega! Deshalb kamen ihr die Symbole auf dem Amulett so vertraut vor, es waren die beiden griechischen Buchstaben, Alpha, der Anfang und Omega, das Ende des Alphabets.
Sie befand sich jenseits der Wirklichkeit. In ihr Blickfeld war auf einmal nur noch das Buch gerückt und ganz langsam hob sie es wieder auf. Als ihre Finger an das Symbol kamen zuckte sie erschrocken zurück. Alpha und Omega hatten aufgeleuchtet. Mit zitternden Fingern berührte sie erneut die Buchstaben und wieder glühten sie auf.
Bin... bin ich gemeint? dachte sie.
Es war absolut verrückt, aber das konnte kein Zufall mehr sein. Sie war sich in gar nichts mehr sicher. Sie wußte nicht einmal, ob sie wirklich dieses Buch las.
Vielleicht träume ich das auch alles, machte sie einen vagen Versuch an sich selber, das zu erklären. Passenderweise überzeugte ihr Kater sie in dem Moment vom Gegenteil, als er laut maunzend nach Aufmerksamkeit verlangte.
Nein, das hier war kein Traum. Janni schaltete erneut den Fernseher ein, noch immer liefen Sondermeldungen über das unberechenbare Wetter und über die merkwürdigen Risse am Himmel. Es mußte wahr sein. Irgendwie war dieses Buch der Schlüssel. Urplötzlich überkam Janni eine heftige Unruhe, sie mußte weiterlesen, wenn sie wirklich die Eine war, die das Universum noch retten konnte, dann mußte sie weiterlesen. Gleichzeitig mußte sie lachen, denn der rationale Teil in ihr verspottete sie, daß sie so einen Schwachsinn dachte. Zitternd schlug sie das Buch wieder auf und las weiter.

"Wir sehen uns sehr bald wieder, Captain."
Eli stand auf und setzte sich plötzlich wieder hin als hätte er noch etwas vergessen. Tatsächlich war es auch so, denn er wandte sich zum MHN und sagte: "Sie sind ein Hologramm."
Das MHN erwiderte etwas perplex: "In der Tat, aber..."
"Sie könnten ihr helfen. Sie würden einen Transfer durch den Spalt unbeschadet überstehen. Sie wird Hilfe brauchen. Außerdem müssen Sie ihr das hier geben."
Er holte einen kleinen Beutel heraus und stellte ihn vor dem MHN auf den Tisch.
"Was ist das?" fragte das MHN neugierig.
"Sternenstaub dieses Universums", antwortete Eli leichthin. "Es ist nötig, damit sie den Riß schließen kann."
"Warten Sie", schaltete sich Kathryn ein und an Eli gewandt fragte sie: "Sie glauben, wir können jemanden durch die Anomalie schicken? Wie soll das gehen?"
"Ganz einfach", sagte Eli. "Beamen Sie ihn hin."
Kathryn und B'Elanna schauten Eli an, als hätte er gerade den Witz des Jahres gemacht aber sie müßten noch die Pointe finden.
Seven und Tuvok hoben lediglich eine Augenbraue und das MHN fragte: "Wohin beamen? Meinen Sie nicht, daß das etwas weit wäre? Ganz zu schweigen von der zeitlichen Differenz. Und wie sollte ich zurückkommen?"
Eli klatsche in die Hände und kicherte erneut.
"Verzeihung, ich vergaß, daß ihre Technik noch nicht so weit entwickelt ist. Modifizieren Sie ihre Sensoren und den Warpantrieb so", er reichte jeweils B'Elanna und Seven ein Padd hin, das er aus seinen Taschen zauberte, "und geben sie ihrem MHN diesen Transponder mit, er wird aktiviert sobald sie den Stein gefunden haben."
Wieder zog er ein kleines Gerät aus seiner Tasche. "So, noch irgendwelche Fragen dazu?"
B'Elanna und Seven gingen gerade die Padds durch und die Übrigen waren zu verblüfft, um sofort zu antworten.
"Keine? Wunderbar, dann kann ich endlich aufbrechen."
Urplötzlich war Eli einfach verschwunden. Zur selben Zeit kam von der Brücke die Mitteilung, daß das Raumschiff von Eli einfach weg war.
Die Offiziere starrten verblüfft zu der Stelle, an der Eli vor 2 Sekunden noch gesessen hatte.
"Captain", sagte Seven, "diese Modifikationen wären möglich. Es dauert einige Zeit, aber es ist definitiv möglich."
"B'Elanna?" fragte Kathryn.
Die Chefingenieurin hatte den Mund etwas geöffnet und fühlte sich wie Alice im Wunderland. Doch auch sie konnte bestätigen, daß es machbar wäre.
"Wie lange werden sie für die Modifikationen brauchen?" wandte sich Kathryn an Seven und B'Elanna.
Beide schätzten, daß es in ca. 3-4 Tagen zu schaffen wäre.
Für Tuvok klang es so, als würde sein Captain ohne ihre sonstige Sorgfalt einfach dieses mal tun, was ein fremdes Wesen vorgeschlagen hatte. Nicht nur weil er Sicherheitsoffizier der Voyager war, sondern auch, weil es seine vulkanische Logik verlangte, erhob er Einwände: "Captain, darf ich Sie darauf aufmerksam machen, daß wir keinerlei Hinweise über die wahren Beweggründe dieser fremden Spezies haben? Genauso gut könnten wir in eine Falle laufen."
Kathryn hob die Hand und Tuvok schwieg.
"Ich weiß, daß ich für Sie völlig irrational handeln muß, Tuvok, aber jede einzelne Faser in mir sagt, daß wir das tun müssen, was er sagte. Ich kann es Ihnen nicht erklären, aber es ist richtig."
Tuvok überlegte kurz. "Sie haben Recht, Captain, für mich handeln Sie irrational. Dennoch... haben Sie mir über viele Jahre hinweg bewiesen, daß Sie einen außergewöhnlichen Instinkt für solche Situationen entwickelt haben. Das muß mir genügen. Dennoch werde ich meine Leute in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen mit Ihrer Erlaubnis."
Kathryn nickte. "Es hätte mich gewundert, wenn Sie nicht diese Bitte geäußert hätten", sagte sie dann mit einem kleinen Lächeln.
"Also Herrschaften", wandte sie sich dann an alle, "fangen Sie an und halten Sie mich auf dem Laufenden."
Die Offiziere nickten und verließen dann den Konferenzraum. Lediglich Chakotay blieb noch sitzen. Kathryn wußte, daß er noch etwas auf dem Herzen hatte und sah ihn wartend an.
"Kathryn, was ist, wenn diese Eine, von der Eli sprach, uns nicht hilft weil Sie vielleicht gar nicht glaubt, daß sie gemeint ist?" fragte Chakotay.
Kathryn senkte den Blick und sagte dann zaghaft: "Ich weiß. Um ehrlich zu sein, darüber habe ich mir auch schon Gedanken gemacht."
"Ich... habe eine Idee. Doch wenn Eli Recht hat, dann ist sie schon bei uns und bekommt mit was ich vorhabe wenn ich es Ihnen jetzt sage, Kathryn."
Kathryn schaute Chakotay fragend an. "Sie meinen, sie tun etwas, um sie davon zu überzeugen, daß sie diejenige ist?" hakte sie nach.
Chakotay nickte. "Ich weiß allerdings nicht, ob es funktioniert. Ich brauche dazu den kleinen Sack mit dem Sternenstaub."
Kathryn runzelte die Stirn, doch sie vertraute Chakotay rückhaltlos.
"Lassen Sie mich wissen, ob Sie Erfolg hatten", sagte sie und bedeutete ihm, dass er ihr Okay erhalten hatte. Chakotay nahm den Beutel an sich und verließ dann ebenfalls den Konferenzraum.

Was hat er nur vor? überlegte Janni.
Sie war immer noch hin und hergerissen ob sie glauben sollte oder ob es alles nur ein Zufall war. Das Buch, die Risse im Himmel, die Wetterphänomene...
Gespannt was Chakotay vorhatte las sie weiter.

Kathryn ging auf die Brücke zurück und verschwand gleich in ihrem Bereitschaftsraum. Die nächste Stunde verbrachte sie damit, die Daten über den Riss weiter zu analysieren und öfters vom Maschinenraum von B'Elanna gerufen zu werden um sie über wichtige Veränderungen auf dem Laufenden zu halten.

Janni bekam auf einmal Kopfschmerzen. Sie legte das Buch zur Seite, ließ sich in die Kissen sinken und schloß für ein paar Minuten die Augen. Auf einmal meinte sie eine leise Stimme zu hören.
"Wer bist Du?" glaubte sie zu hören.
Sie öffnete die Augen und blickte sich um. Natürlich war niemand in ihrer Wohnung, auch ihr Fernseher und ihr Computer waren aus.
Vielleicht kommt die Stimme von draußen, überlegte sie.
Ihr Fenster war angekippt und es ging öfters lauter auf der Straße zu.
Sie stand auf, schloß das Fenster und legte sich wieder hin. Sie wollte gerade wieder das Buch zur Hand nehmen, als wieder ein stechender Schmerz durch ihren Kopf fuhr. Und wieder hörte sie die Stimme, doch diesmal direkt in ihrem Kopf.
"WER BIST DU?" Sie glich fast einem Gewitter.
"Aua!" entfuhr ihr ein Schmerzenslaut, doch die Stimme blieb: "WER BIST DU, ICH MUß ES WISSEN!"
"Au, mein Kopf, aufhören!" stöhnte sie.
"SAG MIR WER DU BIST!"
"Okay, okay, ich bin Janni, bitte aufhören, mein Kopf!" flehte sie und auf einmal war der Schmerz verschwunden und die Stimme ebenfalls.
Für einen Moment blieb sie einfach noch liegen und wartete, ob das Stechen nicht doch zurückkehren würde. Aber zum Glück schien es vorbei zu sein und die Stimme war auch weg.
Janni öffnete langsam wieder ihre Augen. Jetzt, wo sie noch einmal darüber nachdachte, hatte die Stimme wie die von Chakotay geklungen. Doch das war unmöglich, oder?
Unmöglich ist es auch, überhaupt Stimmen zu hören oder Risse im Himmel oder Bücher, die magisch sind, oder? meldete sich ihr eigener Verstand in ihrem Kopf. Konnte es möglich sein, daß das wirklich Chakotay war?
Sie erinnerte sich, er hatte irgendetwas vorgehabt wovon keiner wissen sollte. War es das? Hatte er versucht mit ihr Kontakt aufzunehmen?
Und dann durchzuckte Verstehen durch Janni. Nein, er wollte nicht Janni erreichen, er wollte die Eine erreichen, die das Universum retten konnte. Und er hatte sie erreicht. Das hieß, sie war die Eine und das alles… war wahr?
Das Buch, sie mußte weiterlesen. Sie angelte danach und schlug die Seite wieder auf.

Chakotay meldete sich bei Kathryn.
„Captain, ich denke, ich habe Erfolg gehabt. Nun, zumindest teilweise.“
Kathryn horchte auf. „Können Sie in meinen Bereitschaftsraum kommen, Chakotay?“ bat sie.
„Natürlich, ich bin gleich da.“

Ein paar Minuten später summte der Türmelder und nachdem Kathryn „herein“ gesagt hatte, trat Chakotay ein. Kathryn bot ihm etwas zu Trinken an, das ihr erster Offizier gerne annahm, und dann setzten sich beide auf die Couch.
„Also Chakotay, ich bin schon ganz gespannt was Sie eigentlich gemacht haben.“
Chakotay nahm einen Schluck vom seinem Tee und stellte dann die Tasse wieder auf den Tisch bevor er sagte: „Ich dachte, ich könnte vielleicht in einer Vision die Hoffnungsträgerin finden. Der Sternenstaub sollte mir dabei helfen. Tatsächlich wurde ich ziemlich schnell durch Raum und Zeit gezogen und konnte dann eine junge Frau sehen, die mit einem seltsamen Buch in der Hand auf einer Couch saß und darin las.“

Jannis Herz schien einige Schläge auszusetzen.

"Ich glaube, ich konnte irgendwie in ihren Geist eindringen und habe gefragt, wer sie ist."
Kathryn schaute ihn äußerst gespannt und interessiert an als er dann weitererzählte: "Ich fürchte, ich habe ihr etwas Kopfschmerzen verursacht, aber letztlich konnte ich wenigstens ihren Namen herausfinden. Sie nannte sich Janni."

Janni ließ erneut das Buch fallen und sprang von der Couch auf.
„Es ist wahr, mein Gott, es ist wirklich wahr!“ sagte sie.
Ihre Eingeweide zogen sich merkwürdig zusammen. Sie sollte das Universum retten? Absurd! Wie konnte sie das?
Völlig aufgelöst ging sie zum Kühlschrank und trank auf den Schreck und die Erkenntnis hin erst einmal ein Glas Eistee. Es beruhigte ihre Nerven immerhin so weit, daß sie das Zittern ihrer Hände wieder unter Kontrolle brachte. Nach einem weiteren Glas hörten auch ihre Knie auf, sich wie Gummi zu fühlen und eine merkwürdige Ruhe überkam sie. Sie sollte das Universum also retten? Schön, aber WIE? Das Buch, die Antwort mußte in dem Buch stehen.

„Konnten Sie noch etwas erfahren?“ fragte Kathryn gerade.
„Nein, aber ich glaube, durch die Verbindung weiß sie jetzt, daß sie diejenige ist die wir brauchen.“
„Dann hoffen wir, daß sie es auch glaubt“, meinte Kathryn und trank ihren Kaffee aus.
„Was sollen wir jetzt tun?“ fragte Chakotay. „Eli sagte, daß wir den Doktor zu ihr schicken sollen, aber wir wissen nur, wo der Stein ist, nicht, wo sie ist.“
Kathryn schaute nachdenklich aus dem Fenster bevor sie sagte: „Ich bin sicher, daß Eli wieder auftaucht sobald wir bereit sind. Haben Sie Vertrauen, Chakotay.“
„Das muß ich wohl, denn eine andere Möglichkeit haben wir gar nicht als auf Eli zu vertrauen.“
Chakotay lächelte Kathryn an und sein Blick blieb in ihren Augen hängen. Sein Lächeln verblaßte. Kathryn spürte, daß etwas nicht stimmte und fragte: "Was ist los Chakotay?"
Chakotay schüttelte fast unmerklich den Kopf und sagte dann leise: "Was ist, wenn es diese Janni nicht schafft? Das wäre das Ende."
Kathryn legte ihm ihre Hand an seine Brust.
"Ich weiß", flüsterte sie. "Daran habe ich auch schon gedacht."
Chakotay legte seine Hand auf ihre und drückte sie.
"Kathryn", flüsterte er.
Ganz langsam kam er näher an sie heran. Kathryn war wie gebannt von seinen Augen, auch sie beugte sich zu ihm vor, ohne daß sie es überhaupt merkte. Als ihre Gesichter nur noch Zentimeter voneinander entfernt waren hörten sie ein Räuspern, das vom Arbeitstisch des Captains kam.
"Hrm hrm."
Der Moment zerbrach, die Offiziere ließen sich los und drehten sich beide um. Eli stand vor Kathryns Tisch, hatte die Hände vor sich verschränkt und schaute sie beiden mit strahlenden Augen an.
"Ich hoffe, ich habe sie nicht bei etwas wichtigem gestört?" fragte er schelmisch.
"Eli!" entfuhr es Chakotay und Kathryn setzte hinterher: "Wo waren Sie? Chakotay konnte die Eine ausfindig machen."
"Oh, das weiß ich. Das war so vorherbestimmt. Sie weiß nun, was sie zu tun hat", sagte Eli.

"Nein!" rief Janni in das Buch. "Ich weiß es nicht! Was soll ich machen? Wo muß ich hin?"

"Sie ist noch etwas nervös denke ich", fuhr er fort.
"Potzblitz, ich alter Wächter!" rief er sogleich. "Natürlich ist sie nervös, ich habe ihr noch nicht gesagt, wo das Portal ist! So was..." Eli kicherte wieder und Kathryn und Chakotay schauten ihn fragend an.
"Ich fürchte, es ist etwas unbequem zu erreichen, ich mußte es in einer Ruine mitten in der Wüste in Ägypten verstecken. Natürlich ist sie gut versteckt, sie wurde noch nicht gefunden."

"WÜSTE?!?!? Wie soll ich dahin kommen?" Janni war fassungslos. "Wie soll ich da was finden, das ist UN-MÖG-LICH!" polterte sie.

"Aber wie kann sie die Ruine überhaupt finden?" fragte Kathryn.
"Kein Problem, ihr Hologramm wird sie hinführen. Ich werde ihm sagen, wo die Stelle ist."
„Und wie wird sie der Doktor finden?“ fragte Chakotay.
Eli rollte mit den Augen. „Glauben Sie mir, er wird sie finden. Sie werden sich in der Nähe von Luxor, im 'Valley of the kings' treffen, um genau zu sein.
Und da sie alles mitbekommt, was wir sagen, weiß sie jetzt auch, daß sie dorthin muß. Ihr MHN sollte am besten einen Platz dort aussuchen und warten. Ihr wird die Stelle genau mitgeteilt, wenn sie da ist.“
Kathryn und Chakotay sahen sich an. Wenn die Anomalie nicht wäre, von der sie sicher wußten, daß sie das Ende des Universums bedeutete wenn es ihnen nicht gelang sie zu schließen, nun, beide hätten es für ein Märchen gehalten. Aber sie war wirklich da. Eli schnippte mit den Fingern, er hatte noch etwas vergessen.
„Ich habe vergessen zu erwähnen, daß in der Parallelwelt, wenn sie durch das Portal gehen, eine Epoche äquivalent zu ihrem Mittelalter herrschen wird. Geben Sie ihrem MHN also einige Parameter mit, daß er sein Erscheinungsbild ändern kann. Was unsere Auserwählte angeht - ich hoffe, sie denkt dran, sich ein Mittelaltergewand mitzunehmen.“

Janni schaute zu ihrem Schrank. Tatsächlich hingen dort zwei Modelle von mittelalterlichen Kleidern, die sie zum Fasching oder Ritterfesten anzog.
Das kann ja was werden, dachte sie stöhnend und begann dann, erst einmal zu überlegen, wie sie am besten nach Luxor kam. Um einen Flug würde sie nicht drum herum kommen, daher suchte sie im Internet nach einem günstigen Angebot und schon kurz darauf hatte sie ein Ticket für den nächsten Tag gebucht, das sie direkt nach Luxor bringen würde. Sie hoffte nur, daß sie auch zum richtigen Zeitpunkt dort eintreffen würde. Aber das mußte sie Eli überlassen, schließlich war er der Einzige, der das MHN an den richtigen Ort und die richtige Zeit schicken konnte. Diesmal mußten sie sich nach ihr richten.
In aller Eile suchte sie noch Informationen über Ägypten und Überleben in der Wüste zusammen. Zu viel Gepäck konnte sie nicht mitnehmen, schließlich konnte sie nicht einfach einen Jeep mieten und hoffen, daß dieser nicht im Treibsand versank. Außerdem hätte sie dann ihr Ziel angeben müssen.
Neben ihrem Handy packte sie noch ihre Kreditkarte ein, die sie sonst immer im Schubfach zu liegen hatte, und dann besorgte sie sich noch einen Katzensitter. Eine gute Freundin, die in der Nähe wohnte, würde sich um ihren Zwockel gut kümmern, das wußte sie. Und dort hatte er sogar Gesellschaft. Maria hatte eine entzückende Katze, auf die ihr Zwockel schon immer scharf gewesen war. Daß sie ihren Kater in guten Hände wußte, nahm ihr schon mal eine große Last von der Seele.
Sie würde ihn morgen früh dort abgeben und dann direkt zum Flughafen fahren.
So, was brauche ich noch? überlegte sie.
Das eine Mittelalterkleid hatte schon in ihrem Rucksack Platz gefunden, in Luxor würde sie sich Wasserschläuche und passende Kleidung für das Wüstenklima besorgen müssen. Ebenso natürlich etwas Proviant und für die kalten Nächte einen Schlafsack.
Inzwischen war es Abend geworden und Janni hatte einige Stunden damit verbracht, sich im Internet über Ägypten zu informieren, hatte sich selber immer wieder die Zweifel ausgeredet und versucht, nicht in Panik zu verfallen.
Als sie meinte, fast sicher zu sein, daß sie alles nötige eingepackt zu haben, fiel ihr Blick wieder auf das Buch und sie las weiter. Vielleicht stand noch etwas hilfreiches, oder wichtiges drin.

"Nun, da das wohl alles dann ist... ich muß wieder gehen. Meine Zeit hier läuft ab."
"Vergessen Sie nicht, unserem Doktor die Daten zu geben", sagte Kathryn schnell.
Eli lächelte und legte ein weiteres Padd auf den Tisch.
"Ausnahmsweise hätte ich das nicht vergessen. Ich wünsche Ihnen viel Glück. Alles hängt jetzt von Ihnen, ihrem MHN und ... wie nannten Sie sie?" wandte sich Eli an Chakotay.
"Janni", antwortete der prompt.
"Und dieser Janni ab. Vor allem von ihr. Vergessen Sie den Sternenstaub nicht." Damit war Eli ein weiteres mal verschwunden.
Kathryn nahm das Padd vom Tisch und sagte dann: "Dann werde ich mal unserem Doktor den Treffpunkt übermitteln."
Chakotay nickte und ging zurück zur Brücke während Kathryn sich auf den Weg zur Krankenstation machte.

"Computer, MHN aktivieren", sagte Kathryn beim Betreten der Krankenstation, als das MHN nicht aktiv war.
"Bitte nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls", kam die Standardantwort des Hologramms.
Als er seinen Captain sah sagte er: "Captain, ich nehme an, Sie haben Neuigkeiten?"
"Allerdings, wir können Sie in ca. zwei Tagen durch den Spalt schicken. Sind Sie dazu bereit Doktor?" fragte sie ernst.
Das MHN hatte darüber bereits nachgedacht und antwortete: "Es bleibt mir wohl keine andere Wahl, jemand muß dieser Person wohl helfen."
"Im schlimmsten Fall könnte ihr Programm zerstört werden Doktor, und wir haben keine Möglichkeit Ihnen ein Ingenieur mitzuschicken, der sie im Notfall reparieren könnte", deutete Kathryn noch einmal an.
"Ich bin mir der Risiken bewußt, Captain, aber wenn wir das Universum nicht retten können, dann nützt mir auch auf der Voyager kein Ingenieur, denn dann wird nichts mehr existieren."
Janeway nickte, lächelte leicht und klopfte dem MHN auf die Schulter.
"Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet. Viel Glück." Damit gab sie ihm das Padd und beide gingen die Einzelheiten durch.
Kathryn rief B'Elanna auf die Krankenstation, damit sie einen letzten Check am mobilen Emitter vornehmen konnte und ebenfalls die von Eli angedeuteten Parameter für passende Kleidung des MHN installieren konnte. Außerdem brauchte er ebenfalls für die Vergangenheit, in der er Janni treffen sollte, eine passende Verkleidung.
Aus dem Padd hatten sie erfahren, daß sie den Transporter so einstellen mussten, daß das MHN am 02. Dezember 2010 auf der Erde eintreffen mußte. Kathryn verschwendete keine Zeit damit zu versuchen herauszufinden, wie Eli auf dieses Datum kam, ihr war einfach klar, daß er über Macht und Wissen verfügte, das für Sie noch nicht greifbar war.

Reise mit ungewissem Ziel

Das Datum war auch für Janni der letzte, und wirklich überzeugende Beweis, daß alles keine Phantasie war. Sie hatte ihr Ticket für morgen gebucht und heute war der 01. Dezember 2010. Für einen Moment war sie versucht, sich einfach unter ihrer Decke zu verkriechen und so zu tun, als ob nichts passiert wäre, doch ein Blick in den klaren Nachthimmel überzeugte sie, daß sie alles tun konnte außer nicht nach Luxor zu fliegen und ihrem Schicksal zu folgen.
Jetzt, da alles so klar war, klappte sie das Buch zu und legte es beruhigt zur Seite. Den letzten Abend, und sie wußte genau, daß es wirklich ihr allerletzter Abend ihres Lebens sein konnte, wollte sie in Harmonie und Frieden mit ihrem Kater verbringen. Ihn würde sie am meisten vermissen. Daher überprüfte sie ein letztes mal ihren Rucksack, der inzwischen fertig gepackt war, und als sie meinte, alles notwendige dabei zu haben, gehörten die restlichen 2 Stunden des Tages allein ihrem Zwockel.

In der Nacht hatte Janni fast kein Auge zugetan, was sie natürlich überhaupt nicht verwunderte. Einige Male hatte sie nachts das Buch aufgeschlagen um zu sehen, ob nicht alles doch ein Traum war, aber der Inhalt hatte sich nicht verändert. Es war sogar noch gespenstischer geworden: Das Buch hatte dort geendet, wo sie am Abend vorher aufgehört hatte zu lesen. Da es gerade unten auf der rechten Buchseite gewesen war, hatte sie nicht weitergeblättert, sonst hätte sie leere Seiten vorgefunden.
Scheinbar war sie jetzt dran. Das Buch würde weitergehen, wenn es etwas wichtiges im 24. Jahrhundert geben würde, das sie wissen mußte. Natürlich durfte das Buch im Gepäck nicht fehlen. Ebenfalls hatte sie durch Zufall nachts entdeckt, daß sie das Amulett mit Alpha und Omega plötzlich leicht aus dem Buchdeckel lösen konnte. Sie hatte es an einer stabilen Halskette von ihr befestigt und würde es ab morgen als Schmuck tragen.
Dann war es endlich so weit. Der Wecker im Handy läutete und Janni schreckte aus dem Schlaf, den sie endlich vor nur einer knappen Stunde gefunden hatte. Doch das Wissen um ihre bevorstehende Aufgabe pumpte Adrenalin durch sie und von Müdigkeit war keine Rede mehr.
Nach dem sie geduscht und sich angezogen hatte, verfrachtete sie ihren Kater in seinen Katzentransportkorb, nahm ihren Rucksack und sah sich ein letztes mal in ihrer Wohnung um. Dann schloß sie die Tür hinter sich und sperrte sorgfältig ab.

20 Minuten später klingelte sie bei ihrer Freundin Maria und weitere 10 Minuten später (sie hatte den Abschied nicht zu lang gemacht, denn sonst wäre sie vermutlich wieder umgekehrt), saß sie nun in der U-Bahn und war auf dem Weg zum Flughafen. Sie hatte eine gute Stunde Fahrt zum Flughafen vor sich und um sich die Zeit zu vertreiben, holte sie das Buch noch einmal hervor. Vielleicht stand schon etwas neues drin. Sie wurde nicht enttäuscht, das Buch war weitergeschrieben worden. Neugierig las sie weiter.

Als sie alles abgesprochen hatten, verließ Kathryn wieder die Krankenstation. Sie würden in zwei Tagen fertig sein. Da sie vorläufig alles erledigt hatte, was für die Mission wichtig sein würde, wanderten ihre Gedanken etwas umher und blieben bei ihrem ersten Offizier hängen.
Der Moment im Bereitschaftsraum kam ihr wieder ins Gedächtnis und Kathryn Herz klopfte etwas schneller. Gleichzeitig überkam sie aber auch eine Welle der Verzweiflung. Was wäre, wenn diese Janni es nicht schaffen würde? Dann hätte sie niemals mehr die Chance Chakotay zu sagen, was sie für ihn empfand. Das durfte nicht passieren.
Entschlossen wollte sie auf ihr Combadge tippen, tat es aber im letzten Moment doch nicht. Wenn sie Chakotay schon in ihr Quartier bitten würde, dann sollte es nicht unbedingt jeder mitbekommen. Fest entschlossen ihn am Abend aber auf jeden Fall zu ihr zu bitten ging sie weiter Richtung Brücke.

Janni schmunzelte. Sollte sie aus unerfindlichen Gründen auf die Voyager gelangen (möglich war jetzt alles), und die beiden würden noch nicht zusammengefunden haben, dann würde sie auf jeden Fall da ein wenig nachhelfen. Oder sie würde dem MHN eine Botschaft mitgeben.

Als ihre Schicht vorüber war und Kathryn bereits in ihrem Quartier, dachte sie noch einmal darüber nach, Chakotay hierher zu bitten. Ebenfalls hatte sie noch einmal darüber nachgedacht, ob es wirklich sinnvoll wäre, Chakotay die Wahrheit zu sagen. Der Zeitpunkt war ungünstig. Der Druck des Ende des Universums stand dahinter und möglicherweise konnte Chakotay das falsch verstehen.
Kathryn rieb sich die Stirn und seufzte. Sie würde es wohl nicht sagen, entschied sie. Vielleicht war es ein Fehler, aber wenigstens geschah es dann nicht aus falschen Absichten heraus. Und wenn wieder erwartend das Universum doch noch geheilt werden konnte, dann würde sie es ihm sagen, wenn sie es wollte.
Die Lösung war zwar nicht perfekt, aber wenigstens ehrlich.

Janni rollte mit den Augen und schlug das Buch zu.
Typisch Janeway, dachte sie genervt. Im Ausreden finden, wenn es um Chakotay ging, war sie schon immer weltklasse.
Sie grummelte noch ein wenig vor sich hin, und den Rest der Fahrt verbrachte sie lieber mit ihrem iPhone und hörte Musik.

Nach einer guten Stunde Fahrt und einmal in die S-Bahn umsteigen kam sie dann am Flughafen an. Der Flug war schon auf der Abflugtafel angekündigt und Janni machte sich auf zum richtigen Gate um ihr Ticket abzuholen.
Die Dame am Schalter, die ihr das Ticket aushändigte, wunderte sich allerdings, daß Janni nur einen Rucksack dabei hatte, zumal das Ticket nur ein Hinflug war.
"Haben Sie etwa nur den einen Rucksack als Handgepäck dabei?" fragte sie verwundert.
"Oh, wissen Sie, meine ganzes Gepäck habe ich bereits letzte Woche vorgeschickt. Ich will einen längeren Urlaub bei meinem Cousin machen. Der wohnt nämlich in der Nähe von Luxor", flunkerte sie. Die Dame schien das aber durchaus für plausibel zu halten und ihre Gesichtszüge erhellten sich wieder.
"Dann wünsche ich Ihnen einen angenehmen Flug", verabschiedete sie Janni und wandte sich dem nächsten Fluggast zu.
Uff, das war knapp, dachte sie. Sie wollte gar nicht daran denken was passieren würde, wenn sie gerade auf einem Flug nach Ägypten noch Mißtrauen erwecken würde.
Sie passierte ohne Probleme die Sicherheitskontrolle und dann hieß es warten. Janni hatte sich den hintersten Platz auf den Bänken ausgesucht und saß hier wunderbar abgeschieden von neugierigen Blicken. Wobei das auch nicht so tragisch sein würde, denn schließlich las sie nur ein Buch. Das war nämlich ihre Absicht, ein wenig weiterzulesen.

Zwei Tage später war es dann soweit. B'Elanna und ihre Maschinenraumcrew hatten alle Modifikationen erfolgreich installiert und auch Seven hatte ihre Aufgaben erledigt. Nun konnte es losgehen.
Das MHN, Janeway, Chakotay, B'Elanna und Seven hatten sich im Transporterraum eingefunden.
"Sind sie bereit Doktor? Haben sie alles?" fragte Kathryn.
Das MHN wirkte etwas nervös als es antwortete: "Mobiler Emitter mit vielen Erweiterungsparabeln und einen Rucksack mit Sternenstaub und einigen Gerätschaften. Ich denke, ich habe somit alles."
Kathryn schaute das MHN noch einmal prüfend an. Seine Uniform hatte B'Elanna mit Toms Hilfe durch helle, lange Hosen mit sehr vielen Taschen ersetzt, ebenfalls trug er ein khakifarbenes Hemd und eine Weste mit mindestens ebenso vielen Taschen und Reißverschlüssen wie die Hose. Feste Wanderschuhe und ein Hut bildeten den Abschluss. Natürlich brauchte ein Hologramm keinen Hut geschweige denn Wüstenkleidung, allerdings wäre es doch etwas auffällig gewesen, wenn er in Sternenflottenuniform mitten in Ägypten im 21. Jahrhundert aufgetaucht wäre. Man mußte sich halt der Mode anpassen. Und Wüstentouristen, das hatte Tom herausgefunden, trugen auf ihren Touren solche Kleidung.
"Transporter sind bereit, Captain", meldete B'Elanna. Die Voyager war wieder zur Anomalie zurückgekehrt, natürlich in sicherem Abstand zu ihr. Sie war schon wesentlich größer geworden hatte Kathryn erschrocken festgestellt, als sie sie wieder auf dem Schirm hatten sehen können. Doch sie waren nun hier, um sie zu schließen.
"Viel Glück, Doktor", sagte Chakotay.
"Danke Commander, das werde ich wohl brauchen." Dann trat er auf die Transporterplattform und nickte.
"Beamvorgang wird eingeleitet in 5 Sekunden", sagte B'Elanna. Die Plattform begann zu leuchten und erste Funken tanzten um das MHN herum.
"Kommen Sie heil zurück!" rief Kathryn über das lauter werdende Geräusch der Energien, die gleich freigesetzt werden würden.
"Das hatte ich vor", sagte das MHN noch, dann löste es sich komplett in Funken auf und Sekunden später war die Plattform leer.
"Laut meinen Anzeigen ist er sicher angekommen", meinte B'Elanna zur allgemeinen Beruhigung. "Jetzt ist er vorerst auf sich allein gestellt."
"Drücken wir ihm die Daumen. Lassen Sie uns zurück an die Arbeit kehren. Ich möchte eine Option haben, falls die Mission der beiden fehlschlägt. Ich weigere mich zu akzeptieren, daß die Anomalie nicht auch anders aufgehalten werden kann."
Damit verließ der Captain den Transporterraum um sich für die nächsten Stunden in ihrem Bereitschaftsraum unter Bergen von Daten und Analysen zu vergraben.

An dieser Stelle endete das Buch erneut. Janni überraschte es nicht weiter, denn alles, was es zu wissen gab jetzt, war geschrieben. Das MHN würde hoffentlich in Luxor sein und die Voyager Crew suchte nach einer Möglichkeit die Anomalie zu versiegeln sollte Janni keinen Erfolg haben.
Aber irgendwie glaubte sie nicht, daß es noch eine andere Möglichkeit geben würde. Eli war ein Wächter und sie hatte das sichere Gefühl, daß nur er den Riß schließen konnte. Also mußte sie um jeden Preis erfolgreich sein.
Sie steckte das Buch wieder ein und vertrieb sich die restliche Zeit damit, etwas Musik zu hören und die Shops zu durchstöbern.
Dann war es endlich so weit. Ihr Flug war zum einsteigen bereit und ein paar Minuten später war sie auch schon an Bord. Sie hatte recht weit hinten einen Fensterplatz. Neben ihr hatte ein junger Mann Platz genommen, der sich bei ihr mit dem Namen Tim vorstellte und der ihr gleich sympathisch war. Er erzählte, daß er zum ersten Mal nach Ägypten fliegen würde um dort an einer Forschungsarbeit zu schreiben, dessen Thema die altägyptischen Kunstwerke und ihre Hintergründe sein würden.
"Und was machst Du in Luxor?" fragte Tim. Er hatte ihr gleich am Anfang das Du angeboten.
"Oh, ich besuche für längere Zeit einen Cousin von mir", hielt sich Janni an ihre Flughafengeschichte.
"Hey, Du hast einen Cousin der in Ägypten lebt? Das ist ja abgefahren", staunte Tim. "Bist Du dann öfters da?"
"Nein, um ehrlich zu sein, auch das erste mal", sagte sie. Hätte sie jetzt gesagt, daß sie schon mal da war hätte sie befürchten müssen, daß er sie über Ägypten ausfragte und sie wußte auch nur das, was sie im Internet gelesen hatte.
"Hey, wie wär's wenn wir etwas zusammen die Stadt erkunden würde?" schlug er vor.
Jannis Gesichtsfarbe änderte sich in zartrosa und sie sagte bedauernd: "Oh, das würde ich ja wirklich gern, nur... weißt Du, ich werde nur heute in Luxor bleiben. Mein Cousin und ich möchten gern eine Wüstentour machen und da sind wir dann 1-2 Wochen unterwegs."
Tims Augen wurden groß. "Na, ihr fangt ja nicht gerade klein an", sagte er bewundernd.
Janni lächelte. "Nein, wirklich nicht."
Den Rest des Fluges verbrachten sie damit, etwas von sich selber zu erzählen und kurz vor der Landung tauschten sie noch Handynummern.
Dann setzte das Flugzeug pünktlich um 14.45 Uhr auf der Rollbahn in Luxor auf und die Bordcrew begrüßte die Fluggäste in Ägypten. Die Türen gingen auf und als Janni hinaustraut wehten ihr angenehme 25°C entgegen. Durch die Paßkontrolle gingen Tim und sie noch zusammen, doch dann hieß es Abschied nehmen.
"Ich würde Dich wirklich gerne wiedersehen", meinte Tim.
Janni lief wieder etwas rötlich an und sagte: "Das fände ich auch schön."
"In 3 Wochen bin ich wieder zu Hause, ich werde Dich ganz sicher anrufen! Mach's gut und laß Dich nicht vom Treibsand verschlucken!"
Tim winkte zum Abschied und Janni ebenfalls. Dann war er in der bunten Menschenmasse verschwunden.
Janni schaute sich um und fand dann das Wechselbüro, wo sie erst mal ihr Geld tauschte. Der nächste Punkt auf ihrer Liste war dann die Kleidung. Sie mußte in die Stadt und sich erst einmal mit Proviant und passenden Klamotten eindecken.
An der Information schickte man sie zur Busstation und nur wenig später fuhr sie durch Ägypten. Auf dem Weg zur Stadt fühlte sie sich, als wäre sie in einem Traum. Hatte sie wirklich einen Flug nach Ägypten gebucht nur weil es in einem Buch stand? Total verrückt.
Oh, das Buch, dachte sie und holte es noch einmal hervor um zu sehen, ob es weitergeschrieben war. Schließlich brauchte sie noch den genauen Treffpunkt mit dem MHN. Doch das Buch hörte immer noch bei Janeways Analysen auf.
Janni klappte es wieder zu und hoffte stark, daß es sich später ergänzen würde. Sie wußte zwar, daß der Treffpunkt im 'Valley of the kings' war, aber auch, daß das Tal groß war.
Doch jetzt konzentrierte sie sich erst einmal darauf, alles einzukaufen.
Der Bus hatte sie in die Innenstadt gebracht und Janni klapperte die Geschäfte ab.
In einem der ersten Läden kaufte sie gleich die passende Kleidung, die garantiert der des MHN's sehr ähnlich sein würde. Lange Hosen mit vielen Taschen und abnehmbaren Hosenbeinen, festes Schuhwerk, ein T-Shirt, ein Hemd und eine Weste und dann ließ sie sich noch einen schicken Hut zeigen. Zum Glück war im Dezember mit die mildeste Zeit und für die Nächte holte sie sich noch eine gute Jacke.
Mit der Kleidung ausstaffiert, die sie gleich im Laden angezogen hatte, holte sie noch einen Schlafsack, Sonnencreme, ein paar Medikamente (es fiel ihr erst später ein, dass das eigentlich Unsinn war, zumal das MHN für alle Fälle hoffentlich ein Medkit dabei haben würde), dann noch mehrere Wasserschläuche und schließlich noch ein gutes Messer und ein Fernglas. Der Händler bedankte sich überschwänglich bei ihr für den satten Einkauf und beschrieb ihr auch noch sehr genau, wie sie am besten in das fragliche Tal kommen würde.
"Ma assalaama", wünschte der Verkäufer zum Abschied. Janni, die sich vorher ein wenig schlau gemacht hatte über einige Höflichkeitsfloskeln antwortete hoffentlich richtig in dem sie "allaa ysallimk" sagte.
Scheinbar war es richtig, denn der Händler strahlte sie an und winkte noch. Janni verließ das Geschäft und machte sich auf die Suche nach der Stelle, wo der Bus zum Valley fahren würde. Dank der guten Beschreibung des Händlers hatte sie sie recht schnell gefunden und hockte sich nun auf eine Bank. Der Bus sollte in 20 Minuten abfahren, genug Zeit um noch einmal in das Buch zu schauen. Janni schlug die Seiten auf. Tatsächlich war wieder ein wenig Text ergänzt worden.

B'Elanna hatte das MHN an eine wunderbar abgelegene Stelle im Valley gebeamt.
Er materialisierte versteckt hinter einem großen Felsen direkt über dem Eingang zu einer der Grabkammern, die es im Valley so reichlich gab.
Mit einem Grinsen auf dem Gesicht schaute das MHN nach, ob seine Ausrüstung ebenfalls so gut angekommen war, was der Fall war. Sein mobiler Emitter hatte in einer Tasche in der Weste Platz gefunden und war somit vor neugierigen Blicken und der direkten Wüstenluft und Sonne gut geschützt.
Dann stieg er den Abhang hinunter und schlenderte ein wenig zwischen den Grabeingängen umher. Es gab nicht viele Touristen und keiner beachtete ihn. An einem Ständer, der neben einem Eingang angebracht war fand er eine Art Übersichtskarte. Er verglich die Grabnummern auf der Karte und stellte fest, daß er im östlichen Teil des Valley direkt am Grab Nummer KV34 herausgekommen war. Hier ruhte Thutmose III., Pharao der 18. Dynastie. Er ging in das Grab hinein und stellte zufrieden fest, daß er hier der einzige Besucher war. Er würde hier warten. Das Mädchen würde ihn finden.

Die Suche nach dem Portal

"KV34, alles klar", murmelte Janni vor sich hin und steckte das Buch wieder ein.
Ein paar Minuten später kam der Bus an und sie stieg ein. Das Valley lag auf der anderen Seite vom Nil und so dauerte die Fahrt eine knappe halbe Stunde.
Als sie im Tal angekommen war, besorgte sie sich zuerst so eine Übersichtskarte und hatte auch schnell das besagte Grab gefunden. Jetzt würde sich gleich zeigen, ob sie alles nur geträumt hatte, oder ob die Geschichte wahr wäre.
Sie zwang sich ein normales Tempo anzuschlagen und erreichte wenig später den besagten Eingang. Bevor sie hineinging blickte sie sich noch einmal um. Sie war völlig alleine, gut. Dann ging sie die Treppe hinunter. In der Kammer war in der Mitte ein Sarkophag und sonst war der Raum leer.
Jannis Herz übersprang ein paar Schläge. War sie richtig? Oder war doch alles gar nicht wahr? Doch dann hörte sie hinter sich ein Geräusch. Sie wirbelte herum und sah eine Gestalt hinter ihr neben der Tür stehen.
"Doktor?" fragte sie vorsichtig. Der Gestalt trat aus dem Schatten und sie erkannte ihn sofort. Es war wirklich das MHN der Voyager. Sie schlug beide Hände vor den Mund und hauchte: "Es ist wirklich wahr, ich glaub's nicht."
Ihr war etwas schwindlig, so unfaßbar war das Ganze doch.
"Sie sind Janni?" fragte das MHN freundlich.
Janni konnte nur nicken. Das MHN bemerkte ihre Aufregung und kam näher.
"Versuchen Sie ruhig zu atmen, ich kann mir schon denken, daß das ein kleiner Schock ist." Er legte eine Hand auf ihre Schulter und eine Welle von absolutem Glücksgefühl, Unglauben und auch Angst durchflutete sie.
Das MHN aus ihrer Lieblingsserie war tatsächlich hier, sie konnte es nicht glauben und es war Wirklichkeit. Sie versuchte tief Luft zu holen und tatsächlich wurde ihr gleich besser.
Schließlich sagte sie: "Entschuldigen Sie bitte, aber... das ist alles verrückt! Und die Voyager gibt es wirklich!"
Das MHN runzelte die Stirn. "Wie soll ich das verstehen?" fragte er.
Janni versuchte zu erklären: "Bei uns ist die Voyager eine Serie, die im Fernsehen läuft. Das Schiff selber ist nur ein Modell und die Besatzung sind Schauspieler, die die Charaktere nur spielen."
"Oh", machte das MHN überrascht. "Das ist ja wirklich unglaublich. Habe ich einen Namen in der Serie?" fragte er neugierig.
Janni schüttelte den Kopf. "Nein, sie hatten sich einmal 'Lord Schweitzer' genannt, aber... als Freya starb da haben sie..."
Janni verstummte als sie das Gesicht des MHN sah.
"Ich.. es tut mir leid, ist das wirklich passiert?" fragte sie vorsichtig.
Das MHN nickte. "Ja, leider."
"Dann ist das, was in der Serie passiert ist, bei Ihnen Wirklichkeit?"
"Das müßten wir noch weiter abgleichen. Ich denke, dazu werden wir Gelegenheit genug haben. Aber jetzt sollten wir losgehen. Geht's Ihnen besser?"
"Ja, es war wirklich nur die Aufregung", sagte Janni verlegen.
"Captain Janeway hat mir die Koordinaten übermittelt, wir können gleich aufbrechen. Haben Sie alles nötige dabei?" fragte das MHN.
"Ich hoffe es wirklich. Wie weit müssen wir gehen?" hakte Janni nach.
"Ich schätze, wenn wir am Tag ungefähr 7 Stunden laufen plus die Pausen natürlich, dann sind wir in anderthalb bis zwei Wochen an der Stelle."
"Das sind ja annähernd 300 km!" überschlug Janni.
"Es ist wirklich mitten in der Wüste versteckt", sagte das MHN. "Sind Sie fertig?"
"Eine letzte Sache gibt es da vorher noch zu klären", sagte Janni mit einem Grinsen.
"Könnten Sie vielleicht das "Sie" weglassen und zum "Du" wechseln? Ich komme mir immer so furchtbar alt vor, wenn mich jemand Siezt." Janni zwinkerte und das MHN mußte lachen.
"Ich werde versuchen, das nicht zu vergessen. Also, gehen wir?"
"Ja", sagte Janni entschlossen. "Lassen Sie uns losgehen."
Das MHN ging voraus und Janni folgte ihm. Er führte sie erst wieder den Hang hinter dem Grab hinauf, wo er angekommen war, dann führte der Weg direkt in Richtung Herz der Wüste und weg von jeder Zivilisation.

Die erste Wegstunde verlief ohne Zwischenfälle. Der Boden war noch steinig und somit kamen sie auch zügig voran. Erst am nächsten Tag würden sie auf den richtigen Wüstensand stoßen, dann würde das Vorankommen sicher etwas langsamer gehen.

Wie angekündigt machten sie eine viertel Stunde Pause als sie die erste Wegstunde hinter sich hatten. Janni merkte bereits, wie es etwas kühler wurde. Die Sonne stand schon sehr tief am Horizont und die Schatten wurden länger.
"Wir sollten bald einen geeigneten Platz für ein Nachtlager suchen", meinte sie.
"Daran habe ich auch schon gedacht." Das MHN öffnete seinen Rucksack und holte einen Tricorder hervor.
Janni rutschte äußerst interessiert näher und schaute dem MHN über die Schulter. Dies hier war ein echter Tricorder! Das mußte sie sich mal geben.
"In ca. 10 km gibt es eine kleine Oase, ich denke, das wäre ein idealer Ort zum übernachten." Das MHN klappte den Tricorder wieder zu.
"Doktor, ich ... ehm.. "druckste Janni herum.
"Was ist denn los?" fragte er.
"Wären Sie so nett und zeigen mir mal, wie der Tricorder funktioniert?" platzte sie heraus und sah dabei das MHN bittend an.
"Aber natürlich", sagte er und reichte ihr das Gerät herüber. Janni klappte ihn prompt auf und das MHN begann ihr die Funktionsweise und die Daten zu erklären, die das Gerät abrufen konnte.
"Du kannst Dich erst mal zwischen biologischen, meteorologischen und geologischen Scans entscheiden." Er deutete auf drei Tasten links. "Die Daten kannst Du hier im Fenster ablesen und das hier", er drückte auf einen anderen Knopf, "ist die Datenbank."
Das MHN erklärte weiter und die viertel Stunde Pause dehnte sich auf eine halbe aus. Doch danach war Janni auch in der Lage mit dem Tricorder relativ gut umzugehen. Das MHN hielt die zusätzliche Zeit für gut investiert, er würde sie auch mit den anderen Geräten vertraut machen, nahm er sich vor. Aber erst mal hieß es weiterlaufen.
Sie liefen die 10 km in 2 Etappen. In der nächsten Pause unterhielten sich beide über die echte Voyager im 24. Jahrhundert und die Fernsehserie im 21. Jahrhundert. Sie stellten fest, daß die Voyager fast 1:1 dieselben Abenteuer wie die in der Serie erlebt hatte. Allerdings hatte der Doktor noch mehr zu erzählen, denn natürlich stellte die echte Voyager eine Woche lange nicht ihren Flug ein.
Am späten Abend erreichten sie dann die Oase. Das MHN reichte Janni den Tricorder und wies sie an, nach menschlichen Lebensformen in der Umgebung zu scannen. Zu seiner Zufriedenheit stellte er fest, daß Janni den Tricorder so bediente, als wäre sie damit aufgewachsen. Sie waren im Umkreis von 20 km die einzigen Menschen hier.
Hinter einem großen Stein packte Janni ihren Schlafsack aus und richtete sich für die Nacht her. Die Temperatur war auf 12°C gefallen und nachdem sie ausgiebig Wasser aus der Quelle getrunken und ein paar Datteln gegessen hatte, kuschelte sie sich tief in den Schlafsack. Das MHN setzte sich neben sie und sie begannen, über einige wichtige Punkte noch zu reden. Sie hatten damit extra bis zum Abend gewartet, unterwegs konnten sie nicht reden, denn immer wieder blies der Wind Sandkörner in Jannis Mund, daher ließ sie ihn lieber zu.
Das MHN fing mit dem Sternenstaub an. Er packte den Sack aus seinem Rucksack und gab ihn Janni herüber.
"Das ist der Sternenstaub, den Eli mir gegeben hat", erklärte er. "Er meinte, du würdest ihn später brauchen."
"Ja, ich erinnere mich. In dem Buch stand, daß ich damit den Riß schließen muß", sagte Janni nachdenklich. "Aber ich habe keinen Schimmer wie!"
"Was ist das überhaupt für ein Buch?" fragte das MHN. "Darf ich es mir einmal ansehen?"
"Ja, natürlich doch", sagte Janni gedankenverloren und kramte es aus ihrem Rucksack hervor. Doch als das MHN es aufschlug waren die Seiten wieder komplett leer.
Fragend schaute er Janni an und diese meinte nur: "Ich kann es nicht erklären, aber das ist ein magisches Buch. Es scheint, daß nur Text drin erscheint, wenn es wichtig ist. Ich vermute mal... da wir jetzt auf dem Weg sind diesen Stein zu finden wird es erst dann wieder weitergeschrieben, wenn wir nicht weiter wissen."
Das MHN klappte das Buch wieder zu und reichte es Janni zurück, die es wieder in ihren Rucksack packte. Sie ließ sich damit absichtlich etwas Zeit um das MHN nicht ansehen zu müssen als sie leise sagte: „Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“
Gut, sie war auf dem Weg zu diesem Portal und um den Stein zu finden, aber im Moment spürte sie einfach nur sengende Panik. Ihre Hände zitterten leicht und ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. Sie versuchte, ihre Gefühle unter Kontrolle zu bringen und die Panik in ihr Innerstes zu schließen.
„Ich denke, das Buch wird es Dir zu gegebener Zeit schon verraten“, sagte das MHN betont fröhlich. „Das war bisher auch so. Warum sollte es später nicht so sein?“
Die Worte des MHN beruhigten sie nicht wirklich. Da war etwas, das ihr in ihrem Unterbewußtsein aufgefallen war, aber das sie noch nicht mit ihren Gedanken erfassen konnte.
„Wann Sie es sagen… hoffen wir, daß es so ist.“
Um sie von ihren düsteren Gedanken abzulenken wechselte das MHN das Thema: „Soll ich noch etwas von der Voyager erzählen?“
Janni schreckte hoch und das MHN fragte sogleich: „Was ist los?“
„Voyager!“ rief Janni. Das Wort hatte den Schmetterling in ihren Gedanken eingefangen. Leicht panisch packte sie einen Arm des MHN und schaute ihn mit großen Augen an.
„In dem Buch stand nur so lange etwas, wie es mit der Voyager zu tun hatte, es… ist wie ein Blick in die Zukunft. Aber, wir sind nicht in der Zukunft, wir sind hier! Doktor“, Janni fasste seinen Arm fester, „das Buch wird mir nicht helfen!“
Janni war der Verzweiflung nahe. Wie konnte sie nur so etwas Offensichtliches übersehen? Warum war ihr das nicht früher aufgefallen?
„Janni, beruhige Dich“, sagte das MHN behutsam, löste sanft ihre Hand von seinem Arm und hielt sie fest. „Für die Theorie gibt es noch keine Beweise. Du weißt doch gar nicht, was später noch kommen wird. Das Buch hat uns auf den Weg geleitet, und wenn wir den Stein gefunden haben, dann bin ich sicher, daß es Dir auch sagt, wie es weitergehen muß.“
Das MHN sprach die Worte mit Nachdruck und Janni beruhigte sich etwas. Schließlich zog sie ihre Hand zurück und meinte: „Entschuldigung, ich glaube, meine Nerven sind mir durchgegangen. Es ist nur… die Verantwortung, die auf mir liegt… ich soll das Universum retten können. Wenn ich es nicht schaffe, dann bin ich Schuld dass unzählig viele Lebewesen aufhören zu existieren.“
Das MHN schwieg einen Moment bevor es sagte: „Das Wichtigste ist, daß Du es versuchst. Und ich bin sicher, es wird klappen.“ Er drückte noch einmal ihre Hand.
„Glauben Sie wirklich?“ fragte sie schwach.
Das MHN lächelte. „Ja, das tue ich. Wir waren schon so oft in scheinbar aussichtslosen Situationen, wenn ich nur an die Hirogen denke, die unser Schiff in ein riesiges Kampfszenario umgewandelt haben… doch Captain Janeway hat nicht aufgegeben. Und das darfst Du auch nicht. Wenn Du aufgibst, dann ist alles verloren.“
Janni mußte plötzlich an das Gedicht am Anfang des Buches denken: „Der Mut steckt im Herz, vergehen wird Schmerz. Zwei Augen die sehen, Angst wird vergehen.“
„Wie bitte?“ fragte das MHN.
Janni lächelte etwas. „Das war der erste Vers des Spruchs, der ganz am Anfang des Buches stand. Ich vermute, der stand auch nicht umsonst da.“
"Es ist sehr treffend", meinte das MHN zustimmend. "Vielleicht solltest Du jetzt etwas schlafen. Wir haben noch einige anstrengende Tage vor uns."
Als ob die Worte an Jannis Müdigkeit gerührt hätten gähnte sie auch schon. Vergangene Nacht hatte sie schließlich kaum geschlafen und allmählich wich das Adrenalin aus ihr und eine angenehme Müdigkeit überkam sie.
"Was immer Sie sagen, Dok", murmelte sie und kuschelte sich in ihren Schlafsack. Kurz darauf war sie eingeschlafen. Das MHN setze sich neben sie und hielt Wache. Vorrangig galt seine Aufmerksamkeit allerdings unerwünschten Wüstenbewohnern wie Schlangen und Skorpionen, doch diese schienen selber alle zu schlafen. Die Nacht verlief ereignislos und für das MHN recht langweilig. Für den nächsten Abend nahm er sich vor, Janni seinen mobilen Emitter zu erklären, damit sie ihn für die Nachtphasen abschalten konnte.

Janni wurde recht unsanft aus dem Schlaf geschüttelt, doch da sie noch nie ein Morgenmuffel gewesen war, war sie auch diesmal sofort hellwach.
Das MHN hatte sie wachgerüttelt und seine Miene drückte eine Dringlichkeit aus, die Janni nur als "es kommen Schwierigkeiten auf uns zu" deuten konnte.
"Was ist los?" fragte sie schnell und kletterte aus ihrem Schlafsack.
"Der Tricorder hat 5 Lebensformen ausgemacht, die sich schnell auf die Oase zu bewegen. Wir sollten besser gehen."
In Windeseile rollte Janni den Schlafsack zusammen und war nur 3 Minuten später aufbruchbereit. Keine Minute zu spät, denn als sie mit dem MHN die Oase verlassen hatte und hinter einem Dünenkamm gerade verschwunden war, erreichte ein Jeep mit 5 Insassen gerade die Oase.
Janni legte sich vorsichtig hinter die Düne in den Sand und holte ihren Feldstecher heraus. Sie wußte selber nicht, warum sie so unruhig war, schließlich waren sie nur einfache Rucksacktouristen. Doch irgendwie...
Als sie durch das Fernglas sah, wußte sie, daß ihre Entscheidung lieber zu verschwinden goldrichtig gewesen war. Alle 5 Insassen hatten AK's an der Schulter hängen und ihre Gesichter waren verhüllt.
"Doktor", flüsterte Janni und robbte hinter die Düne zurück. "Lassen Sie uns möglichst schnell und ungesehen verschwinden. Ich denke, das sind Mitglieder einer der vielen Terrorgruppen hier in Ägypten."
"Hinter der nächsten Düne sollten wir nicht mehr zu sehen sein", meinte das MHN und beide rannten die Senke hinunter und machten dann einen Bogen zur Kuhle zwischen den beiden nächsten Dünen um dazwischen zu verschwinden. Hinter der Oase hatte direkt der weiche Wüstensand angefangen und Janni kam nur mühsam voran, weil sie immer wieder einsank.
Wenn hier bloß kein Treibsand ist, betete sie.
Als sie die Kuhle erreichte, war das MHN schon ein gutes Stück die Düne hinuntergelaufen. Als Hologramm hatte er natürlich nicht das Problem im Sand zu versinken.
Janni lief parallel zur Senke ein Stück die Düne entlang und als sie die Mitte erreicht hatte und hinunter klettern wollte, sank auf einmal ihr linker Fuß weiter als normal ein. Die Folge war, daß sie den Halt verlor und die Düne herunterkullerte.
"Janni!" hörte sie das MHN noch rufen. Doch sie dachte nicht daran den Mund aufzumachen. Sie versuchte eher ihren Fallwinkel zu ändern und dank des Rucksacks hörte sie auf zu rollen und schlitterte nun einfach bäuchlings den Hang hinunter. Dann packten ein paar starke Hände sie an den Hüften und ihre Rutschpartie nahm ein Ende.
"Ist alles in Ordnung?" fragte das MHN, das sie aufgefangen hatte.
Janni hustete und spuckte etwas Sand aus.
"Abgesehen von meinem verletzen Stolz ist alles in Ordnung, denke ich."
Das MHN half ihr hoch und sie klopfte sich den Sand ab. Ihre Wirbelsäule tat etwas weh, einige harte Gegenstände im Rucksack hatten sich schmerzhaft in ihren Rücken gebohrt, aber das war im Moment unwichtig. Sie hoffte nur, daß alles heil geblieben war, vor allem die Wasserschläuche.
"Können Sie vielleicht nachsehen ob sie uns gefolgt sind?" fragte Janni und das MHN holte seinen Tricorder heraus und scannte nach Lebenszeichen. Sein Gesicht erhellte sich als er sagte: "Glück gehabt, sie sind sogar in die andere Richtung aufgebrochen und entfernen sich immer weiter."
"Puh, gut, daß Sie mich rechtzeitig geweckt haben Dok. Gehen wir dann gleich weiter? In welche Richtung müssen wir?"
Das MHN hatte den Tricorder gar nicht erst zugeklappt und bewegte sich nun Richtung Süd-Westen. Janni folgte ihm.
Die Sonne stieg unterdessen wieder am Horizont höher und höher und Janni wurde zunehmend heißer. Sie hatte zwar gelesen, daß die Temperaturen im Dezember um 25°C lagen, aber es war gerade Anfang Dezember und im November konnten sie durchaus 31° noch erreichen. Scheinbar war heute noch ein November-Klima-Tag, denn als sie die 2. Pause an diesem Tag einlegten, war Janni schon ziemlich erschöpft.
Ihr Körper war gestreßt und ein Lauf durch die Hitze machte die Situation nicht besser. Sie trank langsam ihren vorgeschriebenen Wasseranteil und versuchte ihren Atem etwas zu kontrollieren.
Das MHN war in den Pausen damit vorrangig beschäftigt nach einem günstigen Platz für ein Nachtlager Ausschau zu halten. Janni hätte sich zwar gern unterhalten, aber sie wußten beide, daß sie das auf die kühle Nacht verschieben sollten und hatten sich darauf geeinigt, nur zu sprechen wenn es notwenig war. Natürlich galt das nur für Janni. Das MHN brauchte keinen trockenen Mund, Wassermangel oder aufgesprungen Lippen zu befürchten. Und manchmal unterhielt er sie mit einer Geschichte von der Voyager.

Als die Sonne langsam rötlich wurde und an Wärme verlor, suchten beide wieder einen Platz zum übernachten. Den Luxus einer Oase hatten sie nicht, aber wenigstens fanden sie hinter einer sehr kleinen Düne einen Platz für geeignet, an dem Janni recht geschützt ihren Schlafsack entrollen konnte.
Als sie darauf Platz genommen hatte meinte sie: "Doktor? Wenn Sie mir ihren mobilen Emitter erklären, dann brauchen Sie sich die Nacht nicht wieder zu langweilen."
"Abgesehen von der langen Weile, die nicht so schlimm ist, wollte ich Dir aber trotzdem dasselbe vorschlagen. Es kann immer mal sein, daß mein Emitter offline geht, warum auch immer. Es wäre daher von Vorteil, wenn Du ihn reparieren und wieder aktivieren kannst."
Er öffnete seinen Reißverschluß an der Weste, wo der Emitter steckte und erklärte Janni dann ganz genau wie sie ihn aktivieren und deaktivieren konnte. Es war recht simpel und ein Versuch zeigte, daß sie damit keine Probleme hatte.
Als nächstes holte das MHN aus seinem Rucksack einen Mikrojustierer und dann lernte Janni in Grundzügen, wie der mobile Emitter funktionierte. Sie hatte zwar soweit verstanden was das Prinzip war, dennoch hoffte sie sehr, daß der Emitter keinen Defekt aufweisen würde.
Die Sonne war inzwischen ganz verschwunden und es wurde wieder unangenehm kalt. Janni kroch tiefer in ihren Schlafsack.
"Ich programmiere den Tricorder so, daß er ein Alarmsignal ausgibt falls in einem Umkreis von 10 km Humanoide auftauchen sollten", sagte das MHN und tippte auf dem Tricorder herum.
"So, laß ihn einfach geöffnet neben Dir liegen."
"Alles klar", sagte Janni. "Dann wünsche ich eine gute... ehm.. Offline-Zeit", improvisierte sie. Eine "gute Nacht" war irgendwie hier fehl am Platze.
Das MHN grinste und sagte dann ernst: "Falls irgendetwas ist, egal wie banal es sein mag, aktivierst du mich, versprochen? Das hier ist immerhin kein Sonntagsausflug."
Janni nickte. "Okay, hoffen wir einfach, daß es eine ruhige Nacht wird. Bis morgen."
Dann deaktivierte Janni das MHN und steckte den mobilen Emitter in eine Falte bei ihr im Schlafsack. Sie verbrachte noch einige Zeit die Sterne zu betrachten, bis ihr schließlich die Augen zufielen.

Komplikationen

Am nächsten Morgen wurde Janni hustend wach. Sand wirbelte umher und sie registrierte innerhalb von ein paar Sekunden, daß das keine einfach Bö war.
Schnell kramte sie ein Tuch aus ihrem Rucksack und wickelte es sich um den Kopf, so daß es bis auf die Augen alles verdeckte. Sie schälte sich möglichste schnell aus ihrem Schlafsack und lugte über die kleine Düne. Ihre Befürchtung hatte sich bestätigt, ein Sandsturm kam auf sie zu. Sie griff den Tricorder und stellte erleichtert fest, daß es nur sehr kleiner werden würde. Es würde ein paar Minuten dauern.
Damit der Tricorder nicht völlig versandetet steckte sie ihn ebenfalls in ihren Schlafsack, dann überzeugte sie sich, daß beide Rucksäcke geschlossen waren und band sie aneinander.
Sie kroch wieder in ihren Schlafsack und legte sich mit dem Rücken dicht an den Sandhügel. Wenn sie Glück hatte, würde der meiste Sand über sie hinwegfegen.
Ein paar Minuten später wurde das Heulen des Sturms lauter und die Sandwirbel immer dichter.
Sie schlug das Tuch nun auch um ihre Augen und versuchte mühsam zu atmen.
Der Sturm heulte scheinbar ewig, zumindest kam es ihr so vor, doch in Wahrheit waren es gerade mal 10 Minuten.
Als das Heulen und der Wind endlich nachließen konnte sie kaum noch atmen. Der Sand hatte sie fast völlig zugedeckt und ihre Lungen sehnten sich jetzt nur noch nach Luft. Sie pfriemelte ihre Arme hervor und fegte den Sand von ihrem Kopf. Dann endlich konnte sie das Tuch abnehmen und dankbar sog sie die Wüstenluft ein.
Es wirbelten immer noch Sandkörner um sie herum, sie bekam noch den Ausläufer des Sturms mit, aber das war ihr egal, endlich konnte sie wieder atmen.
Nach ein paar Minuten fragte sie sich allerdings, ob es nicht doch besser gewesen wäre das Tuch vor Mund und Nase zu lassen. Ihr Rachen brannte furchtbar und ständig mußte sie husten. Sie grub die Rucksäcke aus und trank einen Schluck Wasser. Es half nur bedingt.
Naja, ich wusste ja, daß das hier kein Urlaub wird, dachte sie und machte sich daran, ihre ganze Ausrüstung vom Sand zu befreien.
Erst als sie alles wieder halbwegs sauber hatte dachte sie an den Emitter.
Der Sandsturm fällt bestimmt schon unter die Kategorie 'banal', dachte sie hustend.
Sie stand auf, hielt den mobilen Emitter vor sich und aktivierte das MHN.
"Bitte nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls", sagte er wie immer.
"Kein Notfall, nur ein neuer Morgen." Janni konnte kaum sprechen, so sehr kratzte ihr Hals.
Das MHN sah sie prüfend an. "Was ist passiert?" fragte er.
"Nur ein kleiner Sandsturm, nichts passiert." Sie hustete erneut und das MHN holte seinen Tricorder hervor und scannte sie. Sein Gesicht wirkte besorgt.
"Setzt Dich bitte", sagte er und ging zu seinem Rucksack. "Wie lange war der Sandsturm? Und hattest Du Mund und Nase bedeckt?" fragte er routiniert.
"Laut Tricorder nur ein paar Minuten und ja, ich hatte das Tuch vor Mund und Nase. Als der Sturm vorbei war hab ich aber fast nicht mehr atmen können und es abgenommen."
Sie hustete erneut. Ihr ganzer Rachen brannte unangenehm.
Das MHN hatte derweil ein Hypospray herausgeholt und drückte es Janni an den Hals. Kurz darauf fühlte sie, daß ihre Atmung sich beruhigte und der Hustenreiz nahm ab.
"Uff, danke. Was war das?" fragte sie.
"Nur eine Sauerstoffverbindung. Du hast zu viel Sand eingeatmet. Das kann zu Lungenblutungen führen. Ich möchte, daß Du die nächsten 4 Stunden diesen Blutgasstabilisator trägst."
Das MHN holte ein kleines Gerät hervor.
"Du mußt Deine Bluse öffnen, es muß an die Haut oberhalb der Brust."
Janni zog wortlos ihre Weste aus und knöpfte dann die ersten 4 Knöpfe ihrer Bluse auf. Das MHN schob den Stoff ein wenig zur Seite und heftete das Gerät über ihre rechte Brust. Dann sagte er: "Das war's vorläufig. Hoffen wir, daß es reicht."
"Danke", murmelte Janni. Sie ärgerte sich, daß sie so leichtsinnig gewesen war, aber sie mußte sich selber zugute halten, daß das auch ihr erster Sandsturm gewesen war.
"Für so was bin ich da", antwortete das MHN leichthin und setzte seinen Rucksack wieder auf. "Wollen wir weiter?" fragte er.
Janni nickte und setzte ihren Rucksack ebenfalls wieder auf. Dann liefen sie weiter.
Nach der vierten Tagesetappe hatte das MHN noch einmal seinen Tricorder gezückt und mit dem Sensor glitt er über ihre Lungenflügel. Diesmal war er zufrieden.
"Es ist noch einmal gut gegangen", meinte er und erlaubte Janni den Blutgasstabilisator wieder abzunehmen.
"Morgen solltest Du Dich wieder besser fühlen. Ich konnte in 5 km eine kleine Grünstelle ausmachen, ich denke, dort werden wir die Nacht verbringen. Es ist eh besser wenn Du Dich heute etwas länger ausruhst."
"Aye Sir", seufzte Janni dankbar.

Die nächsten vier Tage verliefen ohne nennenswerte Zwischenfälle. Sie hatten jetzt die Hälfte der Strecke hinter sich und Janni macht sich langsam Gedanken ob der Wasservorrat auch wirklich reichen würde. Doch sie hatte bald keine Zeit mehr sich darüber den Kopf zu zerbrechen, dann am siebten Tag ihrer Reise kamen sie in unvorhergesehene Schwierigkeiten.
Für die Nacht hatten sie eine alte Ruine gewählt, in deren Mauern es wunderbar windgeschützt war.
Janni hatte das MHN wieder deaktiviert und war fest eingeschlafen, daher merkte sie auch nicht, wie ein paar Stunden später zwei Beduinen die Ruinen erreichten und nicht gerade unglücklich waren, als sie eine schlafende, junge Frau vorfanden, die offensichtlich allein war.
Sie würde auf dem illegalen Frauenmarkt, den es immer noch sporadisch in Ägypten gab, sicher ein hübsches Sümmchen Geld einbringen.
Vorsichtig schlichen sie die beiden Banditen an Janni heran, dann zerrte sie der eine blitzschnell aus dem Schlafsack und drehte ihr die Arme auf den Rücken.
Janni wusste gar nicht, wie ihr geschah, sie merkte nur einen stechenden Schmerz in ihren Schulterblättern und sah zwei Männer über sich stehen.
Sie schrie auf, doch schon hatte man ihre Hände auf den Rücken gefesselt, ihre Füße ebenfalls und dann hatte sie einen Knebel im Mund. Zu guter letzt schlang ihr der eine noch ein Seil um den Hals und knotete es an einer Säule fest. Janni konnte sich kaum noch rühren und Panik stieg in ihr hoch. Doch scheinbar reichte es den beiden für diese Nacht sie zu verschnüren, denn sie ließen von ihr ab, nahmen ihre Rucksäcke mit, die sie einfach ein gutes Stück entfernt von ihr in einer Ecke abstellten und begaben sich vor den Eingang, entzündeten ein Feuer und nach einiger Zeit hörte Janni nur noch ihre gleichmäßigen Atemzüge.
Jetzt mußte sie handeln, wenn sie jemals hier rauskommen wollte. Sie hatte den mobilen Emitter wie immer in ihrem Schlafsack in einer Falte verstaut und den mußte sie jetzt unbedingt finden. Hastig tastete sie die Falten ab, doch sie konnte ihn nicht finden.
Er muß weiter hineingerutscht sein, überlegte sie. Doch das Seil um ihren Hals war schon recht straff gespannt und ließ ihr keine Bewegungsfreiheit mehr. Dennoch mußte sie noch ein Stück rutschen. Sie holte noch einmal tief Luft, sofern das der Knebel zuließ und rutschte dann ein Stück in den Schlafsack.
Das Seil schnitt ihr erbarmungslos in den Kehlkopf und Janni sah schon einige Funken tanzen. Doch in dem Moment fühlte sie endlich den Emitter. Sie packte ihn und rutschte wieder ein Stück nach oben.
Das Seil lockerte sich und sie bekam wieder Luft. Einen Moment lang blieb sie ruhig liegen und kämpfte gegen die Schmerzen an. Dann aktivierte sie den Emitter.
"Bitte..." weiter kam das MHN nicht, denn ein gedämpftes Geräusch unterbrach ihn. Janni hatte mit dem Knebel im Mund versucht "nein" zu rufen.
Das MHN blickte neben sich und riß die Augen auf. Sofort wollte er ihre Fesseln lösen, doch die schüttelte den Kopf und bewegte ihn ruckartig in Richtung der beiden Männer.
Das MHN verstand. Leise holte er einen Phaser aus dem Rucksack, stellte ihn auf höchste Betäubung und schickte die beiden Männer unfreiwillig noch tiefer ins Reich der Träume. Dann holte er das Messer aus Jannis Rucksack, schnitt ihr die Fesseln durch und entfernte den Knebel.
"Aua, danke Dok", sagte sie und rieb sich die schmerzenden Knöchel.
Das MHN hatte seinen Tricorder hervorgeholt und überprüfte, ob Janni verletzt war. Doch bis auf eine leichte Quetschung des Kehlkopfs, die er schnell beheben konnte und die abgeschürften Knöchelgelenke konnte er zum Glück nichts finden.
Er half ihr hoch und dann machten sich beide möglichst schnell aus dem Staub.
Janni zitterte am ganzen Leib, so tief saß ihr der Schreck noch in den Gliedern. Wer weiß was passiert wäre, wenn sie nicht an den mobilen Emitter herangekommen wäre!
Sie liefen die restliche Nacht noch hindurch, Janni drehte sich alle paar Meter um und schaute, ob sie verfolgt wurden bis das MHN schließlich sagte: „Der Phaser war auf höchste Betäubung justiert, sie werden in ein paar Stunden erst zu sich kommen.“
Janni hatte bis dahin gar nicht wirklich realisiert, daß sie sich so oft umgeschaut hatte. Ihre Nerven waren aufs Äußerste strapaziert und sie wollte nur einen möglichst großen Abstand zwischen sich und die Männer bringen. Sie liefen weiter bis es langsam hell wurde.
Das MHN, das unterwegs erfolglos versucht hatte sie zu einer Pause zu bewegen, ließ diesmal aber keinen Widerspruch zu.
„Wenn Du jetzt freiwillig keine Pause machst, dann werde ich Dir zu einer verhelfen“, konstatierte er schimpfend und schwenkte schon ein Hypospray vor ihrer Nase herum. Sie blickte ihn überrascht an, sah aber, daß er es durchaus ernst meinte und gab sie seufzend geschlagen. Sie bestand aber darauf, daß er seinen Tricorder hervorholte und nach Lebenszeichen scannte. Sie waren noch immer in Scanreichweite der Ruine und die beiden Punkte bewegten sich noch nicht von der Stelle.
"Sie müßten in der nächsten Stunde wach werden“, kommentierte das MHN die Anzeigen. „Also Zeit genug für eine Pause.“
Janni trank etwas Wasser und schlang dann die Arme und ihre angewinkelten Beine.
Das MHN musterte sie verstohlen. Daß das ein Schock gewesen war für sie, das war ihm klar, aber wenigstens war noch einmal alles gut gegangen. Er schätze ihre Charakterstärke so ein, daß sie den Schock bald überwunden haben würde.
„Doktor?“ hörte er ihre Stimme. „Wären Sie böse wenn ich Sie die nächste Nacht nicht deaktiviere?“ fragte sie leise.
Das MHN nickte verständnisvoll. „Natürlich nicht, ich wollte das auch schon vorschlagen.“
„Vielen Dank“, murmelte sie.
Daß das MHN bei ihr war gab ihr ein sicheres Gefühl für die Nacht und ihre Angst wich etwas. Plötzlich hielt er ihr einen Phaser vor die Nase und sagte: „Ich denke, es ist Zeit, daß Du damit umgehen lernst“, sagte er.
Janni schluckte und nahm die Waffe vorsichtig in die Hand.
Das MHN hockte sich neben sie. „Hier kannst Du die Energiestärke einstellen, von leichter Betäubung über schwere Betäubung bis zum Tod. Und hier kannst Du den Phaserstrahl bündeln oder fächern.“
Er tippte auf eine Tastenkombination und überließ es dann ihr, sein Beispiel zu wiederholen. Es war auch mit dem Phaser so, als wäre sie schon damit aufgewachsen.
Als sie wieder aufbrachen hatte sie sich den Phaser griffbereit an ihrem Gürtel befestigt und fühlte sich gleich besser. Dann setzten die beiden ihren Weg fort.
Der Tag wurde genauso heiß wie die anderen vorher und der Weg beschwerlicher. Janni sank jetzt immer tiefer in den Sand ein und sie kamen langsamer als geplant voran. Das MHN schätzte, sie würden jetzt noch 2-3 zusätzliche Tage benötigen und Janni rechnete den Wasserverbrauch neu aus. Sie würde ihn noch mehr reduzieren müssen, was beim Doktor nicht gerade Begeisterung auslöste. Sie war jetzt schon am eigentlichen Minimum doch es blieb ihr keine andere Wahl.
„Schauen Sie einfach, ob Sie irgendwo eine Wasserstelle finden können“, schlug sie vor, als das MHN zum dritten Mal auf das Thema zurückkam.
Er seufzte und gab sich geschlagen. Dehydration war gewiß das Letzte, das ihm jetzt noch inmitten der Wüste gefehlt hatte. Aber sie hatte Recht, sie mußte mit dem Wasser noch sparsamer umgehen.

Die nächsten 2 Tage zehrten mächtig an ihren Kräften. Sie hatte nun fortwährend einen trockenen Mund und fühlte sich leicht fiebrig.
Das MHN hatte drauf bestanden den Inhalt seines Rucksacks in ihren zu packen (dadurch, daß das meiste Wasser verbraucht war reichte der Platz aus) und er trug jetzt alle Sachen.
Janni war ihm äußerst dankbar dafür, sie hatte auch ohne schweren Rucksack um jeden Meter zu kämpfen.
Als die Nacht am 9. Reisetag endlich hereinbrach und sie einen Platz zum übernachten gefunden hatten, fiel sie einfach auf ihren Schlafsack und war sofort eingeschlafen. Ihr Atem ging flach und schnell und sie zitterte.
Das MHN legte sie in den Schlafsack hinein ohne daß sie wach wurde. Er brauchte keinen medizinischen Tricorder um ihren Zustand zu diagnostizieren. Wenn Sie nicht bald Wasser und auch Mineralien zu sich nahm, würden sich die Symptome verschlimmern und neben Kopfschmerzen, Schwäche, Desorientierung würde es sich bis hin zum Delirium und Krämpfen verschlimmern können.
Er scannte einmal mehr vergeblich nach Wasser und holte dann ein Hypospray hervor.
Eine Dosis Inaprovalin würde den Wassermangel zwar nicht ausgleichen können, aber wenigstens ihre Vitalfunktionen etwas unterstützten.
Janni war in einen unruhigen Schlaf gefallen. Fieberträume plagten sie und sie bewegte sich fortwährend im Schlaf. Einmal schreckte sie hoch und wußte erst gar nicht, wo sie war.
Das MHN entschied sich daraufhin, ihr eine kleine Dosis Morphazin zu verabreichen, damit die Träume aufhörten und ihr Körper ruhig blieb.

Als der Morgen anbrach wurde Janni vom MHN geweckt. Ihr Kopf schmerzte und ihr war kalt, aber im allgemeinen meinte sie sich etwas besser zu fühlen als gestern. Sie trank Schluck für Schluck ihre Wasserration und versuchte eine getrocknete Dattel zu kauen, die ihr aber so widerlich süß im Mund vorkam und auch noch klebte, daß sie sie nicht herunterschlucken konnte. Sie spuckte sie wieder aus und nahm noch zwei Schlucke Wasser bevor sie wieder aufbrachen.
Die Sonnte schien diesmal Erbarmen zu haben und die Temperatur lag bei angenehmen 22°C. Sie kamen etwas besser voran, doch als sich schließlich auch dieser Tag zu Ende neigte war Janni so erschöpft, daß ihr Körper während der letzten zwei Etappen mehrmals eine Begegnung mit dem Wüstensand hatte.
Das MHN zog sie wieder hoch und verabreichte ihr noch eine Dosis Inaprovalin. Für die letzte Stunde half das wieder etwas.
Am Nachtlager angekommen holte er seinen Tricorder hervor und meinte aufmunternd, während er Janni scannte: "Wir werden morgen das Tor erreichen wenn alles klappt."
"Wenn es überhaupt existiert", erwiderte sie kraftlos.
Das MHN klappte besorgt den Tricorder zusammen. Wenn Sie nicht auf der Parallelwelt gleich Wasser finden würden, dann würde ihm Janni unter den Händen wegsterben. Sie würde maximal noch 2 Tage durchhalten.
Um ihre Wasserreserven noch etwas zu schonen schlug er vor: „Kannst Du die Nacht über weitergehen? Es ist kühler und ohne Sonne leichter für Dich.“
„Ich versuch’s“, meinte sie, „aber lassen Sie mich etwas ausruhen bitte.“
„Natürlich, in einer Stunde ist die Sonne komplett weg, dann könnten wir aufbrechen.“
Janni hatte schon vorher daran gedacht nachts zu laufen, aber die Gefahr einen tierischen Wüstenbewohner zu übersehen war groß genug, daß sie lieber Tags gewandert war. Schlangen und Skorpione waren ihr wesentlich unangenehmer als die heiße Sonne. Doch in Hinsicht darauf, daß sie jetzt mehr denn je der Gefahr ausgesetzt war auszutrocknen, nahm sie eventuelle Begegnungen mit den Wüstenbewohnern lieber in Kauf.
Die Stunde schien viel zu schnell um zu sein und sie mußte sich zwingen aufzustehen und zu laufen.
Das MHN lief neben ihr und manchmal legte er seinen Arm um ihre Taille, schlang ihren rechten Arm um seinen Nacken und stütze sie beim Laufen, wenn sie eine Düne hoch oder runter gingen oder sie im Sand besonders tief einzusinken drohte. Als sie gerade eine Anhöhe erklettert hatten schaute das MHN über das Sandmeer und rief dann freudig: „Ich sehe die Ruine! Wir sind gleich da!“
Janni schaffte ein Lächeln und meinte: „Dann los, die Pause verkneifen wir uns.“
Von neuer Energie durchflutet ging sie zielstrebig auf die Ruine zu.
Am Ende wirst das Tor du sehen, zögere nicht, hindurch zu gehen, kam ihr der nächste Teil des Gedichts wieder in den Sinn.
„Dok, wenn wir das Tor erreichen dürfen wir nicht zögern. So stand es…“
Janni war verschwunden.
Das MHN starrte auf den Treibsand, der sie soeben verschluckt hatte und sah gerade noch zwei Finger aus dem Sand ragen.
Er tastet vorsichtig, bis wo der Boden noch fest war, dann griff er ein Stück in den Sand, bekam ihr Handgelenk zu packen und zog aus Leibeskräften.
Der Sand schien eher aus Beton zu sein und ließ sein Opfer nicht los. Doch das MHN gab nicht auf.
Mit beiden Händen zerrte er nun an Jannis Handgelenk. Urplötzlich gab der Sand sie frei und er konnte ihren Oberkörper umfassen und sie dann ganz herausziehen.
Janni lag leblos neben dem Treibsand und das MHN befreite zuerst ihre Atemwege vom Sand. Der Tricorder, den er schnell gezückt hatte bestätigte seine Befürchtung: ihre Vitalzeichen waren nicht mehr vorhanden und der Tricorder gab einen langen, mißtönenden Piepton von sich.
Das MHN riß ihre Bluse etwas auf und setzte ihr sofort einen Cardiostimulator auf die Brust. Dann injizierte er ihr eine Dosis Cortolin und gleich danach noch eine Dosis Dexalin.
Er nahm wieder seinen Tricorder in die Hand und sah erleichtert, daß Jannis Herz wieder anfing zu schlagen. Dann hustete sie noch Sand heraus. Er stütze ihr den Rücken und half ihr sich hinzusetzen um den Rest Sand auszuhusten.
Jannis Brust schmerzte und jeder Atemzug war eine Qual.
„Treibsand?“ fragte sie.
„Ja“, bestätigte das MHN und nahm ihr den Cardiostimulator wieder ab. „Es tut mir leid, ich hätte vorher den Weg abchecken sollen“, meinte er zerknirscht.
„Nicht Ihre Schuld“, meinte Janni. „Danke, daß Sie mich da rausgeholt haben.“
„Wir bleiben eine Weile hier und rasten“, sagte das MHN „und in der Zwischenzeit suche ich einen Weg durch den Treibsand.“
Janni nickte nur und legte sich in den Sand. Eine zeitlang hörte sie nur die Geräusche des Tricorders, dann sagte der Doktor: „Ich denke, wir können durchkommen.“
Er klappte den Tricorder wieder zu und kniete sich neben Janni in den Sand. „Wie fühlst Du Dich?“ fragte er und maß ihren Puls.
„Hab mich schon besser gefühlt um ehrlich zu sein.“
„Das glaube ich gern, hoffen wir, daß wir hinter dem Portal Wasser finden, sonst …“ das MHN verstummte.
„Sonst war’s das für mich meinen Sie“, sprach sie für ihn zu Ende. „Keine Sorge Dok, ich bin sicher, es ist nicht mein Schicksal, an Wassermangel zu sterben.“
Sie lächelte schwach. Das MHN erwiderte das Lächeln und meinte: „Da ist was dran.“

Sie blieben noch eine halbe Stunde sitzen bis das MHN meinte, Janni wäre fit genug um weiterzulaufen. Er folgte den Tricorderanzeigen im Zickzack durch den Sand und hatte Janni angewiesen, möglichst genau dorthin zu treten, wo er seine Füße hinsetzte.
Für sie war das doppelt anstrengend. Der Wassermangel und der Beinah-Tod hatten ihre Energiereserven komplett aufgebraucht und ihre Konzentration ließ spürbar nach. Einmal trat sie ein Stück neben die Spur des Doktors und ihr linkes Bein sackte sofort in den Sand ab. Hätte das MHN sie nicht blitzschnell zurückgerissen wäre sie wohl ein zweites Mal versunken.
Doch sie konnte einfach nicht mehr. Das MHN verschwamm immer mehr vor ihren Augen und seine Worte wurden nur noch ein immer leiser werdendes Gemurmel.
Sie spürte einen herrlichen Frieden in sich, seufzte leise und schloß dann die Augen. Ihre Sinne schwanden.
Das MHN fluchte. Jannis Puls war nur noch sehr schwach und er wußte, daß sie nicht mehr weitergehen können würde.
Er stabilisierte sie so weit es ging, dann hob er sie hoch und trug sie die restlichen 300m durch den Treibsand zur Ruine.
Dort angekommen fand er gleich eine Treppe, die hinunter ins Innerste führte. Doch bevor er so mir nichts dir nichts dort hinuntergehen würde, setzte er Janni ab und lehnte sie vorsichtig an die Steinmauer. Vorher überprüfte er, ob er in der Ruine mit unliebsamen Besuchern rechnen mußte.
Der Tricorder registrierte tatsächlich einen Skorpion, doch der schien gerade ausgehen zu wollen, denn er kam direkt die Treppe hoch. Das MHN zückte seinen Phaser und wäre das Tierchen weiter in seine Richtung gelaufen, hätte er es betäubt. Doch der Skorpion schien sich nicht weiter für die ungebetenen Gäste zu interessieren und steuerte schnurstracks in eine andere Richtung fort.
Da das der einzige Bewohner gewesen war laut Tricorder hob das MHN Janni wieder hoch und betrat vorsichtig die Treppe. Die war nicht sehr lang und er war schon bald am Fuße angekommen.
Die Treppe hatte ihn in einen kleinen Raum geführt, dessen Boden mit Sand bedeckt war und von drei Seiten von massiven Felswänden geschlossen war. Die Wände waren mit Hieroglyphen und Symbolen bedeckt doch das MHN sah nirgendwo etwas, das auch nur einem Tor ähnlich schaute.
Er hatte Janni vorsichtig auf den Sand abgelegt und suchte nun die Wände ab. In der mittleren Mauer war eine Vertiefung eingelassen, die eindeutig einzigartig hier war.
Der Doktor meinte, diese Umrisse schon einmal irgendwo gesehen zu haben, doch er kam gerade nicht drauf. Er überlegte, was er tun konnte um das Portal zu finden.
Janni lag wie tot auf dem Boden doch dann plötzlich kam ihm in den Sinn, woher er sie Umrisse kannte. Er kramte aus ihrem Rucksack das Buch heraus und starrte auf den Einband. Dieselbe Vertiefung wie an der Wand war dort zu sehen. Er schlug das Buch auf in der Hoffnung, es hätte sich wieder ergänzt, aber die Seiten waren immer noch leer.
"Verdammt", murmelte er und klappte das Buch wieder zu. Es schien, als wäre etwas massives auf dem Buchdeckel draufgewesen und er hatte die sichere Vermutung, daß dieses Etwas der Schlüssel war. Doch wo war das Symbol?
Es half nichts, er mußte es irgendwie schaffen Janni aufzuwecken. Sie würde es wissen.
Er überprüfte noch einmal ihre Vitalfunktionen und normalerweise hätte er einen Patienten in dieser Verfassung niemals eine Stimulanz verabreicht.
Vorher durchsuchte er allerdings noch den Rucksack von ihr in der Hoffnung, das fehlende Teil dort zu finden, aber er hatte kein Glück. Er holte das Hypospray hervor und probierte es erst mit einer Dosis Stokalin, das praktisch keine Nebenwirkungen hatte. Doch wie er es vermutete hatte war es zu schwach und Janni wachte nicht auf. Daher versuchte er es nun mit einer Dosis Cordrazin und diesmal hatte er Erfolg.
Jannis Lider zuckten und dann schlug sie die Augen auf. Ihre Lippen waren komplett aufgesprungen und ausgetrocknet und das MHN hob vorsichtig ihren Kopf ein Stück an. In einem der Wasserschläuche hatte er noch einen winzigen Rest Wasser herausgequetscht, das er Janni nun vorsichtig auf die Lippen und in den Mund rinnen ließ.
Sie konnte es kaum herunterschlucken, so wund war ihr Hals. Dennoch brachte sie ein zaghaftes Lächeln zustande.
"Janni, kannst Du mich verstehen?" fragte das MHN sacht.
Sie nickte unmerklich und brachte ein so leises "ja" zustande, daß das MHN dichter an sie herankam.
Er hielt ihr dann das Buch vor die Nase und fragte: "War auf dem Einband etwas drauf? Etwas aus Metall vielleicht?"
Sie nickte wieder schwach. "Ja, da war..." dann versagte ihre Stimme.
"Hast du es abgenommen?" fragte das MHN weiter.
Diesmal schüttelte Janni den Kopf.
"Abgefallen", meinte das MHN herauszuhören.
"Janni, es ist wichtig, weißt du, wo das Teil ist?" Das MHN wirkte nun äußerst angespannt.
Janni nickte erneut.
"Gut, und wo ist es? Hast Du es dabei?" fragte er hoffnungsvoll.
Wieder nickte Janni. Dann schaute sie auf ihren Bauch und brachte etwas hervor das wie "hab's umhängt" klang.
Das MHN begriff trotzdem den Inhalt, öffnete Jannis Weste und tastete ihren Bauch ab. Tatsächlich fühlte er etwas hartes, schweres.
Er zog ihre Bluse aus der Hose und tastet drunter nach ihrem Bauch. Schon fühlte er das kühle Metall und merkte, daß Janni das Symbol scheinbar ein einer Kette um ihren Hals trug. Er tastete in ihrem Kragen herum bis er die Kette spüren konnte und zog sie ihr vorsichtig ab.
Janni hatte inzwischen wieder das Bewußtsein verloren und bekam von alledem nichts mehr mit.
Das MHN löste die Kette von den beiden Ösen und drückte das Symbol in die Vertiefung in der Wand. Ein Rumpeln ertönte und die Mauer glitt einfach auseinander.
Als eine breite Lücke entstanden war verstummte das Geräusch und das Amulett fiel aus der Vertiefung auf den Boden. Das MHN brauchte diesmal keinen Scanner um herauszufinden, was ihn in diesem Raum erwartete. Er sah das leuchtend blaue Portal keine 5 Meter von ihm entfernt flackern.
Entschlossen keine Zeit zu verlieren sammelte er das Symbol wieder ein, setzte den Rucksack auf und trug dann Janni vor das Portal. Er konnte einen schwachen grünen Schimmer sehen als er hindurch sah, es hatte große Ähnlichkeit mit Bäumen. Das MHN zögerte nicht lange sondern trat durch das Tor in eine andere Welt.

Die Magie der Parallelwelt

Janni spürte einen lauen Luftzug über ihr Gesicht streifen. Ihr Bewußtsein war gerade erst dabei in die Wirklichkeit wiederzufinden und die ersten Geräusche drangen an ihr Ohr.
Das war eindeutig ein Vogelzwitschern, dachte sie noch im Halbschlaf und dann fühlte sie unter ihren Armen und Händen etwas, das sie leicht kitzelte.
Das war merkwürdig. Sollte sie nicht Sand spüren? Erinnerungen strömten auf sie ein, ein Meer aus Sand, der ihr den Atem nahm, Hitze, Durst und Trockenheit. Merkwürdigerweise fühlte sie sich gut, doch das konnte nicht sein. Eigentlich müßte sie sich wie ein Stück vertrocknetes Pergament fühlen, zumindest hatten ihre Gedanken mit diesem Gefühl aufgehört. Vielleicht war sie tot? Sie entschied sich, das einfach herauszufinden in dem sie langsam die Augen öffnete.
Das erste, das sie sah, war ein dichtes Blätterwerk voll hell- und dunkelgrüner Blätter. Dann rückte ein bekanntes Gesicht in ihr Blickfeld, das sie anlächelte.
„Willkommen zurück“, sagte das MHN und hielt seinen Scanner über sie.
Janni blickte sich langsam um und entdecke, daß sie auf Gras lag, links und rechts von Bäumen umgeben.
„Wo… wo sind wir?“ fragte sie verwirrt und wollte sich aufsetzen.
Das MHN half ihr und sagte dann: „Du bist kurz vor dem Ziel in der Wüste zusammengebrochen. Der Wassermangel hätte Dich fast umgebracht. In der Ruine habe ich dann das Tor gefunden und jetzt sind wir auf der Parallelwelt. Zum Glück kamen wir in einem abgelegenen Waldstück heraus wo es auch einen kleinen Fluß gibt. Du bist seit vier Tagen hier, ich hätte Dich einige Male fast verloren.“
„Vier Tage… war ich wirklich so lange weggetreten?“ fragte Janni überrascht.
Das MHN nickte. „Du warst in der Wüste praktisch ausgetrocknet und ich mußte es außerdem sogar einmal riskieren, Dich aufzuwecken. Du warst schon im Delirium. Hätte ich hier kein Wasser gefunden, dann ..." er sprach nicht weiter, doch Janni wußte, was er hatten sagen wollen.
"Es war wirklich knapp", erzählte er dann weiter. "Das Wasser mußte erst wieder langsam in Deinen Körper aber jetzt kann ich guten Gewissens behaupten, Du hast es geschafft. Wie fühlst Du Dich?“
„Richtig gut“, sagte sie. „Vielen Dank, daß Sie mir schon wieder das Leben gerettet haben Dok.“
„Das ist meine Funktion“, erwiderte das MHN und fügte noch hinzu als Janni etwas verlegen schaute: „Und es war mir ein Vergnügen.“ Er lächelte sie an und sie erwiderte das Lächeln.
Dann wollte sie genauer wissen, wie das MHN das Portal gefunden hatte und ob er schon etwas über den Planeten hier sagen konnte.
Der Doktor erzählte ihr, wie er in der Ruine die Steinwände untersucht hatte und das Symbol vom Buch als das identifiziert hatte, was er als Schlüssel verwenden musste, wie er sie geweckt hatte um danach zu fragen und schließlich, wie er durch das Portal trat und dieses hinter ihm gleich verschwunden war.
„Ich konnte inzwischen schon einige Scans vornehmen. Unter anderem konnte ich einmal Lebenszeichen von Humanoiden ausmachen. Sie waren nicht weit weg und ich konnte mich heranschleichen und sie beobachten.
Eli hatte wirklich Recht, hier scheint noch das Mittelalter zu herrschen, denn die beiden Humanoiden sahen aus wie Menschen und trugen Ritterrüstungen. Was das noch bestätigt ist das Fehlen der typisch industriellen Schadstoffe in der Luft. Diese Welt ist praktisch noch… unverbraucht. Die Ritter waren auf Pferden unterwegs und ihre Waffen waren Schwerter, Pfeil und Bogen.“
Janni sah zu ihrem Rucksack. „Ich denke, ich sollte mich dann umziehen.“
Damit stand sie auf, holte das Kleid hervor und fragte: „Wo ist der Fluß? Ich denke, ein Bad wäre auch mal angebracht.“
Sie kramte ebenfalls nach einer kleinen Flasche Duschgel und trabte dann in die Richtung, die das MHN ihr gewiesen hatte. Sie mußte eigentlich nur den kleinen Abhang hinunter, dann sah sie schon den Fluß.
Unten angekommen pellte sie sich aus ihren alten Klamotten und sprang dann ins kühle Naß. Der Fluß war hüfttief und das Wasser wie ein Jungbrunnen für sie.
Nachdem sie sich ausgiebig abgeschrubbt (sie hatte einfach etwas Sand vom Ufer genommen) und die Haare gewaschen hatte, fühlte sie sich gleich noch mal besser. Dann fiel ihr noch ein, daß es vielleicht gar nicht so dumm wäre ihre alte Kleidung noch auszuwaschen.
Als sie damit auch fertig war, tauchte sie noch einmal unter und kam dann aus dem Wasser. Zum Abtrocknen benutzte sie einfach das Tuch, das sie im Sandsturm um ihren Kopf geschlungen hatte, zog sich frische Unterwäsche an und schlüpfte danach in das Mittelalterkleid.
Dann packte sie die anderen Sachen zusammen und ging zurück zum Lager. Sie staunte nicht schlecht, als das MHN dort ebenfalls neu eingekleidet stand. Er hatte nun einen Wams an, der von einem Gürtel gehalten wurde, darunter eine Lederhose und an den Füßen Stiefel.
„Oh Doktor, Sie sehen aber nicht schlecht aus“, meinte Janni.
„B'Elanna hat mir dieses Outfit verpaßt, wobei ich denke, daß Mr. Paris ihr das Design vorgeschlagen hat. Du siehst aber auch sehr hübsch aus in dem Kleid“, gab der Doktor das Kompliment zurück.
Jannis Gesichtsfarbe wechselte ins zartrosa.
„Danke“, murmelte sie und lächelte verlegen. Dann legte sie ihre alte Kleidung auf einen großen Stein zum Trocknen aus.
Als sie damit fertig war bat sie das MHN nach etwas Feuerholz zu suchen. Dieser machte sich gleich auf den Weg.
Während er weg war suchte sich Janni ein paar größere Steine und ordnete sie auf einer relativ sandigen Fläche zu einem Kreis an.
Etwas später trat das MHN aus dem Wald, beladen mit einem großen Pack Ästen und Zweigen. Janni und er schichteten das Holz auf und kurz darauf hatte das MHN mit dem Phaser ein Feuer entfacht.
"Klasse, fehlt jetzt nur noch die Gitarre und Lagerfeuergesang... ganz zu schweigen von dem gebratenen Truthahn."
Merkwürdigerweise verspürte sie keinen Hunger, normalerweise hätte allein schon die Vorstellung eines Truthahns ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen lassen müssen, tat es aber nicht. Sie fühlte sich so gut wie schon lange nicht mehr.
Und dann kam ihr das Wort "Lagerfeuergesang" noch einmal ins Gedächtnis und eine heiße Welle durchflutete sie. Sie traute sich fast nicht zu fragen, aber sie mußte.
"Ehm... Doktor?" stammelte sie und wurde etwas rot.
Das MHN sah sie fragend an.
"Ich... ich dachte, vielleicht... ehm...würden Sie vielleicht etwas mit mir singen?" Janni schaute das MHN bittend an. Sie wußte natürlich, wie gut der Doktor singen konnte, sie selber war allerdings auch nicht schlecht. Schließlich hatte sie mehrere Jahre lang Gesangsunterricht genommen und immer wieder gehört, was sie für eine schöne Stimme hatte.
Die Augen des MHN blitzen auf und er sagte sofort mit Begeisterung: "Aber gerne, was wollen wir denn singen?"
"Wie wäre es mit You are my sunshine? Das haben Sie mal mit Seven gesungen. Ich könnte die erste Stimme singen und Sie wieder die zweite?" schlug sie vor.
Das MHN überlegte einen Moment und meinte dann: "Ich denke, das ist ein guter Einstieg."
Und dann fing Janni an zu singen. Der Doktor war überrascht, ihre Stimme war ein schöner Sopran und sein Tenor würde gut passen. Er fiel in das Lied ein und bei der Wiederholung sang er die zweite Stimme.
Für einen Moment meinte Janni, die Zeit wäre verlangsamt. Die Funken vom Lagerfeuer schienen in der Luft nur in Zeitlupe zu verpuffen und sogar die Pollen in der Luft schienen langsamer zu werden und anzufangen wie Sterne zu glitzern.
Gebannt sang sie weiter und schaute zu einem nahen Baum herüber. Vor dem Stamm wirbelten einige Blätter auf, doch es sah eher aus wie eine Elfe, die tanzte. Die Blätter bildeten eindeutig eine Figur nach.
Die Melodie verklang und auch das MHN schaute gebannt zu der Blätterfigur, die gerade wieder in sich zusammen fiel.
"Was war das?" fragte er. "Hast Du das auch gesehen?"
"Wenn Sie die Blätterfee und die verlangsamten Partikel meinen, ja", antwortete Janni. "Es hat angefangen, als wir gesungen haben", fügte sie hinzu.
Das MHN holte den Tricorder hervor, konnte aber nichts ungewöhnliches feststellen.
"Machen wir noch einen Versuch", schlug er vor, reichte dem Mädchen das GErät herüber und fing an zu singen. Doch diesmal passierte nichts ungewöhnliches. Janni hielt den Tricorder vor sich doch dieser zeigte auch nichts an.
Als das MHN verstummte schaute er sie verzückt an.
"War das nicht wunderschön? Die Blüten sind immer wieder hochgewirbelt..."
"Also, ich habe diesmal gar nichts mitbekommen", meinte Janni verwirrt.
"Hm, vielleicht ist es nur sichtbar für den, der selber singt?" mutmaßte das MHN. "Probier Du es einmal aus." Er nahm Janni den Tricorder ab und wartete.
"Tis the last rose of summer, left blooming alone", begann Janni zu singen.
Um sie herum passierte es wieder - die Blüten fingen an zu tanzen, die Funken des Feuers waren wie kleine Feuerwerke und die Blütenfee tanzte auch wieder. Das MHN ließ derweil wieder den Tricorder aufzeichnen, doch es war wie bei Janni, als er nur gesungen hatte. Für ihn passierte nichts außergewöhnliches.
Dann hörte Janni auf und sie sagte: "Auf dieser Welt gibt es Magie."
Das MHN zog die Augenbrauen hoch.
"Magie? Vielleicht gibt es eine ganz simple Erklärung dafür, die völlig natürlich ist", widersprach das MHN. Er konnte sich nicht vorstellen, daß Magie wirklich existierte. Also wirkliche Magie. Doch Janni schüttelte den Kopf.
"Ich weiß, daß es merkwürdig klingt, aber auch das Buch ist magisch. Oder wie erklären Sie sich sonst, daß die Seiten manchmal beschrieben, manchmal leer sind und eine Verbindung zum 24. Jahrhundert mit der Voyager besteht?"
Das MHN wusste darauf keine rechte Antwort und schwieg daher.
Janni redete weiter: "Wir sollten morgen früh aufbrechen und etwas mehr über diese Welt erfahren. Ich denke, es wird hier auch noch andere Formen der Magie geben. Ich bin schon neugierig, welche. Und da wir gerade bei Magie sind..."
Sie zog das Buch hervor und klappte es in der Mitte auf, und ihr Gefühl hatte sie nicht getrogen - die Seiten hatten sich erneut gefüllt. Janni winkte das MHN heran und beide lasen:

Der Stein zu Corith verborgen liegt,
der Wächter dort noch unbesiegt.
Dem Schwert der Flammen wird obliegen,
ob den Wächter kannst besiegen.
Bist du feige, voller Tücke und List,
so ist der Tod dir gewiss.
Das Schwert nur dem dann beistehen wird,
der voll Liebe ist und Treue schwört.

Weiter stand nichts im Buch drin und das MHN und Janni gingen die Zeilen noch einmal einzeln durch.
"Der Stein zu Corith verborgen liegt... Corith, das wird dann vermutlich eine Stadt oder Areal sein", überlegte Janni. "Da müssen wir uns durchfragen. Der Wächter noch unbesiegt?"
"Also wird der Stein bewacht. Von wem oder was aber?" ergänzte das MHN.
"Das werden wir noch herausfinden. Wie geht's weiter..." Janni las die nächsten zwei Zeilen laut und überlegte dann.
"Ganz am Anfang des Buches war auch noch ein Gedicht. Darin hieß es unter anderem..."
Janni kramte kurz in ihrem Gedächtnis nach der Zeile und zitierte dann: "Finden wirst Du Feind und Schwert, doch auch ein Freund, der zu Dir steht. Heißt das, wir müssen erst noch ein bestimmtest Schwert suchen? Das Schwert der Flammen? Oder sollten wir einfach eins schmieden lassen?"
"Wir könnten uns diskret erkundigen, ob hier schon mal jemand von so einem Schwert gehört hab. Sonst müssen wir uns ein anderes besorgen. Und scheinbar werden wir noch einen Gefährten finden der uns hilft", interpretierte das MHN den zweiten Satz.
"Nun, das wäre sicher von Vorteil, zumal wir von dieser Welt gar nichts wissen."
Janni stimmte dem zu und las dann die letzten vier Zeilen vor. "Also, damit kann ich jetzt nicht wirklich etwas anfangen um ehrlich zu sein."
"Scheinbar kann das Schwert nur jemand benutzen, der es ehrlich meint. Zumindest würde ich das so verstehen. Aber ich denke, das werden wir früher oder später auch noch herausfinden. Jetzt sollten wir uns erst einmal auf die Suche nach diesem Corith machen", sagte das MHN. Janni nickte zustimmend und dann fiel ihr noch etwas ein.
"Dok, ich weiß, daß das jetzt vermutlich nicht der passende Moment ist, aber... ich fürchte, Sie brauchen einen Namen. Im Mittelalter gelten Rang und Namen etwas. Sie können sich schlecht als 'Doktor der Voyager' vorstellen", kicherte Janni beim Gedanken daran.
Das MHN verzog den Mund. "Da ist was dran. Irgendwelche Vorschläge?"
"Hm, ich weiß nicht, ob die Namen auf dieser Welt Ähnlichkeit mit denen von unserer Vergangenheit haben, aber passen würde zu Ihnen.. Anselm von ehm... das müssen wir noch herausfinden von was."
"Anselm", überlegte das MHN, "für diese Welt passend. Aber ich denke, Du solltest Dir ebenfalls einen anderen Namen zulegen. 'Janni' wird es hier sicher auch nicht geben."
Das MHN grinste. Gerechtigkeit mußte sein. Janni pustete eine Haarsträhne aus ihrem Gesicht.
"Na schön, na schön, stimmt schon. Vielleicht kann man den Namen etwas.. ausbauen?"
"Weißt Du", das MHN sah Janni nachdenklich an, "ich finde, 'Johanna' würde gut passen."
Janni zog eine Schnute und das MHN mußte lachen.
"Nein wirklich", beteuerte er, "der Name wäre sehr passend."
Janni seufzte theatralisch. "Also gut, dann Johanna. Sowas... ", sie murmelte noch ein paar Worte vor sich hin, dann meinte das MHN: "Da ich jetzt vorläufig auch einen Namen habe gäbe es da noch zwei weitere Punkte: Erstens, als wen geben wir uns aus?"
Er hielt den zweiten Punkt noch zurück um erst einmal den ersten klären zu können. "Wie wäre es mit einer Herzogin und ihrem Leibarzt?"
Janni winkte ab. "Lieber nicht, ich glaube nicht, daß im Mittelalter die feinen Damen in Gesellschaft ihres Leibarztes allein gereist sind. Eher hatten sie ein paar Ritter dabei zum Schutz. Ich denke, unsere Kombination könnte man vielleicht eher als Händler mit seiner Nichte ausgeben. Was halten Sie davon?"
"Eine hervorragende Idee, und damit kommen wir gleich zum zweiten Punkt: Wenn ich schon Dein Onkel bin, dann gewöhn Dich jetzt schon mal dran 'Onkel Anselm' und 'Du' zu sagen, Johanna."
Janni wurde wieder mal etwas rot.
"Geben Sie mir...", sie seufzte, das fing schon gut an. "Gib mir etwas Zeit um mich daran zu gewöhnen, Onkel Anselm."
"Einverstanden. Du hast exakt 5 Minuten."
Janni mußte lachen und das MHN fiel mit ein. Dann endlich hatten sie das Gefühl, alles relevante besprochen zu haben und da die Nacht schon hereinbrach stopfte sich Janni mit ihrem Kleid in den Schlafsack und meinte noch: "Dok, was machen wir mit den Rucksäcken? Ich glaube nicht, daß es sowas im Mittelalter schon gab."
"Solange uns niemand damit sieht können wir sie nehmen. Wenn wir Gesellschaft bekommen sollten, dann müssen wir sie kurzzeitig verstecken bis wir einen brauchbaren Ersatz gefunden haben. Und apropos Ersatz, hast Du Dir mal Gedanken um Deine Schuhe gemacht? Solide Wanderschuhe zu einem Kleid... naja, wenigstens ist das Kleid bodenlang und verdeckt sie ganz gut. Umhänge brauchen wir auch."
"Ist gut", gähnte Janni, "aber auf Raubzug gehen wir morgen, okay? Ich bin hundemüde."
"Schlaf gut, ich werde aufpassen die Nacht."
"Vielen Dank... Onkel Anselm", schäkerte Janni, dann schloß sie die Augen und war kurz darauf eingeschlafen.

Gefahren des Mittelalters

Der nächste Morgen brachte Feuchtigkeit und Nebel mit sich. Janni und das MHN räumten ihre Sachen ein und kurz darauf waren sie schon wieder unterwegs.
In einigen Meilen Entfernung schien es einen Weg zu geben, denn der Tricorder hatte immer wieder Lebenszeichen orten können. Die beiden hielten sich möglichst im Wald parallel zur Straße und beobachteten die Leute, die vorbeikamen. Dabei machten sie einige wichtige Entdeckungen. Erstens schienen sie auf dem Weg zu einer Stadt zu sein, denn die Leute gingen mit Waren beladen oder geschäftig alle in Richtung Osten und diejenigen, die Richtung Westen gingen, hatten alle leere Kiepen und Karren.
Das nächste, das ihnen auffiel war, daß immer wenn Ritter in schwarzer Kleidung und einem roten Symbol auf dem Wappenrock daherkamen, die Leute eilig zur Seite sprangen und offensichtlich Angst hatten. Einmal konnten Janni und das MHN beobachten, wie ein solcher Ritter einfach eine Frau auf sein Pferd holte und davon ritt. Sie wehrte sich heftig und Janni wollte sie gar nicht ausmalen, was ihr bevor stand. Sie würden vorsichtig sein müssen.
Mit der Zeit wurde der Wald lichter und rechts von ihnen tat sich allmählich eine Schlucht auf, die den beiden gar keine Wahl ließ als ein Stück auf dem Weg zu gehen.
Und dann passierte auch das, wovor Janni sich etwas gefürchtet hatte, denn ein anderes Händlerpaar sprach sie an. Natürlich wandten sie sich an das MHN.
Es waren zwei Männer und dann machte Janni noch eine wichtige Entdeckung, die ihr eigentlich hätte vorher klar sein müssen: Sie verstand kein Wort von dem, was die Männer redeten.
"Mella, finoth jel fasenja jol eren", sagte der eine Mann zum MHN und schaute dabei in Jannis Richtung.
"Nesta lejan, iljen aj lirith'ej e falder'e", antwortete das MHN und drehte sich kurz zu Janni um.
"Finoth eren findrath. Mella'na." Das MHN deutete eine kurze Verbeugung an und die Männer taten dasselbe. Dann zogen sie weiter. Neugierig kam Janni näher.
"Was habt ihr geredet?" fragte sie.
Das MHN antwortete: "Sie haben uns vor den Rittern gewarnt, gerade weil Du in ihr Beuteschema paßt. Ich habe Ihnen gesagt, daß wir aufpassen werden und mich bedankt. Du hast kein Wort verstanden, nicht wahr?"
Janni schüttelte den Kopf. "Klang aber sehr melodisch", meinte sie.
Das MHM tastete derweil unter seinen Wams, holte dann sein Combadge heraus und überreichte es ihr.
"Versteck den unter deiner Kleidung, es ist auch ein Universalübersetzer, aber das muß ich Dir sicher nicht sagen."
Janni bedankte sich und befestigte ihn an ihrem Top, das sie unter dem Kleid trug.
Dann zogen sie weiter. Bald lief die Schlucht weiter nach rechts weg und die beiden konnte sich wieder zwischen die Bäume verziehen. Das MHN blieb plötzlich stehen und hielt Janni ebenfalls zurück.
"Schau, zwischen den Bäumen da, das ist eine Stadtmauer." Er zeigte in eine Richtung und Janni folgte seinem Blick. Auch sie sah es.
"Vielleicht... wäre es besser wenn ich erst einmal hier bleibe? Ich glaube, es gab damals an den Stadttoren Wachen die die Herkunftspapiere kontrolliert haben. Das Problem ist, daß wir keine haben. Vielleicht kannst Du etwas... klarmachen?"
Das MHN nickte. "Ich werde erst mal auf Beobachtungsposten gehen. Aber erst suchen wir einen guten Platz, wo Du bleiben kannst."
Die beiden gingen tiefer zwischen die Bäume und nach einer guten halben Stunde kamen sie in die Nähe eines breiten Baches. Sie schlugen ihr Lager in der Nähe auf, Janni hatte vor, während der Abwesenheit des MHN zu baden.
"Wir müssen unbedingt noch etwas zu Essen für Dich besorgen, Du hast seit fast einer Woche so gut wie gar nichts zu Dir genommen", meinte das MHN als er Feuerholz brachte.
Janni strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. "Das hat Zeit, ich fühle mich so gut wie schon lange nicht mehr und hungrig bin ich auch nicht", sagte sie.
Das MHN blickte sie streng an. "Hast Du vor kurzem Deine Ausbildung zur Medizinerin abgeschlossen?" fragte er mit blitzenden Augen.
"Nei...nein", stammelte Janni, überrascht von seiner Härte.
"Gut, dann denke ich, werde ich mir wohl erlauben dürfen als voll ausgebildeter Mediziner besser zu wissen als Du, was wichtig für Dich ist?" schimpfte das MHN.
Janni schaute das MHN völlig perplex an. Sie hätte nie gedacht, daß er richtig wütend werden könnte.
"Ich... ja Doktor", sagte sie zerknirscht.
Er hockte sich neben sie und schaute sie an. "Hey, Du wärst fast verdurstet, setzt nicht noch verhungern auf die Liste, obwohl das sicher länger dauert. Ich mache mir Sorgen." Das MHN schlug nun einen sanfteren Ton an.
Janni seufzte. "Du hast ja Recht", lenkte sie ein. "Aber ich habe trotzdem keinen Hunger", maulte sie.
"Natürlich nicht, schließlich hast Du seit einer Woche nichts gegessen, da ist das Hungergefühl auch weg. Ich werde jetzt losgehen und Du suchst bitte in der Zwischenzeit nach etwas Essbarem", sagte das MHN bestimmt und machte sich dann fertig zum Gehen. Vorher zündete er allerdings noch das Feuer an.
Für alle Fälle nahm er den Phaser neben dem Tricorder mit.
Es war bereits Spätnachmittag und es wurde kühler. Janni beschloß, erst dem Wunsch des MHN zu folgen und sich nach etwas Eßbarem umzusehen. Sie streifte durch das nahe Gebüsch aber hier gab es keinen Strauch oder ähnliche Pflanzen, die nur annähernd irgendetwas trugen, das eßbar war.
Sie suchte gewissenhaft bis es anfing dunkel zu werden, dann beschloß sie, noch schnell baden zu gehen. Vorher legte sie noch etwas Holz nach, dann ging sie hinunter zum Bach.
Es gab sogar einen breiten Sandstreifen und in der Nähe lag ein umgestürzter Baumstamm, auf dem sie ihr Kleid ablegte. Das Wasser war fast unangenehm kalt und sie brauchte einen Moment, bis sie ganz untertauchen konnte. Dann schrubbte sie sich mit dem Sand die Haut und mit dem letzten Rest ihrer Lotion wusch sie die Haare aus.
Als sie fertig war mit baden war es schon so schummrig geworden, daß sie den Baumstamm, auf dem ihr Kleid lag, nur noch als dunklen Umriß ausmachen konnte.
Zeit wieder zurückzugehen, dachte sie und kam aus dem Wasser. Sie trocknete sich ab und beschloß dann, wenigstens ihre Unterwäsche schnell zu waschen.
Also ging sie zum Fluß zurück und wusch sie schnell aus. Der Wind frischte auf und ihr wurde langsam kalt. Die nassen Sachen legte sie auf den Baumstamm zum trocknen und zog sich dann das Kleid über. Es würde reichen bis ihre Wäsche wieder trocken war. Das Combadge heftete sie sich kurzerhand unter einer Kleiderfalte ein Stück oberhalb ihrer Brust an.
Gerade als sie sich aufmachte zum Feuer zurückzugehen hörte sie hinter sich Stimmen und Hufgeklapper. Sie blickte sich um und schon tauchten hinter ihr aus dem Dunkeln drei Reiter auf. Es waren genau die, vor denen das MHN gewarnt wurde. Janni erkannte sie an ihrem Waffenrock.
Schnell tauchte sie hinter den Baumstamm und versuchte ganz ruhig zu bleiben.
"Hier muß jemand sein, das Feuer ist ganz in der Nähe", hörte sie eine Stimme. Dann folgte ein klirrendes Geräusch, das näher kam.
Jannis Herz pochte schneller als ihr siedendheiß einfiel, daß ihre Wäsche noch auf dem Baumstamm lag. Ganz vorsichtig und leise tastete sie mit ihrer Hand nach oben und versuchte sie herunterzuziehen. Doch noch bevor ihre Hand überhaupt ihre Kleidungsstücke berühren konnte, blickte sie auf ein paar Schuhe, die direkt vor ihr standen.
Erschrocken blickte sie auf und sah in das von Pockennarben entstellte Gesicht eines ganz fies ausschauenden Mannes.
"Hey, ich hab hier war Schönes gefunden!" rief er seinen Kumpanen zu.
Janni wollte weglaufen doch eine Hand packte sie am Handgelenk und sie wurde zurückgerissen. Stinkiger Atem schlug ihr entgegen als der Kerl sie küssen wollte. Im letzten Moment drehte sie den Kopf zur Seite und entging so seinem Mund.
Die beiden anderen waren inzwischen dazugestoßen und einer band ihr die Hände mit einem groben Strick zusammen.
Janni schrie aus Leibeskräften um Hilfe doch dann hatte sie schon eine Hand vor dem Mund und die Männer fluchten.
"Verdammtes Weib, halt den Mund!" schrie einer.
"Knebelt sie", sagte ein anderer.
Janni wehrte sich so gut sie konnte und einmal rutschte die Hand von ihrem Mund und sie nutzte noch einmal die Gelegenheit und schrie. Ihre einzige Hoffnung war, daß der Doktor in der Nähe war und sie hörte. Doch scheinbar blieb ihr das Glück verwehrt.
Dann wurde ihr ein Stock zwischen die Zähne geschoben, der mit einem Tuch an beiden Seiten befestigt war. Sie wurde zu Boden gedrückt und kniete nun im Sand.
"Mathes, komm her, wir hatten schon lange nicht mehr das Vergnügen. Du bist der Erste."
Mathes wirkte etwas verlegen, er hatte vorher noch nie eine Frau genommen. Er öffnete seine Hose vorn und während er sich an seinem Glied zu schaffen machte, das noch ganz schlaff war, zerrten die beiden anderen Janni bäuchlings über den Baumstamm, so daß sie nun unfreiwillig den dreien ihren Hintern entgegen streckte.
Ihr Kleid wurde hinten hochgerissen und dann durchzuckte sie ein stechender Schmerz, als ihr einer seinen Mittelfinger tief in die Scham steckte.
"Hier mußt Du rein, Mathes", sagte der eine und dann wurde der Finger wieder herausgezogen.
Das Glied von Mathes war gerade halbsteif und Janni spürte, wie er gerade in sie eindringen wollte, da hörte sie auf einmal die beiden anderen fluchen und dann fiel ein Kopf vor sie in den Sand und starrte sie mit leblosen Augen an.
Sie schrie auf, aber zu hören war nur ein dumpfes Geräusch. Sie hatte immer noch den Knebel zwischen den Zähnen.
Hinter ihr klirrte Stahl auf Stahl und Janni hörte ein gurgelndes Geräusch kurz darauf.
Dann war Stille und der eine Soldat trat blutverschmiert wieder zu ihr heran.
"Du Miststück, war das Dein Freund? Soldaten des Ordens? Er ist tot, und Du wirst dafür büßen!" brüllte er außer sich vor Wut.
Dann spürte sie wieder seine Finger in ihr und sie versuchte sich wegzuwinden, aber es half nichts.
Doch plötzlich hörte sie noch ein gurgelndes Geräusch und der Körper von ihrem Peiniger fiel auf sie drauf.
Sie rang nach Luft, der Kerl war verdammt schwer und der Stock behinderte sie beim Atmen. Doch gleich darauf wurde das Gewicht von ihr entfernt, jemand zog ihr Kleid herunter und hob sie dann sanft von Baumstamm herunter.
Dann trat ein junger Mann vor sie, seine linke Seite war blutüberströmt doch trotz der Wunde lächelte er sie freundlich an und während er sie von den Fesseln und dem Knebel befreite sagte er: "Habt keine Angst, ich werde Euch nicht schaden."
Als er Janni befreit hatte trat sie unwillkürlich einen Schritt zurück. Auf dem Boden lagen drei Leichen.
Sie blickte ihren Retter an und sagte: "Vielen Dank dass Ihr mich gerettet habt, aber... wer seid ihr? Und wer waren diese Leute?"
Dann blickte sie wieder auf seine Seite, aus der immer noch das Blut strömte und bevor er was sagen konnte rief sie: "Ihr seid verletzt!"
Hinter ihr raschelte etwas und eine Stimme rief: "Keine Bewegung, weg von ihr!"
Es war das MHN, das mit einem Phaser auf den jungen Mann zielte und jetzt die drei Leichen sah.
"Was zum Teufel war hier los?" fragte er mit einem besorgten Blick auf Janni. Diese reagierte sofort und stellte sich vor ihren Retter.
"Anselm, er hat mich gerettet, bitte hilf ihm, er hat eine üble Wunde!"
Das MHN ließ sofort den Phaser sinken und trat zu dem Verletzten. Ein Blick auf die Wunde reichte schon und er sagte: "Bringen wir ihn zum Feuer. Schnell."
Die beiden halfen dem jungen Mann zu ihrem Lager und während Janni seinen Kopf auf ihren Schoß bettete, holte das MHN unbemerkt ein Hypospray heraus und betäubte ihn.
"So, er ist bewußtlos für die nächste Zeit. Was ist passiert?"
Während er sprach hatte er schon seinen Tricorder gezückt und behandelte bereits die Wunde.
Janni schluckte, erst jetzt kam ihr wirklich in den Sinn, welcher Gefahr sie entrannt war. Sie schwieg und sah dem MHN zu, wie er die Wunde mit dem Dermalregenerator langsam schloß, nachdem er mit den Laserskalpell einige Organe geflickt hatte.
Er brauchte nur ein paar Minuten, dann verabreichte er dem Patienten noch eine Breitbandantibiotikum und sah Janni prüfend an.
"Was war los? Wurdest Du überfallen?" hakte er nach.
Janni nickte langsam und dann kamen in ihr die Tränen hoch. Die Wüstentour, die Beduinen, die sie auf dem Sklavenmarkt verkaufen wollten, der Treibsand, die fremde Welt und jetzt noch der Überfall mit einer Beinah-Vergewaltigung... Sie war an einem Punkt, wo ihr einfach alles zu viel wurde. Sie warf sich dem MHN in die Arme und schluchzte haltlos.
Er hielt sie fest, streichelte ihr den Rücken und murmelte ein paar beruhigende Worte. Nach ein paar Minuten hatte sie sich dann endlich die angestauten Emotionen herausgeweint und sie hatte sich so weit beruhigt, dass sie dem MHN erzählen konnte, was vorgefallen war.
Als sie geendet hatte sagten beide eine zeitlang nichts.
Der Doktor ergriff schließlich das Wort: "Wenn Du möchtest, kann ich Dir heute Nacht etwas geben daß Dich traumlos schlafen lässt", bot er an.
Sie nickte. "Dafür wäre ich ausnahmsweise sehr dankbar", meinte sie.
Dann fiel ihr Blick wieder auf ihren unbekannten Retter und sie sagte: "Weißt Du, ich habe schon überlegt ob er nicht unser Freund ist, der uns zur Seite steht." Sie strich dem Unbekannten sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Das MHN sah es und hob eine Augenbraue, ließ die Geste aber unkommentiert. Er sagte nur: "Ich denke, das werden wir am besten morgen noch herausfinden. Geh jetzt schlafen, ich halte Wache und er schläft auch bis morgen durch."
Janni nickte, aber bevor sie in ihren Schlafsack kroch wollte sie noch vom Doktor wissen, was er zu berichten hatte.
"Es ist, wie Du es gedacht hast", sagte er. "Am Tor stehen Wachen und man muß seine Herkunftspapiere zeigen. Aber ich konnte mich unbemerkt hineinschleichen und habe das hier mitgebracht."
Er holte einen Stapel Pergament hervor und Tinte mit einer Feder.
"Hiermit können wir uns entsprechende Papiere herstellen", meinte er. "Ich konnte sogar ein Muster... ehm.. ausleihen." Und damit holte er ein weiteres Schriftstück hervor.
"Hast Du etwas zu Essen gefunden?" fragte er dann noch.
"Nein, tut mir leid, hier wächst nichts, was man essen könnte."
Das MHN brummte. "Spätestens morgen werden wir etwas besorgen müssen", erklärte er bestimmt.
Janni antwortet nicht, sondern vergrub sich in ihrem Schlafsack.
Das MHN nahm das als Zeichen, daß sie jetzt schlafen wollte und gab ihr wie versprochen eine Dosis Morphazin. Sofort war sie eingeschlafen und das MHN blieb mit seinen Gedanken allein am Feuer zurück. Der Vorfall heute war ihm eine Lehre.
Daß sie hier allein blieb kam nicht mehr in Frage, und wer war der junge Mann, der sie gerettet hatte? Konnte man ihm trauen?
Er holte noch mal seinen Tricorder hervor und scannte beide. Die Wunde des Mannes würde bis morgen ausgeheilt sein und Janni... nun ja, physisch ging es ihr soweit ganz gut. Was allerdings ihre Seele anging, die hatte definitiv heute sehr gelitten, hinzu kamen die vergangenen Erlebnisse. Er würde ein Auge auf sie haben. Mehr als eins in dieser Welt.

Ein Verbündeter

Als Janni am Morgen erwachte fühlte sie sich ausgeruht. Doch dann kamen die Schrecken der letzten Nacht wieder in ihre Gedanken und sie unterdrückte mit Mühe den Kloß, der sich in ihrem Hals formte.
"Guten Morgen", begrüßte sie das MHN, das mit Feder und Tinte zugange war.
"Ah, Du bist wach. Gerade zur rechten Zeit, unser 'Freund' wird auch gleich aufwachen."
Als ob es ein Wecksignal gewesen war, bewegte sich der junge Mann und schlug dann die Augen auf.
"Guten Morgen", begrüßte ihn das MHN.
"Hallo", sagte Janni und lächelte. Der junge Mann schaute erst etwas verwirrt, dann schien er sich zu erinnern.
"Seid gegrüßt", sagte er und tastete nach seiner Seite. Überrascht stelle er fest, daß die Haut glatt verheilt war. Er fuhr hoch.
"Ich war verletzt, habt Ihr mich wieder geheilt?" wandte er sich an Janni. Die deutete lächelnd auf das MHN.
"Mein Onkel hat Euch gerettet, er ist Heiler." Das MHN grinste.
"Und zwar ein guter, wie ich meine", fügte er hinzu.
"In der Tat", bemerkte der junge Mann, "ich würde schon behaupten, ihr beherrscht die Magie perfekt."
Janni und das MHN schauten sich an, dann fragte Janni: "Verratet Ihr uns Euren Namen?"
"Oh natürlich, wie unhöflich von mir. Gestatten: Thomas von Jalen."
Dann machte er vor Janni eine elegante Verbeugung und ebenso vor dem Doktor.
"Da ich mich nun vorgestellt habe, verratet Ihr mir Eure Namen?"
Das MHN sprach zuerst: "Anselm ist mein Name und das hier ist meine Nichte Johanna. Wir sind Händler."
Thomas musterte die beiden genau und nickte dann. "An Euch ist freilich etwas seltsames, aber ihr seid reinen Gewissens. Habt ihr mein Schwert gefunden?" fragte er.
"Ich denke, es wird noch am Flußufer liegen", meinte Janni bedauernd.
"Dann werde ich es schnell holen."
Thomas ging Richtung Fluß und Janni fragte das MHN: "Was glaubst Du, können wir ihm trauen?"
Der Doktor überlegte kurz und meinte dann: "Ich denke schon. Immerhin hat er Dich vor diesen Männern gerettet. Aber warten wir es ab. Ich werde jedenfalls wachsam sein. Und wir müssen ab jetzt immer unsere Sachen vor ihm verstecken. Räum schnell den Schlafsack weg, ich glaube, noch hat er ihn nicht gesehen."
Janni rollte ihn in Windeseile zusammen und dann schaute sie sich um, ob noch irgendwo verräterische Sachen herumlagen, die im Mittelalter nichts zu suchen hatten.
Dann hörten sie, wie Thomas zurückkam. Sein Schwert steckte wieder in der Scheide und er hatte seine Kapuze heruntergezogen.
Janni bekam große Augen. Sie kannte diesen Mann irgendwoher. Dann fiel es ihr ein, auf dem Flug nach Luxor hatte sie Tim kennengelernt... dieser Thomas hätte sein Zwilling sein können.
"Stimmt etwas nicht, Mylady?" wurde sie von Thomas gefragt.
"Oh, es ist nichts", sagte sie hastig. "Ich möchte mich noch einmal bedanken, daß Ihr mich gestern gerettet habt Thomas."
Ihre Stimme zitterte leicht und unbemerkt hatte sie ihre Hände zu Fäusten geballt.
Thomas bemerkte es nicht, doch dem MHN fiel es auf.
"Ihr hattet Glück, daß ich gerade in der Nähe war, aber bitte erlaubt mir zu fragen: Was habt ihr in Gottes Namen allein dort gemacht? Wißt Ihr nicht, wie gefährlich es ist als hübsche Maid allein zu sein? Haben die Männer Euch sehr weh getan?" Thomas klang überaus besorgt.
Janni spürte wieder diesen Druck in der Kehle und schüttelte den Kopf.
"Sie... hatten noch keine Gelegenheit dazu, nicht wirklich zumindest."
Schnell wandte sie sich ab und wischte sich die Tränen aus den Augen.
"Johanna", sagte Thomas sanft und trat ein Stück hinter sie. "Ich möchte Euch gerne beschützen, bitte, nehmt mich und mein Schwert in Eure Dienste."
Thomas kniete vor ihr nieder, senkte den Kopf und stützte sich auf sein Schwert.
Janni war sprachlos und wußte nicht, was sie tun sollte. Hilfesuchend blickte sie das MHN an, der ihr schmunzelnd zunickte.
Sie schaute wieder auf Thomas hinab und sagte dann, in der Hoffnung, es sei das Richtige: "Sehr gerne Thomas. Hab vielen Dank."
Sie streckte ihm ihre Hand entgegen und Thomas küßte sie zuerst, dann sagte er: "Ich schwöre bei meinem Leben, daß ich Euch immer beschützen werde Mylady."
Dann stand er auf und fragte: "Wie ist Euer erster Befehl für mich?"
Janni mußte lachen, dann sagte sie: "Mein erster Befehl an Euch, lieber Sir Thomas ist, daß Ihr mich ab jetzt nur Johanna nennen braucht. Ich bin keine Lady."
In Thomas' Augen blitze der Schalk.
"Dann mußt Du mich aber auch nur Thomas nennen." Er schenkte Janni ein strahlendes Lächeln.
"Einverstanden", sagte sie.
"Ich denke, das gilt auch für meinen Onkel Anselm?" fragte sie mit einem bittenden Blick auf das MHN.
Dieser nickte und meinte nur: "Aber selbstverständlich."
Thomas blickte das MHN und meinte: "Wir sollten die Leichen noch verstecken, sollten die Wachen des Königs sie finden werden sie uns überall suchen."
Das MHN nickte.
"Ich komme mit", sagte Janni mit zittriger Stimme. "Ich... ich möchte lieber nicht noch mal allein bleiben."
Das MHN schaute Thomas bedrückt an doch dieser nickte nur leicht.
"Einverstanden, aber Du wirst weit genug entfernt warten bis wir fertig sind", sagte das MHN.
Janni hatte daran nichts auszusetzen. Das Bild des Kopfes, der auf einmal vor ihr herunterfiel würde sie sowieso ein Leben lang begleiten, noch mehr konnte sie sich durchaus ersparen.
"Ich werde noch schnell Shandis holen, dann können wir anfangen", sagte Thomas und verschwand zwischen den Bäumen.
"Shandis?" fragten Janni und das MHN zur gleichen Zeit und schauten sich an.
"Hat er etwa seine Freundin dabei?" überlegte Janni.
"Wir werden es bald erfahren, nehme ich an. Aber da wir jetzt noch mal unter uns sind: Ich denke, Thomas ist ein absoluter Glücksfall. Er kann uns sicher sagen, wie wir nach Corith kommen können. Und vielleicht hat er sogar schon mal etwas vom dem Schwert der Flammen gehört."
Janni hob auf einmal ihren Kopf und lauschte. "Hörst Du das?" fragte sie leise.
Das MHN lauschte. Auch er hörte seltsame Geräusche. Dann teilten sich die Bäume und Thomas kam mit einer wundervollen, honigfarbenen Stute heraus.
"Das ist Shandis", meinte er stolz.
"Oh, sie ist wunderschön!" hauchte Janni begeistert und trat vorsichtig näher.
"Darf ich sie anfassen?" fragte sie höflich.
Thomas nickte. Janni streckte die Hand, so daß die Stute erst einmal Zeit hatte ihren Geruch aufzunehmen. Dann streichelte sie ihr den Nasenrücken und schließlich den Hals.
Shandis wieherte glücklich und stupste Janni mit dem Kopf vorsichtig an.
"Ich glaube, sie mag Dich", sagte Thomas glücklich.
"Ich mag sie auch", erwiderte Janni.
Dann holte Thomas die Satteltaschen herunter und packte neben einer Decke auch noch ein etwas Fleisch aus. Er sah sich suchend um und fragte dann: "Wo ist Euer Kochgeschirr? Und überhaupt, wo sind Eure ganzen Sachen? Für Händler habt ihr erstaunlich wenig dabei."
Janni biß sich auf die Unterlippe und schielte zum MHN.
"Ehm, wir sind eigentlich unterwegs um etwas einzukaufen, nicht um zu verkaufen. Und unsere Sachen für unterwegs sind in dieser Tasche dort hinten. Mehr brauchen wir nicht." Das MHN deutete auf einen dunklen Fleck unter einem Baum wo die Rucksäcke lagen.
"Und Kochgeschirr haben wir keins mehr, der Topf den wir hatten ist abgefallen und in der Schlucht verschwunden."
Thomas winkte ab. "Oh, das ist kein Problem, ich habe etwas dabei. Aber erst sollten wir uns um die Leichen kümmern. Anselm?"
"Ich bin fertig", sagte das MHN. "Johanna?" fragte er Janni.
"Ich denke, ich bin auch fertig. Können wir das Lager einfach so verlassen?" fragte sie.
Thomas nickte. "Shandis wird aufpassen, sie hat mich schon oft vor Gefahren gewarnt."
Zufrieden mit dieser Lösung gingen die Drei zum Bach hinunter.
Als sie nur noch ein paar Meter entfernt waren konnte Janni schon einen Körper sehen. Sie verlangsamte ihre Schritte und blieb unschlüssig stehen. Die schrecklichen Minuten der schieren Panik kamen ihr wieder hoch und sie war unfähig nur einen Schritt weiter zu gehen.
Thomas und das MHN waren vorausgelaufen und hatten nicht bemerkt, daß sie stehengeblieben war.
Ich muß hier weg, ging es ihr nur durch den Kopf. Die Starre fiel von ihr ab und sie floh regelrecht zurück zum Lagerplatz.
Thomas hatte ihre plötzlichen Bewegungen gehört und gerade als er sich umdrehte, war Janni losgelaufen.
"Johanna!" rief er hinter ihr her und wollte ihr nachlaufen, doch das MHN hielt ihn zurück.
"Warte, laß mich nach ihr sehen. Such schon mal nach einem guten Plätzchen für die drei, einverstanden? Ich bin gleich wieder da."
Thomas nickte und das MHN ging Janni hinterher. Er fand sie bei Shandis, sie hatte sie Arme um den Hals der Stute gelegt und drückte ihr Gesicht in die Mähne.
Das MHN kam langsam näher und legte ihr eine Hand auf die Schulter.
"Ich... es... es tut mir leid, ich kann nicht dorthin", weinte sie.
Das MHN drehte sie sanft zu sich herum, wischte ihr die Tränen aus den Augen und sagte nur: "Ich weiß."
Er hielt sie einfach im Arm und wartete, bis ihre Tränen versiegt waren.
Schließlich löste sie sich von ihm und sagte nur: "Danke, es geht schon wieder. Ich denke, ich bleibe einfach bei Shandis und warte, bis ihr zurück seid. Diesmal wird bestimmt nichts passieren. Es ist hell und Shandis wittert Gefahr."
Das MHN nickte. "Also gut, aber vielleicht nimmst Du zur Sicherheit doch lieber einen Phaser, bis wir wieder da sind."
Er reichte ihr seinen und Janni umklammerte ihn fest. Dann setzte sie sich ans Feuer. Das MHN legte ihr die Decke von Thomas um die Schultern und fragte noch einmal: "Ist das wirklich okay? Kann ich Dich allein lassen?"
Sie nickte und lächelte tapfer.
"Ja, das geht schon. Außerdem seid ihr in Rufweite und nicht weit weg."
"Also gut, wir beeilen uns."
Das MHN machte sich wieder auf den Weg zum Bach da rief ihm Janni noch nach: "Ehm.. würdest Du bitte nachsehen ob meine Wäsche noch auf dem Baumstamm liegt? Ich könnte sie wirklich brauchen", sagte Janni etwas verlegen.
Der Doktor nickte. "Natürlich. Also, bis gleich."

Magie

Janni mußte nicht lange auf die beiden Männer warten, sie kamen schon nach einer halben Stunde zurück und Thomas sagte: "Alles erledigt. Die findet man nicht so schnell. Das sollte uns auf jeden Fall die nötige Zeit verschaffen."
Er ließ sich neben Janni nieder und betrachtete sie besorgt. Sie hatte die Lippen fest aufeinandergepreßt und starrte ins Leere. Thomas berührte ganz vorsichtig ihre Hand und sie schreckte hoch.
"Ich möchte Dir etwas zeigen", sagte er.
Dann drehte er ihre Hand so um, daß ihre Handfläche nach oben zeigte. Er legte drei Blütenblätter darauf und murmelte etwas, das sie nicht verstehen konnte. Plötzlich bewegten sich die Blüten und führten Sekunden später einen lustigen Tanz auf ihrer Hand auf. Der Zauber dauerte nur ein paar Sekunden, doch er hatte gereicht, um sie völlig von ihren düsteren Gedanken abzulenken. Dann lagen die Blüten wieder still auf ihrer Hand.
Thomas lächelte sie an. "Ich hatte gehofft, damit ein Lächeln zaubern zu können", er deutete auf Jannis Mund. "Und wie ich sehe, ist es mir gelungen", sagte er stolz.
"Wie hast Du das gemacht?" fragte sie nur.
Thomas wirkte etwas verlegen.
"Naja, viel ist es beileibe nicht, ich habe nur ein ganz kleine wenig Talent zur Magie von meiner Großmutter geerbt. Sie war eine wahre Magierin. Ich kann nur ganz kleine Zauber vollbringen. Blütenblätter tanzen lassen zum Beispiel. Dein Onkel Anselm ist sicher ein großer Magier, nicht wahr? Er hat meine Wunde verschwinden lassen. Hast Du auch etwas Talent geerbt?"
„Ich denke nicht“, sagte Janni vorsichtig. „Thomas, ich denke, ich muß Dir etwas erklären“, sagte sie mit einem Seitenblick auf das MHN. Dieser zog die Augenbrauen in Falten und schüttelte unmerklich den Kopf.
„Da wo wir herkommen gibt es keine Magie. Ich weiß nicht einmal, wie ich herausfinden kann, ob ich überhaupt einen Funken Talent habe.“
Sie sah wieder verstohlen zum MHN und dieser nickte zufrieden. Im ersten Moment hatte er wohl befürchtet, Janni würde etwas über ihre wahre Herkunft verraten.
Thomas schien das aber nicht sonderlich merkwürdig zu finden, denn er sagte nur: „Das habe ich auch schon einmal gehört, Leute, die von sehr weit herkommen wissen nicht einmal, daß sie existiert. Aber wir können herausfinden, ob Du sie befehligen kannst oder nicht.“
Thomas nahm zwei Blütenblätter wieder herunter und jetzt lag nur noch eins auf Jannis Hand.
„Du mußt Dich auf die Blüte konzentrieren. In Deinem Willen liegt Macht. Als nächstes mußt Du sehr klar für Dich formulieren, was Du möchtest, das die Blüte tun soll. Ich habe vorhin zum Beispiel gesagt, sie sollen lustig tanzen und Dich zum Lachen bringen. Probier es einfach einmal. Später reicht es, wenn Du nur daran denkst was die Blüte tun soll. Diejenigen, die in der Magie nur schwach ausgeprägt sind, müssen allerdings immer laut sprechen. Aber ich habe das Gefühl, bei Dir ist sie stark.“
Janni hielt das zwar für weit hergeholt, aber dennoch versuchte sie es.
Sie starrte minutenlang auf die Blüte, doch sie bewegte sich keinen Millimeter. Enttäuscht ließ sie die Hand sinken.
„Ich glaube nicht, daß ich Magie beherrschen kann“, sagte sie geknickt.
Doch Thomas schob ihre Hand wieder hoch und meinte: „Es klappt selten gleich am Anfang, probier es noch einmal.“
Inzwischen war auch der Doktor näher gekommen und beobachtete, was die die beiden trieben. Er hatte die Herkunftspapiere hoffentlich relativ authentisch ausgefüllt und ließ nun die Tinte trocknen. Er hieß jetzt Anselm von Hoine und für Janni hatte er ebenfalls den Zusatz Hoine eingetragen. Schließlich waren sie ja verwandt. Interessiert beobachtete er ihren Versuch, die Blüte zu bewegen.
Janni starrte mit angestrengtem Blick auf die Blüte, die sich plötzlich einen Zentimeter in die Luft hob und dort über ihrer Handfläche schwebte. Sie war so überrascht, daß sie völlig vergaß sich auf die Blüte zu konzentrieren, die dann auch sofort wieder herunterfiel.
Thomas klatschte begeistert in die Hände.
"Ich wußte es, die Gabe ist sogar sehr stark in Dir, sonst hättest Du die Blüte beim zweiten mal nicht bewegen können."
Janni war immer noch völlig perplex und versuchte es gleich noch einmal. Fast sofort hob sie die Blüte in die Luft, dann drehte sie ein paar Kreise und landete schließlich auf der Schulter des MHN. Der zupfte sie von seinem Wams und meinte: "Unnötig zu sagen, daß das unglaublich ist." Er schaute Janni fragend an.
"Ich hab mir einfach nur vorgestellt, was die Blüte tun sollte, dann hat sie es einfach getan", sagte sie noch immer völlig fassungslos.
"Und vor allem hast Du keine Worte benutzt", sagte Thomas nachdenklich. "Das zeugt wirklich von sehr großem Talent. Vielleicht bist Du sogar eine der Stärksten in der Magie."
Thomas wirkte nachdenklich. "Du mußt lernen sie zu kontrollieren. Die Blüte war einfach, aber unterschätze die Gefahren nicht, wenn Du Magie anwendest und ungeübt bist. Es kann auch tödlich sein."
Das MHN blickte Thomas stirnrunzelnd an.
"Tödlich? Inwiefern?" hakte er nach.
"Tödlich für ein Lebewesen, auf das sie die Magie anwendet", erklärte er. "Die Magie ist eine schreckliche Macht, die in der Lage ist Dinge zu zerstören. Hätte Johanna gewußt, daß sie die Gabe hat, dann hätte ein Gedanke von ihr ausgereicht, natürlich gut formuliert, und sie hätte ihre Angreifer töten können, in dem sie zum Beispiel die Organe zerstört hätte. Ich hab so etwas schon einmal erlebt, es war schrecklich. Die junge Frau, der das passierte, war nur wütend und konnte ihre Macht nicht kontrollieren, sie hat unbeabsichtigt einen Mann getötet und wurde dafür verbrannt."
"Ver....verbrannt?" fragte Janni und schluckte.
"Eine übliche Todesstrafe für Mord", sagte Thomas.
"Mentale Disziplin, vielleicht solltest Du das wirklich üben bevor Du es noch einmal versuchst", meinte das MHN.
Janni fühlte es schon wieder, noch eine neue Bürde hatte sie nun zu tragen. Ein erdrückendes Gefühl überkam sie und ihr Magen fühlte sich auf einmal an, als hätte sie Schmetterlinge drin.
Thomas kniete vor ihr und sah ihr in die Augen.
"Ich werde Dir helfen so gut wie ich kann, das verspreche ich. Du brauchst keine Angst zu haben."
Seltsamerweise gaben ihr diese Worte unglaublichen Trost. Wie von selbst tastete ihre Hand zaghaft nach seiner und Thomas drückte sie. Ein Kribbeln durchlief ihren Körper.
Dem MHN fiel plötzlich ein, daß er noch Feuerholz suchen wollte und verdrückte sich in den Wald. Thomas küßte Jannis Hand lächelte sie an.
"Immer zu Euren Diensten, Mylady."
Janni mußte lachen und Thomas sagte: "Wir sollten anfangen zu üben. Und dann müßt ihr mir noch verraten, was wir als nächstes vorhaben."
Janni packte die Gelegenheit gleich beim Schopfe und fragte, ob Thomas wisse wo Corith liege und ob er schon einmal etwas vom Schwert der Flammen gehört hätte. Seine Reaktion kam so plötzlich und heftig, daß Janni fast von dem Stein heruntergefallen wäre, auf dem sie gesessen hatte.
"Nein, Johanna! Niemandem ist es bisher gelungen das Schwert zu benutzen, es ist verflucht!"
Er packte Janni fest an beiden Schultern und sagte eindringlich: "Du darfst es nicht suchen, schwöre es mir, Du darfst nicht! Es wird Dich vernichten. Und Frauen haben schon gar nichts mit einem Schwert verloren."
In dem Moment kam das MHN wieder aus dem Wald, auf den Armen hatte er noch ein paar Äste. Als er sah wie Thomas Janni gepackt hatte ließ er sofort das Holz fallen, lief zu ihnen herüber und fragte dann scharf: "Was ist hier los? Laß sie sofort los!"
Thomas löste sofort seinen Griff und senkte den Kopf.
"Es tut mir leid, aber ihr dürft nicht nach dem Schwert suchen."
Das MHN schaute Janni durchdringend an und Janni hörte seine unausgesprochenen Worte Du hast ihm von dem Schwert erzählt?
"Thomas sagt, es würde ein Fluch auf dem Schwert liegen", wiederholte sie für das MHN.
Dieses seufzte und wandte sich an Thomas. "Es gibt keine Alternative für uns. Wenn wir das Schwert nicht in unseren Besitz bringen wird etwas schreckliches passieren."
Thomas schaute dem MHN in die Augen. "Es wird etwas schreckliches passieren wenn ihr es findet! Aber", er zögerte und sah dann wieder Janni in die Augen, "ich habe Euch Treue geschworen Mylady, und ich werde Euch mit meinem Leben beschützen. Wenn Ihr das Schwert braucht, dann soll es so sein."
"Danke Thomas", sagte Janni zärtlich. "Ich verspreche Dir, uns wird nichts passieren."
Thomas sah nicht so aus, als wäre er von ihren Worten überzeugt.
"Wo finden wir aber das Schwert?" fragte das MHN.
Thomas zuckte die Schultern. "Wenn die Legende stimmt, dann befindet sich das Schwert auf dem Grund eines Sees, der tief in einer Höhle in den Bergen versteckt sein soll. Bis heute hat ihn allerdings noch niemand gefunden."
"Aber woher weiß man dann, daß das Schwert verflucht ist wenn es noch keiner gefunden hat?" fragte das MHN.
"Das Schwert wurde vom letzten Großmeister mit Hilfe von 10 Hexen auf den Grund des Sees verbannt. Das war vor 200 Jahren. Seitdem hat es niemand mehr gesehen und der Großmeister hat niemals irgendjemandem die genaue Stelle verraten, wo der See ist. Es gibt eine Legende, die sich um das Schwert rankt. Es gibt fast keinen, der als kleines Kind noch nie davon gehört hat."
Thomas schaute die beiden fragend an. "Ihr habt nicht davon gehört?" fragte er um sicherzugehen.
Janni und das MHN schüttelten den Kopf.
Thomas kam das doch sehr merkwürdig vor und der Doktor schien seine Gedanken zu erraten, denn er fügte hinzu: "Wir kommen von wirklich sehr weit her, bei uns gibt es... andere Legenden."
Thomas gab sich damit zufrieden.
"Wollt ihr, daß ich Euch die Legende vom Schwert der Flammen erzähle?" fragte er.
"Sehr gern", meinte Janni und suchte sich eine bequeme Position auf dem Fels. Das MHN nahm nicht weit von ihr auf einem anderen Stein Platz und dann begann Thomas zu erzählen:
"Vor 300 Jahren, zu der Zeit, als es noch viele Feen und Zwerge gab, erschien eines Tages ein Feuerstreif am Himmel. Die Zwerge, die tief in den Bergen lebte, sahen wo er zur Erde stürzte und fanden in einem großen Krater einen Klumpen Metall, das sie noch nie gesehen hatten. Feuerzungen umgaben ihn und die Zwerge, die geschickte Schmiedemeister waren, sahen sofort, daß dieses Metall etwas sehr außergewöhnliches war.
Sie brachten es zu ihrem obersten Schmiedemeister, diesem gelang es, aus dem Klumpen ein wunderbares Schwert zu schmieden. Die Klinge war veredelt mit den besten Metallen aus den Minen der Zwerge und die Feen hatten einen Zauber gesprochen, der die Klinge härter als alle anderen machte. Selbst als das Schwert fertig war tanzten um die Klinge ununterbrochen kleine Flammenzungen. Daher gaben die Zwerge im den Namen Nind'arel, das bedeutet in der Zwergensprache tanzende Flamme.
Ein paar Jahre blieb es im Besitz der Zwerge, doch dann brach der erste Krieg aus. Die Barbaren aus dem Hochland waren von jeher neidisch auf den Reichtum und die Schmiedekunst der Zwerge gewesen und in einer mondlosen Nacht drangen sie in die Minen vor und die meisten Zwerge wurden umgebracht. Doch niemandem der Eindringlinge gelang es, an den Schmiedemeister zu kommen, der mit Nind'arel gegen die Barbaren kämpfte. Es durchschnitt alle Feinde wie Papier und einige Zwerge konnten dank des Schwerts entkommen. Sie flüchteten in die Berge und sannen auf Rache.
Ein Zwerg jedoch, der ebenfalls entkommen war, wollte Nind'arel für sich besitzen und der Anführer werden.
So verriet er den Barbaren den Aufenthaltsort der restlichen Zwerge und als sie angriffen, verwundete der verräterische Zwerg den Schmiedemeister so schwer, daß dieser kurz darauf starb.
Doch bevor er in die andere Welt ging, verfluchte er mit seinem letzten Atemzug noch das Schwert, auf daß jeder, der voll Verrat war, durch das Schwert sterben würde und keiner mehr es je berühren solle.
Und so geschah es auch kurze Zeit später, denn die Barbaren hatten natürlich niemals vor, dem Zwerg Nind'arel zu lassen. In einer Nacht überwältigten sie ihn, nahmen ihm das Schwert ab und töten ihn.
Doch das Schwert brachte den Barbaren auch kein Glück. Nacheinander starb jeder, der es in der Hand hatte an einer schrecklichen Krankheit.
Die Barbaren warfen das Schwert in eine tiefe Schlucht und zogen sich wieder in die Berge zurück.
Jahrzehnte später wurde das Schwert dann von einem großen Magier gefunden. Es spürte, daß das Schwert verflucht war, und es gelang ihm mit seiner Macht dem Fluch eine zeitlang zu widerstehen, doch als er im Kampf verletzt wurde und für einen Moment seine Konzentration nachließ, starb auch er an der Seuche. Daraufhin brachte es der Großmeister mit 10 Hexen an einen sicheren Ort und versiegelte den Eingang."
Thomas hatte seine Geschichte beendet und schaute nun Janni wartend an.
"Ein Fluch", meinte sie, "vielleicht gibt es dafür aber auch eine andere Erklärung. Vielleicht war gerade eine wirkliche Seuche ausgebrochen und der sogenannte Fluch passte einfach zufällig in die Zeit hinein", überlegte sie.
"Aber wie finden wir jetzt das Schwert?"
Thomas drehte sich um und deutete in eine Richtung. "Hinter dem Wald in westlicher Richtung beginnt das alte Zwergenreich. Wenn das Schwert irgendwo versteckt ist, dann dort. Um dorthin zu kommen brauchen wir ungefähr zwei Wochen."
"So lange?" fragte das MHN besorgt. "Dann müssen wir aber noch einige Dinge besorgen, Proviant und Wechselkleidung und ich brauche noch einige Kräuter und Arzneien, mein Vorrat hält auch nicht ewig."
Das MHN und Thomas überlegten gemeinsam, wie man am besten in die Stadt kommen konnte und an die besagten Dinge ohne Geld kommen konnte.
Das MHN erklärte Thomas, der zu Recht fragte, warum er als Händler, der kaufen wollte, ohne Geld unterwegs war, daß er Tauschgeschäfte beabsichtigte weil er gerade nicht flüssig war.
Janni saß daneben und hörte den beiden Männern zu, kam sich aber sehr überflüssig vor. Doch daran mußte sie sich wohl gewöhnen, eine Frau zu sein hatte auch auf dieser Welt im Mittelalter Nachteile.
Schließlich waren sie fertig und meinten, daß sie alle gemeinsam in die Stadt gehen würden und Janni solle bei Thomas bleiben. Er kannte sich natürlich am besten aus.
Das MHN würde sich um seine Kräuter kümmern während die anderen beiden Kleidung und Proviant besorgten.
Das einzige Risiko waren allerdings die gefälschten Herkunftspapiere. Doch Thomas konnte ihnen da auch helfen, denn allein mit seiner Herkunft konnte er für die beiden notfalls bürgen.
So packten die Drei dann also endlich ihre Sachen zusammen und zogen los zur Stadt.
Thomas reichte alle drei Papiere den Wachen am Tor, die schauten zwar erst etwas merkwürdig, als sie die Papiere von Janni und dem MHN durchsahen, doch sie ließen sie ohne weiteres passieren.
Hinter dem großen Stadttor schlug Janni zum ersten Mal der geballte Geruch einer mittelalterlichen Stadt entgegen. Sie würgte und mußte sich beinah übergeben.
Thomas hielt sie an den Schultern und meinte, das wäre ganz normal, sie solle erste einmal durch den Mund atmen, dann würde man leichter an den Geruch gewöhnen. Kurz hinter dem Tor trennte sich das MHN von den beiden und man beschloß, sich in einer Stunde wieder vor dem Stadttor zu treffen.
Thomas besorgte für Janni ein neues Kleid und andere Schuhe, inklusive wollener Unterwäsche und dann nahm er noch drei extra Decken mit und zwei Umhänge. Danach kaufte er für die Reise Dörrfleisch, Käse in einer harten Rinde, Brot, sowie Mehl und etwas Salz.
Zum abgesprochenen Zeitpunkt trafen sie wieder auf das MHN, der einen zufriedenen Eindruck machte und sogar einen Beutel Gold hervorholte.
„Deine Tauschgeschäfte waren scheinbar von Erfolg gekrönt, Onkel Anselm“, meinte Janni schmunzelnd.
„In der Tat kann ich nicht klagen“, bekräftigte das MHN und kramte dann 8 Goldstücke hervor, die er Thomas überreichte als Auslagenentschädigung.
Dann verließen sie wieder die Stadt und machten sich auf in Richtung Gebirge.
Shandis trug sämtliches Gepäck und trabte gemächlich neben Thomas her.
Der erste Weg der Reise war recht angenehm, sie begegneten nur freundlich gesonnenen Reisenden und zwischen Thomas und Janni schien sich eine Freundschaft zu entwickeln. Zumindest hatte das MHN beobachtet, wie die beiden immer öfter nebeneinander liefen oder noch abends spät auf waren und sich lachend unterhielten. Einmal kam er gerade mit einem Stapel Feuerholz wieder in die Nähe des Lagers, da sah er, dass Janni scheinbar mit ihrem Kopf an Thomas Schulter gelehnt eingeschlafen war. Thomas strich ihr sanft über das Haar und hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt.
Das MHN schmunzelte und machte dann absichtlich einige laute Schritte, um die beiden vorzuwarnen. Tatsächlich zog Thomas erschrocken seinen Arm zurück und Janni wurde durch den Ruck wach. Auch sie nahm schnell etwas Abstand.
Als das MHN das Lager betrat, saßen die beiden zwei Meter voneinander entfernt und während Thomas sich eifrig um das Feuer kümmerte, übte Janni mit ihrer Magie weiter. Der tägliche Unterricht hatte sich ausgezahlt, sie hatte so schnell gelernt, wie keine andere vor ihr, zumindest sagte das Thomas. Er war schon fast beunruhigt, wie groß ihre Macht zu sein schien, doch behielt er das für sich.

Auf der Suche nach dem Schwert

Nach ein paar Tagen wurde der Gebirgszug immer größer und der Weg immer beschwerlicher.
Sie waren vor zwei Tagen vom Weg abgebogen und gingen nun querfeldein. Mühsam bahnten sie sich einen Weg durch Unterholz, Äste und Zweige und nachdem sie die Waldgrenze passiert hatten, kletterten sie nun vorsichtig an Hängen entlang und liefen über spitze Steine.
Das war einer der Momente, in denen sich Janni ihre Wanderschuhe und vor allem Hosen wünschte. Es war doppelt so schwer mit einem langen Kleid bekleidet über irgendwelche Steine zu klettern.
Thomas war darauf bedacht sich immer neben ihr zu halten und ihr zu helfen. Jannis Gesichtsfarbe wurde jedes mal zartrosa als Thomas seinen Arm um ihre Taille schlang um sie festzuhalten.
Als es anfing zu dämmern suchten sie sich einen Lagerplatz in einer Felsnische. In der Dunkelheit wollten sie nicht weitergehen.
Das MHN machte sich auf um Holz zu holen und Thomas war mit Shandis zu einem nahen Bach gegangen, damit die Stute trinken konnte. Janni breitete unterdessen die Decken in der kleinen Höhle aus und holte dann, als sie sicher war, daß Thomas noch am Bach war, das Buch hervor. Sie wollte schon seit Tagen hineinsehen, aber bisher hatte sie dazu einfach keinen freien Moment gehabt.
Ihre Nerven waren auf das Äußerste in dieser Welt gespannt wenn sie unterwegs waren und natürlich forderte auch das Wandern seinen Tribut. Abends waren sie nie mehr lange auf um sich zu unterhalten sondern sammelten Kräfte für den nächsten Tag.
Damit Thomas keinen Verdacht schöpfte, warum das MHN keinen Schlaf brauchte, wechselten sie sich mit der Nachtwache immer ab. Wenn Thomas schlief übernahm natürlich das MHN die Nachtwache für Janni. Diese hatte zwar Thomas gegenüber ein wenig ein schlechtes Gewissen, aber sie war dem Doktor überaus dankbar, denn sie konnte die Ruhe wirklich brauchen.
An diesem Abend war es nun so, daß das MHN zuerst zurückkehrte, die Arme wieder mit Holz beladen.
Janni und er schichteten das Holz auf und kurz darauf brannte ein munteres Feuer. Thomas war immer noch am Bach und das MHN schaute mit Janni zusammen in das Buch. Doch wie sie es befürchtete hatte, die Seiten waren leer. Seufzend schlug sie es zu und steckte es wieder in den Rucksack.
"Was denkst Du über den Fluch?" fragte sie das MHN. "Für mich klingt das eher nach Zufall", fügte sie noch hinzu.
"Im Mittelalter war es keine Seltenheit wenn Seuchen ausbrachen", sagte er und stocherte etwas im Feuer herum, damit die Scheite besser lagen.
"Ich denke auch eher, daß vielleicht im Griff ein Giftstoff oder ähnliches war, vielleicht ist es auf natürliche Weise dorthin gekommen. Aber genau wissen wir es erst, wenn wir das Schwert haben."
Janni zog ihre Beine an, schlang die Arme um die Knie, schaute in das Feuer und sagte dann nach einer geraumen Zeit: "Ich habe mich an einem Schutzzauber geübt, aber ich weiß nicht, ob er funktioniert."
Sie sah das MHN nun an. "Ich würde es gerne ausprobieren."
Der Doktor runzelte die Stirn. "Und was schwebt Dir da vor?" fragte er skeptisch.
Janni blickte wieder ins Feuer, was sie jetzt sagen würde, würde dem MHN sicher nicht gefallen, aber eine andere Idee hatte sie nicht.
"Thomas hat mich vor ein paar giftigen Pflanzen gewarnt, ich dachte, ich könnte damit vielleicht etwas üben. Wenn es mir gelingt einen Schutz über meine Haut zu zaubern, dann kann das Gift auch nicht in die Poren dringen. Und ja, ich weiß, Du findest das jetzt gar nicht toll. Aber lieber versuche ich es mit einem bekannten Gift, das Du notfalls neutralisieren kannst, als daß ich es gleich beim Schwert versuche und es dann nicht klappt."
Janni schaute das MHN mit einem Blick an, der ihm deutlich zu verstehen gab, daß sie, egal was er sagen würde, ihren Plan durchführen würde.
Daher seufzte er nur und antwortete: "Ich finde es natürlich nicht gut, wenn Du Dich absichtlich vergiften willst, dennoch... sehe ich die Notwendigkeit eines Versuches ein."
Er seufzte laut und kramte aus dem Rucksack den Rest seiner Ampullen hervor.
"Ich habe nicht mehr viele Medikamente dabei, schon gar keins, was Vergiftungen aufhebt. Aber in der Stadt habe ich ein paar Kräuter und Tinkturen gefunden, aus denen sich etwas herstellen läßt. Aber ich bestehe darauf, daß Du mit dem Versuch nicht vorher anfängst, bis ich das Gift analysiert und ein Gegengift hergestellt habe."
Diesmal schaute das MHN Janni unnachgiebig an. Diese nickte aber und meinte: "Ich hatte nichts anderes geplant."
Dann lächelte sie. "Hey, ich denke, es wird klappen. Es muss einfach..."
Von draußen, es war mittlerweile schon dunkel geworden, klang das Schnauben von Shandis nun näher und das MHN verstaute schnell wieder seine Sachen im Rucksack. Als er sich wieder umdrehte kniete Janni neben ihm.
"Ich denke, wir brauchen diese Nacht keine Wache", meinte sie leise.
"Ich lasse für alle Fälle den Tricorder in der Nähe, und Du kannst Dich deaktivieren."
Das MHN schaute sie mit zusammengekniffenen Augen an.
"Das klingt eher, als ob ich die Nacht nicht stören sollte", sagte er geradeheraus. Und scheinbar hatte er ins Schwarze getroffen, denn Jannis Gesichtsfarbe wechselte nun zu einem deutlichen Rot und sie blickte verlegen zur Seite.
Das MHN mußte lachen.
"Was willst Du Thomas sagen wo ich bin?" fragte er schmunzelnd.
"Da fällt mir schon was ein. Darf ich? Er wird gleich wiederkommen." Janni deutete auf den mobilen Emitter.
"Ich habe nichts dagegen, aber wenn irgendetwas sein sollte..."
"... dann aktiviere ich Dich sofort", beendete Janni den Satz. Dann tippte sie auch schon einige Buttons und das MHN löste sich auf. Den mobilen Emitter versteckte sie in einer Falte ihrer Decke.
Wenige Augenblicke später betrat dann Thomas die Höhle und setzte sich zu ihr ans Feuer.
"Ahh, das tut gut", meinte er und hielt die Hände dichter an die Flammen. "Wo ist Anselm?" fragte er.
"Oh, er meinte, er wollte sich noch am Bach waschen gehen und die Kleidung säubern... ich denke nicht, daß er in der nächsten Stunde kommen wird", sagte Janni und blickte Thomas mit einem eindeutigen Blick an.
Dieser verstand und meinte: "Vielleicht.. sollten wir die Zeit dann ein wenig... für uns nutzen?"
Vorsichtig und langsam strich er Janni über das Gesicht und dann die Haare. Sie schaute ihn immer noch wartend an und schließlich hob Thomas sanft ihr Kinn an und küßte sie hingebungsvoll.
Viel später, als beide erschöpft und eng aneinandergekuschelt unter einer Decke lagen, kam es Thomas erst in den Sinn, daß Anselm merkwürdig lange weg war, doch er war so müde, daß der Gedanke ihm wieder entschlüpfte und kurz darauf war er glücklich eingeschlafen.

Janni erwachte in der Morgendämmerung. Dicht an sie gekuschelt lag immer noch Thomas und schlief friedlich.
Vorsichtig schälte sie sich aus der Decke, zog sich rasch an und lief dann mit dem mobilen Emitter ein Stück vor die Höhle um das MHN wieder zu aktivieren. Das MHN schaute zu Janni, dann zur Höhle und den schlafenden Thomas, dann wieder zu Janni und grinste.
"Scheint eine erfolgreiche Nacht gewesen zu sein", neckte er sie. Janni wurde rot und schaute verlegen zur Seite. Dann schnappte sie sich ein Tuch, das vor der Höhle zum trocknen gelegen hatte und lief ohne ein weiteres Wort zum Bach.

Später, nachdem auch Thomas aufgestanden war und alle ihr Frühstück gegessen hatten, saßen sie um das Feuer und Janni hatte dem MHN die giftigen Pflanzen gezeigt. Unter dem Vorwand einige Versuche mit der Pflanze anzustellen um die Giftstoffe bestimmen zu können war der Doktor mit einem Tricorder außer Sicht des Eingangs und analysierte sie. Nur ein paar Minuten später konnte er mit der Herstellung eines Gegengiftes beginnen und schon nach kurzer Zeit war er fertig.
"Ich hab es", strahlte er und schüttelte ein graues Granulat in einem kleinen Mörser.
"Gut, dann fange ich jetzt an", meinte Janni, konzentrierte sich auf das Schutzschild, das sie errichten wollte und nahm dann die Pflanze in die Hände.
Thomas und das MHN schauten gebannt auf ihre Hände doch äußerlich war nichts zu sehen. Janni hielt die Pflanze mehrer Minuten lang in ihren Händen, doch außer einem leichten Kribbeln merkte sie nichts.
"Ich denke, das reicht jetzt", sagte das MHN und Janni gehorchte. Sie warf das Grün ins Gestrüpp neben dem Eingang und hielt dem MHN ihre Hände hin.
"Thomas", wandte sich der Doktor an den Gefährten, "würdest Du bitte etwas Wasser holen? Ich möchte zur Sicherheit heißes Wasser haben."
Thomas nickte eifrig und machte sich auf den Weg um das Gewünscht zu holen. Schnell zog das MHN den Tricorder hervor und scannte Janni.
"Es scheint funktioniert zu haben, es werden keine Giftstoffe in Deinem Körper registriert", sagte er zufrieden und klappte das Gerät schnell wieder zu, als er Schritte hörte. Janni schmunzelte.
"Ich sagte doch, es wird klappen."
Thomas kam mit dem Wasser zurück und nachdem es heiß war, wusch Janni noch einmal ihre Hände. Dann packten sie auch schon wieder ihre Sachen zusammen und machten sich wieder auf den Weg.

Gegen Mittag machten sie am Fuß eines Berges Rast und überlegten, wie sie weiter vorgehen sollten.
„Wir bräuchten etwas, das uns verrät wo das Schwert liegt“, sagte Thomas.
„Ja, daran habe ich auch schon gedacht“, bestätigte Janni und warf dem MHN einen hilfesuchenden Blick zu.
„Vielleicht sollten wir uns von jetzt an aufteilen“, schlug er vor, „natürlich nur in einem übersichtlichen Gebiet. Es gib hier überall Höhlen und Spalten, wenn es irgendwo ist, dann in der Nähe.“
Thomas wollte protestieren, doch Janni kam dem MHN zu Hilfe.
„Eine gute Idee, auf die Weise finden wir es schneller.“
Thomas schloß den Mund wieder und nickte dann.
„Also gut, aber wir bleiben in Rufweite. Falls einem etwas passiert müssen wir schnell da sein.“
Die anderen beiden stimmten dem Vorschlag aus vollem Herzen zu. Dann teilen sie eine Felswand ein, die sie zuerst erforschen wollten, ließen Shandis am Berghang zurück und kletterten dann in verschiedene Höhleneingänge.
Das MHN wartete, bis Thomas außer Sicht war, dann stellte er den Tricorder so ein, daß er Metalle aufspüren würde und begann zu scannen.
Er erhielt viele Treffer, die Berge waren noch von Gold- und Erzadern durchzogen, doch als er gerade aufgeben wollte, meldete der Tricorder noch eine Metalllegierung, die so nicht in der Natur vorkam. Vor allem ein unbekanntes Metall.
Die Legierung war ungefähr 500 Meter in einer benachbarten Höhle tief im Berg angezeigt. Ebenfalls registrierte der Tricorder dort Wasser.
Das muß es sein, dachte das MHN und nachdem er sich vergewissert hatte, daß ihn niemand sah, machte er sich auf den Weg zur nächsten Höhle.
Er mußte nur etwa 20m hineingehen, da stieß er auf ein unsichtbares Hindernis.
„Ein Kraftfeld?“ fragte er sich und holte abermals den Tricorder hervor. Doch dieser konnte keine Energiequelle orten. Er zeigte sogar gar nichts an. Eigentlich hätte der Weg frei sein müssen, aber nach einem erneuten Versuch weiterzulaufen lief das MHN wieder gegen die unsichtbare Barriere.
Er machte wieder kehrt und rief dann laut: „Ich glaube, ich habe etwas gefunden!“
Er brauchte nicht lange zu warten, dann tauchten Janni und Thomas auf und kletterten zu ihm hinüber.
Thomas blickte etwas ärgerlich, weil das MHN außerhalb der abgemachten Region gesucht hatte. Doch angesichts der Tatsache, daß er es gefunden zu haben schien, schwieg er.
Als die beiden den Eingang erreicht hatten, führte er sie in den Gang und meinte kurz vor dem Hindernis: „Hier scheint eine Barriere zu sein, ich konnte nicht weiterlaufen.“
Er tastete mit der Hand vor und spürte wieder das Hindernis.
Die anderen taten es ihm gleich und Thomas meinte ehrfürchtig: „Ich denke, das wird es sein. Der Eingang wurde sicher von einem Zauberer versiegelt.“
Er blickte zu Janni, die bereits die Augen geschlossen hatte und konzentriert etwas murmelte. Auf einmal gab es einen gelben Lichtblitz und Janni wurde nach hinten geschleudert.
„Johanna!“ schrie Thomas entsetzt auf und lief zu ihr. Auch das MHN kam sofort heran doch Janni meinte nur: „Nichts passiert, nur ein paar blaue Flecken.“
Dann ließ sie sich von Thomas hoch helfen und trat wieder vor die Barriere.
„Was ist passiert?“ fragte das MHN.
„Ich habe versucht die Barriere zu zerstören, aber mein Zauber wurde wie von einem Spiegel zurückgeworfen“, erklärte sie.
„Ich denke, ich muß eine andere Taktik versuchen.“
Dann schloß sie wieder die Augen und murmelte erneut vor sich hin. Diesmal schien sie Erfolg zu haben. In der Mitte bildete sich eine gelb leuchtende Lichtsäule und Jannis Gesichtszüge wurden immer verspannter.
Die Lichtsäule teilte sich wie ein Vorhang und Janni quetschte mit zusammengebissenen Zähnen hervor: "Schnell, lauft durch!"
Thomas und das MHN gehorchten sofort und als sie durch waren sagte der Doktor: "Wir sind durch, jetzt Du!"
Janni öffnete die Augen, warf sich durch den Spalt und landete unsanft auf dem Steinboden. Hinter ihr schloß sich die Barriere sofort.
"Autsch", stöhnte sie, "wenigstens sind meine blauen Flecken jetzt gut verteilt."
Thomas half ihr wieder auf und musterte sie besorgt.
"Wenn ich das gewußt hätte, dann hätte ich eine Decke vorher hingelegt, dann wärst du weich gefallen."
Janni mußte lachen und meinte: "Wir haben ja noch den Rückweg vor uns."
Dann gingen sie weiter.
"Wie hast Du die Barriere diesmal geöffnet?" fragte das MHN neugierig.
"Nun, ich dachte, wenn ich sie nicht zerstören kann, dann muß ich sie halt aufschneiden. Also habe ich mir vorgestellt, wie mit einem Messer einen Schnitt zu machen und dann den Spalt zu erweitern. Hat funktioniert, allerdings war das verdammt anstrengend muß ich zugeben."
"Also hängt Deine Magie von Deiner Energie ab?" fragte das MHN.
Janni überlegte kurz. "Ich denke schon, der Zauber gerade war sehr anstrengend, es war fast, als müßte ich den Riß selber aufstemmen und es mir nicht nur vorstellen."
Das MHN wirkte beunruhigt. Wenn der Zauber Körperkraft verbrauchte, dann hatten sie nicht viel Zeit um den Wächter zu besiegen sollten sie das Schwert finden.
"Kannst Du den Schutzzauber für das Schwert auch um jemand anderen legen?" fragte Thomas, der scheinbar denselben Gedanken hatte wie das MHN.
"Ich denke schon", meinte sie. "Muß ich ausprobieren."
Das MHN und Thomas tauschten wissende Blicke, sagten jedoch vorerst noch nichts.
Gemeinsam gingen sie weiter. Thomas hatte ein Stück Holz entzündet und hielt es wie eine Fackel vor sich.
Der Weg wurde immer dunkler. Doch dann meinten sie am Ende einen bläulichen Schimmer zu sehen und als sie näher kamen, erkannten sie, daß das Schimmern von einem kleinen See ausging.
"Das sieht einfach toll aus", hauchte Janni ehrfürchtig. Über dem See tanzten kleine Funken und irgendwie war es in der kleinen Grotte heller. Die drei traten an den Rand heran und spähten in das tiefe Wasser. Doch außer Schwärze sahen sie nichts.
"Wie tief das wohl ist?" überlegte Thomas laut.
Janni suchte sich einen Stein und meinte: "Finden wir es heraus."
Diesmal brauchte sie nicht die Augen zu schließen um einen Zauber zu wirken. Der Stein auf ihrer Hand leuchtete auf einmal in einem hellen Weiß auf. Sie ließ ihn in das Wasser gleiten und der Stein sank immer tiefer. Nach einer schieren Ewigkeit erreichte er dann den Grund.
"Das Wasser muß mindestens 10 Meter tief sein", sagte Thomas verzweifelt. "Wir können unmöglich so tief schwimmen."
„Vielleicht müssen wir das auch gar nicht“, murmelte Janni.
Wieder schloß sie die Augen und an ihrem Gesicht sah man ihr an, wie sehr sie sich konzentrierte. Thomas und das MHN verhielten sich ganz still um sie nicht zu stören.
In der Tiefe des Wassers, ungefähr dort, wo der leuchtende Stein lag, schimmerte es auf einmal und das Wasser begann zu schäumen. Etwas kam nach oben.
Die Männer erkannten die Umrisse des Schwerts, das jetzt bedrohlich schnell nach oben schoß.
"Johanna, pass auf!" rief Thomas, als das Schwert mit der Spitze voran nach oben schoß, direkt auf Janni zu. Schützend stellte er sich vor sie, doch das MHN war schneller. Er packte das Schwert noch in der Luft und die Klinge stoppte 10 cm vor Thomas' Brust.
Erschrocken riß Janni die Augen auf.
"Thomas!" Dann sah sie das Schwert in der Hand vom MHN.
"O mein Gott, das war knapp. Vielen Dank, Onkel Anselm."
Dann wandte sie sich an Thomas und küßte ihn hingebungsvoll.
"Es tut mir leid, bitte verzeih mir. Ich wollte nicht, dass es auf diese Weise hochkam, aber ich konnte es nicht drehen. Ich denke, das war vielleicht auch Absicht von dem, der es hier versteckt hat. Es hätte mich getötet wenn ihr nicht gewesen wärt!"
Thomas starrte auf das MHN, der immer noch das Schwert hielt.
"Laß es los!" rief er und das MHN reagierte sofort.
Natürlich konnte Thomas nicht wissen, dass ihm als Hologramm nichts passieren würde. Thomas blickte das MHN mitleidig an und sagte: "Der Fluch wird Dich töten."
"Nein, wird er nicht", warf Janni ein, bevor das MHN etwas sagen konnte. "Ich dachte mir schon, daß das Schwert nicht einfach zu holen sein wird und habe daher um es selber einen Schutz gelegt. Anselm sollte nichts abbekommen haben."
Die Flunkerei war glaubhaft, denn das MHN nickte bekräftigend und Thomas entspannte sich.
"Dem Himmel sei Dank", sagte er. Dann nahmen sich alle die Zeit und betrachteten das Schwert, das wirklich das legendäre Nind'arel war, voller Ehrfurcht. Sie hatten sofort die feurige Aura wahrgenommen, die von der Klinge ausging.
"Vielleicht reicht es, wenn wir es in eine Decke wickeln", schlug Janni vor. "Keiner würde es dann berühren."
Sie schaute ihre Mitstreiter wartend an.
"Das sollte gehen, aber die Decken sind alle bei Shandis", meinte Thomas. Doch dann schien ihm plötzlich einzufallen, daß nicht nur Decken aus Wolle bestehen, sondern auch seine Kleidungsstücke.
Er reichte Janni seinen Umhang. "Das muß für das Erste genügen."
"Danke", sagte sie, dann legte sie den Umhang auf den Boden und ließ das Schwert mit einem Schwebezauber auf den Umhang fliegen. Das MHN wickelte es gut ein und hob es auf.
"Eine gute Idee", meinte er anerkennend. "Vielleicht genügt auch in Zukunft einfach ein Tuch um den Schwertgriff." Thomas sah ihn etwas zweifelnd an.
"Das wird sich zeigen müssen", meinte Janni und lief dann wieder Richtung Eingang. Die anderen folgten ihr.
Vor der Barriere stellten sie sich wieder auf und Janni, die nun wußte, wie sie sie öffnen mußte, begann die Magie zu wirken. Doch dieses Mal hatte sie noch mehr Schwierigkeiten. Es schien, als ob sie in der vergangenen Stunde bereits zu viel ihrer Kraft verbraucht hatte. Einen Riß hatte sie zwar geschaffen, aber ihn aufzustemmen kostete sie so viel Kraft, daß sie anfing zu zittern vor Anstrengung. Sie suchte die letzten Kraftreserven zusammen und stemmte den Spalt so weit auf, daß sie hindurchgehen konnten.
"Beeilt Euch", brachte sie hervor, dann blinzelte sie um zu sehen, ob die beiden Männer die Barriere schon passiert hatten.
Das MHN war mit dem Schwert zuerst durchgegangen und Thomas war schon zur Hälfte durch, doch Janni konnte die Barriere nicht mehr halten.
Sie schubste Thomas durch den Spalt und versuchte noch selber hindurchzukommen, doch die Barriere hatte sich wieder geschlossen. Janni war aber schon zur Hälfte durch. Sie schrie vor Schmerzen und nach einer schieren Unendlichkeit umfing sie endlich eine angenehme Dunkelheit.
Thomas landete auf den Knien und dann hörte er Jannis Schreie. Beide Männer sahen mit Grauen, daß Janni in der Barriere hing und diese sich schloß.
Thomas rappelte sich sofort auf, das MHN ließ das Schwert fallen und beiden ergriffen jeweils einen Arm von ihr und versuchten mit aller Kraft, sie aus der Barriere zu befreien. Doch sie konnten sie keinen Millimeter bewegen.
Janni war inzwischen verstummt und ihr Oberkörper war nach vorn gesunken. Das MHN fühlte rasch nach dem Puls. Er war noch da, aber er wurde schwächer. Die Barriere zerquetschte sie langsam.
"Johanna! Nein!" schrie Thomas außer sich vor Angst und versuchte noch einmal sie herauszuziehen. Doch da war nichts zu machen.
"Was sollen wir machen?" rief er verzweifelt und hob Jannis Kopf an. Ihre Lippen wiesen bereits einen leichten Blauschimmer auf und sämtliches Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.
"Das Schwert", rief das MHN in einer plötzlichen Eingebung.
Ohne ein weiters Wort zu verschwenden packte er das Schwert aus und schaute suchend auf die Barriere.
Thomas verstand was er vorhatte, packte Jannis Oberkörper und hielt sie fest.
Das MHN rammte das Schwert mit aller Macht über ihren Kopf in die Barriere und wäre fast selber hindurchgefallen.
Das Schwert durchschnitt die magische Wand wie Papier, es flackerte kurz und dann fiel Janni direkt in Thomas Arme.
Der Doktor warf das Schwert zurück auf den Umhang und kniete neben Janni nieder, die Thomas inzwischen sanft auf den Boden gelegt hatte. Er überprüfte ihre Atmung und den Puls.
"Sie atmet nicht mehr", rief Thomas panisch.
"Thomas, Du mußt sie beatmen", sagte das MHN. Doch Thomas reagierte gar nicht, er starrte nur völlig abwesend auf Janni hinunter.
"Thomas!" fuhr ihn das MHN scharf an. Das riß ihn aus seiner Trance.
"Was?" fragte er verwirrt.
"Beatme sie. Jetzt", befahl das MHN.
"Aber wie?" fragte Thomas.
Dem MHN fiel wieder einmal ein, daß sie sich in der Mittelalterzeit befanden und die Menschen zum größten Teil keine Ahnung von erste Hilfe Maßnahmen hatten. Er hätte es ja selber gemacht, aber seine Atmung war immer noch eine Simulation und für Janni wenig hilfreich. Er verfluchte sich, daß er seine Instrumente in der Satteltasche von Shandis gelassen hatte.
Er öffnete ihren Mund, überprüfte, ob die Atemwege frei waren und wies dann Thomas an, ihre Nase zuzuhalten, seinen Mund dicht über ihren zu legen und dann kurz aber kräftig ihr Luft zuzuführen. Thomas fing sofort an und bange Sekunden verstrichen.
Komm schon, dachte das MHN, nicht schon wieder.
Er hatte die ganze Zeit nach dem Puls getastet, der sehr schwach aber immerhin vorhanden war. Nun schien er stärker zu werden und er sagte: "Warte, ich glaube, sie atmet wieder."
Thomas sah gebannt auf Jannis Brustkorb und dann sah er, wie er sich eigenständig wieder hob und senkte. Doch sie war weiterhin ohne Besinnung.
"Warum wacht sie nicht auf?" fragte er besorgt.
"Sie hat ihre ganze Energie verbraucht, ich hätte es vorher merken müssen", erklärte das MHN. Er überprüfte noch einmal die Vitalzeichen, die jetzt wieder regelmäßig waren und meinte dann erleichtert: "Sie ist komplett erschöpft und schläft. Sie braucht einfach etwas Ruhe, morgen wird sie wieder fit sein."
Thomas wirkte, als ob ein ganzes Gebirge von seinen Schultern genommen worden wäre. Sein Blick fiel auf das Schwert, das wieder auf dem Umhang lag. Die Wahrheit dämmerte ihm.
"Du hast das Schwert angefaßt, nicht wahr?" fragte er das MHN und blickte ihn ernst an.
"Darüber machen wir uns später Gedanken", lenkte das MHN ab.
"Wir sollten sie ans Feuer schaffen und hinlegen, kannst Du sie tragen?" fragte er.
"Natürlich", meinte Thomas und nahm Janni in seine Arme. Der Doktor wickelte das Schwert wieder in den Umhang und beide machten sich vorsichtig an den Abstieg.

Janni erwachte am späten Abend. Ein leises Stöhnen von ihr ließ Thomas, der neben ihr saß, erleichtert aufatmen.
"Johanna?" fragte er leise und strich ihr über das Haar.
Janni schlug langsam die Augen auf, sah in Thomas' Gesicht und schaute sich dann verwundert um.
"Wie spät ist es?" fragte sie als sie im Eingang nur schwarzen Himmel mit einigen leuchtenden Punkten sah.
"Es muß fast Mitternacht sein", sagte Thomas, "Du hast alle Deine Kräfte verbraucht, erinnerst Du Dich?"
Janni runzelte die Stirn, in der Tat fühlte sie sich noch ziemlich schwach, als ob sie den ganzen Tag im Steinbruch geschuftet hätte. Dann kamen die Reminiszenzen langsam wieder hoch und ihr fiel alles wieder ein.
"Es tut mir leid, ich konnte einfach die Barriere nicht mehr offen halten, hab ich Dir weh getan als ich Dich hindurchgeschubst habe?" fragte sie besorgt.
Thomas schüttelte ungläubig den Kopf.
"Du solltest Dir lieber um Dich Sorgen machen", schimpfte er leise.
"Du stecktest in der Barriere fest, wir konnten Dich nicht rausziehen. Anselm hatte dann die Idee, das Schwert zu benutzten, es hat mühelos die Barriere zerstört, aber..." Thomas stockte und Janni schaute ihn beunruhigt an.
"Aber was? Ihm ist doch nichts passiert?" fragte sie aufgeregt. Jetzt, wo sie es merkte, wo war das MHN eigentlich? "Thomas, geht's ihm gut?" fragte sie noch einmal drängender.
"Keine Sorge, es geht ihm hervorragend", hörte sie dann seine Stimme vom Eingang her.
Das MHN kam mit einer Tasse Wasser und etwas zu Essen herein. Janni war selten so froh über die Anwesenheit des MHNs. Im ersten Moment hatte sie befürchtet, sein Emitter wäre zerstört worden. Aber wenn er wohlauf war, warum klang Thomas nicht so begeistert? Janni schaute wieder Thomas an und fragte: "Aber was?"
Der Doktor hob derweil ihren Kopf ein Stück an und hielt ihr den Becher an die Lippen. Dann sprach er für Thomas weiter: "Thomas macht sich Sorgen, weil ich das Schwert ungeschützt angefaßt habe, aber ich habe ihm jetzt schon mehrmals versichert, daß ich um den Griff noch den Umhang hatte. Er hat es bloß nicht gesehen, weil er Dich aufgefangen hat. Also kein Grund zur Sorge. Du siehst, es geht mir hervorragend. Und Du trinkst das jetzt schön aus."
Er ließ sie kleine Schlucke trinken und legte ihren Kopf dann wieder auf die Decke.
Sie fühlte eine angenehme Müdigkeit in sich aufsteigen. Etwas verärgert blickte sie zum MHN.
"Das war nicht nur Wasser, oder?" Die Antwort bestand aus einem Grinsen des MHN.
"Nicht nur. Kämpf nicht dagegen an, Du brauchst jetzt Schlaf. Du hast Dich total verausgabt. Thomas und ich wechseln uns ab mit der Wache. Gute Nacht."
Bereits die letzten Worte waren nur noch ein Flüstern für sie gewesen, dann war sie auch schon eingeschlafen.
Das MHN wirkte zufrieden und ging wieder nach draußen um die erste Wache zu übernehmen.
Thomas strich noch einmal über Jannis Gesicht und kuschelte sich dann dicht an sie. Dann schlief auch er ein.

Stadtbesuch mit Folgen

Der nächste Morgen empfing das MHN mit Regen und Nebel. Er hatte die letzte Wache übernommen und zog sich nun weiter in den Höhleneingang zurück, damit er nicht naß wurde.
Seine beiden Begleiter schliefen noch und er nutze die Gelegenheit um beide kurz durchzuchecken. Es ging ihnen gut und das MHN klappte hastig den Tricorder zu und versteckte ihn, als Thomas aufwachte.
"Guten Morgen", sagte er und schürte das Feuer.
"Was war das für ein Geräusch?" fragte Thomas und sah sich um.
"Ich habe nichts gehört", meinte das MHN nur. "Vielleicht hast Du geträumt", fügte er hinzu.
"Ja, das wird es wohl gewesen sein", murmelte Thomas und achtete darauf, daß er Janni nicht weckte als er aufstand. Er hockte sich neben den Doktor und sagte: "Dann müssen wir jetzt nach Corith gehen?"
Das MHN nickte. "Das ist der Plan. Das Schwert haben wir jetzt, dann müssen wir jetzt den Wächter besiegen und etwas finden."
Thomas horchte auf. "Was sucht ihr denn?" hakte er nach.
"Das... wissen wir auch noch nicht so genau", wiegelte das MHN ab. "Wie weit ist es nach Corith?"
Thomas überlegte. "Corith liegt fast in der entgegengesetzten Richtung, ich denke, wenn wir zügig vorankommen können wir in vier bis fünf Wochen dort sein.
"So lange?" klang eine leise Stimme hinter ihnen. Es war Janni, die durch das Gespräch der beiden aufgewacht war und sich bereits aufgesetzt hatte.
"Hey, geht's Dir wieder besser?" fragte Thomas sogleich und kam zu ihr herüber.
"Ich fühle mich komplett ausgeruht, vielen Dank ihr beiden. Ich glaube, die Nacht durchschlafen war Gold wert."
Thomas stand auf und ging hinaus zu Shandis um sie zu versorgen.
Das MHN nutze seine Abwesenheit um Janni auf etwas anzusprechen, das ihm schon länger zu schaffen machte. Er setzte sich neben sie und fing dann an: "Ich hoffe Dir ist bewußt, daß wir Thomas nicht mitnehmen können wenn wir den Stein gefunden haben?" fragte er vorsichtig.
Jannis Gesichtsausdruck wurde von einem Augenblick auf den anderen traurig. Ganz leise sagte sie dann: "Ich... habe auch schon darüber nachgedacht. Aber warum können wir ihn nicht mitnehmen? Ich bin sicher, er würde sich in unserer Zeit, in meiner Zeit", korrigierte sie sich, "schnell zurecht finden."
Das MHN seufzte innerlich. Er hatte fast mit so etwas gerechnet.
"Du weißt genau, daß allein unsere Anwesenheit hier den Lauf der Geschichte dieses Planeten geändert haben könnte. Wer weiß wozu Thomas bestimmt ist später? Vielleicht wird er... ein Kriegsherr oder ein König sogar oder einfach nur der Erzeuger von einem späteren Helden, wir MÜSSEN ihn hierlassen. Er gehört nicht in unsere Welt. Ich werde sein Gedächtnis löschen, wenn es so weit ist, dann ist er unbefangen in seiner Entscheidung, wie seine Zukunft ohne uns aussehen würde."
Das MHN blickte streng auf Janni um eventuelle Proteste gleich im Keim zu ersticken. Tränen standen in ihren Augen und sie machte sich nicht die Mühe, sie wegzuwischen. Tief in ihrem Inneren wußte sie natürlich, daß das MHN Recht hatte.
"Du hast ja Recht", schluchzte sie. "Aber gefallen muß es mir trotzdem nicht!"
Das MHN legte seinen Arm um ihre Schultern und Janni vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Sie liebte Thomas wirklich sehr und es zerriß ihr das Herz, als sie daran dachte, daß sie ihn bald nie mehr wiedersehen würde.
"Wir sollten unbedingt vorher noch herausfinden, wer oder was der Wächter ist", sagte das MHN um sie auf andere Gedanken zu bringen.
Sie hörte auf zu schluchzen, trocknete sich die Tränen ab und versuchte dann in normalem Tonfall zu sagen: "Ich denke, es wird ein ausgebildeter Krieger oder so was sein. Wozu bräuchten wir sonst das Schwert."
Das MHN nickte zustimmend. "An so etwas dachte ich auch schon", meinte er.
"Thomas sollte das hinbekommen. Kannst Du den Schutz um das Schwert aufrecht erhalten?"
Doch Janni schüttelte den Kopf. "Nein, das geht nur, wenn ich es auch halte. Ich muß sehen können und wissen, was ich tue."
"Nein, mußt Du gar nicht", sagte das MHN auf einmal. "Ich werde das Schwert führen, erstens kann mir das Schwert nichts anhaben und zweitens kann ich auch nicht verwundet werden."
Janni schlug die Hand an die Stirn.
"Ich Depp, daran habe ich gar nicht mehr gedacht."
Das MHN grinste. "Ich finde es immer wieder erstaunlich, wie schnell manche Menschen vergessen können, daß ich nur eine Projektion bin."
Jannis Gesichtsausdruck wurde wieder ernst. "Und das ist so, weil Du für uns alle mehr bist als nur eine Lichtprojektion", sagte sie sanft.
Das MHN öffnete den Mund, doch es kamen keine Worte über seine Lippen. Er war einfach gerührt und hätte er rot werden können, dann wäre er es jetzt geworden. Verlegen schaute er zur Seite und Janni legte ihre Hand auf seinen Arm.
"Seven hat großes Glück", sagte sie nur und um das MHN war es jetzt endgültig geschehen. Es hatte ihm die Sprache verschlagen.
Passenderweise hörten sie von draußen Schritte näherkommen und das MHN stand schnell auf und stocherte noch etwas im Feuer herum.
Janni schnappte sich ihr Kleid, von dem sie sicher war, daß Thomas es ihr ausgezogen hatte und zog es wieder über ihr Untergewand. Dann fingen alle drei an die Sachen zu packen und machten sich auf in Richtung Corith. Das Schwert war sicher in zwei Decken gewickelt und hing gut versteckt unter einigen Satteltaschen an Shandis' Seite.

Zwei Tage lang folgten sie dem Weg, den sie hergelaufen waren, dann jedoch bogen sie nach rechts ab. Wo vorher das Gebirge noch vorgeherrscht hatte, wurde es jetzt durch dichte Bäume ersetzt.
Hin und wieder stießen sie auf ein kurzes Stück Weg, doch die meiste Zeit gingen sie direkt durch den Wald.
Die Tage wurden jetzt allmählich kühler, die Nächte noch mehr und bald machten sie es sich zur Gewohnheit, unterwegs schon Feuerholz zu sammeln, damit es für die ganze Nacht reichen würde.
Den Luxus einer Höhle hatten sie nun nicht mehr und sie schliefen auf dem Gras dicht neben dem Feuer. Die Vorräte gingen auch langsam zur Neige und ab und zu verschwand Thomas für eine Weile vom Feuer abends und kam nach einer Weile mit einem erlegten Tier oder Wurzeln zurück. Wasser stellte zum Glück kein Problem dar, sie liefen immer in der Nähe eines breiten Baches entlang, der scheinbar genau dorthin floß, wo sie hinmußten.
Nach einer guten Woche lichtete sich der Wald langsam und irgendwann fanden sie sich auf einem Weg wieder.
"Wir müßten bald Galt erreichen", sagte Thomas, "es ist eine kleine Stadt, aber dort können wir sicher unsere Vorräte auffüllen und wenn es Anselm wieder gelingt sein Verhandlungsgeschick spielen zu lassen, auch wärmere Kleidung kaufen. Der Winter steht vor der Tür."
"Dagegen hätte ich nichts einzuwenden", bibberte Janni, der jetzt ständig kalt war, trotz des recht zügigen Tempos das sie anschlugen.
"Und vielleicht können wir uns ein paar Informationen über den Wächter beschaffen", fügte sie hinzu.
Thomas kniff die Augen zusammen.
"Das wird nicht einfach werden, die Bewohner von Galt sind nicht sehr gesprächsfreudig oder gastfreundschaftlich eingestellt. Johanna, bleib Du dann dieses Mal bitte bei Anselm, ich werde zusehen, daß ich etwas herausfinde."
"Aber sei vorsichtig", bat Janni.
Thomas lächelte. "Keine Angst, ich habe weiß Gott gefährlichere Sachen erlebt, schlimmstenfalls werde ich hier nur hinausgeworfen oder jemand schlägt mir die Tür vor der Nase zu."
Thomas witzelte vielleicht etwas, doch Janni hatte trotzdem ein mulmiges Gefühl.
Inzwischen war der Weg breiter geworden und ab und zu kamen ihnen jetzt auch andere Leute entgegen. Die Männer grüßten höflich, hielten manchmal eine kleine Konversation und Janni hielt sich immer dezent im Hintergrund.
Als es allmählich dämmerte verließen sie den Weg um im Wald einen Platz zum übernachten zu suchen.
Von einem Bauer, der auf dem Rückweg zu seinem Hof gewesen war, hatten sie erfahren, daß die Stadt Galt nur noch wenige Stunden entfernt war. Sie wollten lieber ein gutes Stück vor der Stadt übernachten, in etwas sichererem Abstand zu eventuellen Wegelagerern und Dieben.
Bald hatten sie, geschützt hinter einem dicken, umgefallenen Baumstamm, ein Lagerfeuer entzündet und aßen einige Beeren, die Thomas unterwegs noch an einem Strauch entdeckt hatte. Dann berieten sie noch einmal, wie sie morgen vorgehen sollten.
"Denkt daran, diese Leute sind unfreundlich und die meisten betrügen sehr gern. Laßt euch am besten auf kein Gespräch ein es sei denn, es geht ums Feilschen und schaut niemandem zu lange in die Augen. Das mögen sie auch nicht. Schlagt Eure Kapuzen hoch und Du", er wandte sich an Janni", solltest Dich unbedingt noch etwas schmutzig machen, auf diese Weise lockst Du nicht so viel Gesindel an, die sich liebend gerne an Dir vergreifen würden."
Janni schaute etwas ängstlich das MHN an doch dieser meinte nur: "Notfalls benutzt Du einen Zauber, wenn Dich jemand belästigt. Und ich bin auch noch da."
"Das ist keine so gute Idee hier", hielt Thomas ihm entgegen. "Diese Menschen hier halten nichts von Magie und sie bestrafen jeden hart, der versucht zu zaubern. Benutze sie nur im Notfall, wenn es keinen anderen Ausweg mehr gibt, hast Du verstanden?"
Janni nickte stumm. Das konnte ja heiter werden. Den Rest des Abends verbrachten sie eher schweigend und als es dunkel geworden war, waren die begierigen Blicke, die Thomas Janni zuwarf, nicht einmal mehr dem MHN entgangen. So schlug er vor, daß er in einiger Entfernung um das Lager patrouillieren würde um zu sehen, ob sich auch keine unliebsamen Nachbarn hier versteckt hätten und bat Janni, dass er sie noch ein kleines Stück mit in den Wald begleiten solle.
Kaum außer Sichtweite von Thomas deaktivierte sie ihn und hatte wieder eine ungestörte Nacht mit Thomas in Aussicht.
Sie nutzten beide die Gelegenheit voll aus und als Thomas viel später eingeschlafen war, stand Janni sehr vorsichtig auf, um ihn nicht zu wecken, schlang sich nur schnell eine Decke um ihren Körper und aktivierte dann wieder das MHN zur Sicherheit.
Als er ihren Aufzug sah, riß er nur die Augen auf, schaute auf ihre bloßen Schultern und die nackten Füße und scheuchte sie dann zurück ans warme Feuer. Sie hatte dagegen nichts einzuwenden, legte sich wieder dicht an Thomas unter die Decken und schlief kurz darauf ebenfalls ein.
Das MHN, das auf der anderen Seite am Feuer saß, betrachtete die beiden eine zeitlang.
Er mußte lächeln, als er bemerkte, wie Thomas' Hand unter der Decke scheinbar automatisch nach Jannis Brust tastete und dann dort verharrte.
Damit er seine Zeit auch nutzte, holte er leise den Rucksack mit seinen Sachen hervor und überprüfte, was er an Medikamenten noch hatte und was er würde ersetzen müssen wenn es ginge. Die einheimischen Kräuter und Pulver waren unerwartet brauchbar gewesen und er sah keine Probleme, daraus eine Arznei herzustellen, die er sogar mit dem Hypospray verwenden konnte. Den Rest der Nacht verbrachte er damit, genau das zu tun.

Am nächsten Morgen wurden Janni und Thomas früh vom MHN geweckt. Sie frühstückten schnell, dann löschten sie das Feuer und Thomas kam vom Bach mit einer Handvoll Matsch zurück, mit dem er Janni etwas beschmutzte, so daß sie leicht als Bauerstochter durchgehen würde.
Das Kleid hatten sie etwas zerrissen und ebenfalls mit Erde behandelt, schließlich gab er ihr noch ein Tuch, das sie sich um den Kopf band.
Thomas und das MHN musterten sie.
"Perfekt", lautete das Urteil von Thomas. "Keiner wird Dich für etwas anderes als eine Bäuerin oder Magd halten. Ich denke, wir können los."
Dann machten sie sich auf den Weg. Janni und das MHN merkten schnell wie gut es war, daß Thomas sie auf die Leute dort vorbereitet hatten. Die Gestalten, die ihnen entgegen kamen wirkten allesamt finster und grüßten kaum. Wenn, dann war es eher ein Knurren und Janni achtete darauf, den Kopf gesenkt zu halten wenn ihre Begleiter angesprochen wurden.
Einmal wurde sie Situation brenzlig als ein besonders schmutzig aussehender Kerl sein Augenmerk auf sie gerichtet hatte und dem MHN befahl, sie rauszugeben oder er würde ihn abstechen.
Doch das schnell gezogenen Schwert von Thomas und die entschlossenen Mienen der beiden belehrten den Strauchdieb eines besseren und er machte sich schleunigst davon.
Janni zitterte unter dem Mantel zum Teil aus Angst, zum Teil aus Kälte. Sie würde drei Kreuze machen, wenn sie wieder aus dem Gebiet heraus wären.
Thomas steckte sein Schwert wieder in die Scheide und sie setzten den Weg zum Stadttor fort.
Galt lag auf einer kleinen Anhöhe und Besucher und Bewohner mußten erst einem steinernen Pfad folgen, der sich einmal um den Berg wand. Zur Verteidigung der Stadt war das sehr vorteilhaft.
Sie liefen den Weg hoch und am Tor zeigte Thomas ihre Papiere vor. Unauffällig drückte er einem Wachtposten etwas in die Hand und der ließ sie mit einem Kopfschlenker ohne weitere Schwierigkeiten hinein. Sie ließen Shandis beim Stallmeister zurück und gingen dann durch ein weiteres Tor direkt in die Stadt.
"Wir treffen uns am Abend an unserem alten Lagerplatz", wisperte Thomas den beiden zu. "Denkt daran mit wem ihr es zu tun habt."
Das MHN nickte und dann trennten sie sich.
Janni, bedacht darauf möglichst unauffällig dem MHN zu folgen, staunte nicht schlecht, wie der Doktor seine Geschäfte zu führen pflegte. Er wandte sich stets an Heilkundige, mit denen er scheinbar Rezepte und Tinkturen tauschte.
Da er natürlich um die Wirkung seiner Tränke wußte konnte er auch an einigen kranken Leuten beweisen, daß es half. Für die Medizin bekam er Gold oder Tauschwaren und er kaufte davon Lebensmittel und warme Kleidung für sie.
Der Aufenthalt in Galt dauerte nur knapp 2 Stunden, dann hatten sie alles und machten sich auf den Weg zur alten Lagerstätte um auf Thomas zu warten. Shandis hatten sie mitgenommen und nach einiger Zeit erreichten sie wieder die Stelle hinter dem umgekippten Baumstamm.
Janni wusch sich erst den Schmutz herunter, zog sich um, dankbar für den warmen Umhang und das schwere, wollene Überkleid, dann nahm sie sich den mobilen Emitter vor um auch dem MHN zu einer wärmeren Kleidung zu verhelfen. Natürlich nur rein optisch.
Mit den verstreichenden Stunden wurde es irgendwann noch kälter und dunkler und das MHN ging noch einmal los, um Feuerholz zu suchen.
Der Abend war nun hereingebrochen und von Thomas war weit und breit nichts zu sehen. Janni machte sich langsam Sorgen.
Dann endlich hörten sie, wie jemand auf ihr Lager zukam und Janni sprang auf um Thomas zu begrüßen.
Doch statt Thomas kam ein junges Mädchen vorsichtig heran.
Das MHN hielt hinter dem Rücken den Phaser bereit und fragte freundlich: "Können wir Dir helfen?"
Das Mädchen schaute Janni an und meinte dann: "Bist Du Johanna?"
Verwundert antwortete Janni: "Ja, die bin ich."
"Ich habe eine Nachricht für Dich, von Thomas. Er wurde festgenommen und eingesperrt. Ihr sollt weiterziehen und Euch keine Sorgen machen. Und ihr sollt sein Pferd mitnehmen."
Kaum, daß sie fertig war, drehte sich das Mädchen um und rannte wieder fort.
"Warte!" rief Janni ihr nach, doch das Mädchen war bereits verschwunden.

Rettungsversuche

Das MHN hatte den Phaser weggelegt und Janni starrte ihn entsetzt an.
"Wir müssen ihn retten!" rief sie und machte sich schon daran, ihre Sachen zu packen und loszurennen.
Das MHN hielt sie fest und meinte: "Warte. Wir können nicht einfach nach Galt stürmen und ihn da herausholen. Was meinst Du wie schnell wir neben ihm in einer Zelle sitzen?"
Janni funkelte ihn wütend an. "Dann gehe ich eben allein, ich kann ihn nicht einfach dort schmachten lassen. Wer weiß, was sie ihm antun, vermutlich foltern sie ihn gerade!"
Das MHN schaute nicht minder wütend zurück. "Ich habe auch nie gesagt, daß wir ihn da lassen, aber wir brauchen einen Plan! Sonst kannst Du gerne losgehen und Dich gleich bei den Wachen melden und vielleicht sperren sie Dich gleich zu ihm!"
Das MHN war immer lauter geworden und seine Augen blitzen. Doch scheinbar war das nötig gewesen, dann nun sackte Janni in sich zusammen und meinte nur mit hängendem Kopf: "Du hast Recht, ich... es tut mir leid. Aber vielleicht wird er gerade gefoltert, das ertrage ich nicht!"
"Wir werden ihn da auch herausholen." Das MHN ließ sie los und stapfte grübelnd um das Feuer.
Janni meinte: "Wir haben einen Phaser, damit könnten wir die Wachen betäuben", schlug sie vor.
"Das wäre eine Möglichkeit, aber ich habe gesehen, wie die Wachen am Tor die Leute durchsuchen. Sie haben das nur bei uns nicht getan weil Thomas ihnen etwas gegeben hat. Ich fürchte, wir müssen unsere Sachen hier lassen und gut verstecken. Aber betäuben ist eine Idee..."
Das MHN ging zu seiner Tasche und kramte darin herum bis er eine kleine Dose mit einem gelben Pulver herauszog.
"Na bitte", meinte er zufrieden, "eine kleine Prise von dem Pulver in ein Getränk und je nach Dosierung schläft der Betroffene einfach nur für ein paar Stündchen ein. Wir müssen es nur schaffen, daß die Wachen es auch trinken."
"Ich glaube, da hätte ich eine Idee", meinte Janni leise.
"Es gibt genug Huren in der Stadt, und ich bin absolut sicher, daß auch die Wachen gerne in den Genuß eines Schäferstündchens kommen. Ich könnte mich als eine an sie heranmachen."
Das MHN musterte sie scharf. "Bist Du Dir sicher, daß Du das machen willst?" fragte er nach.
"Abgesehen davon, daß Du schon einmal überfallen wurdest, sind das hier keine Bordell-Maßstäbe. Die Kerle hier sind grob und gewalttätig und wenn sie mit Dir nicht zufrieden sind, dann töten sie Dich."
Janni schaute ihn etwas unsicher an.
"Nicht, wenn Dein Mittel schnell wirkt. Wein und Frauen waren im Mittelalter jeher beliebt."
"Gut, nehmen wir an, Du schaltest eine Wache aus, was ist mit den anderen?" fragte das MHN.
Janni überlegte. Daran hatte sie jetzt nicht gedacht.
"Dann muß ich sie halt mit Magie ausschalten", meinte sie entschlossen.
"Oder ich gebe mich nicht als Hure, sondern als Wirtin aus, die den Wachen Wein und Brot in die Wachtstube bringt. So trinken alle davon. Und wenn einer mir an die Wäsche will... dann bist Du noch da oder ich benutze Magie."
Janni schaute das MHN bittend an und dieser nickte, sagte aber: "Wir versuchen es. Aber wenn es nicht klappt, oder wir auffliegen, dann gehen wir, verstanden?"
"Aber wir..." setzte Janni an, doch das MHN sah sie streng an.
"Janni, Du hast das Universum zu retten, wenn Du jetzt wegen eines einzelnen Mannes alles aufs Spiel setzt, dann ist nicht nur er verloren sondern auch unzählige andere Leben. Wir werden einen Versuch machen Thomas zu retten, aber sollte es schief gehen, dann müssen wir gehen, verstehst Du?"
Er hatte sie inzwischen an beiden Armen gepackt um die Wichtigkeit seiner Aussage zu unterstreichen.
"Ja, schon gut, hab's schon verstanden", murrte sie höchst unwillig. Sie machte sich los und suchte nach einem Versteck für ihre Sachen.
Das MHN seufzte in sich hinein und machte sich daran, einen Weinschlauch, den er am Vormittag in Galt gekauft hatte, mit dem Schlafmittel zu präparieren.

Nach gut einer halben Stunde waren sie dann fertig. Janni hatte die neuen Sachen angezogen und gleich ein paar Weinflecken darauf verteilt, damit ihr Auftritt auch echt aussah. Mit den Papieren, dem Weinschlauch und sonst nur einer Tasche mit einigen Tränken und Pulvern bepackt machten sie sich auf den Weg.
Shandis nahmen sie mit und stellten sie unterhalb der Stadtmauer an einer recht geschützten Stelle ab. Ein Seitenausgang war direkt über ihr, denn Janni und das MHN hatten vor, mit Thomas direkt dort lang zu flüchten.
Die beiden hatten sich darauf geeinigt, daß das MHN etwas auf angeheitert spielen sollte damit die Wachen keinen Verdacht schöpften, wenn ein Mann mit einem jungen Mädchen so spät Abends noch in die Stadt wollten, denn die Händler hatten ihre Sachen gepackt und zu dieser Stunde kamen nur noch Leute um entweder zu trinken oder sich anders zu vergnügen.
Kurz vor dem Toreingang legte das MHN dann seinen Arm um Jannis Schultern und stützte sich auf sie. Torkelnd und etwas singend kamen sie dann beim Tor an. Die Wachen grinsten als sie das Pärchen entdeckten und Janni zog die Papiere hervor. Doch der Wachtposten hatte kaum Augen dafür, die blieben eher am MHN hängen.
"Wasislos?" lallte er und grinste den Wachtposten ungeniert an.
Der Wachtposten lachte los, tastete dann das MHN ab und deutete danach auf Janni.
"Wenn Du mit ihr fertig bist, dann sag mir Bescheid. Aber erst mal muß ich herausfinden, ob sie etwas verwerfliches bei sich trägt."
Er begrapschte sie überall, wo sie definitiv am Tage niemals kontrolliert werden würde und grinste dreckig.
Janni, der das Herz bis zum Hals schlug, dachte an Thomas und ihre Rolle und tat so, als ob sie das genießen würde und schenkte dem Wachtposten ein freches Lächeln.
"Wennich feddich bin, dann kannstse haben", lallte das MHN weiter und zog Janni einfach durch das Tor.
Hinter ihnen erklang nur ein Lachen, das aber schnell verklang je weiter sie in die Stadt kamen. In sicherer Entfernung zum Tor löste sich das MHN von ihr und fragte: "Alles in Ordnung?"
"Ja, geht schon, der Dreckskerl hat mich überall angefaßt", meinte sie.
"Das wird leider nicht das letzte Mal gewesen sein", meinte er und gemeinsam gingen sie weiter Richtung Stadtkern.
Sie hielten sich im Dunkeln und bald sahen sie rechts von sich in der Stadtmulde viele Lichter und hörten vereinzelte Schreie. Das mußte das Wirtshaus sein, wo die Männer gerade ihren Feierabend genossen. Doch Jannis Blick fiel auf einen großen Turm, der am Rand und ganz oben am Stadtrand lag. Dort mußte das Gefängnis sein, denn hier war alles still und Wachtposten liefen aufmerksam hin und her oder standen vor den Türen.
"Bist Du bereit?" flüsterte das MHN als sie dicht an das Tor gekommen waren.
Janni sollte gleich versuchen hineinzukommen und den Wein an die Wachtposten zu verteilen. Den mobilen Emitter würde sie mitnehmen und wenn die Wachen ausgeschaltet waren, den Doktor wieder aktivieren. Ob der Plan auch klappen würde, war etwas ganz anderes. Doch Janni setzte eine entschlossene Miene auf und meinte: "Ich bin fertig. Ich deaktiviere Dich jetzt. Wünsch mir Glück."
"Viel Glück", meinte das MHN noch, dann löste es sich auf und Janni steckte den mobilen Emitter unter den Träger ihres Unterkleides. Dann nahm sie den Weinschlauch, öffnete die Schnüre von ihrem Dekolleté so weit wie es noch ging und lief dann schnurstracks, mit einem fröhlichen Lächeln auf den Wachtposten an der Tür zu, hinter der Janni den Kerker vermutete.
Der Wachtposten war schnell von seiner Aufgabe abgelenkt, als er den Weinschlauch sah und einen Blick in Jannis Ausschnitt werfen konnte.
"Der Wein ist für Euch", säuselte sie. "Euer Hauptmann hat mich beauftragt, ihn herzubringen und unter den Kameraden zu verteilen."
Der Wachtposten schaute etwas merkwürdig und Janni fügte schnell hinzu: "Und mich hat er auch mitgeschickt."
Sie zwinkerte dem Mann zu und der grinste erfreut. Seine Blicken zogen Janni schon fast aus und er meinte: "Dann komm mal mit, ich weiß zwar nicht, was es heute zu feiern gibt, aber sowas schlagen wir sicher nicht aus."
In einer plötzlichen Eingebung sagte Janni: "Oh, er sagte etwas, daß in dem Kerker endlich ein gesuchter Verbrecher einsitzen würde. Er hat versucht an Informationen über Corith zu kommen."
Gespannt wartete Janni die Reaktion ab. Der Wachtposten lachte.
"Ach der, wußte gar nicht, dass der Mistkerl so ein großer Fisch ist. Aber jetzt reißt er sein Maul nicht mehr auf, dafür haben wir gesorgt."
Wieder lachte er und führte Janni die Treppe im Turm hinunter, wo es nach Erbrochenem, Schweiß und menschlichen Ausscheidungen roch. Sie würgte einige Male doch sie folgte dem Mann weiter, vorbei an Gittern hinter denen erbarmungswürdige Gestalten in Ketten an die Wand geschmiedet waren und von Ratten angeknabbert wurden.
Janni wagte ihr Glück noch einmal herauszufordern und fragte: "Wo ist er denn?"
"Warum willst Du das wissen?" fragte der Wachtposten, blieb stehen und musterte sie.
Ihre Hände schwitzten uns sie sagte: "Scheint einfach ein berüchtigter Verbrecher zu sein, ich wollte so einen schon immer mal sehen. Euer Hauptmann hat jedenfalls lange von ihm erzählt."
Das Gesicht des Postens hellte sich auf und er meinte: "Wir können es vor seiner Nase treiben, das würde ihm gefallen."
Er brach in Gelächter aus und Janni, der furchtbar schlecht war, versuchte mit einzufallen. Sie hatten Thomas also tatsächlich gefoltert. Oh, sie würde die Kerle umbringen.
Doch vorerst trabte sie brav hinter dem Posten her und kurz darauf erreichten sie eine Nische, in der vier weitere Männer saßen, Karten spielten und schmutzige Witze erzählten.
Ihr Kamerad und vor allem Janni wurde mit ausgelassenem Jubel begrüßt und sofort riß ihr einer den Weinschlauch aus der Hand, schenkte den Jungs ein und Janni wurde von einem anderen sofort zu ihm herangezogen und schon spürte sie, wie seine Hände an ihrer Brust herumtasten.
Immer noch lächelte sie heiter und ging auf das Spiel ein, warf aber immer wieder ihrem Führer neckische Blicke zu, so daß dieser bald wütend auf seinen Kumpel würde, der Janni einfach gepackt hatte.
Zwischendurch stelle sie zufrieden fest, daß alle fünf begierig den Wein tranken. Sie zwinkerte wieder dem Wachtposten zu, der sie hergeführt hatte und verdrehte gelangweilt die Augen in Richtung seines Kollegen.
Das half, und endlich stand der Wachtposten auf und brüllte: "Ich krieg sie zuerst, nimm Deine schmutzigen Hände weg."
Der andere Wachtposten schaute ihn verdutzt an, doch dann brüllte er vor Lachen und meinte: "Von mir aus fang an, ich hab es sowieso lieber wenn sie schon eingeritten ist!"
Dann nahm er noch einen Schluck Wein und der andere zog Janni hinter in einen anderen Kerkergang und lief mit ihr bis zur letzten Zelle.
"Hier, Du wolltest den Typen sehen, da ist er." Er deutete durch die Gitterstäbe auf eine dunkel Gestalt am Boden, die sich nicht regte.
Janni sah, daß er ebenfalls Hand- und Fußfesseln aus Eisenringen trug, die mit dicken Ketten in die Wand gemauert waren. Doch sie konnte Thomas nur einige Augenblicke anschauen, dann wurde sie herumgerissen und der Wachtposten begann, ihr die Kleider vom Leib zu reißen.
Jetzt wäre wirklich ein günstiger Moment, wo das Pulver wirken könnte, dachte sie verzweifelt.
Inzwischen hatte er ihr Oberteil aufgeschnürt und seine Hände tasteten nach ihrem Busen, da sank er auf einmal zu Boden und fing an laut zu schnarchen.
Uff, das war knapp, dachte sie und schnürte ihr Oberteil wieder zu.
Dann suchte sie den Kerkerschlüssel aus seiner Hosentasche und öffnete die Zellentür.
"Thomas?" fragte sie leise und näherte sich der Gestalt am Boden.
Noch immer regte er sich nicht und als Janni nahe genug war, um etwas zu erkennen schlug sie entsetzt die Hände vor den Mund. Sein Gesicht war von Schlägen ganz zugeschwollen und überall an seinem Körper waren Blutspuren und Wunden zu sehen.
Janni standen die Tränen in den Augen und vorsichtig strich sie Thomas über das Gesicht.
"Thomas?" fragte sie erneut und dieses Mal hörte er sie. Er öffnete das linke Auge, das noch nicht so zugeschwollen war und blickte ungläubig zu Janni.
"Johanna?" flüsterte er.
"Psst, nicht reden, Du bist verletzt. Wir bringen Dich in Sicherheit."
Sie schloß behutsam die Fesseln auf und halt Thomas einen Schluck Wasser aus dem Krug zu trinken, der für ihn in unerreichbarer Nähe gestanden hatte. Dann fiel ihr das MHN ein und sie meinte: "Ich hole schnell Anselm, er ist noch vorne und sucht nach Dir."
Dann lief sie aus der Zelle und aktivierte außer Sichtweite von Thomas das MHN wieder.
"Hast Du ihn gefunden?" fragte er sogleich.
"Komm schnell bitte, er sieht ziemlich übel aus", flehte sie.
Sie zeigte auf die offene Kerkertür und folgte dem MHN hindurch. Er untersuchte Thomas und holte dann ein kleines Fläschchen aus der Tasche, die Janni vor der Tür hatte stehen lassen.
Er tröpfelte etwas in das Wasser und ließ Thomas einige Schlucke davon trinken.
Janni schaute ihm gebannt zu und was erleichtert, als wieder etwas Farbe in Thomas Gesicht kehrte und sich sogar etwas bewegen konnte.
Der Doktor drehte sich zu Janni um und sagte: "Ich habe ihm einen Stärkungstrank verabreicht, es wird aber nicht lange vorhalten. Warte hier, und laß ihn noch etwas trinken, ich bin gleich wieder zurück."
Während das MHN die Zelle verließ hatte Janni Thomas Kopf auf ihren Schoß gebettet und half ihm, noch ein paar Schlucke zu trinken.
"Was ist nur passiert?" fragte Janni leise.
Thomas schaute sie an und meinte: "Scheinbar ist Corith mit einem Tabu hier belegt. Ich war wohl nicht vorsichtig genug mit meinen Fragen. Sie haben mich hierher geschleppt und dann versucht herauszufinden, was ich dort wolle. Aber sie haben nichts aus mir herausbekommen."
Thomas lachte leise. "Sie dachten, sie könnten es aus mir herausprügeln, aber da haben sie sich getäuscht."
In Jannis Augen glitzerten einige Tränen.
"Du dummer Mann, warum hast Du es ihnen nicht gesagt?" fragte sie.
Thomas sah sie ungläubig an.
"Denkst Du, ich würde Dich oder Anselm jemals verraten Johanna? Eher sterbe ich."
Janni wußte nicht, ob sie ihn schlagen oder küssen sollte. Doch sie brauchte darüber gar nicht weiter nachzudenken, denn das MHN kam mit einigen Kleidungsstücken wieder zurück.
Er hatte sie den Wachen abgenommen und sein Plan war einfach: "Wir ziehen ihm die Sachen über und gehen mit ihm raus. Falls uns jemand sieht wird er denken, der Kamerad hat nur zu viel Wein getrunken und daß wir ihn ins Bett schaffen. Halt noch etwas durch Thomas, Shandis wartet unterhalb des Stadttores."
Mit Jannis Hilfe zog er Thomas hoch und legte seinen Arm um seine Schultern. Dann schleppten sie ihn aus dem Turm nach oben und hinunter zum Seitenausgang.
Das Glück war ihnen gewogen, aus der Ferne sah ihnen ein Wachtposten hinterher, aber er dachte genau das, was das MHN wollte: einen Betrunkenen, den sein Freund Heim schleppte und danach noch ein Weib für ein Schäferstündchen mitbrachte.
Ungehindert kamen sie an das Portal, doch es war fest verschlossen.
"Das ist ein Problem", sagte das MHN und überlegte rasch nach einer Lösung. Hätte er nur einen Phaser mitnehmen können, aber die Wachen hätten ihn gefunden. Vor der Tür hing ein massives Eisenschloß, das schon ziemlich verrostet war.
Er schaute sich gerade nach einem Hebelwerkzeug um, als Janni nur meinte: "Geht ein Stück beiseite."
Sie konzentrierte sich auf das Schloß und kurz darauf zerfiel es in zwei Teile. Die Tür war offen.
"Nicht schlecht", staunte das MHN und hievte Thomas durch das Tor.
Ein Stück entfernt stand immer noch Shandis und schnaubte freudig, als sie ihren Herren erkannte. Sie setzten Thomas auf sie hinauf und gingen dann wieder so schnell wie möglich zu ihrer Lagerstätte zurück.
Endlich dort angekommen war Thomas bereits im Sattel zusammengesunken und dem MHN war klar, daß sie so schnell wie möglich hier weg mußten. Das Schlafmittel hatte sicher schon seine Wirkung verloren und es war nur eine Sache der Zeit, bis sie merkten, daß ein Gefangener fehlte und die Gegen absuchen würden.
Janni hatte sofort den Rucksack mit den medizinischen Ausrüstungsgegenständen hervorgeholt und blickte angespannt auf das MHN und den Tricorder, den er gerade geöffnet hatte.
"Einige gebrochene Rippen, innere Blutungen und natürlich viele Blutergüsse. Ich muß operieren."
Er holte das Laserskalpell hervor und machte sich daran, die verletzten Organe zu versorgen. Dann holte er den Knochenregenerator hervor und nach 10 Minuten waren auch die Rippen wieder zusammengeflickt.
Janni hatte sich derweil den Dermalregenerator geschnappt und nach Anweisung des MHN über das geschwollene Gesicht gleiten lassen. Mit der Zeit nahm Thomas wieder eine fast normale Gestalt an.
"In ein paar Stunden sollte er sich wieder relativ gut fühlen hoffe ich", meinte der Doktor und nahm Janni den Dermalregenerator aus der Hand um noch einige Stellen nachzubessern.
"Lassen wir ihn noch etwas ausruhen, wir sollten mindestens noch eine Stunde warten bevor wir..."
Das MHN schwieg abrupt und horchte. Janni tat es ihm gleich, denn auch sie meinte, etwas gehört zu haben.
Sie hatten sich nicht getäuscht, in der Ferne konnten sie Stimmen und Äste knacken hören als jemand drauftrat. Es schienen mehrere zu sein und die Stimmen wurden lauter.

Gefangenschaft

Janni reagierte sofort und löschte das Feuer, damit man sie nicht gleich finden würde.
"Wir müssen hier weg", flüsterte das MHN und wollte Thomas gerade wecken, doch Janni legte eine Hand auf seinen Arm und schüttelte den Kopf.
"Zu spät", wisperte sie, "sie sind gleich da und sie kommen von mehreren Seiten. Der Phaser!"
Das MHN nickte und holte ihn hervor. Er stellte ihn auf breite Streuung, zog Thomas zu Ihnen unter den Baumstamm, ging dann in Deckung und wartete ab.
Noch bestand die Chance, daß sie einfach an ihnen vorbeigingen, doch dann schnaubte Shandis und sie hörten wie einer sagte: "Das war eindeutig ein Pferd, jemand muß in der Nähe sein."
Das MHN gab Janni ein Zeichen, daß er die rechte Seite im Auge behielt, sie sollte schauen, ob sich von links jemand näherte.
Dann sah der Doktor eine Bewegung zwischen den Bäumen und der erste Phaserstrahl traf sein Ziel. Doch damit hatten sie auch ihre Position verraten, dann ein zweiter Schatten kam hinter dem Baum hervor und brüllte: "Hier sind sie, fangt sie!"
Im nächsten Moment wußte das MHN gar nicht mehr, auf wen er zuerst schießen sollte. Die Gegner hatten Wurfgeschosse eingesetzt und ein Messer ging direkt durch die Schulter des MHN hindurch und blieb in dem Baum stecken.
"Bleib in Deckung!" rief das MHN Janni zu und diese legte sich schützend über Thomas und hielt die Hände über den Kopf. Ein Messer surrte dicht über ihr vorbei und dann hörte sie Geräusch, daß ihr das Blut in den Adern gefrieren ließ. Das MHN war offline.
Janni sah, wie der Emitter ins Gras fiel und gleich darauf folgte der Phaser. Sie zögerte nicht lange, packte den Phaser, stellte ihn so ein, daß er in 5 Sekunden überladen wurde und warf ihn mit aller Kraft in die Gegner. Eine Explosion erschütterte die Luft und sie hörte Schmerzens- und Sterbelaute.
Doch dann waren die ersten Wachen heran und zerrten sie auf die Beine.
Zwei andere schlugen wieder auf Thomas ein und einer nahm den mobilen Emitter an sich, der wie ein Schmuckstück im Gras leuchtete.
"Laßt ihn sofort los ihr Mistkerle!" schrie sie außer sich vor Wut und konzentrierte sich dann auf den Wächter vor ihr. Er krümmte sich plötzlich zusammen und schrie vor Schmerzen. Aus seinem Mund quoll Blut und er zeigte auf Janni und rief noch ein Wort bevor er das Bewusstsein verlor: "Hexe!"
Die Männer reagierten sofort, sie stülpen ihr einen Sack über den Kopf und fesselten ihr die Hände auf den Rücken. Dann spürte sie einen Schlag auf den Kopf und das letzte, was sie hörte bevor eine Schwärze ihre Sinne verschlang waren die Worte: "Bringt sie zur Burg."

Janni erwachte mit heftigen Kopfschmerzen. Sie konnte kaum die Augen öffnen und das bißchen, das sie sah war ziemlich dunkel.
Dann merkte sie, daß ihre Hand- und Fußgelenke mit dicken Eisenfesseln umschlungen waren, die wiederum an ebenso dicken Eisenketten an die Wand geschmiedet waren. Sie befand sich dort, wo sie Thomas noch vor ein paar Stunden befreit hatten.
Doch sie war allein in dem Kerker. Thomas war nirgends zu sehen.
Sie tastete nach dem mobilen Emitter bis ihr wieder einfiel, daß ein Wächter ihn aufgehoben und eingesteckt hatte. Die Angst überfiel sie jäh und am liebsten hätte sie geschrien.
Doch sie dachte an Thomas und das MHN und wie sie beide wiedersehen konnte. Sie mußte hier raus.
Sie konzentrierte sich auf die eisernen Fesseln doch sie konnte sie nicht aufkriegen mit ihrer Magie. Verwirrt probierte sie eine andere Taktik, doch auch das half nichts. Die Ketten schienen ihrer Magie standzuhalten.
Im Gang hörte sie auf einmal Stimmen und Schritte, die immer lauter wurden.
Vier finster dreinblickende Wachen erschienen vor den Gitterstäben und einer schloß die Tür auf. Zwei Wachen blieben vor der Tür stehen, die anderen beiden kamen herein.
Noch bevor sie irgendetwas sagen oder tun konnte war einer der beiden vor sie getreten und schlug ihr hart ins Gesicht.
Janni meinte, der Kopf würde ihr wegfliegen, dann wurde sie an den Haaren gepackt und ihr Kopf nach hinten gerissen. Die andere Wache stopfte ihr ein schmutziges Tuch in den Mund und knebelte sie dann mit einem Stoffstreifen. Sie bekam kaum noch Luft. Der andere verband ihr die Augen und erst dann wurde sie losgelassen. Ihre Lippe blutete und sie fühlte, wie ihr Wange anschwoll.
"Hör zu Hexe, wenn Du versuchen solltest irgendeine Magie zu wirken, dann stirbt Dein Freund sofort, hast Du verstanden?"
Janni nickte nur.
"Sehr gut. Ich sehe, wir verstehen uns. Und nun will ich wissen, woher ihr das Schwert habt, das bei Euren Sachen gefunden wurde. So eines gibt es heutzutage nicht mehr. Habt ihr es gestohlen?"
Janni schüttelte den Kopf und spürte erneut die Faust der Wache.
"Lüg mich nicht an!" schrie er. "Das Schwert stammt aus dem Kloster in Corith, ihr habt es gestohlen! Vor ein paar Wochen war es noch dort, der Abt hat es mir persönlich gezeigt!"
Wütend schlug er noch ein drittes Mal zu und diesmal prallte Janni auf den Boden.
Ihre Gedanken rasten. Der Kerl mußte das Schwert verwechseln, das war die einzige Erklärung. Aber warum ausgerechnet Corith? Das konnte kein Zufall sein. Vielleicht hatte der Magier damals ein Duplikat erstellt und es im Kloster gelassen, dann mußte der Kerl natürlich denken, es wäre gestohlen.
Sie stöhnte auf, als sie wieder hochgerissen wurde.
"Ich frage noch einmal, habt ihr das Schwert gestohlen?"
Dieses mal nickte sie zaghaft. Es hätte keinen Zweck zu versuchen, die Wahrheit zu erklären, wer würde ihr glauben? Und Magie war hier streng verpönt.
Sterben würde sie vermutlich eh, aber vielleicht konnte sie Thomas retten. Sie erwartete schon den nächsten Schlag, doch der kam nicht. Stattdessen wurde sie losgelassen und heftige Kopfschmerzen erfassten sie. Sie hörte wie die beiden Männer wieder hinausgingen und die Tür wieder abgesperrt wurde.
"Was sollen wir mit Ihnen tun?" fragte eine bisher unbekannte Stimme.
Die Antwort kam prompt von dem brutalen Kerl: "Wir bringen sie nach Corith, im Kloster wird man über sie richten. Sorg dafür, daß der andere am Leben bleibt. Wir werden ihn noch brauchen."
"Und sie?" Die Wache deutete auf Janni, die immer noch geknebelt und mit verbundenen Augen auf dem Boden saß.
"Laß Sie bis morgen so, das wird sie etwas gefügiger machen."
Dann entfernten sich die Schritte und Janni war allein. Ihr Kopf schmerzte heftig und sie konnte nicht an den Knebel oder die Augenbinde kommen. Sie versuchte sich hinzulegen, was die Ketten gerade noch zuließen, dann versuchte sie das Pochen in ihrem Schädel auszublenden. Wenn sie nur den Emitter hätte... und von Thomas wußte sie nur, daß er am Leben gehalten werden sollte. Aber wenigstens würde man sie nach Corith bringen, bis dahin war ihr Überleben gesichert und sie würde Zeit haben, sich einen Fluchtplan zu überlegen.
Langsam wurde sie schläfrig und sie dämmerte in einen unruhigen, schmerzvollen Schlaf über.

Der Weg nach Corith

Die Nacht wurde kalt, lang und qualvoll. Jannis Gesicht war geschwollen, sie bekam durch die Nase kaum Luft und ihr Mund war nach zwei Stunden staubtrocken.
Als endlich die ersten Sonnenstrahlen durch die Fensteröffnung in der Mauer hoch über ihr fielen, konnte sie vor Durst und Schmerzen kaum noch bei Bewußtsein bleiben.
Sie bekam am Rande mit, wie die Zellentür aufgesperrt wurde, jemand ihr den Knebel und die Augenbinde entfernte und ihr etwas Wasser zu trinken gab.
Die Ketten wurden entfernt doch kaum, daß ihre Hände frei waren wurden sie ihr wieder auf den Rücken gefesselt, ebenfalls mit Ketten, die sie nicht mit Magie aufbekommen würde.
Zwei Männer packten sie rechts und links an den Armen, zerrten sie hoch und dann wurde sie unsanft halb geschleift, halb getragen durch den Gang nach draußen gebracht, auf einen Wagen geworfen, der eine fahrende Gefängniszelle war und zur Sicherheit noch mit einer weiteren Kette, deren Ende an einen eisernen Halsreif geschmiedet war, an die Stäbe des Wagens gekettet.
Sie versuchte die Augen geöffnet zu halten und sah einen weiteren Wagen, auf dem schon eine Gestalt lag.
Es war Thomas, der wie Janni selber an die Gitter des Wagens gekettet war. Allerdings hatte man ihm die Hände freigelassen. Es schien im besser zu gehen als ihr, denn er versuchte sich zu befreien und als er sah, daß Janni herausgebracht wurde schrie er: "Johanna! Johanna!!! Ihr verdammten Mistkerle, was habt ihr mit ihr gemacht?"
Doch er bekam keine Antwort, er konnte nur auf den Wagen starren, in dem man Janni gerade festgekettet hatte. Eine riesengroße, schwarze Plane wurde über die Gitter ausgebreitet und sie lag im Dunkeln.
Kurz darauf setzten sich die beiden Wagen mit den Gefangenen und Shandis, die hinten an Thomas Wagen gebunden war, in Bewegung.
Janni war froh, daß Thomas noch lebte, es gab ihr Hoffnung, doch noch heil hier herauszukommen. Doch sie konnte sich einfach nicht konzentrieren, sie hatte immer noch heftige Kopfschmerzen, die von dem Gerüttel nicht besser werden würden. Außerdem war sie immer noch sehr durstig und bald schon driftete sie wieder in einen Dämmerzustand hinein.
Thomas bebte vor Wut und Sorge um Johanna. Was hatten sie ihr nur angetan? Für ihn hatte es so ausgesehen, als sei sie dem Tode nah. Und wo war überhaupt Anselm? Hatten sie ihn getötet? Oder war er entwischt? Thomas bevorzugte den zweiten Gedanken und überlegte, wie er Anselm helfen konnte falls dieser einen Befreiungsversuch startete. Doch die Ketten waren zu stark, er sah keine Möglichkeit sich zu befreien.
Er blickte zu Shandis und versuchte auszumachen, ob sie noch alle Sachen trug. Das Schwert hatten sie natürlich konfisziert, aber der Rest schien noch da zu sein. Wenn er Shandis näher holen könnte würde er vielleicht an seine Tasche kommen und etwas finden, mit dem er sich von den Ketten befreien konnte. Er beschloß zu warten, bis es Nacht war.

Den Tag über rumpelten die Wagen über die unebenen Wege und nur selten wurde eine Rast eingelegt.
Zur Mittagszeit wurde den Gefangenen etwas Brot und Wasser gebracht.
Während Thomas seine Ration durch die Gitterstäbe gereicht bekam musste bei Janni eine Wache ihr behilflich sein.
Thomas konnte sehen, daß die lange Fahrt sie noch schwächer gemacht hatte. Ein Wächter hielt ihren Oberkörper hoch und flößte ihr langsam das Wasser ein.
Sie stöhnte leise auf, als das Wasser ihr Gesicht benetzte. Langsam kam sie zu sich und schaffte es, das meiste vom Wasser runterzuschlucken. Danach ging es ihr etwas besser und sie konnte sich aufsetzen und kurz Thomas sehen. Dann wurde die schwarze Plane wieder runtergeklappt und sie saß erneut im Dunkeln.
Sie wollen nicht, daß ich irgendetwas ansehen kann um Magie zu wirken, schloß sie daraus.
Und scheinbar hatten sie damit Erfolg. Sie versuchte sich von den Ketten zu befreien, merkte aber schnell, daß diese genauso magieresistent waren wie die im Kerker. Außerdem reichten ihre Kräfte noch nicht aus um wirklich etwas bewerkstelligen zu können. Ihre Kopfschmerzen waren erträglich geworden und ihre Lebensgeister waren mit dem Wasser geweckt worden.
Die Wägen setzten sich wieder in Bewegung.
Thomas, der wenigstens kurz gesehen hatte, wie Janni sich aufgesetzt hatte, war erleichtert. Es schien ihr besser zu gehen und das beruhigte ihn. Jetzt mußte er nur zusehen, daß sie hier rauskamen.
Doch die nächsten Tage klappte das nicht. Beide Wägen wurden in den ersten drei Nächten bewacht und Thomas fand keine Möglichkeit nur annähernd an Shandis heran zu kommen.
Janni wurde zunehmend schläfriger und mürber. Die ständige Dunkelheit trieb sie fast zum Wahnsinn und nur ihr eiserner Wille hier herauszukommen und Thomas zu befreien bewahrte sie davor den Verstand zu verlieren. Nur einmal am Tag wurde für ein paar Sekunden die Plane ein Stück angehoben und Janni konnte etwas Licht sehen.
Jemand gab ihr zu Trinken, jedoch nichts zu Essen. Dann wurde die Plane sofort wieder zugemacht und sie befand sich wieder in der Finsternis. Ihre Handgelenke und ihr Hals waren inzwischen wund gescheuert und ihre Schultern schmerzten bei jeder Bodenwelle. Seit 3 Tagen hatte man sie nur nachts mit verbundenen Augen kurz hinausgeholt, frisches Stroh in den Wagen gelegt und sie dann wieder angekettet.
Am fünften Tag ließen dann die Sicherheitsvorkehrungen spürbar nach, die Wachen meinten, sie hätten jetzt ihren Willen gebrochen und nahmen ihr sogar einmal die Armfesseln ab.
Ein stechender Schmerz fuhr durch ihre Schultergelenke, als diese nach Tagen wieder bewegt wurden. Ihr stiegen die Tränen in die Augen und sie stöhnte auf, als zwei Wachen sie packten und vom Wagen holten. Sie konnte kaum stehen und wurde unsanft in einen Unterstand geschleift, wo man sie dann einfach auf dem Boden liegen ließ.
Jeder Muskel in ihrem Körper tat ihr weh und sie konnte sich kaum rühren.
Vor ihrer Nasenspitze tauchten auf einmal ein paar Stiefel aus. Mühsam blickte sie nach oben und sah in das Gesicht des Hauptmanns, der sie fies grinsend betrachtete.
Er umrundete sie, packte dann ihre Haare und zog sie auf die Knie.
Janni schrie auf und heißer Schmerz raste ihre Nervenbahnen entlang. Dann wurden ihre Haare losgelassen und ihr Oberkörper sackte etwas nach unten.
"Du scheinst doch noch Kraft in Dir zu haben", stellte der Hauptmann fest.
Janni sagte nichts und wäre am liebsten wieder zu Boden gesunken, doch sie gab dem Willen nicht nach.
„Ich will wissen, was es hiermit auf sich hat“, sagte der Hauptmann und hielt den mobilen Emitter vor ihre Nase.
Adrenalin durchströmte sie und ein Hoffnungsschimmer erwachte in ihr. Wenn sie den Emitter kriegen konnte…
„Es ist ein altes Familienerbstück, das ich von meiner Großmutter bekam“, improvisierte sie.
„Und wofür soll es gut sein? Es ist keine Kette dran, was macht man damit?“ fragte er mißtrauisch weiter.
„Es… ist nicht zum Tragen gedacht“, sagte sie langsam. „Zumindest nicht am Hals oder Arm. Es ist eher eine Art Talisman. Wenn man es bei sich trägt, dann soll es Glück bringen.“
Der Hauptmann warf einen abschätzenden Blick auf das graue Stück und warf es dann Janni vor die Knie.
„Ich bin kein Unmensch, Du kannst es die letzten drei Tage Deines Lebens noch behalten. Scheinbar ist es kaputt“, stelle er spöttisch fest.
Jannis Herz schlug ihr bis zum Hals. Vorsichtig schloß sie die Finger um den Emitter und murmelte ein „Danke.“
Sie hatte wieder Hoffnung. Doch der Hauptmann war noch nicht fertig.
„Meinst Du nicht auch, ich habe für meinen Großmut eine Gegenleistung verdient?“ fragte er lauernd. Er trat einen Schritt näher und strich ihr über die Wange. "Du bist wunderschön, weißt Du?"
Jannis Herz krampfte sich zusammen, sie ahnte, was er wollte. Dennoch sagte sie tapfer: „Natürlich, was immer ihr wollt.“
Der Hauptmann trat an den Zelteingang und befahl seinen Wachen, er möge die nächste Zeit unter keinen Umständen gestört werden. Dann schloß er die Decken vor dem Eingang und wandte sich wieder seiner Gefangenen zu.
Er öffnete seine Hose und holte sein Glied hervor. Dann stellte er sich vor sie und drückte ihr mit einer Hand brutal den Mund auf. Er stieß sein Glied in ihrem Mund und Janni mußte würgen.
Er hielt sie am Hinterkopf und bewegte ihren Kopf immer vor und zurück.
Janni hatte Tränen in den Augen und kämpfte gegen den Brechreiz. Schon nach ein paar Sekunden wurde sein Glied steif und er zog es wieder aus ihrem Mund. Janni erbrach sich neben seinen Stiefeln.
„Du kleine Hure!“ schrie er sie an und riß an ihren Haaren.
Sie schrie auf und hatte keine andere Wahl als sich wieder aufzurichten.
Er trat mit seinem Stiefel nach ihr und sie fiel mit einem Schmerzenslaut zu Boden und hielt sich die Seite. Doch sie hatte nur ein paar Sekunden Ruhe vor ihm, dann packte er sie am Arm, zog sie hoch und warf sie bäuchlings auf den kleinen Tisch. Er zog ihr Kleid hoch und dann vergewaltigte er sie mehrmals.
Janni hatte unsägliche Schmerzen, als er so grob in sie eindrang, doch sie hatte die Hand noch immer um den Emitter geklammert und die Hoffnung, daß sie das MHN aktivieren konnte, gab ihr Kraft dieses Martyrium durchzustehen.
Irgendwann, was Janni wie eine Ewigkeit vorkam, hatte er dann genug und befahl den Wachen, sie wieder hinauszubringen.
Sie konnte vor Schmerzen nicht stehen geschweige denn laufen, daher trug man sie zum Karren und legte sie wieder hinein.
Diesmal kettete die Wache nur ihren Hals wieder an und schloß die Plane erneut.
Sie hörte, wie Thomas außer sich vor Wut tobte, er hatte natürlich erraten was sie mit ihr gemacht hatten. Doch sie hatte nur einen Gedanken: den Emitter, sie hatte den Emitter.
Sie kroch zur Ecke und versuchte, die Plane ein Stück zur Seite zu schieben, damit sie wenigstens etwas sehen konnte.
Dann tippte sie die Aktivierungssequenz ein, doch das, was sie befürchtet hatte, war eingetroffen: Der Emitter war beschädigt und das MHN ließ sich nicht aktivieren.
"Verdammt", fluchte sie und konnte nicht verhindern, daß erneut Tränen in ihre Augen traten.
Sie untersuchte den Emitter genauer und sah, er zum Glück nur leicht beschädigt war. Trotzdem brauchte sie den Justierer, um den Schaden zu beheben. Doch der befand sich in den Satteltaschen von Shandis. Zumindest hoffte sie, daß er überhaupt noch da war. Irgendwie mußte es ihr gelingen an ihn heranzukommen.

Die restlichen Tage wurde sie mindestens einmal in der Nacht in das Zelt des Hauptmann gebracht. Thomas war so wütend geworden, daß er von den Wachen niedergeschlagen wurde und seine Bewegungsfreiheit einbüßte.
Diesmal wurden ihm die Hände auf den Rücken gekettet und die Beine gefesselt. Das hielt ihn allerdings nicht davon ab herumzubrüllen.
Janni ertrug die Zeit mit eiserner Willenskraft und dachte immer wieder an Thomas und den Emitter.

Nach 3 Tagen näherte sich die Kolonne dann dem Kloster in Corith. Janni hatte es noch immer nicht geschafft an den Justierer zu kommen und sie wußte, daß sie jetzt keine Zeit mehr hatte.
In der letzten Nacht, bevor sie das Kloster erreichen würden, wurde sie wieder einmal zum Hauptmann gebracht.
Nachdem er sich an ihr vergangen hatte und zufrieden seine Hose wieder anzog wagte sie den Versuch an den Justierer zu kommen.
Sie hatte den Nachmittag ihre Kräfte gesammelt so gut es ging und war auf die Nacht vorbereitet gewesen.
Sie tat so, als wäre sie vor Schmerzen fast bewußtlos und ließ sich wieder zum Wagen schleifen, doch ihr Verstand war hellwach. Sie öffnete die Augen nur Millimeterweit und konzentrierte sich dann auf das Unterholz hinter Shandis. Es klappte. Die Äste dort gaben auf einmal ein lautes Krachen von sich und die Wachen schwärmten im Wald aus.
Sie ließ noch mehr Unterholz krachen und langsam wurde ihr schwindlig. Sie hatte seit einer Woche nichts zu Essen bekommen und nur wenig Wasser, selbst diese einfache Magie strengte sie sehr an.
Doch sie hatte Glück. Die Wachen meinten, sie sei bewußtlos und fesselten ihr nur die Hände vor den Bauch und die Füße. Dann legten sie sie im Gras ab und rannten hinter den Kameraden her, die aufgeregt nach dem Verursacher des Lärms suchten.
Janni öffnete die Augen und in nur 5 Meter Entfernung stand Shandis, an ihr immer noch die Satteltaschen befestigt.
Die Wachen waren nicht mehr zu sehen, nur zwei standen am Waldrand und spähten zu ihren Kameraden herüber. Sie standen ihr mit dem Rücken zugewandt.
So leise wie möglich rappelte sie sich hoch und kroch zu Shandis. Bei ihr angekommen hievte sie sich hoch und kramte dann in der Satteltasche nach dem kleinen Mikrojustierer. Ihr Herz schlug gegen die Rippen und sie spähte immer wieder zu den beiden Wachen, doch die bemerkten nicht, was hinter ihnen vorging.
Sie tastete nun immer hektischer nach dem Werkzeug, die Wachen mußten jeden Moment zurück sein. Dann hatte sie ihn.
Erleichterung durchströmte sie und sie nahm den Justierer kurzerhand in den Mund und kroch dann wieder zu dem Grasfleck, wo sie abgelegt worden war.
Keine Sekunde zu früh, kaum hatte sie wieder die Augen geschlossen, wurden die Stimmen lauter und die Männer hatten als Ursache des Aufruhrs ein Tier gefunden. Die zwei Männer, die sie getragen hatten lösten ihre Fesseln und verfrachteten sie dann wieder in den Gitterwagen.
Janni hatte es geschafft währenddessen mit keiner Wimper zu zucken. Als sie wieder in Dunkelheit gehüllt war holte sie den Emitter hervor, und kroch wieder an eine Ecke, wo ein schmaler Lichtschimmer hineinfiel.
Sie brauchte nur 5 Minuten, dann hatte sie den Emitter repariert. Zumindest hoffte sie das. Sie vergewisserte sich, daß in der Nähe keine Wachen waren und tippte dann mit zitternden Fingern die Aktivierungssequenz.
Das MHN erschien mitten im Wagen.
"Bitte nennen Sie..." das MHN bemerkte die Dunkelheit und fragte: "Hallo?"
Janni kamen die Tränen vor Glück.
"Ich bin hier", sagte sie mit zitternder Stimme.
Das MHN drehte sich um und sah Janni in einer Ecke kauern.
"Was ist passiert?" fragte er und kniete sich vor sie hin.
"Lange Geschichte, wir haben nicht viel Zeit. Thomas und ich wurden gefangen genommen und wenn uns nicht schnell etwas einfällt werden wir morgen früh in Corith vermutlich nicht mehr lange leben. Sie denken, wir hätten das Schwert gestohlen."
Das MHN hatte aufmerksam zugehört und gleichzeitig Janni angesehen. Ihr Zustand schockierte ihn, doch er hatte weder Zeit noch Medikamente um sie zu behandeln. Daher sagte er nur: "Ich werde Euch da rausholen. Aktivier mich außerhalb des Wagens noch mal, ich erwarte Euch in Corith."
Janni nickte dankbar.
"Corith liegt in westlicher Richtung, es dürften nur ein paar Meilen sein. Wenn es geht, nimm Shandis mit", riet sie und dachte dabei vor allem an den Inhalt der Satteltaschen, die nicht in falsche Hände geraten durften.
Das MHN wirkte etwas skeptisch, allein schon ungesehen hier wegzukommen war Glückssache, aber dann noch mit einem schnaubenden und hufeklappernden Pferd - unmöglich ohne entdeckt zu werden. Und wer wußte schon, was sie dann mit Janni und Thomas anstellen würden.
"Keine Sorge, ich denke, ich kann einen Zauber wirken, der Dich und Shandis tarnt", sagte sie.
Dann deaktivierte sie den Emitter, hielt ihn durch die Gitterstäbe und aktivierte ihn wieder. Das MHN stand außerhalb des Wagens, aber noch von der Plane gut verborgen.
"Aber was machst Du wenn die merken, daß das Pferd weg ist?" fragte das MHN nach.
Janni zuckte mit den Achseln. "Wird sich wohl losgerissen haben, da fällt mir schon noch was ein. Bist Du bereit?"
Das MHN nickte. Janni murmelte etwas vor sich hin und kurz darauf verschwamm das MHN bis es die Hintergrundfarben angenommen hatte.
„Chamäleon?“ fragte er einfach.
Janni brachte ein „ja“ zwischen zusammengebissenen Zähnen heraus und meinte: „Beeil Dich, ich bin ziemlich ausgelaugt.“
Das MHN verlor keine weitere Zeit, rutschte die Plane allerdings noch zur Seite, so daß Janni sehen konnte, was sie tun wollte.
Er ging zu Shandis und als das MHN die Zügel befreit hatte, weitete Janni das Trugbild auch auf das Pferd aus. Außerdem schuf sie eine Barriere, die die Geräusche dämmte.
Sobald die beiden weit genug weg vom Camp waren löste Janni den Zauber und fiel kraftlos zu Boden. Sie hatte ihre gesamte Energie verbraucht, aber das war nicht weiter wichtig. Wichtig war nur, daß Thomas und sie jetzt eine reelle Chance auf Rettung hatten.

Am nächsten Morgen bemerkten die Wachen, daß Shandis nicht mehr da war, aber zum Glück für Janni und Thomas schoben sie es auf die Nachlässigkeit in ihren eigenen Reihen. Zwar waren die Satteltaschen mit dem Pferd verschwunden, aber das Schwert war noch da. Und letztlich war nur das wichtig.
Als die Sonne gerade den Horizont streifte holte man die Gefangenen noch einmal aus den Wägen um sie zu waschen und somit einigermaßen manierlich dem Obersten des Klosters präsentieren zu können. Dann ging die Fahrt weiter.

Das Kloster von Corith

Schon nach zwei Stunden erreichten sie das Kloster.
Janni hörte, wie man Thomas, der immer noch laut fluchte, vom Wagen zerrte und ihn im Hof unter scharfer Bewachung aufstellte. Ein kurzer Lichtschein drang zu ihr, als eine Wache zu ihr hereinkletterte. In dem kurzen Augenblick konnte sie Thomas sehen und war erleichtert, daß es ihm so weit gut zu gehen schien.
Sein Blick war widerspenstig und kampflustig und seine Muskeln traten an den Oberarmen deutlich hervor.
Sie erwartete eigentlich, daß man sie wieder in Ketten legen würde, doch die Wache öffnete nur eine kleine Phiole, drückte ihre Lippen auf und ließ den Inhalt in ihren Mund laufen.
Dann hielt er seine Hand vor ihren Mund und sie hatte keine andere Wahl, als das Zeug herunterzuschlucken. Dann wurde ihr das Halsband abgenommen und ihre Hände wurden wieder gefesselt.
Eine seltsame Benommenheit breitete sich in ihrem Kopf aus und sie hatte Mühe, die Augen offen zu halten. Dann wurde zum ersten mal seit vielen Tagen die Plane entfernt und die Helligkeit schmerzte in ihren Augen, so daß die sie zusammenkneifen mußte.
Die Wache zog sie aus dem Wagen und sie merkte, daß ihre Beine wie Gummi waren. Ihr war schwindlig und sie konnte sich nicht aus eigener Kraft auf den Beinen halten.
"Johanna!" hörte sie Thomas Stimme rufen, dann wurde sie recht unsanft neben ihn geschleift und beide wurden ins Kloster gebracht.
Auf dem recht langen Weg hinein sprach Thomas besorgt auf sie ein: "Johanna, geht's Dir gut?"
Janni fühlte sich, als ob sie betrunken wäre. Ihre Zunge wollte ihr nicht mehr gehorchen und deshalb brachte sie nur ein sehr unsicheres "ziemlich" heraus.
"Was habt ihr mit ihr gemacht?" wandte sich Thomas wütend an den Hauptmann, der vor ihnen herstolzierte. Das Schwert steckte in seiner Schwertscheide und Thomas dachte mit Genugtuung daran, daß er es ganz sicher angefasst haben mußte.
"Nur ein kleiner Trank der die Sinne vernebelt", antwortete der Hauptmann. "Damit sie nicht auf dumme Gedanken kommt."
Die Gruppe näherte sich dem Hauptkorridor, der direkt in dem Mittelgebäude anfing, das man durch viele Nebenbauten zwingend erreichen mußte. Er führte durch einen kleinen Garten.
Die Mönche, die gerade die Pflanzen bearbeiteten, schauten erstaunt auf und machten der Gruppe Platz sofern sie auf dem Weg standen. Janni fühlte regelrecht die Blicke auf sich brennen und einmal war sie sogar der Meinung, ein ganz leises "Hexe" hören zu können.
Die Prozession zog weiter den steinernen Weg entlang, bis sie das Hauptgebäude erreichten.
Sie kamen in eine große Halle, in deren Mitte ein prachtvoller Sitz auf einem Podest empor ragte. Auf dem Stuhl saß ein Mann mittlerem Alters, der äußerst grimmig dreinblickte.
Als der Hauptmann den Fuß des Podestes erreicht hatte, kniete er nieder und senkte das Haupt. Thomas und Janni wurden ebenfalls auf die Knie gezwungen und ihre Köpfe wurden nach unten gedrückt.
"Was ist Euer Begehr?" tönte eine dunkle Stimme.
Der Hauptmann stand auf einen Wink vom Klosteroberen auf, zog das Schwert aus der Scheide und hielt es ihm demütig hin.
"Ich bringe Euch das Schwert zurück, das diese Unwürdigen Euch gestohlen haben", verkündete er.
Der Abt sah überrascht aus und bedeutete einem Klosterbruder nach dem Schwert des Klosters zu sehen. Ihm war nicht bekannt dass es fort sein sollte.
Der Bruder verschwand und kehrte schon nach einer knappen Minute zurück mit den Worten: "Das Schwert ist noch da, Herr."
Der Hauptmann richtete das Wort wieder an den Obersten: "Dieses Weib versteht sich auf die Kunst der Magie und Hexerei, sie hat sicher ein Trugbild geschaffen, das seit dem in Eurer Vitrine liegt", ereiferte er sich.
Der Abt winkte erneut den Bruder heran und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Er nickte daraufhin und wandte sich dann dem Schwert zu. Er streckte eine Hand danach aus, doch plötzlich verharrte er in der Bewegung, starrte auf das Schwert und zog dann die Hand zurück. Seine Augen leuchteten kurz auf, dann riß er sich von dem Anblick los und wandte sich wieder dem Abt zu: "Dieses Schwert ist nicht von uns, Herr", sagte er schlicht.
Der Hauptmann erbleichte. "Nicht von Kloster?" fragte er nach, als ob er sich verhört hätte.
Er drehte sich zu Thomas und Janni um, die immer noch auf ihre Knie gedrückt wurden.
Thomas hatte den Kopf gehoben und funkelte den Hauptmann wütend an.
"Ich sagte bereits, daß wir es nicht gestohlen haben", zischte er.
Der Abt schaute den Hauptmann fragend an.
"Ist dem so?" fragte er. Widerstrebend nickte der Hauptmann langsam, doch so einfach gab er nicht auf. Er zeigte auf Janni. "Diese da hat gestanden es gestohlen zu haben!" rief er. "Außerdem ist sie eine Hexe!"
Diese Anschuldigung verfehlte nicht seine Wirkung.
Der Abt schaute Janni mit wachen Augen an und fragte: "Könnt ihr das beweisen?"
"Sie hat fast einen meiner Männer getötet, nur durch ihren Blick", sagte er forsch. "Meine Leute können das bezeugen." Die übrigen Wachen nickten zur Bestätigung.
Ein zweiter Mönch, der die ganze Zeit bisher in einer dunklen Ecke gestanden hatte, trat nun an den Abt heran und flüsterte etwas in sein Ohr.
Der Abt nickte daraufhin und meinte: "Laßt den Mann frei, er hat nichts Unrechtes getan bisher und soll unser Gast sein, doch das Weib bringt in den Turm. Wir werden uns morgen näher mit der Angelegenheit befassen."
Damit war die Audienz beendet. Der Hauptmann befahl widerstrebend Thomas freizulassen und der Mönch, der die ganze Zeit im Schatten gestanden hatte, packte Thomas überraschend fest an der Schulter, bevor er nur einen Schritt auf den Hauptmann zumachen konnte.
Wütend über die Einmischung wirbelte Thomas herum und sah in das von der Kapuze gut verdeckte Gesicht von Anselm, der ihn nur fest ansah.
Unmerklich schüttelte er den Kopf und Thomas begriff - der Hauptmann wartete nur darauf, daß Thomas seine Wut an ihm auslassen würde, dann hätte er einen guten Grund ihn wieder in Ketten legen zu lassen. Aber damit würde er seine Chance vertun, Johanna zu retten.
Diese war derweil von zwei Wachen weggeschleift worden. Thomas nickte dem MHN zu und folgte ihm wortlos in eine Klosterzelle. Hier konnten beide ungestört reden.
Als sich die Tür hinter beiden geschlossen hatte nahm das MHN die Kapuze ab und bevor er irgendetwas sagen oder tun konnte hatte Thomas ihn gegen die Wand gedrückt und hielt ihn im Würgegriff.
"Wo warst Du? Hast Du mit den Wachen konspiriert?"
Das MHN versuchte nicht, sich zu befreien obwohl es ein leichtes für ihn gewesen wäre und antwortete nur: "Ich konnte knapp entkommen, Johanna hat sich für mich geopfert damit ich euch retten kann."
Das MHN wartete, dann merkte er, wie der Griff gelockert wurde und Thomas wich zurück.
Verlegen sagte er: "Entschuldige Anselm, ich hätte nicht an Dir zweifeln dürfen. Natürlich hast Du nicht mit den Wachen konspiriert."
Thomas Wut war entwichen und er setzte sich geschlagen auf die Pritsche.
"Schon gut, ich hätte vermutlich genauso reagiert", sagte das MHN einlenkend.
"Bist Du verletzt?" fragte es als nächstes. Er konnte einige blaue Flecken und Blutergüsse in Thomas Gesicht und seinen Armen sehen, sonst sah er aber recht unversehrt aus.
Thomas schüttelte den Kopf. "Es ist alles in Ordnung, ich glaube, Johanna geht es sehr schlecht."
Das MHN befürchtete dies ebenfalls, sagte aber nur: "Wir werden sie rausholen und wieder auf die Beine bringen, das verspreche ich Dir. Ruh Dich jetzt etwas aus, ich will sehen, ob ich zu ihr in den Turm komme."
Thomas gähnte, er wollte es zwar nicht zugeben, aber er war wirklich zum Umfallen müde und ausgelaugt.
"Aber Du holst mich sofort wenn Du eine Chance siehst, Johanna vor dem Morgengrauen zu befreien, versprich mir das."
Er versprach es und dann ließ er Thomas allein, der in dem Moment eingeschlafen war, als sein Kopf das Kissen berührt hatte.
Das MHN ging unterdessen einen Bruder aufsuchen, der ihm von Anfang an geholfen hatte in das Kloster aufgenommen zu werden. Leise klopfte er an die Zellentür und trat nach einem leisen "herein" ein.
Bruder Abaddon, der das MHN überraschenderweise gleich in eine hohe Position als Bruder in das Kloster geschmuggelt hatte, sah ihn mit wässrigen Augen an.
"Ich hoffe, er ist gut untergebracht", sagte er zur Begrüßung.
Das MHN nickte. "Er schläft jetzt. Ich mache mir eher Sorgen um Johanna", sagte er mit einem leicht abwesenden Blick aus dem Fenster.
Bruder Abaddon preßte die Lippen aufeinander und nickte. "Im Turm wird sie die Nacht gut aufgehoben sein. Ich habe dafür gesorgt, dass ihr niemand ein Haar krümmen wird. Zumindest nicht, bis zur offiziellen Anklage."
Das MHN drehte sich um und sah seinem Helfer bittend in die Augen.
"Ich würde mich besser fühlen, wenn ich kurz zu ihr könnte. Ich bin Heiler."
Doch Bruder Abaddon schüttelte nur den Kopf.
"Es war schon ein großer Aufwand Dich gleich in die Beraterposition des Abts zu bringen, obwohl ich Dich als meinen langjährigen Freund ausgegeben habe. Wir dürfen es nicht übertreiben. Einige Brüder sind trotzdem mißtrauisch, was Dich angeht."
Das MHN seufzte unmerklich. Abaddon hatte natürlich Recht. Er konnte froh sein, daß er am Tor in der Nacht, als er mit Shandis geflüchtet war gerade ihm in die Arme lief und er die Geschichte glaubte mit dem Schwert. Selbstlos hatte ihn Abaddon als seinen Freund ausgegeben und sich vor dem Abt und den anderen Brüdern für ihn verbürgt. So war es dem MHN möglich gewesen, einen gewissen Einfluß auf den Abt und seine Urteile zu nehmen.
"Johanna wird morgen nicht als Hexe gebrandmarkt werden", sagte Abaddon ruhig. "Wir werden den Abt überzeugen, daß der Hauptmann einer Fehlinformation aufgesessen ist. Wo ist übrigens das Schwert geblieben?"
Das MHN zuckte mit den Achseln. Um das Schwert hatte er sich keine großen Gedanken gemacht als es galt, Janni und Thomas zu befreien.
"Ich schätze, der Hauptmann wird es bei sich haben", meinte er.
"Wir müssen es holen. Damit können wir die Unschuld von Johanna beweisen", sagte Abaddon.
Das MHN runzelte die Stirn, beschloss jedoch, seinem Gönner zu vertrauen.
"Wir können es bei der Anhörung als Beweisstück verlangen", schlug er vor.
Abaddon nickte. "Das würde gehen. Und da es nicht gestohlen wurde, kann es der Abt konfiszieren."
Zufrieden mit dem Plan stand der Bruder auf und sagte: "Bleib hier, ich werde mich einmal nach Johanna erkundigen. Damit war er aus der Tür heraus und das MHN konnte nur warten.
Doch lange mußte er gar nicht auf der Pritsche sitzen, nach einer knappen viertel Stunde bereits öffnete sich die Tür wieder und Bruder Abaddon trat ein.
Das MHN stand auf und fragte ungeduldig: "Wie geht es ihr?"
Abaddon hob eine Hand zum Zeichen, er möge sich beruhigen, setzte sich wieder auf die Pritsche und meinte: "Der wachhabende Bruder hat mir berichtet, daß sie noch unter dem Einfluß des Trankes steht und jetzt schläft. Bis morgen ist sie sicher."
Das MHN war nicht wirklich zufrieden damit, aber es mußte reichen. Mit einem "vielen Dank" verabschiedete er sich von Abaddon und ging wieder in seine Zelle zurück, in der Thomas immer noch fest schlief.
Hinter einem großen Stein in der Mauer, den das MHN in der vergangenen Nacht gelockert und hinten etwas abgeschlagen hatte, holte er nun die Satteltaschen von Shandis hervor. Er vergewisserte sich, daß der Gang vor der Zelle noch leer war, dann klappte er behutsam den Tricorder auf und scannte Thomas.
Neben den Verletzungen, die dem MHN so schon aufgefallen waren, hatte er aber zum Glück keine inneren oder sonstigen schwerwiegenden Verletzungen. Er beschloß, ihn einfach schlafen zu lassen, das würde im Moment die beste Medizin für ihn sein. Mit dem Hautregenerator hätte er zwar die Blessuren verschwinden lassen können, aber er wollte nicht in den Verdacht geraten, ebenfalls Magie zu beherrschen. Er verstaute die Taschen wieder hinter dem Mauerstück, dann setzte er sich an den einzigen, kleinen Tisch in der Zelle und überlegte, wie sie am besten hier wegkamen sollte Abaddons Plan Janni freizusprechen, nicht funktionieren.

Hexenprozeß

Gegen Mittag machte sich das MHN auf den Weg zum Speisesaal um für Thomas etwas zu essen zu besorgen. Mit in der Halle saßen der Hauptmann und seine Wachen, alle hatten einen grimmigen Gesichtsausdruck aufgesetzt. Er konnte sehen wie die Kiefermuskeln beim Hauptmann zuckten, ein deutliches Zeichen dafür, daß der Groll noch in ihm schwelte. Sicher würde er mit aller Macht versuchen Janni die Hexerei nachzuweisen. Das Schlimme war daran nur, daß er gute Karten hatte zumal Janni scheinbar tatsächlich Magie eingesetzt hatte. Sollte es zu einer Verurteilung kommen war seine einzige Chance, sie nachts aus dem Turm zu befreien. Doch dazu mußte er es erst einmal schaffen, den Abt dazu zu bewegen, die Hinrichtung auf den nächsten Tag zu verschieben. Viel lieber wäre es ihm, wenn Bruder Abaddon mit seiner Verteidigung die Anklage abschmettern könnte.
Mit einem Teller heißer Suppe und einem Brotkanten begab er sich wieder in seine Zelle. Der Duft des Eintopfs schien Thomas Lebensgeister zu wecken, denn das MHN hörte von der Pritsche her typische Aufwachgeräusche.
Thomas streckte sich und schlug die Augen auf.
"Wo ist Johanna?" fragte er als erstes und sprang dann aus dem Bett.
Das MHN rückte den Eintopf zum freien Platz gegenüber am Tisch und Thomas ließ sich nicht groß bitten sondern schlang fast den Eintopf und das Brot herunter. Während er kaute informierte ihn das MHN über den Stand der Dinge. Er erzählte auch von Bruder Abaddon und seinem Vorhaben, Janni zu entlasten.
Thomas hörte aufmerksam zu und wies darauf hin, daß der Plan auch scheitern konnte und sich dann womöglich freikämpfen müßten.
Das MHN erzählte von seinem Backup Plan und dann arbeiteten Thomas und er noch die Einzelheiten aus.

Ein paar Stunden später, als die Sonne anfing langsam am Horizont zu versinken, hatten sie einen Notfallplan erarbeitet und Thomas wollte nun unbedingt wissen, wie es Janni ging.
Beide suchten Bruder Abaddon auf, der Thomas merkwürdigerweise gleich sehr unsympathisch war, doch er ließ sich nichts anmerken.
Abaddon versprach, später persönlich nach Janni zu sehen und sie dann zu informieren. Bis dahin sollten sie zum Abendessen in der großen Halle bleiben und sich stärken.

Janni hatte nur mit großer Mühe etwas von den Vorgängen in der Halle mitbekommen. Sie wußte allerdings, daß Thomas freigelassen worden war. Dann hatte ihr Verstand sie nur noch mit wirren Dingen überflutet, die unmöglich real sein konnten. Sie hatte sich gehen lassen und wurde von wilden Träumen geplagt.
Die Wachen hatten sie in ein Verließ weit oben in einem Turm gebracht und sie dort nach dem üblichen Verfahren mit Hexen und Magiern ebenfalls mit magieresistenten Ketten an die Wand gefesselt. Allerdings waren die Ketten hier so lang, daß sie sich etwas bewegen konnte. Doch davon bekam sie nichts mit, erst am frühen Abend kam sie langsam wieder zu sich.
"Oooh, mein Kopf", stöhnte sie und versuchte langsam, sich in eine sitzende Position zu begeben. Nach ein paar Minuten war sie relativ klar im Kopf wieder und schaute sich um.
Ein Mauerloch war hoch über ihr und spendete noch etwas Licht, ansonsten war der Raum dunkel. Eine solide Holztür mit Eisenbeschlägen bildetet den einzigen Ausgang und natürlich war kein Mobiliar enthalten.
Immerhin hatte man ihr einen Krug mit Wasser hingestellt und einen alten Brotkanten dazugelegt. Im Vergleich zu den letzten Tagen war es schon ein wahres Festmahl.
Plötzlich hörte sie Geräusche und dann ging die Tür vorsichtig auf.
Sie legte den Brotkanten beiseite und rutschte an die Wand.
Ein Mönch trat ein und bedeutete den Wachen die Tür hinter ihm wieder zu schließen.
Langsam trat er zu Janni, die ihre Beine anzog und schützend die Arme um ihre Knie schlang. Der Mönch kam auf einen Meter heran und hockte sich dann vor sie. Sein Gesicht wirkte hart und unfreundlich, doch er machte keine Anstalten, ihr irgendetwas anzutun. Sie beschloß zu warten, was der Mann zu sagen hatte, und lange mußte sie nicht warten.
Er blickte noch einmal zur Tür um sich zu vergewissern, daß er nicht belauscht werden würde. Dann sagte er: "Keine Angst, ich bin ein Freund von Deinem Anselm."
Jannis Herz macht einen Hüpfer und sie schaute auf.
"Ist er hier?" fragte sie hoffnungsvoll.
Der Mönch nickte. "Ja, er ist hier. Und Deinem Thomas geht es gut, sie haben ihn freigelassen. Er ist momentan unser Gast."
Janni war unendlich erleichtert als sie das hörte. Das MHN war hier und Thomas ging es gut, sicher würden sie sie irgendwie befreien.
"Hör zu, ich habe nicht viel Zeit. Die Wachen denken, ich verhöre Dich um Beweise zu finden, daß Du wirklich eine Hexe bist. Aber ich will Dich morgen freisprechen lassen. Du darfst daher nicht mal daran denken Magie zu wirken, egal was passiert, hast Du verstanden?" fragte er eindringlich.
Janni blickte ihn erstaunt an, nickte dann aber. In dem Moment hörten sie wieder, wie die Tür aufgeschlossen wurde.
"Entschuldige bitte, aber es geht nicht anders", meinte der Mönch plötzlich und schlug ihr gerade ins Gesicht, als die Wachen hereinkamen.
Jannis Lippe platze auf und durch die Wucht des Schlages kippte sie zur Seite. Sie schrie auf als die Faust sie getroffen hatte, doch scheinbar war das notwenig gewesen.
Die Wachen, die gemeint hatten, Janni hätte den Mönchen verzaubert weil es so still hier drinnen gewesen war, atmeten erleichtert auf als sie sahen, daß dem nicht so war.
Der Mönch stand auf und meinte noch im Gehen zu ihr: "Morgen wird sich herausstellen ob Du gerade die Wahrheit gesagt hast und nicht zaubern kannst."
Damit verließ er den Kerker und die Wachen schlossen von außen wieder die Tür ab.
Janni zog es vor eine Weile am Boden liegenzubleiben, ihr Kopf schmerzte wieder und sie wischte sich das Blut von der Lippe. Sie erlaubte es sich nach den vielen Tagen der Gefangenschaft und Schmerzen ihren Tränen freien Lauf zu lassen.
Bruder Abaddon war äußerst zufrieden mit sich. Das lief besser als erwartet. Nun mußte er es nur noch schaffen den Hauptmann und seine Wachen als unglaubwürdig hinzustellen und dann hätte er es geschafft. Er würde hier sogar auf Nummer sicher gehen.
Aus seiner Zelle in seinem Geheimversteck holte er seinen Beutel Goldmünzen und machte sich dann auf den Weg zum Quartier des Hauptmanns. Alles war nur eine Frage des Preises, und für die Freisprechung Jannis und die Übergabe des Schwerts vor allem war ihm diesmal kein Preis zu hoch.

Kurz vor Mitternacht war Thomas drauf und dran den Turm zu stürmen um Janni zu befreien. Doch da pochte es leise an der Tür und das MHN ließ Bruder Abaddon hinein.
"Es tut mir leid, daß ich erst so spät komme", meinte er, "doch ich hatte noch etwas zu erledigen." Bei diesen Worten grinste er zufrieden.
"Was ist mit Johanna?" fragte Thomas gleich.
Bruder Abaddon antwortete nicht sofort, es schien fast so, als müsse er überlegen.
"Sie wird besser behandelt als manch andere Gefangene", beschloß er zu antworten.
Das MHN trat einen Schritt näher.
"Ist sie verletzt? Oder krank?" fragte er besorgt.
Wieder überlegte Abaddon, bevor er antwortete: "Ich denke, soweit geht es ihr gut. Morgen werdet ihr sie sehen. Und ich ziehe mich jetzt zurück. Denkt daran, daß ihr morgen auf gar keinen Fall irgendetwas unternehmt, auch wenn ihr meint, es wäre nötig. Habe ich Euer Wort?"
Das MHN und Thomas schauten sich stirnrunzelnd an.
Thomas sagte: "Sollte man ihr etwas antun, dann werde ich mich nicht zurückhalten."
Das MHN nickte zustimmend. "Ich genauso wenig."
Bruder Abaddon seufzte. Diese beiden könnten noch Probleme bereiten. Er hoffte nur, daß der Hauptmann sich an den Deal hielt, dann wäre alles kein Problem.
"Wenn ihr einschreitet, dann wird sie verurteilt." Er ließ diesen Satz im Raum stehen und ging.
Thomas setzte sich auf die Pritsche und schlug mit der Faust auf die Decke.
"Verdammt!" rief er. "Wenn sie Johanna auch nur ein Haar krümmen, dann..." Er verstummte und sah auf den Boden.
"Was passiert bei solchen Verhandlungen?" fragte das MHN ruhig.
Thomas blickte ihn erstaunt an. Doch dann fiel ihm ein, daß Johanna und Anselm bis vor einigen Wochen noch nicht mal etwas von Magie gehört hatten. Seufzend erklärte er: "In den wenigen Domänen, in denen Magie etwas Böses darstellt, werden in Zweifelsfällen die Angeklagten großen Schmerzen ausgesetzt, damit man sehen kann, ob sie ihre Magie wirken um sich zu beschützen. Mit Vorliebe schneidet man ihnen mit einem Messer in den Arm bis auf die Knochen. Es ist ein leichtes das Messer einfach aus der Hand fliegen zu lassen. Die Wunde ist nicht tödlich, aber tut höllisch weh. Vielen halten es nicht aus."
Das MHN war schockiert, doch dann kam ihm wieder in den Sinn, daß das Mittelalter in vielerlei Hinsicht grausam gewesen war. Es erinnerte ihn an die Hexenverfolgung in Europa auf der Erde im Mittelalter. Nur daß es damals keine wirklichen Hexen gab, und die Magie war nur auf dieser Welt vorhanden. Das MHN hoffte inständig, daß Bruder Abaddon es schaffen würde, Janni freisprechen zu lassen.
"Bruder Abaddon ist Johannas einzige Chance", sagte das MHN. "Wir sollten tun, was er sagt."
Thomas sprang auf. "Und Johanna leiden lassen?" brauste er auf.
Das MHN nickte. "Sie schafft es, da bin ich sicher."
"Du weißt ja nicht, was sie schon alles durchmachen mußte", knurrte Thomas wütend.
"Ich kann es mir vorstellen", sagte das MHN vorsichtig. "Sie ist eine starke Frau, sie wird die Verhandlung auch noch durchstehen, glaub mir."
Das MHN sah Thomas bittend an, hier stand nicht nur Jannis Gesundheit auf dem Spiel, sondern das ganze Universum. Doch das MHN mußte einfach daran glauben, daß sie noch einen Tag durchhalten würde. Danach hatte er etwas Zeit ihre Wunden zu versorgen und sie war in Sicherheit. Zumindest eine Weile.
Er hatte keine Ahnung, wer oder was der Wächter war, an dem sie noch vorbeikommen mußten.
Er sah immer noch Thomas bittend an, schließlich nickte dieser widerstrebend und meinte: "Also gut, ich werde nicht eingreifen. Außer, sie wollen sie töten."
Dann setzte er sich wieder hin und das MHN konnte deutlich die Anstrengung von seinem Gesicht ablesen, die ihn diese Worte gekostet hatten. Sie mußten einfach auf Bruder Abaddon vertrauen.

Am nächsten Morgen waren Thomas und das MHN mit unter den ersten, die auf den Holzbänken Platz nahmen um der Verhandlung beizuwohnen. Thomas hatte sein Messer griffbereit und auch das MHN hatte sich vorsorglich eine Waffe besorgt. In seinem Fall jedoch ein Hypospray mit Betäubungsmittel, das er noch nachts, als Thomas schlief, aus dem Versteck geholt hatte.
Es schien, als seien sämtliche Brüder erschienen um den Prozeß zu verfolgen.
Der Hauptmann war nur mit vier Wachen vertreten, was dem MHN äußerst merkwürdig vorkam. Doch dann trat der Abt mit vier Mönchen ein und das MHN konzentrierte sich auf das, was vor ihm passierte.
Als die Richter Platz genommen hatten, wurde die Angeklagte hereingeführt.
Man hatte Janni die Ketten abgenommen, doch die Wachen, die sie hereinbrachten hielten ihre Schwerter auf sie gerichtet. Sie sah blaß aus und das MHN merkte, daß sie geweint haben mußte.
Thomas ballte neben ihm beide Hände zu Fäusten und versuchte, sich zu beherrschen.
Janni wurde in einen hölzernen Stand geführt und dann begann die Verhandlung. Zuerst wurde sie gefragt, ob sie zugeben würde, eine Hexe zu sein, was sie mit leiser Stimme verneinte.
Als nächstes wurde der Hauptmann in den Zeugenstand gerufen und hier kam für alle die große Überraschung. Der Hauptmann gab zögernd zu, daß es durchaus sein konnte, daß sein Wachmann damals von einem verirrten Messer verletzt wurde und aus reiner Unbill Janni der Hexerei angeklagt hatte. Ebenfalls gab er offen zu, daß es sich bei dem Schwert nicht um das aus dem Kloster handeln würde. Das wurde inzwischen zweifelsfrei festgestellt.
Er legte das Schwert vor dem Abt auf den Tisch, so daß er es dem rechtmäßigen Eigentümer zukommen lassen könnte. Falls er jemals herausfinden würde, wer das sei.
Das MHN schaute verstohlen zu Bruder Abaddon hinüber, der sehr mit sich zufrieden zu sein schien.
Janni selber hatte ihren Ohren nicht trauen können, als sie das Zugeständnis hörte. Schließlich hatte sie tatsächlich Magie gewirkt und den Mann verletzt.
Möglichst unauffällig suchte sie den Blickkontakt zum Doktor und dieser kniff nur kurz die Augen zusammen.
"Nichts anmerken lassen", sollte das wohl heißen. Sie schaute wieder nach unten. Sie sehnte sich danach, sich hinsetzen zu können, sie fühlte sich entsetzlich schwach. Ihre Knie zitterten bereits und lange würde sie hier nicht mehr stehen können.
Der Abt fragte noch einmal nach, ob das wirklich die Meinung des Hauptmanns sei, und dieser bejahte erneut. Durchdringend schaute ihn der Vorsitzende an doch der Hauptmann wandte den Blick ab. Dann wurde er aus dem Zeugenstand entlassen und der Abt beriet sich mit den vier Mönchen.
Thomas Nerven waren zum zerreißen gespannt und auch das MHN wurde langsam nervös. Doch die Beratung dauerte nur ein paar Minuten, dann verkündete der Abt, daß man Janni einem Test unterziehen werde. Wenn sie ihn bestehen würde, dann wäre sie frei, da keine Magie nachgewiesen werden könne.
Der Abt nickte einem Mönch zu, dieser holte ein langes, scharfes Messer hervor und trat an Janni heran.
"Ich wußte es", knurrte Thomas und wollte aufspringen.
Das MHN hielt ihn zurück. "Nein, wenn Du jetzt einschreitest, ist alles verloren", flüsterte er.
Thomas sah ein, daß er Recht hatte.
"Bitte Johanna, sei stark", betete er und schloß die Augen.
Janni sah den Mönch mit dem Messer herankommen und es schien, als ob in ihrem Magen plötzlich ein Eisklumpen sein würde.
Du darfst daher nicht mal daran denken Magie zu wirken, egal was passiert, ertönten die Worte des Mönches wieder in ihrem Kopf.
Sie schloß die Augen, biß die Zähne zusammen und sammelte ihre letzte Willenskraft.
Dann wurde sie am Arm gepackt und im nächsten Moment durchfuhr sie ein furchtbarer Schmerz. Sie schrie gellend, als der Mönch ihr das Messer langsam und sehr tief in den Arm stach und eine 10 Zentimeter lange Wunde zog. Jannis Knie gaben nach und sie sackte auf den Boden, doch sie hatte ihren Willen unter Kontrolle.
Sie zwang sich nur an Thomas zu denken und dann spürte sie, wie das Messer wieder herausgezogen wurde. Der Mönch ließ ihren Arm los und sie spürte, wie warmes Blut ihren Arm herunter rann.
Man hatte darauf geachtet ihr keine Arterie durchzuschneiden, sonst wäre sie binnen Minuten verblutet, aber es reichte trotzdem, um sich lieber den Tod zu wünschen.
"Sie hat den Test bestanden", ertönte laut die Stimme des Mönches. "Sie ist keine Hexe."
Der Abt stand auf und verkündete: "Die Angeklagte ist freizusprechen und hier als Gast willkommen. Versogt ihre Wunden. Die Sitzung ist geschlossen."

Nachwirkungen

Jetzt ließ sich Thomas nicht mehr halten und auch das MHN stürzte sofort zu Janni hin.
Thomas nahm sie vorsichtig in die Arme und wurde mit einem kleinen Lächeln von ihr belohnt.
"Oh Johanna, was haben sie Dir nur angetan", meinte Thomas und schaute besorgt auf das viele Blut, das noch aus dem Arm strömte.
Das MHN hatte bereits einen Stoffstreifen in der Hand und legte einen provisorischen Druckverband an.
"Schnell, bringen wir sie in unsere Zelle", wies er Thomas an.
Der hob Janni sofort hoch und trug sie in ihren Raum. Er legte sie auf die Pritsche und trat dann zurück um dem MHN nicht im Weg zu stehen.
Dieser meinte: "Würdest Du uns bitte für ein paar Minuten allein lassen? Ich möchte Johanna gerne untersuchen."
Thomas nickte und meinte: "Ich bin vor der Tür."
Dann waren Janni und das MHN allein.
"Du warst sehr tapfer", meinte das MHN bewundernd und holte den Tricorder hervor.
"Danke, aber ohne Euch hätte ich das nicht durchgehalten", erwiderte sie matt.
"Hm...", brummelte das MHN vor sich hin als die ersten Daten geliefert wurden.
Sie hatte viel Blut verloren, die Wunde mußte geschlossen werden. Um den Rest würde er sich später kümmern. Er würde ein Blutgefäß zusammenflicken müssen und das Gewebe bis kurz unter die Oberfläche schließen. Er getraute sich nicht mit dem Hautregenerator die Wunde komplett zu schließen, sonst würden sie wieder der Zauberei verdächtigt werden.
Für Janni war es am besten, jetzt zu schlafen. Er preßte ihr das Hypospray gegen den Hals und nach langer Zeit sank sie in einen erholsamen Schlaf.
Das MHN flickte den Arm zusammen und legte dann einen sauberen Verband an. Als er fertig war seufzte er erleichtert.
Sie hatte wirklich viel durchgemacht, von den Daten, die der Tricorder ausgelesen hatte, konnte er sich ein ungefähres Bild machen. An ihrem Hals und den Handgelenken sah man noch immer die verschorften Wunden, wo die Ketten gewesen waren und abgesehen von fehlender Nahrungsaufnahme und Wassermangel hatte er auch mitbekommen, daß sie vergewaltigt worden war. Er bewunderte sie, daß sie das alles relativ gut weggesteckt hatte. Später, so hoffte er, würde sie genug Zeit haben um sich völlig zu erholen. Doch noch war es nicht so weit.
Nachdem er sie zugedeckt hatte holte er Thomas wieder herein.
"Es geht ihr so weit gut, sie braucht erst einmal eine tüchtige Portion Schlaf, danach eine ordentliche Mahlzeit und viel Wasser."
Thomas war erleichtert, setzte sich neben die schlafende Janni und nahm vorsichtig ihre Hand in seine.
Für die nächsten Stunden war er nicht von ihrer Seite zu bekommen und das MHN sah auch gar keinen Grund, ihn wegzuscheuchen. Erst als Thomas vor Müdigkeit selber nicht mehr die Augen aufbehalten konnte befahl er ihm, sich auch schlafen zu legen.
Thomas murrte zuerst, doch das MHN sah ihn streng an und schließlich war er dazu bereit, sich neben Jannis Bett auf den Boden zu legen.
Das MHN besorgte für ihn noch zwei Decken, und kaum hatte er sich hingelegt, da war er auch schon eingeschlafen.

Einige Zeit später klopfte es leise an der Tür. Das MHN öffnete und ließ Bruder Abaddon eintreten nachdem er ihm bedeutet hatte leise zu sein. Beide setzten sich an den Tisch und unterhielten sich leise.
"Vielen Dank, daß Du Johanna herausgeholt hast", begann das MHN.
Bruder Abaddon brachte so etwas wie ein kleines Lächeln zustande, das allerdings eher einem Zucken der Mundwinkel ähnelte.
"Ich habe nur getan was nötig war", entgegnete er.
Das MHN sah ihn verwundert an, diese Wortwahl hatte er nicht erwartet.
Bruder Abaddon bemerkte seinen Schnitzer und berichtigte sich: "...was richtig war, wollte ich damit sagen."
Er räusperte sich und fragte dann: "Geht es ihr gut?" und deutete auf die schlafende Janni.
Das MHN zog die Augenbrauen hoch und meinte dann: "Den Umständen entsprechend gut, sie mußte viel durchmachen."
Bruder Abaddon nickte. "Was werdet ihr als nächstes machen?" fragte er im Plauderton weiter.
"Nun, ein paar Tage werden wir sicher noch hierbleiben damit beide Zeit haben sich etwas zu erholen. Dann werden wir weiterziehen."
Abaddon fragte beiläufig: "Und wohin wollt ihr als nächstes ziehen?"
Das MHN überlegte einen Moment, dann sagte er: "Nun, wir müssen noch etwas erledigen hier, dann werden wir vermutlich nach Hause gehen."
Bruder Abaddon nickte. "Gut, laßt mich nur wissen wann ihr aufbrecht", bat er, stand auf und verließ dann den Raum.
Das MHN war etwas verwundert, daß Bruder Abaddon sich so für ihre Weiterreise interessierte, aber scheinbar war er einfach ein Eigenbrötler und auch die anderen Mönche fanden ihn wohl manchmal etwas merkwürdig. Vielleicht betrachtete er sie auch einfach als Freunde. Warum hätte er sonst alles dafür getan, daß Janni freigesprochen würde?
Das MHN überlegte, wie lange sie noch hierbleiben müßten. Er wußte, daß die Zeit immer knapper wurde, er hatte es noch keinem gesagt, aber auch auf dieser Welt wurden die Risse im Himmel langsam sichtbar.
Er beschloß, Janni einen vollen Tag durchschlafen zu lassen, das mußte erst einmal reichen.
Thomas wachte gegen Mittag wieder auf und das MHN besprach mit ihm ein dringendes Problem: Sie brauchten das Schwert!
"Aber Du bist doch Berater von dem Abt, kannst Du ihn nicht dazu bringen uns das Schwert wieder zu geben? Im übrigen haben es zu viele Leute angefasst, es wird bald Tote geben und wenn wir Pech haben, wird man uns damit in Verbindung bringen."
Das MHN seufzte. "Das Schwert ist nicht verflucht", sagte er entnervt. "Ich habe es auch in der Hand gehabt und nichts ist passiert."
Thomas bekam große Augen und starrte das MHN an, doch er schwieg.
Vielleicht hat Anselm ja recht? überlegte er.
"Thomas", holte ihn das MHN aus seinen Gedanken, "wir brauchen das Schwert. Ich werde mit dem Abt sprechen, möchtest Du mitkommen?"
Thomas blickte zu Janni hinüber, die immer noch sehr blaß war, aber friedlich schlief.
"Gut, ich komme mit." Die Männer erhoben sich und gingen dann zu dem Privatgemach des Abts.

Das MHN klopfte an und kurz darauf wurden sie hereingebeten. Die Zelle des Obersten des Klosters war fast ebenso karg und schlich eingerichtet, wie die der Mitbrüder, lediglich ein großer Schreibtisch mit einem bequem aussehenden Stuhl dominierte den Raum zusätzlich.
Der Abt war nicht überrascht die beiden zu sehen und bat sie Platz zu nehmen. Als sich Thomas und das MHN gesetzt hatten lehnte er sich in seinem Stuhl zurück, faltete die Hände und fragte: "Wie geht es Eurer Freundin?"
Das MHN beugte sich ein Stück vor und sagte: "Sie erholt sich langsam, vielen Dank der Nachfrage. Das Messer hat zum Glück keine lebenswichtigen Gefäße verletzt."
Der Abt nickte beruhigt und fuhr dann fort: "Es ist immer schwierig zu entscheiden, ob jemand die Bezeichnung 'Hexe' verdient. Wir wissen es gibt welche, aber viele Frauen werden als Hexe bezeichnet, wenn sie sich nur etwas besser in der Heilkunde auskennen als manch andere. Oftmals ist es purer Neid, der die Anschuldigungen entstehen läßt."
Der Abt machte eine kurze Pause und sagte dann: "Den Hauptmann schätze ich als einen solchen Mann ein. Möge seiner Seele vergeben werden."
Bei diesem Satz machte er ein kompliziertes Zeichen vor seiner Brust, das das MHN als Äquivalent der Bekreuzigung einordnete.
"Euer Eminenz", begann das MHN etwas unsicher, er wußte noch nicht genau, wie er seine Frage formulieren sollte. "Wir sind hierhergekommen um Euch zu bitten, uns das Schwert zu überlassen."
Bevor das MHN oder der Abt noch etwas sagen konnte warf Thomas ein: "Seht, wir hatten den Auftrag das Schwert bei dem besten Schmied den es gibt abzuholen und sicher wieder abzuliefern. Es soll ein Geschenk zum Ritterschlag für einen ganz besonderen Mann werden."
Der Abt nickte wieder, so etwas hatte er sich schon gedacht.
"Natürlich", sagte er und betätigte einen kleinen Gong, der auf seinem Tisch stand. Sofort trat ein Mönch herein und fragte nach dem Begehr des Oberhaupts.
"Hole uns bitte das Schwert, das der Hauptmann irrtümlich für das unsere gehalten hat."
Der Mönch drehte sich wortlos um und verließ den Raum wieder. Thomas und das MHN tauschten kurz die Blicke und beide waren erleichtert, daß es so einfach gewesen war.
Bis der Mönch wiederkam fragte der Abt höflich nach der bisherigen Reise und Thomas gab geschickte Antworten, die ihr wahres Vorhaben nicht verrieten, aber gleichzeitig auch keine Lüge waren.
Das MHN bewunderte seine Redekunst, dann klopfte es erneut an der Tür und nach Aufforderung trat der Mönch mit einem dicken Stoffballen in Schwertform ein. Er legte es vor den Abt auf den Tisch und ging wieder hinaus.
"Sehen wir nach ob es auch das rechte Schwert ist", schlug der Abt vor schob den Stoffballen zum MHN hinüber.
Dieser wickelte vorsichtig die Tücher ab und hatte wieder Nind'arel vor sich. Auch hier konnte er immer noch die kleinen Flammen sehen, die munter um die Schneide tanzten. Schnell schlug er die Tücher wieder zu und sagte dann: "Es ist das richtige. Habt vielen Dank, Euer Eminenz."
Der Abt nickte erneut und ein kleines Lächeln trat auf seine Lippen.
"Gehet in Frieden, Brüder, möge das Glück Euch hold sein."
Damit entließ er Thomas und das MHN samt Schwert aus seiner Zelle und die beiden kamen ungesehen in ihrer eigenen Zelle an, in der Janni immer noch friedlich schlief.
"Ich kann es kaum glauben", sagte Thomas, "nach alldem haben wir einfach so das Schwert bekommen. Es muß Schicksal sein..." murmelte er und blickte zu Janni. Mußte sie wirklich das Schwert führen? War das ihr Schicksal?

Als es Abend wurde hörten die Männer von der Pritsche her ein leises Geräusch.
Thomas war mit 3 Schritten neben Janni, die gerade am Aufwachen war. Als sie die Augen aufschlug, lächelte er sie glücklich an.
"Johanna..." sagte er liebevoll und küßte sie auf die Stirn.
Janni lächelte zurück und zuckte dann zusammen. Sie hatte völlig ihren Arm vergessen. Die Wunde brannte ein wenig, doch gegen die vergangenen Tage war es unbedeutend.
Das MHN kam ebenfalls heran und kniete sich auf die andere Seite.
"Wie fühlst Du Dich?" fragte er und überprüfte ihren Puls und den Verband.
"Sehr viel besser als gestern", antwortete sie und fragte dann: "Darf ich aufstehen?"
Das MHN nickte. "Das wird Deinen Kreislauf in Schwung bringen. Aber langsam und übertreib es nicht."
Thomas half Janni hoch und das erste, das sie tat, war Thomas lange und fest zu umarmen.
Er erwiderte die Gefühle nur zu gern und küßte sie hingebungsvoll. Dann geleitete er sie zum Tisch hinüber, wo noch etwas Brot und Obst stand und rückte ihr einen Stuhl zurecht. Das MHN schenkte ihr einen Becher Wasser ein und meinte: "Viel trinken, Du weißt was sonst passiert."
Janni nickte und während sie das Wasser trank und an dem Äquivalent einer Weintraube knabberte hörte sie Thomas und dem MHN zu, was in den letzten zwei Tagen passiert war. Sie erfuhr wie Thomas freigelassen wurde, von Bruder Abaddon, der sie im Turm besucht hatte und von dem Schwert, das sich jetzt wieder in ihrem Besitz befand.
Als das MHN das Schwert erwähnte, verblaßte ihr Lächeln wieder etwas, denn ihr fiel wieder ein, warum sie hier waren. Das Universum würde enden wenn sie es nicht verhindern würde.
"Wir müssen weiter", meinte sie mit tonloser Stimme. "Wir müssen es zu Ende bringen."
Thomas nahm Jannis Hand und drückte sie.
"Aber zwei Tage haben wir noch Zeit", sagte das MHN sanft und schenkte ihr ein Lächeln.
Janni erwiderte es zögerlich und nickte dann.
"Möchtest Du vielleicht etwas spazieren gehen?" fragte Thomas.
"Sehr gern", war ihre Antwort.
Thomas sah das besorgte Gesicht des MHN und meinte: "Keine Sorge, wir bleiben im Garten."
Dann standen sie auf, er schlang seinen Arm um Jannis Schultern und beide verließen den Raum.
Das MHN nutzte die Abwesenheit um das Schwert genau zu untersuchen. Der Tricorder konnte keine chemischen oder sonstigen außergewöhnlichen Substanzen finden, die es jemandem verbieten würden, den Griff des Schwerts mit tödlicher Folge anzufassen.
Es war also nur Zufall, vermutlich wirklich eine Krankheit die sich schnell verbreitet hatte.
Außerdem holte er nach langer Zeit wieder einmal das Buch hervor um zu sehen, ob es noch Hinweise enthalten würde, die ihnen verraten würden, wo der Stein lag.
Als er die letzte, bedruckte Seite ziemlich am Buchende gefunden hatte riß er überrascht die Augen auf. Auf der nächsten Doppelseite war eine Karte abgebildet.
Das MHN erkannte die Lage des Klosters, wo sie sich befanden und in ziemlicher Entfernung, mitten im Wald sah er eine Höhlenmarkierung, die scheinbar ihr Ziel angab. Das war mehr als er zu hoffen gewagt hatte.
Er studierte die Karte genauer und bemerkte, daß es scheinbar nicht wirklich ein Wald war, der auf der Karte dargestellt wurde, vielmehr schienen es Steinsäulen zu sein. Es schien eher eine Einöde zu werden wo es nur Sand und Steine geben würde.
Er seufzte. Noch eine Wüstenwanderung würde für Janni sicher nicht angenehm werden. Er beschloß aber vorher, bevor er ihr von seiner Entdeckung erzählen würde, sich bei Bruder Abaddon mal nach diesem Gebiet zu erkundigen. Es konnte nie schaden wenn man weiß, was einen erwartet.
Er klappte das Buch wieder zu und verstaute es sicher bei den anderen Sachen. Dann machte er sich auf zu Bruder Abaddon.

Ein Augenblick des Friedens

Thomas hatte Janni derweil in den Garten geführt und beide hatten sich einer verborgenen Ecke auf das Gras gesetzt. Janni lehnte mit dem Rücken an Thomas Brust und er hatte einen Arm schützend um sie gelegt.
"Johanna", brach Thomas nach einer Weile das Schweigen, "ich habe mir solche Sorgen um Dich gemacht. Der Hauptmann, er hat Dich.. ich meine, er hat Dir sehr weh getan, oder?"
Er spürte, wie Janni sich in seinem Arm versteifte. Ganz leise sagte sie: "Können wir bitte nicht davon reden? Es ist vorbei, laß es vorbei sein, bitte."
"Natürlich Johanna, entschuldige bitte. Ich wollte Dich nicht quälen. Es ist nur... dieses Schwein!"
Thomas ballte die Fäuste und Janni merkte, wie sich alle seine Muskeln anspannten.
Sie löste sich behutsam aus seinem Griff und drehte sich zu ihm um. Dann schaute sie ihm in die Augen und sagte: "Es zählt nur das jetzt und hier. Wir haben uns, laß es uns einfach genießen, solange wir noch können, einverstanden?"
Dann lehnte sie sich wieder gegen seine Brust und schloß die Augen.
Thomas war verwirrt. "Wie meinst Du das, solange wir noch können? Gehst Du weg?"
Sie schüttelte den Kopf. "Nein, ohne Dich nicht. Nie mehr. Ich liebe Dich, Thomas."
Er antwortete ihr auf eine besondere Weise und verwöhnte sie mit Zärtlichkeiten.
Mittlerweile war es dunkel geworden und sie waren allein im Garten. Thomas war sehr rücksichtsvoll und berührte sie nur, wenn sie es auch wollte.
Janni, die zwar immer noch das Grauen im Zelt vor ihren Augen hatte, entspannte sich langsam bei Thomas und ließ seine Zärtlichkeiten schließlich zu.

Als sie schließlich wieder zurück ins Kloster gingen, war es stockfinster geworden. Einige Leuchtkörbe erhellten alle paar Meter die Gänge im Kloster und sie fanden ohne große Schwierigkeiten zurück zu ihrer Zelle. Das MHN war noch nicht zurück und so machten es sie die beiden auf der Liege so gemütlich wir möglich.
Einige Zeit später öffnete sich die Tür und der Doktor kam herein.
"Hallo ihr beiden", grüßte er und setzte sich an den Tisch. Er hatte eine Pergamentrolle und Tinte dabei und fing an, das Pergament zu beschriften. Neugierig kamen Thomas und Janni näher und Janni fragte: "Was ist das? Eine Karte?" Sie legte den Kopf schief um das Pergament aus einer anderen Blickrichtung zu betrachten.
Das MHN zeichnete weiter. "Ja, ich habe mich mit Bruder Abaddon unterhalten, ich denke, ich weiß jetzt wo wir hin müssen."
Er warf Janni einen vielsagenden Blick zu und seine Augen glitten kurz in Richtung des Verstecks, wo das Buch lag. Janni verstand.
"Oh, das ist ... gut." Sie strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und versuchte, Einzelheiten auf der Karte auszumachen.
"Was sind das für Stacheln?" fragte sie dann und deutete weiter oben auf der Karte hin.
"Das ist die Ebene von Galdeen", warf Thomas ein. "Dort gibt es nur Sand, Felsen und Hitze."
Janni blickte das MHN mit zusammengekniffenen Augen an.
"Laß mich raten... wir müssen genau dort hin?" argwöhnte sie.
Das MHN zog eine Grimasse und nickte nur.
"Na großartig", stöhnte sie. "Es ist ja nicht so, als ich wäre ich schon mal in sengender Hitze durch den Sand gelaufen", stichelte sie.
Thomas, der das natürlich für bare Münze nahm meinte nur: "Du schaffst das schon, es ist nicht so schlimm. Wir laufen abends und in der Nacht wenn es kühl ist und am Tag ruhen wir uns aus."
Janni hob die Hände zum Zeichen, daß sie aufgab.
"Natürlich, kein Problem." Seufzend blickte sie wieder auf die Karte. "Wo genau müssen wir hin?" fragte sie.
Das MHN deutete auf eine kleines Höhlensymbol, das fast schon am Rand der Karte war und weit in der Ebene von Galdeen. Thomas stand auf und meinte, daß er mal kurz wohin müsse und die beiden hatten ein paar Minuten für sich.
"Ich habe im Buch nachgeschaut", meinte das MHN leise. "Dieses Karte war drin. Ich habe Bruder Abaddon etwas nach der Beschaffenheit der Gegend ausgefragt, deshalb war ich bei ihm. Wir schaffen das. Shandis kann diesmal genug Wasservorräte tragen und Dich notfalls auch."
Janni stand auf und ging umher.
"Ich mache mir keine Sorgen um mich", betonte sie, "es ist..."
Sie blieb mit dem Rücken zum MHN stehen und ballte dir Fäuste.
Der Doktor bemerkte es und trat hinter sie. Beruhigend legte er ihr die Hände auf die Schultern.
"Es ist was?" fragte er nach. Er spürte, dass Janni zitterte und trat vor sie.
"Reicht es nicht langsam?" platze es auf einmal aus ihr heraus? "Haben wir nicht schon genug durchgemacht? Wieviel kommt noch?" Sie schaute das MHN wütend an.
Er nahm sie in die Arme und Janni begann zu schluchzen.
Just in dem Moment öffnete sich die Tür und Thomas kam herein. Doch das MHN gab ihm zu verstehen, daß er noch einmal gehen möge. Thomas nickte nur und schloß leise die Tür.
Janni klammerte sich fester an das MHN und konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Das MHN bugsierte sie langsam zur Pritsche ohne sie loszulassen, dann setzten sich beide hin. Er war froh, daß sie weinte, das war der erste Schritt auf dem langen Weg der Genesung.
Er strich ihr beruhigend über das Haar und den Rücken und murmelte ab und zu, daß alles wieder gut werden würde und wie tapfer sie sich geschlagen hätte.
Nach einigen Minuten wurden die Schluchzer weniger und Janni beruhigte sich. Sie hatte alle ihre Tränen ausgeweint und das MHN legte sie sanft hin und blieb so lange bei ihr sitzen, bis sie endlich eingeschlafen war.
Leise ging er zur Tür und schaute, ob er Thomas finden konnte. Dieser stand einfach vor der Tür Wache und hatte gewartet, bis das MHN ihn hereinholen würde.
Vorsichtig betrat er die Zelle und meinte: "Es ist gut, daß sie es herausgelassen hat."
Das MHN nickte bestätigend und beide Männer beugten sich noch eine Weile über die Karte und diskutierten, was sie mitnehmen würden und was nicht und wie lange es ungefähr dauern würde, bis sie da wären. Dann wurde irgendwann auch Thomas müde und er ging ebenfalls schlafen.

Am nächsten Morgen wachte Janni zuerst auf.
"Guten Morgen", wurde sie von der Stimme des MHN begrüßt.
"Morgen Dok", sagte sie noch etwas schläfrig, reckte sich dann aber einmal und stand rasch auf.
"Hast Du gut geschlafen?" erkundigte er sich weiter.
"Ja, sogar ohne Träume. Hast Du damit etwas zu tun?" fragte sie lauernd.
Das MHN hob abwehrend die Hände.
"Völlig unschuldig", erklärte er und lächelte.
"Muß wohl Zufall gewesen sein", lenkte Janni ein, zog ihr Kleid über und sammelte dann den Klumpen Seife ein und ein Handtuch.
"Ich brauche dringend ein Bad", meinte sie. "Ich gehe zum Fluss mich waschen, bis gleich."
"Warte", sagte das MHN und stand auf. "Es ist besser wenn ich Dich begleite. Wenn ich eins über diese Welt gelernt habe dann das, daß gerade Frauen hier nicht sicher sind."
Janni sah den Doktor dankbar an. "Danke, aber nicht gucken wenn ich mich ausziehe", witzelte sie.
"Ich bin Arzt und kein Voyeur", bekam sie nur als Antwort.
"Jaja, das hast Du zu B'Elanna auch schon mal gesagt, als Du sie mitten in ihrer Dusche kontaktierst hast."
"Das war etwas völlig anderes", haspelte das MHN und folgte Janni durch die Gänge.
Diese zwinkerte ihm nur zu und nach einem zügigen Marsch von ungefähr 10 Minuten kamen sie an die Waldgrenze, hinter der gleich der kleine Fluß verlief.
Janni fand eine relativ geschützte Stelle und legte ihre Sachen über einen Strauch.
Das MHN drehte sich demonstrativ mit dem Rücken zu ihr und entfernte sich etwas.
Janni mußte lachen. Dann hockte sie sich in das Wasser, das ihr im Stehen bis zur Hüfte reichte und tauchte erst einmal unter. Das Wasser war recht kalt aber mit der Zeit gewöhnte sie sich daran. Mit der Seife, in der günstigerweise einige Sandkörner noch mit drin waren, so daß es mehr ein Peeling war, schrubbte sie sich so heftig wie noch nie ab. Auch ihre Haare wurden mit der Seife mehrmals ausgewaschen.
Erst als ihre Haut schon ganz rot war und das MHN "Du solltest langsam herauskommen, das Wasser ist zu kalt", rief, tauchte sie noch einmal unter und kam dann aus dem Wasser.
Nachdem sie sich abgetrocknet und angezogen hatte fühlte sie sich gleich noch mal besser. Mit immer noch nassen Haaren trat sie dann an das MHN heran.
"Ich bin fertig und endlich wieder sauber."
Der Doktor drehte sich um und musterte sie. Ihre Lippen waren leicht bläulich und sie zitterte etwas.
"Das sehe ich", meinte er ihre rote Haut betreffend. "Jetzt sollten wir aber zusehen, dass wir schleunigst hereinkommen, Du zitterst ja vor Kälte."
"Nichts dagegen einzuwenden", meinte sie nur und beide gingen wieder zurück.

Inzwischen war Thomas wach und da er gesehen hatte, daß Janni und das MHN zusammen weg waren, machte er sich keine großen Gedanken. Er hatte sich sogar nützlich gemacht und Frühstück besorgt.
"Da seid ihr ja", begrüßte er sie als sie wieder die Zelle betraten. Janni gab ihm einen Kuß und meinte: "Frühstück! Genau, was ich jetzt brauche."
Thomas grinste. "Dachte ich mir doch." Gerade als Thomas ein Stück Brot abschnitt klopfte es an der Tür. Das MHN öffnete und ließ Bruder Abaddon herein.
"Verzeiht die Störung, ich wollte mich nur verabschieden."
"Verabschieden?" fragte das MHN überrascht.
"Ich werde in ein anderes Kloster gehen, ich warte auf diese Versetzung schon über drei Jahre", meinte er. "Doch bevor ich euch verlasse wollte ich der reizenden jungen Dame noch etwas schenken."
Janni schaute den Bruder verwundert an. Dieser griff in seine Kutte und holte eine goldene Kette mit einem kleinen Anhänger in Form einer Träne heraus.
"Ich hatte niemals eine Tochter, der ich es hätte schenken können, noch eine Frau. Es ist ein Erbstück von meiner Mutter. Ich empfände es als große Ehre, wenn Du es tragen würdest Johanna."
Er hielt Janni das Schmuckstück hin und Janni meinte: "Das... das kann ich nicht annehmen Bruder Abaddon."
Er seufzte leise. "Ich hatte befürchtet, daß Du das sagen würdest, ich bitte Dich aber es zu nehmen. Es würde mir viel bedeuten. Und Euer Bruder Anselm ist der einzige Freund, den ich jemals hatte."
Das MHN sah gerührt zu Janni hin und nickte ihr zu. Unter diesen Umständen blieb ihr fast keine Wahl als das Geschenk zu akzeptieren. Es war wunderschön, aber sie fühlte sich gar nicht wohl etwas so kostbares einfach anzunehmen.
"Habt vielen Dank, Bruder Abaddon", sagte sie und nahm ihm vorsichtig die Kette ab.
"Thomas, würdest Du bitte?" fragte Janni und hielt ihm die Kette hin.
Thomas Miene war etwas finsterer als sonst, aber ohne zu zögern befestigte er die Kette an Jannis Hals.
Der Anhänger glänzte und Bruder Abaddon trat einen Schritt zurück.
"Sie steht Dir einfach wundervoll", meinte er entzückt.
Verlegen senkte Janni den Kopf und das MHN sagte: "Es war ein Vergnügen Dich kennenzulernen, Bruder. Wir wünschen Dir alles Gute."
"Vielen Dank, vielleicht werden wir uns eines Tages wiedersehen", sagte er, dann drehte er sich um und verließ ihre Zelle.
Wenig später hörten sie im Hof Hufgetrappel und als das MHN aus dem Fenster spähte, sah er noch wie Bruder Abaddon auf einem Esel das Kloster verließ.
"Ich bin froh, daß er weg ist", klang Thomas Stimme von hinten. Das MHN drehte sich um zu ihm und auch Janni schaute ihn fragend an.
"Warum?" fragte das MHN nach. "Er hat uns geholfen und wenn nicht sogar das Leben gerettet."
"Mir auf jeden Fall", sagte Janni leise und wollte gar nicht daran denken, was sie ohne ihn gemacht hätte.
Thomas schaute erklärungssuchend von einem zum anderen.
"Ich kann es nicht beschreiben es ist einfach... mir war er unsympathisch." Er hob kurz die Arme zum Zeichen, daß er nichts besseres anzubieten hatte als seine Ahnung.
Das MHN war schon etwas säuerlich als er sagte: "Ohne Bruder Abaddon hätten die Euch verurteilt und getötet. Er ist vielleicht etwas merkwürdig, aber das hat er nicht verdient, Thomas."
Thomas lief rot an und murmelte eine Entschuldigung.
"Ich... werde mich auf die Suche nach Wasserschläuchen machen oder besser einem Faß. Bis später." Recht geknickt verließ er die Zelle. Vielleicht hatten die beiden Recht, vielleicht war er einfach nur unfair Bruder Abbadon. Er versuchte sich davon zu überzeugen, daß er ihm zu Dank verpflichtete war, was zweifelsfrei auch wirklich den Tatsachen entsprach, aber dennoch, dieses ungute Gefühl ließ sich nicht vertreiben. Aber nun war er weg und Thomas mußte sich keine Gedanken mehr machen. Lieber sollte er an die nächste Reise denken, sie mußten sie sorgfältig planen und vorbereiten. Er begab sich in den Keller, wo die Vorratskammern angelegt waren und die Küche und bat den diensthabenden Mönch um Wasser und Nahrungsvorräte, die länger haltbar waren.

Wieder unterwegs

Janni und das MHN saßen derweil wieder am Tisch und besprachen ihre nächsten Schritte. Es war eigentlich nur soweit planbar, bis sie die Höhle erreichen würden. Keiner wußte, was sie dort erwarten würde.
Bruder Abaddon hatte dem MHN erklärt, daß die Ebene von Galdeen gemieden wurde und von dort noch nie jemand lebend zurückgekommen sei, der das Gebiet erkunden wollte.
"Wenn wir den Stein haben aktiviere ich den Transponder und dann können wir zurück", sagte das MHN.
Jannis Magen zog sich zusammen. Sie wußte, daß dieses 'wir' nur sie beide betraf. Aber sie konnte Thomas nicht einfach zurücklassen, diese Entscheidung würde aber erst noch zu treffen sein.
"Und nur ich darf den Stein anfassen?" vergewisserte sie sich noch einmal.
"Ja, das hat Eli gesagt. Ihr scheint füreinander geschaffen zu sein. Deshalb kann Dir die Aufgabe, den Riß zu schließen auch keiner abnehmen."
"Aber wie soll ich das denn machen?" fragte sie verzweifelt. "Soll ich den Stein mit dem Sternenstaub in einen Beutel packen, einmal schütteln und ihn dann in den Riß werfen? Ich weiß doch gar nicht, was ich zu tun habe! Und wenn es nicht klappt dann habe ich ein Universum gekillt!" Sie stützte die Kopf in die Hände und verbarg ihr Gesicht.
Das MHN langte über den Tisch, nahm eine Hand von ihrem Gesicht weg und drückte sie.
"Wir schaffen das schon, Du wirst sehen. Ich vermute, das Buch wird uns noch Hinweise geben oder Eli taucht noch einmal auf. Bis dahin mach Dich bitte nicht so verrückt. Wir werden einen Schritt nach dem anderen machen. Zuerst müssen wir zusehen, dass wir überhaupt zu der Höhle kommen und..." das MHN unterbrach sich als die Tür aufging. "Ah, Thomas, sehr gut. Hast Du etwas bekommen?" fragte er.
"Ja, wenn wir morgen aufbrechen bekommen wir ein Wasserfäßchen mit und mehrere Wasserschläuche. Wir werden das Faß am letzten Bach auffüllen. Shandis bleibt aber hier. Ich habe dafür gesorgt, daß sie gut behandelt wird. Ein Bote wird sie zum Haus meines Vaters bringen, bis ich zurückkomme. Es wäre für sie zu anstrengend."
Janni war erleichtert. Sie hatte sich Gedanken um das Pferd gemacht, das sie sehr gern hatte. Wenn sie Thomas dazu bringen konnte mit ihr zu gehen, hätten sie Shandis in der Ebene zurücklassen müssen und sie wäre sicher gestorben.
"Meinst Du, wir können morgen schon aufbrechen? Hast Du Dich genug erholt?" fragte Thomas besorgt.
"Ich denke schon, wenn das alles vorbei ist werde ich erst einmal eine Woche lang gar nichts machen", sagte sie trocken.
Das MHN blickte besorgt drein, sagte aber nichts.
"Also gut, dann ruhen wir uns heute alle noch einmal richtig aus, damit wir morgen früh gleich aufbrechen können.
"Ich werde mich noch von dem Abt verabschieden und ihm für seine Gastfreundschaft danken. Danach schaue ich mich noch etwas um. Rechnet erst gegen Abend wieder mit mir. Johanna, könntest Du noch kurz mitkommen bitte?"
"Natürlich Onkel", sagte Janni und stand auf um dem MHN auf den Flur zu folgen. Er führte sie in eine dunkle Nische und meinte dann: "Ich würde mich gerne für ein paar Stunden deaktivieren wenn es Dir recht ist. Ich denke, ihr könnt noch etwas Zeit für euch brauchen. Aktivier mich einfach wenn ihr... fertig seid."
Janni wurde rot aber nickte dankbar. "Wir sehen uns später." Dann nahm sie den mobilen Emitter ab und das MHN verschwand.

Später am Abend als sie und Thomas den Tag noch genossen hatten, ging Janni unter dem Vorwand das MHN zu suchen nach draußen und aktivierte den Emitter.
„Bitte nennen Sie die Art des medizinischen Notfalls“, kam prompt die Begrüßungsfloskel des MHN.
Janni schüttelte den Kopf.
„Also wirklich Dok, es wird Zeit, daß Du mal etwas anderes sagst. Schließlich bist Du mehr als nur das medizinisch holografische Notfallprogramm“, meinte sie.
Das MHN seufzte. „Recht hast Du. Sobald wir wieder auf der Voyager sind und diese ganze Geschichte hinter uns liegt werde ich B’Elanna bitten mein Begrüßungsprotokoll zu ändern. Aber jetzt laß uns die letzten Vorbereitungen treffen. Wir könnten aus der Küche schon mal einige Vorräte holen.“
Janni folgte dem MHN und wenig später hatte ihnen der Bruder, der in der Küche gerade Dienst hatte einen Laib Brot gegeben, Käse in einer festen Rinde, Trockenfleisch und ein Fäßchen Butter.
Das MHN hatte sie das kleine Wasserfaß genommen und Janni hängte sich zusätzlich zu dem Korb, den sie trug, einige Wasserschläuche um.
Beladen mit den Kostbarkeiten kehrten sie in die Zelle zurück, in der Thomas schon ungeduldig auf sie wartete.
„Ich wollte gerade zur Küche gehen“, stellte er trocken fest und nahm Janni die Sachen ab.
„Danke Thomas“, sagte sie und nahm sich die Wasserschläuche ab.
„Ich hole uns etwas zu essen“, schlug Thomas vor und machte sich auf den Weg zum Speisesaal.
Das MHN holte den Rucksack aus dem Versteck und dann begannen Janni und er die Vorräte einzupacken. Nach einer Weile kam Thomas wieder mit einer Auswahl an Gemüse, Brot und Käse. Die drei nahmen eher schweigend ihr Abendessen ein, dann begaben sie sich zu Bett und schliefen bis zum Morgengrauen.

Das MHN schüttelte Janni sanft an der Schulter.
„Aufstehen, wir müssen los“, sagte er leise und rüttelte danach Thomas wach.
„Mmmh“, brummelte Janni, räkelte sich und gähnte.
„Noch fünf Minuten, okay?“ bat sie noch schlaftrunkend und drehte sich auf die andere Seite.
„Nichts da, junge Dame“, sagte das MHN resolut und schüttelte sie erneut. „Wir müssen aufbrechen.“
„Schon gut, bin ja schon wach“, meinte Janni etwas mürrisch und schälte sich aus der Decke.
Das MHN stand natürlich wie aus dem Ei gepellt da während Thomas und Janni eine Weile brauchten, bis sie abmarschbereit waren.
Sie schauten sich noch einmal um, ob sie auch nichts vergessen hatten, dann gingen sie zum Klosterhof runter. Zu ihrer Überraschung erwartete sie der Abt um ihnen eine gute Reise zu wünschen.
Thomas gab noch ein paar letzte Anweisungen an den Kurier, der Shandis zu seinem Vater bringen würde, dann verabschiedete er sich von seiner treuen Freundin. Janni sagte auch Lebwohl und dann gingen sie los.
Ihr Weg führte über den nahen Fluß direkt durch den Wald.
Zwei Tage brauchten sie, um die kurze Seite des Waldes zu durchqueren, dann änderte sich die Landschaft in flache Wiesen und Felder. Vereinzelt trafen sie noch auf Katen in denen sie teilweise um Gastfreundschaft baten und übernachten konnten.
Nach einer Woche merkten sie bereits, daß sie bald an den Rand der Ebene von Galdeen kommen würden, es gab mehr Sand als vorher, der Weg und die Landschaft wurden von Steinen und Felsen beherrscht.
Auch hatten sie die letzte Siedlung hinter sich gebracht und die letzte Grenze zur bewohnbaren Welt würde der kleine Bach sein, den sie in Kürze erreichen würden.

Am Abend hörten sie dann das Plätschern der letzten Wasserquelle.
„Wir sind da“, sagte Thomas und legte die Sachen an das Flußufer.
Das MHN, das das leere Faß getragen hatte, kniete sich neben den Wasserlauf und füllte es auf. Janni übernahm es die Wasserschläuche zu füllen und Thomas schürte ein kleines Feuer.
Später saßen sie dann drum herum und aßen ein wenig von den Vorräten, die langsam zur Neige gingen.
„Wir sollten unseren Rhythmus jetzt anfangen zu ändern“, meinte Thomas. „Morgen erreichen wir die Ebene und dann müssen wir nachts wandern. Genauso gut können wir heute damit schon anfangen.“
Das MHN blickte zu Janni, die sich bisher tapfer geschlagen hatte bedachte man, was passiert war.
„Einverstanden, aber wir werden noch eine Stunde rasten bevor wir weitergehen“, bestimmte das MHN.
Thomas nickte und legte etwas Holz nach.
Während sich Janni am Feuer noch ausstreckte ging Thomas ein Stück weg vom Lager und spähte nach Westen, wo sich in etwas weiterer Ferne einige Hügel in der Landschaft erhoben. Als er ziemlich lange dort gestanden war und sie fast gar nicht bewegt hatte trat das MHN neben ihn und fragte leise: „Siehst Du etwas?“
Er selbst schaute auch in die Richtung, konnte aber nichts ungewöhnliches erkennen.
Thomas starrte weiterhin in das Dunkel und flüsterte: „Ich habe das Gefühl, daß wir nicht allein sind.“
Das MHN musterte ihn erstaunt.
„Werden wir verfolgt? Aber wer sollte uns folgen? Bist Du Dir sicher?“
„Nein, ich bin mir nicht sicher, es ist mehr ein Gefühl, aber ich irre mich selten bei sowas.“
Das MHN spähte noch ein paar Minuten in die Dunkelheit.
„Ich glaube nicht, daß da jemand ist. Vielleicht ein Tier.“
Thomas war davon nicht überzeugt. Er war sich fast sicher, daß dort jemand lauerte.
„Wenn uns jemand nachgeschlichen wäre, dann hätten wir ihn in der Grasebene sicher bemerkt. Wir konnten meilenweit schauen, das wäre aufgefallen“, setzte das MHN nach.
Diesem Einwand hatte Thomas nichts entgegenzusetzen, und wer weiß, er wurde auch älter, vielleicht irrte er sich dieses Mal ja wirklich.
Seufzend gab er seinen Beobachtungsposten auf und kehrte mit dem MHN zusammen zurück zum Feuer.
„Vermutlich hast Du recht“, lenkte er ein. „Das wäre uns in der Tat sicher nicht entgangen. Es ist Zeit, daß wir losgehen. Ich wecke Johanna.“
Während Thomas Janni sehr zärtlich weckte, löschte das MHN das Feuer und packte die Sachen wieder ein. Dann marschierten sie los.

Streit und Versöhnung

Nach zwei Stunden waren sie bereits einige Kilometer in die Sand- und Felslandschaft eingedrungen und die ersten Steinsäulen wurden sichtbar. Hier waren sie noch hüfthoch, aber später würden sie sicher höher werden.
Das MHN holte jetzt öfters das Pergament mit der Karte hervor um nach Anhaltspunkten für den richtigen Weg zu suchen. Er würde nicht umhin kommen den Tricorder und das Buch zu benutzen, aber das würde er erst hervorholen, wenn Thomas schlief.
Sie wanderten noch bis es anfing hell zu werden, dann schlugen sie unter einem Steinsims ihr Lager auf. Hier waren sie etwas vor der Sonne geschützt, die sogar in den frühen Morgenstunden schon erbarmungslos anfing, auf sie niederzubrennen.
Thomas fiel zuerst in einen leichten Schlaf und das MHN nutzte die Chance um mit seinem Rucksack ein Stück hinter den Stein zu gehen um den Weg zu prüfen.
Janni kam mit und holte das Buch hervor. Schnell hatte sie die Karte gefunden und das MHN holte das Pergament hervor um es zu vergleichen. Sie waren noch etwas zu weit westlich und das MHN hielt es für angebracht, den Tricorder griffbereit zu lassen. Hier sah eine Steinsäule aus wie die andere.
Das MHN war fasziniert, wie dicht nebeneinander sich diese Säulen aus dem Sand erhoben.
Fast wie ein Wald, dachte er bei sich.
„Wie lange werde wir bis zur Höhle brauchen?“ fragte Janni.
„Nun, wenn wir weiterhin so gut vorankommen und uns nicht groß verlaufen, dann schätze ich brauchen wir noch eine Woche.“
„So lange“, überlegte Janni. „Wie sieht es aus mit unserem Wasservorrat?“ hakte sie nach. „Für wie lange wird er reichen?“
Das MHN überschlug schnell die Zahlen im Kopf. „Auf jeden Fall reicht er, um uns alle sicher hinzubringen“, sagte er vorsichtig. Er ahnte schon, auf was sie hinaus wollte.
„Wenn wir sparsam damit umgehen wird für Thomas noch genug übrig bleiben um den Rückweg sicher antreten zu können“, setzte er gleich nach.
„Aber er hat keine Karte. Was ist, wenn er sich verläuft? Dann wird das Wasser nicht reichen, habe ich Recht?“
Das MHN seufzte. „Es könnte knapp werden“, gab er zu. Aber ich werde den Weg in die Karte einzeichnen, wir werden und markante Wegpunkte merken und übertragen. Zufrieden?“
Janni schnaubte ärgerlich. „Nicht im geringsten“, meinte sie streitlustig. „Warum können wir ihn nicht einfach mitnehmen?“
„Janni“, erwiderte das MHN nicht minder verärgert. „Das Thema hatten wir schon durch. Ich werde nicht noch einmal darüber diskutieren. Er muß hierbleiben und damit ist die Diskussion beendet. Du weißt, daß ich Mittel und Wege habe um das durchzusetzen. Du kannst Dich nicht einfach in den Lauf der Geschichte einmischen und ihn verändern“, dozierte das MHN wütend.
Janni blickte ihn kalt an. „Das werden wir noch sehen“, meinte sie und kehrte zu Thomas zurück, der immer noch schlief.
Etwas geknickt blickte das MHN Janni nach als sie um den Felsen verschwand. Es war ja nicht so, als würde ihm das Spaß machen oder er würde nicht verstehen, was Thomas für sie bedeutete, aber wenn er eins gelernt hatte dann war es das, daß man sich niemals in den Ablauf der Geschichte einmischen durfte. Und Thomas würde hierbleiben, dafür würde er sorgen.
Er packte sich Sachen wieder zusammen, steckte den Tricorder allerdings unter den Wams und gesellte sich wieder zu Janni, die inzwischen vorgab zu schlafen. Er legte eine Hand auf ihre Schulter und meinte leise: „Ich kann verstehen, daß das schwer ist für Dich, aber hier geht es um mehr als Deine Gefühle zu Thomas, bitte vergiß das nicht.“
Janni regte sich nicht, aber hätte das MHN vor ihr gesessen, dann hätte es gesehen, daß ihr einige Tränen über die Wangen liefen.
Den Tag über verbrachte die Gruppe damit, einfach nur ruhig dazusitzen oder etwas zu dösen. Jannis und Thomas' Schlaf war nur oberflächlich und beide hatten mehr oder weniger Albträume. Die nächsten Tage behielten sie den Rhythmus bei, allerdings fiel Thomas auf, daß zwischen Janni und dem MHN irgendetwas in der Luft lag.
Eines Mittags, als das MHN ein Stück weit weg war sprach er sie darauf an.
„Was ist passiert zwischen Dir und Deinem Onkel?“ fragte er frei heraus. „Du scheinst ihn zu meiden.“
Janni strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr und meinte dann: „Wir haben eine Meinungsverschiedenheit.“
Thomas sah sie wartend an, doch Janni schwieg. Aber Thomas war beharrlich.
„Willst Du mir nicht sagen, worüber ihr euch nicht einig werden könnt? Die Meinung eines Unbeteiligten könnte manchmal helfen und gerade hier, wo nichts und niemand sonst ist, dürfen wir uns nicht streiten. Wir brauchen einander.“
Janni sah Thomas an und sie wußte, daß er Recht hatte. Sie brauchten einander und sie brauchte das MHN. Aber dennoch konnte sie Thomas nicht hierlassen.
Thomas wartete immer noch schweigend, daß sie antworten würde. Schließlich sagte Janni: „Es ist nicht so einfach, wir sind uns in einem Grundprinzip uneinig“, begann sie dann.
„Ich möchte Dich etwas fragen, Thomas. Hattest Du, bevor wir uns getroffen haben, schon eine große Liebe?“
Jannis Herz krampfte sich bei der Frage etwas zusammen, aber anders würde sie es nicht erklären können ohne ihm alles zu verraten.
Zu ihrer Überraschung und auch Enttäuschung antwortete Thomas ziemlich schnell: „Ja, ich war einmal sehr verliebt in ein Mädchen. Wir wollten heiraten, aber dann mußte ich fort und als ich wieder nach Hause kam, da war sie mit einem anderen weg. Ich wußte sogar, daß das passieren wird, aber ich hatte die Wahl zwischen ihr oder hunderten Leben, die ich vielleicht retten konnte. Die Pflichten und Verantwortung müssen für einen Ritter immer an erster Stelle kommen, darum wurde ich Ritter. Damit ich Menschen beschützen und retten kann“, sagte er eindringlich.
Janni hatte Tränen in den Augen. „Und es war Dir egal, daß Deine große Liebe weg sein könnte?“
In Thomas Augen flackerte Schmerz.
„Nein, das war es nicht. Aber trotzdem gibt es etwas, was mehr zählt als meine persönlichen Gefühle. Aber warum fragst Du danach?“
Janni schaute Thomas in die Augen und begann zu begreifen, was sie zu tun hatte und was es kosten würde. Und sie wußte, dass sie das Opfer bringen mußte. Das MHN hatte recht, sie konnte nicht immer nur an sich denken.
„Ich war engstirnig und egoistisch“, meinte Janni dann.
„Ich habe meinem Onkel Unrecht getan weil ich nur an mich gedacht habe. Bitte entschuldige mich, ich denke es ist an der Zeit, um Verzeihung zu bitten.“
Thomas lächelte sie an und meinte dann: „Ich bin froh, daß ihr das klärt. Geh nur.“
Sie stand auf und ging zum MHN. Thomas beobachtete sie und dann sah er ein erleichtertes Lächeln auf dem Gesicht des MHN und kurz darauf nahm er Janni in die Arme und drückte sie fest. Auch Thomas war glücklich. Es war so wichtig, daß sie jetzt alle zusammenhielten und Janni hatte unter dem Streit gelitten, das hatte er gespürt.
Kurz darauf kehrte sie zurück, musterte ihn auf eine sehr tiefgründige Art, bei der er das Gefühl hatte, sie wollte sein Bild ihn ihrem Innersten einbrennen.
„Was ist los?“ fragte er lächelnd? „Du hast mich noch nie so intensiv gemustert.“
Sie lächelte nur. „Ich möchte diesen Moment nur genießen. Du und ich. Ich wünschte, die Zeit würde stehenbleiben.“
Thomas runzelte die Augenbrauen, so ganz verstand er das nicht, aber gleich darauf kuschelte sich Janni an ihn und er beschloß ihrem Wunsch zu folgen und genoß den Moment mit ihr.

Als die Sonne hinter dem Horizont versank waren sie wieder aufbruchbereit zu ihrer, so hoffte das MHN zumindest, letzten Etappe. Wenn alles gut ging und die Karte stimmte, dann würden sie in ein paar Stunden ihr Ziel erreichen.
Das Wasserfaß war inzwischen leer, aber sie hatten noch fünf prall gefüllte Wasserschläuche. Thomas hatte ihn vor einigen Tagen wegen des Wassers angesprochen, ob es auch genug für den Rückweg sei und das MHN konnte ihn überzeugen, daß es zwar knapp werden würde aber sie auf jeden Fall wieder bis zum Fluß kommen würden. Thomas gab sich damit zufrieden und rationierte das Wasser noch ein wenig mehr.
Und wirklich, irgendwann rief das MHN: „Ich glaube, ich habe den Eingang gefunden!“
Janni und Thomas kamen näher und schauten in eine Erdspalte, die unter einem Felsvorsprung lag.
„Bist Du sicher, daß das hier richtig ist?“ fragte Janni zweifelnd.
Thomas hängte sich die Wasserschläuche ab und machte sich dann daran, Nind’arel abzunehmen, das er die ganze Zeit wie ein Breitschwert quer über den Rücken getragen hatte. Es war sicher in drei Schichten Leinen verpackt und nun machte sich Thomas daran, das Schwert auszupacken. Auch wenn das MHN ihm gesagt hatte, daß das Schwert nicht verflucht sei – Thomas wußte einfach, daß die alten Legenden stimmten.
„Johanna, ich hoffe Du bist ausgeruht genug. Denk an den Schutz damit Du mit dem Schwert nicht in Berührung kommst.“
Doch bevor Janni irgendetwas machen oder sagen konnte schnappte sich das MHN das Schwert.
„Ich habe doch gesagt, daß man es einfach anfassen kann“, meinte er und vollführte ein paar Probeschwünge. Thomas sagte nichts, aber Janni merkte, daß er angespannt war.
„Keine Sorge Thomas“, meinte sie beruhigend und strich über seinen Arm. „Es wird ihm nicht passieren, ich weiß es.“
Dann lief sie hinter dem MHN her, das gerade im Begriff war sich in die Erdspalte zu begeben.
Thomas seufzte, sah sich noch einmal um und folgte den beiden dann mit gezogenem Schwert.

Der Wächter

Die Erdspalte hatte eine kleine Rampe auf der das Trio nach unten gelangte. Nach einigen Metern bereits kam eine Windung und es wurde stockfinster.
„Johanna“, wandte sich das MHN an das Mädchen, „es wäre nicht verkehrt, wenn wir etwas Licht hätten.“
Janni nickte und kurz darauf entsprang ihrer Handfläche eine kleine Kugel, die ein sanftes, silbernes Licht abgab und den Weg ein paar Meter erhellte.
„Wunderbar“, sagte das MHN und setzte den Weg fort.
Wenn vorher noch Sandwände den Weg gesäumt hatten so wurden sie langsam durch Felsen abgelöst. Außerdem wurde der Weg breiter und unebener und jetzt verdiente die Erdaushöhlung schon eher das Wort Höhle.
Die ersten Stalakmiten und Stalaktiten tauchten auf und wenn Janni sich anstrengte und lauschte, dann konnte sie irgendwo ein leises tröpfeln hören.
Sie gingen weiter und weiter vor ihnen wurde es irgendwie etwas heller. Zuerst dachte sie, ihre Augen würden ihr einen Streich spielen, aber dann bemerkten es auch die anderen.
„Ich glaube, ich sehe da vorne etwas Licht“, meinte Thomas überrascht und das MHN sagte: „Ja, ich auch. Johanna, ich glaube, Du kannst das Licht löschen.“
Janni brauchte nur einen Gedanken um die Lichtkugel wieder verschwinden zu lassen, dann gingen die drei vorsichtig weiter.
Schon bald erreichten sie eine Felsspalte und als sie hindurchtraten standen sie in einer gigantischen Höhle. An den Wänden glitzerte es tausendfach und jetzt wussten sie auch, woher das Schimmern kam. Überwältigt von dem Anblick blieben sie stehen und bestaunten die vielen Kristalle in den Wänden.
„Phantastisch“, sagte Janni atemlos und schaute umher.
Das MHN und Thomas waren nicht minder begeistert und fast hätten sie die tiefe, pechschwarze Bodenspalte übersehen, die sich direkt vor ihnen auftat. Das MHN stand am weitesten in der Höhle und wollte gerade einen Schritt nach vorne machen, als er von Thomas plötzlich gepackt und zurückgerissen wurde.
„Nicht weiter!“ schrie er und beide fielen zu Boden.
„Warum nicht?“ fragte das MHN überrascht und rappelte sich auf.
Thomas zeigte nach vorn. „Eine Erdspalte“, sagte er nur.
„Mein Gott“, hauchte Janni, als sie sich vorsichtig an den Rand tastete.
Das MHN blickte Thomas dankbar an. „Vielen Dank, ohne Dich wäre ich da hereingefallen. Du hast mir das Leben gerettet.“
Thomas winkte ab. „Keine Ursache. Wir sollten uns lieber Gedanken machen, wie wir da am besten herüberkommen“, sagte er und warf einen Stein in die Dunkelheit.
Beide lauschten und nach ungefähr 10 Sekunden hörten sie endlich einen leisen Aufprall.
„Ich glaube, ich habe etwas gefunden“, rief Janni, die inzwischen fast ganz rechts an der Wand stand.
Die beiden Männer liefen vorsichtig zu ihr hin und dann sahen auch sie, daß sich ein schmaler Felssteg über den Abgrund zu spannen schien.
„Ich gehe als erster“, sagte Thomas und wollte sich gerade über den Steg tasten als Janni ihn zurückhielt.
„Warte, ich denke, das können wir einfacher machen.“
Sie kniete sich hin und legte ihre Hände rechts und links auf die Steine. Plötzlich schossen zwei Lichtstreifen rechts und links die Kanten entlang bis sie das gegenüberliegende Ende erreichten.
„Ja, das ist besser“, meinte sie und setzte einen Fuß auf den Steg. Er war nur knapp einen halben Meter breit und Janni konnte nur hoffen, daß sie nicht runterfallen würde. Sie war nicht ganz schwindelfrei. Aber sie kam ohne größere Probleme über die Brücke. Die anderen folgten ihr.
Dann standen sie auf der anderen Seite und gingen weiter. Nach ungefähr 100 Metern wurde es dann wieder merklich dunkler und noch weiter voraus konnten sie schon nichts mehr sehen.
Janni erschuf wieder eine Lichtkugel und fuhr erschrocken zurück, als die Kugel einen mächtigen Baumstamm beleuchtete, der sich hin und her bewegte. Thomas stellte sich schützend vor sie und das MHN hob Nind’arel höher. Als Janni den Schreck verwunden hatte, ließ sie die Kugel am Baumstamm weitergleiten.
Der Stamm wurde immer dicker und dicker bis er sich zu einem kleinen Hügel verbreiterte, der sich hob und senkte.
„Was ist das?“ fragte das MHN neugierig und trat einen Schritt näher.
Urplötzlich glühten weiter rechts von dem Hügel zwei riesige Leuchtkörbe auf und die Erkenntnis durchzuckte Thomas wie ein Blitz. Er versuchte Ruhe zu bewahren und flüsterte den beiden anderen zu: „Nicht bewegen. Tut genau, was ich sage. Wir werden jetzt sehr langsam Schritt für Schritt zurückgehen.“
Janni und das MHN nickten und in Zeitlupe setzen sie ihre Füße nach hinten.
Etwas sehr spitzes und langes bohrte sich urplötzlich von hinten in Jannis rechte Seite und schrie auf vor Schmerz.
Es passierten zwei Dinge gleichzeitig. Ein gewaltiges Brüllen ließ die Höhle erzittern und gleichzeitig wirbelten Thomas und das MHN herum um zu sehen, warum Janni geschrien hatte.
„Hallo Bruder Anselm“, sagte eine kalte Stimme, die zu Bruder Abaddon gehörte. Er hatte einen langen Dolch in der Hand, den er gerade aus Janni wieder herauszog und nun auf ihren Hals richtete.
„Bruder Abaddon?“ fragte das MHN verwirrt und schaute zwischen ihm und Janni hin und her.
Doch dann ließ ein zweites, mächtiges Brüllen die Höhle erzittern und Thomas und das MHN wirbelten herum um zu sehen, wie der riesige Drache erwachte und sich schnaubend nach der Quelle des Lärms umsah, der ihn geweckt hatte.
„Himmel!“ rief das MHN aus und riß die Augen auf.
Thomas richtete seinen Blick wieder auf Bruder Abaddon und knurrte.
„Was wollt Ihr?“ Bruder Abaddon stand derweil immer noch hinter Janni und hielt ihr nun den Dolch an ihre Kehle.
„Nind’arel“, sagte er nur. „Gib es mir. Sofort.“
Das MHN trat vor und schaute Bruder Abaddon entsetzt an.
„Aber… warum? Du hast uns gerettet, warum?“ Dem MHN fehlten die Worte. Wie hatte er sich nur so in Bruder Abbadon täuschen können?
„Ich hatte als Recht“, sagte Thomas. „Du hast uns verfolgt, stimmt’s?“
„Besser noch“, meinte er. „Ich war vor Euch da. Von Eurem Anselm wußte ich netterweise wohin ihr wolltet, er hat sich nämlich ungewöhnlich viel über die Ebene von Galdeen erkundigt, also wolltet ihr sicher dorthin. Der Rest war einfach, auch ich beherrsche Magie, die Kette, die ich eurer kleinen Hure gegeben habe ist verzaubert und hinterläßt eine magische Spur. Es war so einfach euch zu folgen.“
Bruder Abaddon lachte und drückte den Dolch fester an Jannis Kehle. Ein roter Striemen wurde sichtbar und Bruder Abaddon sagte noch einmal: „Gib mir jetzt das Schwert, dann lasse ich sie frei.“
Das MHN machte Anstalten ihm das Schwert zu geben. Der Drache war noch immer dabei zu schnauben und nach den Eindringlingen zu suchen, da fragte er: „Wozu brauchst Du das Schwert?“
Bruder Abaddon sah ihn verständnislos an. „Du dämlicher Hund“, knurrte er, „mit dem Schwert bist Du unbesiegbar! Und jetzt gib es mir endlich.“
Janni keuchte auf und etwas Blut quoll aus einem kleinen Schnitt hervor.
„Schon gut“, sagte das MHN und reichte es mit dem Griff zuerst in Abaddons Reichweite. Er packte den Griff, dann lachte er und stieß Janni von sich weg. Sie landete in den Armen von Thomas, der sie sofort hinter sich drängte.
„Endlich, jetzt kann mich keiner mehr aufhalten“, rief er und zuckte plötzlich zusammen.
Er sah sofort zu Janni hin, die sich völlig auf ihn konzentrierte und scheinbar einen Zauber weben wollte. Doch er hatte es dank dem Schwert noch bemerkt und einen Schutz errichtet.
„So ist das also“, meinte er spöttisch. „Die kleine Hexe versucht Magie anzuwenden.“
Er hob lässig eine Hand, Janni wurde zurückgeschleudert und landete an einem Felsen.
Sie stöhnte auf, und blieb einen Moment liegen. Die Höhle verschwamm vor ihren Augen und sie brauchte einen Moment um wieder klar zu werden. Unterdessen hatte der Drache endlich die Eindringlinge entdeckt und tappte nun in ihre Richtung.
Bruder Abaddon sah ihn kommen und für einen Moment stand ihm der Schreck ins Gesicht geschrieben. Er hob Nind’arel und als der Drache heran war fügte er ihm eine Wunde mit dem Schwert zu.
Das MHN und Thomas waren beiseite geeilt und versuchten nun, den Drachen von hinten zu attackieren. Der Drache schlug zweimal mit dem Schwanz und beide wurden einige Meter zur Seite geschleudert.
Bruder Abaddon wich einem Prankenhieb aus und setzte einen weiteren Stich mit dem Schwert nach. Der Drache brüllte vor Schmerz und Zorn auf und ließ eine Flammengarbe aus seinem Maul fahren.
Abaddon hielt Nind’arel vor sich und das Feuer wurde rechts und links an ihm abgeleitet. Gerade als der Flammenstoß zu Ende ging spürte er wieder dieses eigenartige Gefühl der Schwäche in sich.
Er wandte den Blick und sah gerade noch, wie ihn Janni wieder fokussierte bevor sie aus seinem Blickfeld verschwand. Er beschloß, zuerst das Mädchen auszuschalten bevor er sich um den Rest kümmerte.
Der Drache war gerade mit dem MHN beschäftigt und Bruder Abaddon nutzte die Zeit, um sich nach Janni umzusehen. Sie war nicht weit von ihm entfernt und versuchte scheinbar wieder einen Zauber zu wirken, der allerdings diesmal gegen den Drachen gehen sollte, der immer noch das MHN anvisierte.
Ein schimmerndes Schutzschild umgab ihn in dem Moment, als der Drache erneut seinen Flammenatem austeilte. Bruder Abaddon lief auf Janni zu, bereit ihr das Schwert ins Herz zu treiben.
Sie war immer noch dabei den Schild oben zu halten und inzwischen hatte sie keine Chance mehr, dem tödlichen Schlag zu entgehen.
Von irgendwo ertönte ein Schrei: „Johanna, pass auf!“
Janni drehte sich um und ihre Augen weiteten sich, als sie Abaddon mit dem Schwert auf sich zukommen sah. Er war schon zu nahe und sie wußte, daß sie nicht mehr ausweichen konnte. In ihrem letzten Moment des Lebens schloß sie die Augen und wartete drauf, daß das Schwert sie durchbohrte.
Ein Windhauch streifte ihre linke Wange und ein dumpfes Geräusch ließ sie die Augen wieder öffnen. Sie schrie auf, aber diesmal aus purer Verzweiflung.
„Nein!“ Thomas Körper sackte schwer gegen ihren und beide wurden zu Boden gerissen. Das Schwert hatte ihm eine tiefe Wunde im Brustkorb zugefügt, als er sich schützend vor Janni geworfen hatte.
Bruder Abaddon zog das Schwert wieder heraus und schrie im nächsten Moment gellend auf. Er ließ das Schwert fallen und ging schreiend zu Boden. Blasen überzogen seine Haut und Sekunden später stand er in Flammen.
Der Feueratem des Drachen hatte ihn von der Seite erwischt als er gerade das Schwert zurückgezogen hatte.
Janni dachte an die Geschichte von Nind’arel: wer voll Verrat war, der würde den Preis zahlen und Bruder Abaddon hatte ihn gezahlt.
„Vorsicht… Johanna“, versuchte Thomas sie zu warnen.
Janni sah auf und merkte, daß der Drache sie ihnen zuwenden wollte.
Sie überlegte nicht lange, rollte Thomas zur Seite und sprang auf das Schwert zu. Als sie Nind’arel packte, spürte sie, wie eine unglaubliche Kraft ihren Körper durchfuhr. Sie wußte, was zu tun war.
„Dok, kümmere Dich um Thomas“, rief sie dem MHN zu, „ich werde das hier beenden.“
Das MHN wollte gerade widersprechen doch ein bittender Blick in Jannis Augen ließ ihn das vergessen. Stattdessen nickte er und brachte Thomas hinter einem Felsen in Sicherheit.
Janni konzentrierte sich auf den Gegner. Aus unerklärlichen Gründen wußte sie, wo das Drachenherz war, das sie mit dem Schwert durchbohren mußte.
Sie wich einem Prankenhieb des Drachen aus und rollte sich zur Seite ab. Dann rannte sie in Richtung hinteren Teil der Höhle, der Drache verfolgte sie. Dort gab es eine kleine Felsformation, auf die sie hinaufsteigen mußte damit sie an die richtige Stelle kam.
Sie stellte sich auf den Fels und hielt das Schwert vor sich.
Der Drache war nahe herangekommen, legte den Kopf zurück und stieß ihn dann vor um Janni in einer gewaltigen Feuergarbe zu verbrennen.
Wie auch bei Abaddon schon wurden die Flammen rechts und links an Janni vorbeigeleitet von dem Schwert. Als sie der Meinung war, das Feuer würde gleich verebben senkte sie blitzschnell das Schwert und stieß sich vom Felsen ab. Sie flog ein Stück durch die Luft, spürte noch, wie ein kleiner Rest des Feueratmens ihre Schultern streifte, doch sie schrie nicht. Sie konzentrierte sich auf eine Stelle in der Drachenbrust und trieb das Schwert hinein.
Der Drache bäumte sich auf und Janni fiel mit einem Aufschrei ein paar Meter tief.
Sie landete hart auf dem Rücken und sah noch, wie der Drache taumelte und schließlich drohte auf sie zu fallen. Mit letzter Kraft versuchte sie von ihm wegzukommen, doch eine Kralle erwischte sie an der Seite, die schon durch den Dolch von Abaddon verletzt war und riß ihr eine lange Wunde.
Sie fiel wieder hin und die Kralle begrub sie zur Hälfte.
Doch sie hatte es geschafft, der Drache, der wohl der Wächter gewesen war, war tot.

Der Verlust

„Janni!“ hörte sie die Stimme des MHN.
„Ich bin hier“, rief sie so laut wie möglich zurück, „unter der Kralle.“
Das MHN war plötzlich vor ihr und hob die Kralle von ihr herunter. Als sie weg war sah der Doktor schnell nach ihrer Wunde, doch Janni meinte: „Das ist nicht schlimm, hilf mir bitte hoch. Wo ist Thomas?“
Das MHN antwortete nicht und in seinem Blick konnte Janni lesen, daß etwas nicht stimmte. Sie wurde leichenblaß, packte das MHN mit beiden Händen und schüttelte ihn.
„Was ist mit ihm?“ rief sie und konnte nicht verhindern, daß ein kleiner Hauch von Panik in ihrer Stimme mitschwang.
Das MHN umfaßte ihre Handgelenke, nahm ihre Hände von seinen Schultern und sagte vorsichtig: „Er hat eine schwere Brustverletzung Janni. Es tut mir leid, ich kann nichts mehr für ihn tun.“
Janni starrte ihn an und ihre Lippen formten lautlos das Wort „nein“.
Dann riß sie sich los und stolperte an die Stelle, an der Thomas lag. Tränen liefen ihr über die Wangen als sie ihn erreichte.
Das MHN hatte ihm den Wams ausgezogen und sie konnte sehen, daß er alles versucht hatte um die Blutung zu stoppen, aber für solch eine Operation hatte er einfach keine Instrumente.
„Doktor!“ rief Janni. „Wir müssen ihn auf die Voyager bringen, dort kannst Du ihm helfen.“
Sie hielt seine Hand und wartete ungeduldig auf das MHN. Doch dieser schüttelte den Kopf.
„Es tut mir wirklich leid Janni, aber es ist zu spät. Du kannst Dich noch verabschieden.“
Damit zog er sich zurück.
„Nein, nein, Thomas!“ weinte sie, „verlaß mich nicht, bitte!“
Thomas lächelte noch ein letztes Mal und flüsterte: „Nicht weinen Johanna, Du warst das Beste, was mir im Leben passiert ist. Aber es ist Zeit zu gehen für mich. Versprich mir bitte, daß Du Dich nicht vom Kummer überwältigen lässt. Bitte.“
Er schaute sie gequält an und Janni nickte dann zögerlich mit dem Kopf. Das war für Thomas genug und mit einem leisen Seufzer atmete er einmal aus, schloß die Augen und regte sich dann nicht mehr.
Janni brach schluchzend über seinem Körper zusammen und schüttelte ihn immer wieder in der Hoffnung, er würde doch noch reagieren. Nach ein paar Minuten spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter.
„Janni, wir müssen jetzt gehen“, sagte das MHN leise.
Er zog sie von Thomas Leichnam zurück und hob sie hoch.
Sie wehrte sich nicht und ließ das MHN gewähren.
Er brachte sie bis zum hinteren Ende der Höhle, wo ein kleiner Durchgang in eine kleine Kammer führte.
Sacht legte er Janni, die inzwischen nicht mehr weinte sondern nur völlig leer vor sich hinstarrte, auf den Boden und sagte: "Warte hier, ich hole nur unsere Sachen."
Damit ließ er sie liegen und rannte wieder in die Höhle zurück. Die Leichen würde er hier liegen lassen müssen und das Schwert würde er in die Schlucht werfen. Er hatte das Gefühl, daß es so richtig war.
Nachdem er das getan hatte holte er seinen Rucksack und lief wieder zu Janni. Sie lag immer noch völlig blaß und reglos da und hatte die Augen geschlossen. Schnell holte er den Tricorder hervor und scannte sie.
Die Wunde an ihrer Seite würde er mit einem Dermalregenerator provisorisch schließen bis sie wieder auf der Voyager waren. Jetzt mußte er es nur noch schaffen Janni aus ihrer Apathie zu holen.
In einer Nische in der Kammer sah er schon den Stein leuchten, wegen dem sie gekommen waren. Er kniete sich neben sie und schüttelte sie.
„Janni, kannst Du mich hören?“ fragte er.
Sie gab keine Antwort und regte sich auch nicht.
„Komm schon, Du hast es gleich geschafft, gib jetzt nicht auf. Du mußt den Stein nehmen und den Riß schließen.“
Sie reagierte immer noch nicht.
Das MHN wusste, daß sie wach war und einfach nur nicht reagieren wollte, aber das konnten sie sich jetzt nicht leisten.
„Du hast es Thomas versprochen“, wandte er nun eine andere Taktik an. „Er ist für Dich gestorben, jetzt nimm Dich zusammen und steh auf. Oder willst Du, daß sein Opfer umsonst gewesen ist? Er hat es getan damit Du überlebst und Du hast noch eine Aufgabe zu erfüllen. Also komm jetzt.“
Die Worte des MHN kamen scharf herüber und bewirkten immerhin eine Reaktion. Sie öffnete die Augen und Tränen glänzten wieder darin.
Das MHN machte weiter: „Du hast Thomas versprochen Dich nicht vom Kummer überwältigen zu lassen, er wußte, daß Du stark bist. Jetzt beweise es auch. Bitte Janni, ich brauche Dich, das Universum braucht Dich..."
Das MHN schaute Janni verzweifelt an. Schließlich setzte sie sich auf und sagte tonlos: "Schön, retten wir Dein Universum. Was muß ich tun?"
Das MHN war sichtlich erleichtert, aber anderseits war ihm auch ihre Wortwahl nicht entgangen. 'Sein Universum...' nun, er konnte es ihr nicht verdenken, daß sie einfach am Ende war, dennoch würde er sie niemals aufgeben.
Er kramte den Sternenstaub und den Transponder aus dem Rucksack und half ihr hoch.
"Eli sagte, der Transponder wird aktiviert, wenn Du den Stein gefunden hast und den Sternenstaub würdest Du brauchen, um den Riß zu schließen. Also, nimm ihn vielleicht einfach in die Hand", schlug er vor.
Janni streckte ihre Hand nach dem Stein aus und war überrascht, daß er warm in ihrer Hand pulsierte.
Kaum war der Kontakt hergestellt aktivierte sich am Transponder ein kleines, grünes Licht.
"Und jetzt?" fragte Janni lustlos.
"Ich weiß es nicht. Warten wir einfach einen Moment ob etwas passiert", meinte das MHN.
Sie brauchten nicht lange zu warten. In der Mitte der kleinen Kammer begann es auf einmal zu knistern und erstaunt sahen die beiden zu, wie sich langsam ein Portal bildete.
"Bist Du bereit?" fragte das MHN und nahm Janni bei der Hand. Diese nickte nur und dann traten sie durch das Portal.

Der Riß im Kontinuum

Es war, als ob sie durch eine Tür gingen. Sie kamen übergangslos auf einem sehr windigen Hochplateau heraus. Über ihnen glänzte ein Meer von Sternen, viel mehr, als Janni jemals gesehen hatte und alle funkelten wie Diamanten.
Halt, nicht ganz, korrigierte sich Janni. Als sie genauer hinsah, bemerkte sie die schwarzen Stellen im Firmament, wo es keine Sterne mehr gab. Dort war alles nur pechschwarz.
"Du mußt Dich beeilen, Auserwählte", kam eine fremde Stimme auf einmal von hinten.
Janni und das MHN drehten sich überrascht um und der Doktor rief: "Eli, was machen Sie hier?"
Das ist also Eli, dachte Janni und eine kalte Wut stieg in ihr hoch.
"Sie haben mir das angetan", fauchte sie unvermittelt. "Wegen ihrem Fehler mußte ich all das durchmachen."
"Janni, beruhige Dich", sagte das MHN sacht, "es war ein Unfall, das kann passieren."
Eli schaute Janni entschuldigend an und sagte: "Ich weiß, Kind, und es tut mir auch sehr leid, was mit Dir passiert ist. Aber vielleicht denkst Du auch daran, wie Du an dem Leid gewachsen bist und was Du alles erlebt hast. Das können nicht viele von sich behaupten."
Eli lächelte sie gütig an und Jannis Zorn verrauchte. Er wurde regelrecht weggespült und zurück blieb eine Leere. Sie fiel auf die Knie und schlug die Hände vors Gesicht.
Das MHN war sofort neben ihr und drückte sie an sich. Auch Eli hockte sich neben sie, nahm sanft ihre Hände vom Gesicht weg und wischte mit seinen Daumen ein paar Tränen weg.
"Es ist Zeit das hier zu beenden", sagte er nur und Janni fühlte sich auf unerklärliche Weise besser. Sie nickte. Es war wirklich an der Zeit.
"Was muß ich tun?" fragte sie.
"Du kannst es selber formulieren", meinte Eli. "Die Magie in Dir ist mächtig, so mächtig, wie seit Jahrhunderten in keinem anderen. Benutze sie um den Riß zu schließen, der Stein und der Sternenstaub werden Dir dabei als Katalysator dienlich sein."
Janni blickte Eli verwirrt an. "Aber... was soll ich genau tun?" fragte sie.
Eli lächelte. "Du wirst einen Weg finden. Kommen Sie Doktor, wir müssen jetzt gehen. Es könnte hier gleich ungemütlich für uns werden."
Das MHN schüttelte den Kopf. "Nein, ich kann sie nicht hier allein lassen. Ich bleibe."
Janni, die inzwischen den Sternenstaub mit dem Stein vereint hatte, wußte auf einmal, was sie zu tun hatte. Es war, als würde der Stein zu ihr sprechen und sie verstand. Sie würde ihr letztes, und größtes Opfer bringen müssen. Sich selbst. Sie würde eine Magie entfesseln, wie es sie noch nie gegeben hatte und sie wußte nur, daß alles um sie herum vermutlich zerstört werden würde und sie selber auch. Doch seltsamerweise hatte sie keine Angst davor. Sie mußte tun, was getan werden mußte um Billarden von Leben zu retten. Zaghaft lächelte sie das MHN an.
"Es ist okay Doktor. Er hat Recht. Ihr müßt jetzt gehen." Sie trat an das MHN heran und gab ihm einen schüchternen Kuß auf seine holografische Wange.
"Danke für alles, ohne Dich und Thomas wäre ich nie bis hierher gekommen. Jetzt muß ich es beenden."
Sie trat einen Schritt zurück. Das MHN berührte die Stelle, an der Janni ihn geküßt hatte und dann verstand er. Sie verabschiedete sich von ihm. Fassungslos starrte er sie an und konnte nur den Kopf schütteln.
"Nein Janni, tu das nicht. Versprich mir, daß wir uns wiedersehen."
Janni lächelte nur und meinte dann: "Irgendwann und irgendwo sehen wir uns bestimmt wieder."
Sie nickte Eli zu und einen Moment später waren das MHN und er verschwunden.
Janni seufzte, dann blickte sie jedoch entschlossen zu der Anomalie, nahm den Stein mit dem Sternenstaub fest in ihre Hand und kanalisierte ihre Kräfte. Die ersten Blitze leuchteten um sie herum und mit der Zeit wurden es mehr und mehr. Eine geballte Ladung Energie sammelte sich hinter Janni, zerstörte allmählich die Felsen, auf denen sie stand und wartete darauf, freigelassen zu werden.

Das MHN blinzelte. In einem Moment hatte er noch Janni vor sich gesehen, jetzt sah er die vertrauten Wände der Krankenstation auf der Voyager.
"Doktor", ertönte Toms Stimme überrascht. "Wie kommen Sie hierher?"
Das MHN ignorierte Tom und rannte aus der Krankenstation Richtung Brücke.
"Captain", rief er aufgeregt als sich die Turbolifttüren geöffnet hatten. Janeway und die restlichen Besatzungsmitglieder drehten sich völlig überrascht um.
"Doktor?" fragte Janeway und ging ihm entgegen.
"Ja, ich bin es, sind wir noch in der Nähe der Anomalie?" fragte er drängend.
"Ja, aber woher kommen Sie? Was ist passiert?" hakte Janeway nach.
Das MHN hob abwehrend die Hände und sagte: "Captain, ich verspreche Ihnen, daß ich Ihnen alles später erkläre, aber bitte, Sie müssen unbedingt mit den Sensoren nach einer Lebensform scannen. Humanoid in der Nähe der Anomalie."
Das MHN sah sie fast schon verzweifelt an und Janeway nickte nur kurz Ensign Kim zu, der sofort mit der Suche anfing. Ihr Instinkt sagte ihr, daß ihre Neugierde warten mußte.
"Können Sie mir nur erklären was los ist?" fragte sie. Sie hatte das MHN noch nie so aufgelöst erlebt.
"Es ist Janni", antwortete er hastig, "Eli hat uns auf einen kleinen Planetoiden gebracht, Janni soll von dort aus die Anomalie schließen, aber der Felsen wird dabei zerstört und wenn wir sie nicht rechtzeitig finden, dann..." das MHN sprach nicht weiter.
Janeway reichte das vorerst und drehte sich zu Kim um. "Harry, irgendetwas?"
Kim tippte immer noch auf der Konsole herum, als sie plötzlich piepte. "Ich glaube, ich habe etwas Captain", sagte er und seine Finger wurden schneller. "Es ist ein kleiner Planetoid, vielleicht 200 m im Durchmesser und es wird eine Sauerstoff-Stickstoff Atmosphäre angezeigt."
Janeway wandte sich dem Steuermann zu.
"Mr. Culhane, bringen Sie uns möglichst nahe an die Anomalie. Wenn sie geschlossen ist gehen Sie auf maximalen Impuls und bringen uns in Transporterreichweite dieses Felsens. Harry, zeigen sie mal ihren Fels, maximale Vergrößerung."
Energisch setzte sich Janeway wieder in ihren Sessel, das MHN trat hinter sie an das Geländer und schaute gebannt auf den Sichtschirm. Kleine Funken schienen auf der Oberfläche zu tanzen, dann schossen sie auf einmal in Form eines mächtigen Strahls auf den Riß zu und man konnte deutlich sehen, wie der Riß kleiner wurde.
Janeway blickte fasziniert auf den Sichtschirm, ebenso die restliche Brückenbesatzung.
"Das sieht fast aus, als wenn jemand den Riß zuschweißt", stellte B'Elanna fest.
Janeway gelang es sich von dem Bild loszureißen und drehte sich zum MHN um.
"Doktor, vielleicht sollten schon mal in den Transporterraum gehen", sagte sie leise.
Das MHN nickte nur und machte sich auf den Weg mit einem kleinen Abstecher allerdings vorher auf die Krankenstation.
Auf dem Planetoiden konnte Janeway deutlich sehen, wie Gestein absplitterte und der ganze Fels kleiner wurde. Als der Riß nach wenigen Minuten fast schon geschlossen war gab sie den Befehl in Transporterreichweite zu fliegen. Die Voyager beschleunigte auf Maximum Impuls und traf nur ein paar Sekunden, nachdem der Strahl erloschen war, ein.
"Harry, können Sie Lebenszeichen orten?" fragte Janeway.
"Nein Captain, aber es gibt noch zu viele Interferenzen. Es befinden sich noch Rest der Energie dort unten, die die Scanner blockieren."
"Wie sieht es mit der Anomalie aus? Ist sie geschlossen?"
Kim nickte glücklich. "Allerdings Captain, es ist, als ob es diesen Riß niemals gegeben hätte."
Janeway lächelte erleichtert und sah Chakotay an. Dieser nickte und hatte ebenfalls ein Lächeln nicht verbergen können.
"Janeway an den Doktor, wir können keine eindeutigen Sensordaten empfangen. Beamen Sie mit einem Hilfstrupp nach unten und suchen Sie nach Überlebenden." Janeway gab Tuvok ein Zeichen und der Sicherheitsoffizier machte sich auf den Weg zum Transporterraum mit seinem Team.

Janni merkte, daß der Felsen hinter ihr anfing zu zerbröckeln, aber sie achtete nicht weiter darauf. Sie brauchte noch mehr Energie. Ihre Magie war einfach - versiegel den Riß. Aber die Menge, die sie dazu brauchte, war unvorstellbar. Hätte sie den Stein nicht gehabt, wäre sie nicht annähernd in der Lage gewesen diese Kräfte herbeizurufen.
Sie zog Energie aus jeder Faser ihres Seins und nährte damit die Energiekugel. Als sie allmählich schwächer wurde und auch keine Energie mehr bündeln konnte, stellte sie sich als Gefäß vor, durch das die Energie fließen konnte und ihre Arme stellte sie sich als langes, schmales Rohr vor, durch das die Energie auf den Riß geschossen wurde.
Dann war es soweit. Ein unglaublicher Energiestrahl schoß aus Jannis Armen hervor und traf direkt auf den Riß. Es dauerte nur ein paar Minuten, dann war der Riß fast geschlossen.
Janni war inzwischen auf die Knie gesunken weil sie keine Kraft mehr hatte zum Stehen. Der Stein pulsierte immer noch warm in ihrer Hand und er schien ihr sagen zu wollen, daß es gleich vorüber sein würde.
Allmählich wurde die Energie weniger und Janni wußte, daß es nicht reichen würde wenn sie nicht noch mehr zustande brachte.
Ein letztes Mal schickte sie all ihre noch verbliebene Kraft in die Energiekugel und dann war es vorüber. Ihre Arme fielen kraftlos nach unten und sie öffnete mühsam die Augen.
Ja, der Riß war geschlossen. Der Felsbrocken, auf dem sie kniete löste sich weiter auf und einige Steine trafen sie an der Seite. Ihre Augen trübten sich und eine Woge bleierner Müdigkeit überkam sie. Dann kippte sie zur Seite und rührte sich nicht mehr. Noch mehr Steine fielen auf sie herunter, doch Janni bekam von alldem nichts mehr mit.

Verzweifelte Rettungsversuche

Drei schimmernde Säulen erschienen irgendwo weit hinter Jannis Körper auf einer tiefer gelegenen Ebene.
Tuvok, Ayala und das MHN materialisierten und schwärmten in drei Richtungen aus.
Das MHN sah sich um. Als er mit Eli hier gestanden hatte, war alles ganz anders gewesen, die Felsen waren noch intakt gewesen doch jetzt konnte er sich nicht mehr orientieren. Wo war die Stelle, an der sie gestanden hatten?
Er holte seinen Tricorder hervor und suchte nach Lebenszeichen. Doch auch hier funktionierten die Sensoren nicht richtig, er bekam immer wieder Störsignale. Ärgerlich klappte er das Gerät zusammen und als er über die Schulter sah bemerkte er, daß Tuvok und Ayala inzwischen auch mit der visuellen Suche begonnen hatten.
Das MHN räumte Steine beiseite wo er Hohlräume vermutete und jedes Mal war die Enttäuschung groß, daß er Janni nicht gefunden hatte. Die Zeit lief ihnen davon und er wußte, wenn sie sie nicht spätestens in 10 Minuten finden würden, dann würde das Rettungsteam Gefahr laufen selber von Steinen verschüttet zu werden und der Planetoid würde auseinanderbrechen.
Links hinter sich hörte er auf einmal einen leisen Schmerzenschrei.
"Ist alles in Ordnung, Lieutenant?" rief das MHN besorgt Ayala zu, der das Geräusch verursacht hatte.
Der Lieutenant rieb sich den rechten Arm und winkte dem MHN, daß alles in Ordnung war.
"Nur ein Kratzer Dok, nicht schlimm. Suchen wir weiter."
Tuvok rief von der anderen Seite: "Der Planetoid wird bald auseinanderbrechen, wir sollten auf die Voyager zurückkehren."
"Nein!" rief das MHN entschlossen aus. "Suchen Sie weiter, wir haben noch etwas Zeit."
Komm schon Janni, wo bist Du? dachte er und biß die Zähne zusammen.
Tuvok hob ein Augenbraue, ließ das MHN aber gewähren und sagte nur, bevor er weitersuchte: "In fünf Minuten werden wir wieder auf das Schiff zurückkehren. Das ist ein Befehl."
Das MHN suchte noch entschlossener, da endlich hörte er Ayala rufen: "Ich glaube, ich habe sie!"
Aus der Entfernung konnte das MHN nichts richtig erkennen, aber es sah so aus, als ob Ayala sie tatsächlich gefunden hatte.
Der Fels erzitterte und Tuvok tippte auf sein Combadge: "Vier Personen direkt in die Krankenstation beamen."
Ayala hatte Janni hochgehoben und das MHN sah erleichtert, wie beide in einem Schimmern verschwanden, das auch ihn gleich darauf erfaßte.

"Legen Sie sie auf das Biobett", orderte das MHN Ayala und schnappte sich einen Tricorder.
Ayala legte die junge Frau auf das hintere Bett und trat zur Seite.
Das MHN scannte sie und drückte ihr ein Hypospray an den Hals.
Tom, der wartend neben ihm stand sagte nur fragend: "Doktor?"
Das MHN fuhr die OP-Seiten hoch und sagte zu Tom: "Ihre Vitalzeichen sind fast nicht mehr vorhanden, aber sie lebt gerade noch. Wir müssen sie unbedingt stabilisieren und an das Lebenserhaltungssystem anschließen."
Tom nickte und stellte die OP-Seiten so ein, daß Jannis Blut mit Sauerstoff angereichert wurde und ihr Herzschlag angeregt.
Das MHN stand derweil am Bettende und überprüfte die Werte. Zu seiner großen Erleichterung stellte er fest, daß der Herzschlag stabiler wurde und der Sauerstoffgehalt im Blut langsam aber sicher auf einen normalen Wert stieg.
Erleichtert sah er Tom an und meinte: "Sie wird es schaffen, da bin ich sicher."
Tom merkte wie sehr das Wohl Jannis dem MHN am Herzen lag und lächelte ihn an.
"Sie können jetzt wieder auf die Brücke gehen Mr. Paris, ich halte sie unter Beobachtung."
"Danke Doktor", sagte Tom und verließ die Krankenstation.
"Janeway an Krankenstation, wie geht es unserer Retterin?" ertönte die Stimme vom Captain.
"Wir konnten sie noch rechtzeitig auf die Voyager bringen Captain, ich bin mir sehr sicher, daß sie sich wieder völlig erholen wird."
"Sehr gut Doktor. Ich erwarte bis morgen früh ihren vollständigen Bericht. Janeway Ende."
Das MHN bestätigte noch, daß er verstanden hatte, dann führte er einen sehr genauen Scan von Janni durch.
Als er ein paar Minuten später die Ergebnisse bekam blickte er überrascht auf. Er las eine Stelle der Ergebnisse ein zweites mal durch um sicher zu sein, daß er es auch richtig gelesen hatte. Doch der Inhalt blieb derselbe.
Ein kleines Lächeln huschte über sein Gesicht, dann las er weiter.
Im allgemeinen war sie relativ unversehrt, allerdings würde er zwei, drei kleine Operationen noch durchführen müssen.
Ihre Armwunde zeigte die ersten Anzeichen einer Infektion und sie hatte einen kleinen Riß in der Milz, den er sofort beheben würde. Ansonsten würde er sie mindestens zwei Tage schlafen lassen.
Ein wenig litt sie auch wieder unter Wassermangel, doch das würde er auch beheben können.
Als er wieder an Jannis Bett trat hielt er kurz inne und betrachtete sie. Ihr Gesicht war blaß und eingefallen und das MHN wußte, daß sie sich selbst opfern wollte damit das Universum weitergeht. Er strich ihr sanft zwei verirrte Haarsträhnen aus dem Gesicht und setzte auf seine Liste, daß er sie noch von dem Sand und Felsstaub säubern mußte.

Einige Stunden später betraten Janeway und Chakotay die Krankenstation.
"Captain, Commander", wurden sie vom MHN begrüßt. Er kam ihnen aus dem Büro entgegen und hielt ein Padd in der Hand, das er nun Janeway herüber reichte.
"Ich bin gerade mit meinem Bericht fertig geworden."
Janeway nahm das Padd entgegen, machte aber keine Anstalten es zu lesen. Statt dessen ging sie zu Janni hinüber und betrachtete sie. Inzwischen hatte das MHN die OP-Seiten heruntergefahren, sie gewaschen und in die typisch blaue Kleidung für Patienten auf der Krankenstation gekleidet.
Chakotay stand dicht hinter Kathryn und betrachtete sie ebenfalls. Es war tatsächlich das Mädchen, das er damals in seiner Vision gesehen hatte.
Das MHN trat neben die ranghöchsten Offiziere an das Bett, hielt sich jedoch etwas im Hintergrund.
"Sie sieht sehr erschöpft aus", meinte Kathryn leise.
Der Doktor fühlte sich bemüßigt diese Aussage zu bestätigen und meinte sorgenvoll: "Sie können sich gar nicht vorstellen, was sie alles durchgemacht hat."
Kathryn sah das MHN an und nickte. "Ich werde es sicher gleich erfahren", sagte sie und zeigte das Padd hoch.
"Wann werden Sie sie aufwecken?" fragte Chakotay.
"Übermorgen", antwortete das MHN. "Sie hat eine leichte Infektion und einige Verletzungen müssen noch ausheilen. Ein paar Tage werde ich sie auch noch hierbehalten."
"Gut Doktor, sagen Sie uns bitte bescheid, wenn sie wach ist."
Das MHN nickte und Kathryn gab Chakotay ein Zeichen, daß sie jetzt gehen wollte.
Auf dem Weg in den Bereitschaftsraum war Kathryn sehr still. Chakotay entging das nicht und als sich die Türen hinter ihnen geschlossen hatten und sie auf der Couch Platz genommen hatten fragte er: "Ist alles in Ordnung?"
Kathryn seufzte leise und blickte Chakotay in die Augen.
"Ich habe mir gerade überlegt was passiert wäre, wenn sie es nicht geschafft hätte."
Chakotay neigte den Kopf ein Stück und antwortete: "Dann säßen wir jetzt nicht mehr hier. Es gäbe keine Voyager, keine Sternenflotte... nichts mehr."
"Kaum vorstellbar, nicht wahr?" murmelte Kathryn gedankenverloren. Dann widmete sie sich dem Bericht des Doktors.
Chakotay machte Anstalten aufzustehen und sie allein zu lassen, doch Kathryn sagte: "Warten Sie. Wenn Sie möchten kann ich den Bericht schnell kopieren, dann können Sie ihn gleich auch lesen."
Chakotay setzte sich wieder.
"Sehr gerne, ich muß zugeben, daß ich sehr neugierig bin, was die beiden erlebt haben", gab er freimütig zu.
Kathryn kopierte den Bericht auf ein anderes Padd und brachte außerdem noch Kaffee und Tee mit. Dann begannen beide zu lesen.

Viel später legte zuerst Chakotay das Padd aus der Hand und betrachtete schweigend Kathryn. Ihrer Mimik nach zu urteilen erging es ihr wie ihm, er hatte einige Male schlucken müssen und war erschüttert. Und dann noch der Tod von diesem Thomas, er wußte nicht ob er dieselbe Kraft aufgebracht hätte, wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre und er hätte Kathryn verloren.
Ein leises Klacken holte ihn aus seinen Gedanken, Kathryn hatte das Padd auf den Tisch gelegt und stand auf um sich noch eine Tasse Kaffee zu holen.
"Eine bewegende Geschichte, nicht wahr?" fragte sie Chakotay.
"Mehr als das, finde ich", sagte Chakotay.
Kathryn setzte sich wieder neben ihn und schlug die Beine übereinander. "Ohne den Doktor hätte sie es vermutlich nicht geschafft", sinnierte sie weiter.
Chakotay fragte spontan: "Kathryn, hätten Sie Lust mit mir morgen Abend auf das Holodeck zu gehen?"
Diese lächelte ihren ersten Offizier an und sagte: "Ja, das würde ich sehr gerne."
"Dann treffen wir uns um 19 Uhr vor Holodeck 2. Bis dahin habe ich aber vorher noch etwas zu erledigen. Wenn Sie mich entschuldigen würden, Captain..." sagte er verschmitzt und verließ den Bereitschaftsraum. Er würde Kathryn schon aufmuntern, irgendetwas bedrückte sie schon seitdem sie von Eli gehört hatten, was es mit dem Riß auf sich hatte.

Im Laufe des nächsten Tages erkundigte sich Kathryn noch einmal nach Jannis Zustand, dann wurde es auch schon Abend.
Pünktlich um 19 Uhr stand sie vor dem Holodeck und war gespannt, was sie hinter den Türen erwarten würde. Die Türen öffneten sich und Kathryn betrat einen kleinen Park mit hohen Hecken. Es war Nacht und Fackeln erhellten einen Weg.
"Chakotay?" fragte sie, doch sie bekam keine Antwort. Dann bemerkte sie die Blüten, die auf dem Boden lagen. Sie führten wie ein Wegweiser direkt in das Heckenlabyrinth.
Sie lächelte und folgte der Spur bist sie in die Mitte kam. Dort stand ein kleiner, offener Pavillon, der mit bunten Lichtern geschmückt war und darin wartete schon ihr erster Offizier mit einem Strauß Rosen in der Hand.
"Chakotay, das ist wirklich wunderschön", sagte sie und nahm dankbar die Rosen entgegen.
Chakotay zog sie sanft auf eine weiche Sitzgelegenheit, drehte sich so, daß er sie ansehen konnte und nahm dann ihre Hand in seine.
"Kathryn, Dich bedrückt etwas. Seitdem Eli uns das mit dem Riß erzählt hat bist Du so in Dich gekehrt und nachdenklich geworden. Möchtest Du darüber reden?"
Kathryn sah ihren ersten Offizier warmherzig an, sie hätte wissen müssen, daß ihm das auffallen würde. Vielleicht war das hier jetzt auch einfach der richtige Moment. Sie holte tief Luft und faßte dann einen Entschluß der unwiderruflich ihr Leben ändern würde, egal wie seine Antwort ausfiel.
"Das stimmt, Chakotay, ich muß ehrlich zugeben, daß mir die Ungewißheit, ob das Universum bestehen bleibt oder nicht, zu schaffen gemacht hat. Die Chancen standen auch denkbar schlecht, daß es das Mädchen schafft. Als Eli die Fakten darlegte, da... drängte sich immer wieder nur ein Gedanke bei mir in den Vordergrund."
Sie schwieg einen Moment als ob sie erst nach den Worten suchen mußte und schaute auf ihre Knie.
"Du würdest niemals erfahren, wie sehr ich Dich liebe, Chakotay."
Chakotay sog hörbar die Luft ein, doch Kathryn redete hastig weiter.
"Ich weiß, ich hätte es Dir vorher sagen müssen, aber ich wollte es nicht tun nur weil das Universum untergeht, verstehst Du? Es hätte so ausgesehen, als ob ich das nur so daher sage weil es vielleicht eh zu spät für alles andere ist... aber dann habe ich mir Vorwürfe gemacht, weil ich es Dir nicht gesagt habe und es dann zu spät sein würde und... "
Kathryn spürte Chakotays Hand an ihrem Gesicht und sah ihn etwas scheu an. Doch ein breites Lächeln in seinem Gesicht wusch ihre Unruhe fort.
"Kathryn, Du hast es aber jetzt gesagt. Und ich muß sagen, ich habe es mir in meinen Träumen ausgemalt, aber ich dachte nie, daß wirklich einmal der Tag kommen würde, an dem Du es mir sagst und ich wach bin. Quäl Dich nicht mit vergangenem, das ist vorbei. Alles was zählt ist das Jetzt. Und ich liebe Dich auch, Kathryn Janeway."
Mit einem langen Kuß besiegelte er seine Worte und Kathryn fühlte sich seit Wochen das erste mal glücklich und erleichtert. Als sie sich voneinander lösten sagte Chakotay: "Computer, Zusatzprogramm Chakotay 2 starten."
Der Pavillon vergrößerte sich und eine Tanzfläche erschien. Außerhalb erschien ein Streichquartett und Chakotay forderte Kathryn galant zum Tanzen auf.
Viel später, als es schon Nacht war, lag eine überglückliche Kathryn in den Armen von Chakotay und schlief entspannt ein.

"Krankenstation an den Captain", ertönte am frühen Morgen die muntere Stimme vom MHN aus Kathryns Combadge.
"Janeway hier, was gibt es denn Doktor?" fragte sie noch etwas verschlafen. Hinter ihr regte sich Chakotay und ein Lächeln stahl sich auf Kathryns Lippen. Es war kein Traum gewesen. Chakotay war wirklich hier.
"Captain, sie wollten doch dabei sein wenn ich Janni wecke. Ich warte schon seit 10 Minuten auf Sie."
Kathryn war mit einem Mal hellwach.
Verflucht, ist es wirklich schon so spät? dachte sie verärgert.
"Tut mir leid Doktor, ich bin gleich da. Janeway Ende."
Chakotay war ebenfalls wach und gab ihr einen Kuß.
"Wir sollten uns lieber beeilen, sonst kommt er am Ende noch auf die Idee, Tuvok zu schicken damit er feststellen kann, ob Dir auch nichts passiert ist", witzelte er.
"Wenn ich mir das vorstelle..." meinte Kathryn mit einem entsetzten Ausdruck. Doch dann mußte sie lachen.
"Also, ziehen wir uns schnell an und begrüßen unsere Heldin."

Nur zehn Minuten später trafen die beiden Offiziere in der Krankenstation ein und traten neben Jannis Bett, an dem das MHN schon ungeduldig wartete.
"Entschuldigung Doktor, wir haben verschlafen", sagte Kathryn ohne nachzudenken und gähnte hinter vorgehaltener Hand.
Das MHN runzelte die Stirn und Chakotay sah Kathryn amüsiert an.
"Wir?" hakte der Doktor nach.
Kathryn wurde auf einmal ihr verbaler Patzer bewußt und versuchte sich herauszureden.
"Ich wollte sagen, ICH habe verschlafen und den Commander nicht pünktlich abholen können und... Chakotay, hören Sie doch auf zu lachen!"
Das MHN grinste über beide Ohren und meinte nur: "Das wurde auch langsam Zeit wenn ich mir erlauben darf das zu sagen. Aus medizinischer Sicht könnte ich Ihnen kein besseres Rezept gegen den Streß verschreiben, dem sie täglich ausgesetzt sind."
Damit zwinkerte das MHN Janeway noch einmal zu und diese klappte ihren Mund zu und wußte nicht, was sie noch sagen sollte.
Sie blickte Chakotay an, doch der zwinkerte ihr auch nur zu. Gespielt empört über das Verhalten ihrer Offiziere sagte sie: "Doktor, sie wollten die junge Dame aufwecken."
"Natürlich Captain", erwiderte er gut gelaunt und holte ein Hypospray, das er Janni gegen den Hals drückte.
Nichts geschah. Janni lag immer noch reglos da und nicht einmal ihre Lider zuckten. Das MHN schaute sie fassungslos an und dann auf das Hypospray.
Janeway merkte, daß etwas nicht stimmte und fragte: "Doktor? Alles in Ordnung?"
Das MHN holte ein andere Hypospray und sagte völlig verunsichert: "Ich verstehe das nicht, das war eine normale Dosis Formazin, sie hätte davon aufwachen sollen."
Janeway sah Chakotay besorgt an und das MHN injizierte Janni ein anderes Mittel. Aber auch das hatte keine Wirkung. Er holte einen Tricorder hervor und begann noch einmal Janni zu scannen.
"Sie scheint in ein Koma des ersten Stadiums gefallen zu sein", sagte das MHN nachdem er Janni ein paar Minuten untersucht hatte.
Kathryn blickte auf Janni herunter und fragte: "Wie kann so etwas passieren?"
Das MHN klappte den Tricorder wieder zu und tippte dann auf einige Buttons am Ende des Bettes während er sagte: "Ich kann mir das nicht erklären Captain, der Tricorder hat keine Hirnschädigung festgestellt, dennoch ist es fast so, als ob ihr Gehirn in eine Art Ruhezustand getreten ist."
"Sie meinen, ihr Cortex war vielleicht überlastet und als Schutz hat sich ihr Gehirn praktisch abgeschaltet? Verursacht durch die ganzen Erlebnisse?" mutmaßte Chakotay.
Das MHN dachte kurz über die Frage nach und sagte dann: "Das wäre eine grobe Erklärung Commander. Ich hätte es früher merken müssen", schalt sich das MHN, "der Tod von Thomas war schrecklich für sie, eine posttraumatische Belastungsstörung könnte das Koma erklären."
"Können Sie etwas tun Doktor?" fragte Janeway.
"Normalerweise würde ich einen Counselor empfehlen, aber in ihrem Fall wird das nicht gehen, dazu muß sie erst einmal wieder aufwachen wollen", sagte das MHN aufgewühlt.
"Das heißt aber, sie kann uns vermutlich hören, wenn wir mit ihr sprechen? Es liegt nur an ihr selber, ob sie wieder ins Leben zurückkommen will?" fragte Chakotay.
"Ich fürchte, so ist es", sagte das MHN niedergeschlagen und winkte den Offizieren, daß sie ihm in sein Büro folgen mögen.
"Sie war unmittelbar nach dem Tod von Thomas schon eine zeitlang völlig apathisch, ich vermute, daß sie einfach keinen Sinn mehr im Leben sieht, jetzt wo das Universum gerettet ist.
"Dann sollten wir sie davon überzeugen, daß es sich lohnt weiterzuleben", sagte Janeway resolut.
"Doktor, sie kennen Sie am besten, ich glaube ich brauche Sie nicht extra zu bitten ihr wieder Lebenswillen zuzusprechen?"
"Ganz sicher nicht Captain, ich würde sie niemals aufgeben", sagte das MHN voller Überzeugung.
Janeway lächelte und legte dem MHN eine Hand auf die Schulter.
"Sie werden sie zurückbringen, Doktor, das weiß ich."
Damit verließen Janeway und Chakotay die Krankenstation wieder und ließen ein sehr nachdenkliches MHN zurück.
Wie sollte er Janni wieder zurückholen? Was konnte er ihr bieten? Doch dann fielen ihm wieder die Untersuchungsergebnisse ein und ein Funken Hoffnung machte sich in ihm breit.

Drei Tage später allerdings wurde das MHN zunehmend enttäuschter. Er hatte bisher nicht einmal den Hauch einer Reaktion bei Janni gesehen. Wann immer er Zeit hatte saß er neben ihr und sprach mit ihr.

Eine letzte Begegnung und Hoffnung

Janni konnte Thomas in einiger Entfernung ausmachen. Doch sie konnte ihn einfach nicht erreichen.
Er lächelte sie warm an und winkte zu ihr herüber. Sie lief auf ihn zu, doch der Abstand blieb immer gleich.
"Thomas!" rief sie, "warte doch auf mich."
Tatsächlich gelang es ihr ihm ein Stück näher zu kommen. Als sie nur noch 3 Meter trennten war es, als ob sie gegen zähe Watte lief. So sehr sie sich auch bemühte, aber die letzten Meter konnte sie keinen Schritt mehr vorwärts.
"Janni", sagte Thomas zärtlich. "Du hättest mir Deinen wirklichen Namen auch früher verraten können", meinte er lächelnd.
"Er klingt noch besser als Johanna."
Janni schluckte. "Es tut mir leid, wir konnten Dir nichts sagen, Du hättest es nicht verstanden. Und mein Name ist der einer anderen Welt."
Thomas nickte. "Ich verstehe das, keine Angst. Aber was machst Du hier?" fragte er nun traurig.
Sie sah ihn an und sagte dann: "Ich wollte immer nur zu Dir, weißt Du das nicht? Ich habe meine Pflicht erfüllt."
Thomas schüttelte den Kopf. "Das hast Du noch nicht Liebste. Du mußt zurückgehen, bitte."
"Warum?" fragte sie.
"Weil Dich viele Menschen lieben und brauchen, weißt Du das nicht? Wenn Du genau hinhörst, dann kannst Du ihre Stimmen vernehmen, sie sorgen sich um Dich und wollen, daß Du zurück zu ihnen kommst."
"Und wenn ich nicht möchte?" fragte Janni störrisch.
"Deine Zeit ist noch nicht gekommen, ich kann hier nicht bei Dir bleiben. Ich muß fortgehen."
"Nein, bitte geh nicht, ich brauche Dich", bat sie verzweifelt und in ihren Augen glänzten einige Tränen.
"Wir sehen uns wieder wenn die Zeit gekommen ist. Bitte versprich mir, daß Du glücklich wirst, mehr wünsche ich mir nicht."
Janni schüttelte den Kopf. "Ich kann nicht, ich liebe Dich so", weinte sie.
Thomas lächelte immer noch. "Du weißt gar nicht wie wichtig es ist, daß Du zurückkehrst, Du hast viele gute Gründe dafür. Ich verspreche Dir, es wird Dir besser gehen. Und wenn Du genau zuhörst, dann weißt Du auch warum. Ich bin sehr glücklich."
Thomas hauchte ihr noch einen Kuß zu, dann wurde seine Gestalt langsam immer durchsichtiger.
"Übrigens finde ich, daß Johanna ebenfalls ein wunderschöner Name ist", sagte er noch, zwinkerte Janni noch einmal zu und dann war er verschwunden.
Janni sank zu Boden und weinte bis keine Tränen mehr kamen. Sie beschloß, einfach hier zu bleiben und schloß die Augen. In der Ferne hörte sie vereinzelte Worte, doch sie ignorierte sie hartnäckig.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit vergangen war, seitdem sie hier lag, aber es störte sie auch nicht. Die Stimmen waren immer mal wieder aufgetaucht, aber lange Zeit hörte sie auch gar nichts. Nach einer Weile fing wieder das Gemurmel an und diese eine Mal hörte sie hin.
Eine weibliche Stimme fragte gerade: "Gibt es bei ihr schon irgendeine Veränderung?"
"Leider nicht", antwortete ein männliche Stimme.
Janni kannte sie irgendwoher, aber warum klang sie so traurig?
"Nicht aufgeben, Doktor."
"Keine Sorge Captain, das werde ich nicht."
Doktor? überlegte Janni. Captain? Bin ich auf der Voyager? Haben Sie mich etwa gerettet?
Plötzlich hatte sie Zweifel ob es richtig war, hier zu bleiben und zu warten. Thomas hatte gesagt, daß er nicht hierher zurückkehren würde, wo immer das auch war und vielleicht hatte er Recht, der Captain hatte sich nach ihr erkundigt und das MHN klang traurig. Sie wußte nicht Recht, wie sie zu ihnen zurückkehren sollte, es gab hier nichts, keine Tür, kein Fenster, keine Wege... es war einfach nur alles weiß und weich.
"Doktor?" fragte Janni ins Nichts.
Hätte das MHN nicht gerade im Büro an einem Bericht gesessen, dann hätte er einige subtile Veränderungen bei Janni festgestellt. Doch es würde noch ein paar Stunden dauern, bis er wieder Zeit hatte um mit ihr zu reden.
Ein kleiner Unfall im Frachtraum, bei dem sich Icheb eine böse Schnittverletzung geholt hatte, kam noch dazwischen und so dauerte es heute noch länger, bis das MHN endlich wieder Zeit gefunden hatte um zu Janni zu sprechen.
Diese hatte derweil angespannt gelauscht.
Es schien jemand verletzt zu sein, sie hatte mehrere, weit entfernte Stimmen gehört und immer wieder das MHN, das ziemlich in Eile zu sein schien.
Dann wurde es wieder ruhig und sie wartete.
Endlich hörte sie wieder die Stimme vom MHN, aber diesmal sogar ganz nahe.
"Icheb wurde gerade hergebracht", erzählte er, "er hat sich im Frachtraum ziemlich schlimm verletzt, ich brauchte über eine Stunde, bis ich einige Nervenfasern und das umliegende Gewebe wieder geflickt hatte. Aber jetzt geht es ihm wieder gut."
Janni war aufgestanden und rief nun so laut sie konnte: "Doktor!"
Das MHN schaute Janni ungläubig an. Hatte er es sich nur eingebildet oder hatten ihre Lider gerade gezuckt?
"Janni?" fragte er hoffnungsvoll. "Wenn Du mich hören kannst, dann folge meiner Stimme, komm zu meiner Stimme!" rief er aufgeregt.
Sie lief in die Richtung los, aus der sie das MHN hörte. Tatsächlich wurde die Stimme lauter, aber ein dichter Nebel lag nun vor ihr. Entschlossen lief sie hinein und tastete mit den Händen umher.
"Doktor?" rief sie wieder. "Hilf mir!"
Das MHN hatte derweil seinen Tricorder gezückt und hatte festgestellt, dass Jannis Werte leicht angestiegen waren. Es schien tatsächlich so, als würde sie zurückkommen. Er drückte ihr ein Hypospray an den Hals und versuchte es dann noch einmal mit den Worten, von denen er schon am Anfang gehofft hatte, sie würden Janni wieder ins Leben holen.
"Janni, Du mußt zurückkommen, Dein Kind braucht Dich, hörst Du? Tu es für Euer Baby!"
Der Nebel wurde etwas lichter und dann hörte es Janni. "...euer Baby", hatte das MHN gesagt.
Verblüfft hielt sie inne. Konnte das sein? War sie etwa schwanger von Thomas? Oder etwa von diesem Hauptmann?
Ihr wurde schwindelig, die Ungewißheit, von wem das Kind war, nagte an ihr.
Aber hatte Thomas nicht gesagt es gäbe etwas, für das es sich lohnen würde? Und er wäre sehr glücklich? Nein, es mußte einfach von Thomas sein. Das Schwindelgefühl wurde stärker und dann wurde sie für ein paar Sekunden ohnmächtig. Als sie die Augen wieder aufschlug sah sie in vertrautes Gesicht, daß vor Überraschung und Freude nur strahlte.
"Janni!" rief das MHN leise aus, "Gott sei Dank, Du bist wieder da."
Er wollte gerade nach dem Tricorder greifen, doch dann fühlte er, wie Janni seine Hand streifte und einen Stoffzipfel festhielt.
"Bin ich wirklich schwanger?" fragte sie leise, sie fühlte sich noch schwach und ihre Stimme wollte ihr noch nicht gehorchen.
Das MHN nickte. "Ja, es stimmt."
"Von Thomas?" fragte Janni angsterfüllt und ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Das MHN lächelte und nickte erneut.
"Das war das erste, das ich festgestellt habe. In unserer Tasche war noch ein Wasserschlauch, aus dem Thomas getrunken hatte. So konnte ich die DNA vergleichen. Es ist ganz sicher Thomas' Kind."
Janni konnte es gar nicht glauben, doch das MHN zeigte ihr sogar einen Scan von dem Fötus und Janni war überglücklich. Sie machte Anstalten aufzustehen, doch das MHN drückte sie sanft wieder auf das Bett.
"Nein, bleib noch liegen, Du bist gerade erst aufgewacht und Dein Kreislauf muß sich erst wieder stabilisieren."
Sie seufzte. Jetzt war sie schon mal auf der Voyager und dann mußte sie erst einmal noch hierbleiben. Dabei war sie so neugierig. Doch sie sah ein, dass es ihr auch nicht viel nützen würde durch die Gänge nur zu taumeln.
"Also gut, ich bin brav und bleibe noch liegen", meinte sie etwas maulig.
"Es ist schön zu hören, daß Du Deinen Humor wiedergefunden hast", konterte das MHN. Dann tippte es auf sein Combadge: "Krankenstation an Janeway. Captain, Sie ist aufgewacht."

Eine lang ersehnte Begegnung

Das MHN sah Janni grinsend an und amüsierte sich, daß sie vor Aufregung fast wieder ohnmächtig geworden wäre als Janeway antwortete: "Wir kommen sofort. Janeway Ende."
"Was, der Captain kommt extra hierher?" fragte Janni und vor Aufregung war ihre Stimme einige Nuancen höher als sonst.
"Sie beißt nicht", sagte das MHN beruhigend.
"Aber.. ich kann doch hier nicht einfach rumliegen wenn der Captain kommt!"
Janni stand kurz vor einer Panik, da öffneten sich schon die Türen und zwei Menschen in roten Uniformen kamen herein. Am liebsten hätte sie jetzt ihre Decke über den Kopf gezogen, so hatte sie sich das erste Treffen eigentlich nicht vorgestellt.
"Captain, Commander... darf ich Sie bekannt machen mit Janni, der Retterin des Universums."
Das MHN war stolz ohne Ende und Janni wurde rot im Gesicht.
"Es ist uns eine große Ehre Dich kennenzulernen", begrüßte sie der Captain und Chakotay sagte: "Vielen Dank, daß Du uns alle gerettet hast."
Janni lächelte und sagte: "Es war mir ein Vergnügen, Captain, Commander."
"Wir haben den Bericht des Doktors von Eurer Reise gelesen, es muß sehr viel Mut und Entschlossenheit gekostet haben bis zum Ende durchzuhalten", sagte Kathryn bewundernd.
Das Lächeln auf Jannis Gesicht verschwand und leise sagte sie: "Es mußte getan werden. Ohne den Doktor hätte ich das niemals geschafft."
Dann schaute sie das MHN an und sagte: "Vielen Dank, Doktor."
Das MHN war sichtlich gerührt und antwortete: "Es war mir ein Vergnügen Dich begleiten zu dürfen."
"Wie lange muß sie noch hierbleiben?" wandte sich Janeway an das Hologramm.
"Nun, wenn Sie schön brav liegenbleibt und ich sie noch einmal gründlich untersucht habe, dann denke ich, daß ein Tag reichen wird."
Janni zog eine Schnute und Chakotay hatte Mühe, sich ein Lachen zu verkneifen.
"Also gut Doktor, wenn Sie sie dann morgen entlassen begleiten Sie sie doch bitte gleich in meinen Bereitschaftsraum."
"Aye, Captain." Zu Janni gewandt sagte Kathryn: "Wir sehen uns dann morgen."
"Ja Captain", sagte Janni automatisch und dann verließen die beiden Führungsoffiziere die Krankenstation.
"Oh ... mein ... Gott!" betonte Janni jedes einzelne Wort und schlug sich die Hände vor die Augen.
"Was ist los?" fragte das MHN.
"Kneif mich damit ich weiß, daß ich nicht träume", erwiderte Janni.
Das MHN zwickte sie leicht in die Seite und Janni zuckte zusammen.
"Hey, das war nicht wörtlich gemeint", entrüstete sie sich gespielt.
"Naja, aber wenigstens weiß ich, daß ich nicht träume."
"Wie gesagt, bisher hat der Captain noch niemanden gebissen", neckte das MHN.
"Ja, ich weiß, aber es ist nur... Du kannst Dir gar nicht vorstellen wie... NERVÖS ich bin. Ich meine, Captain Janeway wirklich und ganz in echt zu erleben, das ist... wie ein Sechser im Lotto."
Das MHN runzelte die Stirn.
"Ich weiß zwar nicht was 'Lotto' ist, aber ich vermute mal, Du willst damit einfach sagen, daß Du es noch gar nicht glauben kannst."
Sie nickte nur. "Ich wünschte nur, Thomas hätte sie ebenfalls kennenlernen können", sagte sie traurig und schluckte den Kloß im Hals herunter, der sich gerade gebildet hatte.
"Janni, da gibt es noch etwas, das ich gerne wissen würde, versprich mir, Du sagst die Wahrheit solltest Du mir die Frage beantworten, okay?"
Sie ahnte, was jetzt kommen würde und wappnete sich innerlich gegen ihre jetzt schon aufsteigenden Gefühle.
"Ich verspreche es", sagte sie dann.
"Kannst Du schon mit mir über ... die nächtlichen Besuche im Zelt erzählen?" fragte das MHN zaghaft.
Janni brauchte einen Moment um ihre Fassung zu wahren, die Erinnerungen daran waren schmerzhaft, aber merkwürdigerweise nicht so intensiv, daß sie ständig daran denken mußte.
"Sie... haben mich beim ersten Mal zum Hauptmann gebracht. Er wollte wissen, was es mit dem mobilen Emitter auf sich hatte, ich hab ihm gesagt, es wäre ein Glücksbringer, den mir meine Großmutter vererbt hätte. Als er ihn mir dann gegeben hatte verlangte er eine Gegenleistung."
Das MHN nahm wortlos Jannis Hand in seine und drückte sie.
"Er hat mir sehr weh getan, aber das war unwichtig. Ich hatte den Emitter und das war alles, was für mich gezählt hat. Ich weiß nicht wie ich es geschafft habe, aber ich habe immer an Thomas und den Emitter gedacht und gar nicht wirklich mitbekommen was er mit mir gemacht hat."
Jannis Augen blickten ins Leere und das MHN sagte: "Vielleicht solltest Du noch etwas schlafen. Es ist gut, daß Du es mir erzählt hast."
Er drückte ihr ein Hypospray an den Hals und sie versank in einen traumlosen, erholsamen Schlaf.

Am nächsten Tag durfte sie dann aufstehen. Das MHN hatte für sie extra Kleidung repliziert und dann durfte sie endlich die Voyager sehen. Für sie war es einer der schönsten Momente in ihrem Leben.
Die Crewmitglieder schienen alle zu wissen wer sie war (was sie doch etwas erstaunte), denn jeder lächelte ihr zu und manche blieben sogar stehen um ihr zu danken.
Anschließend brachte das MHN sie zum Bereitschaftsraum auf der Brücke und der Captain dankte ihr noch einmal im Namen der gesamten Crew, daß sie das Universum gerettet hatte.
Sie unterhielten sich über die Reise und kamen dann auf die Voyager zu sprechen.
Janeway und Chakotay staunten nicht schlecht als Janni detaillierte Ereignisse wiedergab, von fremden Spezies oder Ereignissen, die der Voyager auf ihrer Reise bisher widerfahren waren. Und dann kamen sie auf einen Punkt zu sprechen, der Janni schon länger beschäftigte.
"Was wirst Du jetzt machen Janni?" fragte Kathryn gerade freundlich.
Sie faltete die Hände zwischen ihre Knie und sagte: "Ganz ehrlich vermisse ich mein Zuhause schon etwas. Aber ich wüßte gar nicht, wie ich überhaupt auf die Erde ins 21. Jahrhundert zurückkommen sollte. Andererseits möchte ich auch gerne hierbleiben, ich hab mir so oft gewünscht auf der Voyager leben zu können..."
Janeway sah Chakotay an und wollte gerade etwas sagen, als plötzlich eine sehr vertraute Stimmer hinter ihnen sagte: "Das ließe sich einrichten."
Die Köpfe aller Anwesenden flogen herum und Janni war die Erste, die ausrief: "Q!"
Janeway schaute Q gereizt an, bisher war es nie gut gewesen, wenn Q aufgetaucht war. Er schien ihre Gedanken zu erraten und sagte hochmütig: "Kathy, Kathy, eigentlich sollte ich Ihnen sehr böse sein, jetzt wo sie mit ihrem Commander Chuckles in einem Bett schlafen..." bei der Bemerkung liefen Chakotay und Janeway leicht rötlich an und Janni fiel die Kinnlade herunter, "...doch so sehr ich es auch bedauere, selbst das Q-Kontinuum wurde von diesem Mädchen gerettet."
Q rutschte vom Tisch herunter, auf dem er gesessen hatte und hob Jannis Kinn, so daß sie ihm geradewegs in die Augen schauen mußte und fuhr fort: "Daher haben die Q beschlossen, Dir einen kleinen Wunsch zu erfüllen."
Er ließ ihr Kinn wieder los.
"Ich werde Dich nach Hause bringen zu dem Zeitpunkt, den Du wählst und Du darfst jedes Jahr zu einer bestimmten Zeit wieder die Voyager besuchen."
Man merkte, daß Q dieser Gefallen schon fast physische Schmerzen bereitete, aber selbst er schien sich doch noch einer Macht zu beugen.
Jannis Augen strahlten und Janeway fragte: "Und wie lange darf sie bleiben?"
Q zuckte mit den Achseln. "Sagen wir drei Wochen?"
Janni war völlig sprachlos und schaute Janeway an.
"Darf ich Sie besuchen kommen?" fragte sie dann höflich.
"Dürfen? Du MUSST!" sagte der Captain freudig und warf Q einen Blick zu, der ein ganz klein wenig Schadenfreude ausdrückte.
Q schaute brummig drein und sagte dann: "Wenn Du bereit bist nach Hause zu kehren, sag einfach Bescheid."
Dann schnippte er mit den Fingern und war verschwunden.
"Wenn ich nicht wirklich Q gesehen hätte, dann würde ich jetzt nicht glauben, was ich gesehen habe", sagte Chakotay.
"Ja, wer hätte das gedacht. Q zeigt Dankbarkeit und Großzügigkeit", kicherte Kathryn und blickte Janni an. "Das schreit regelrecht nach einer großen Party."
Janni war begeistert. "Ich schlage vor, die Planung überlassen wir Tom", schlug Chakotay vor und Janeway war sofort einverstanden.

Schon am nächsten Abend gab es eine riesen Strandparty, natürlich mit Janni als Ehrengast. Viele Besatzungsmitglieder wollten mir ihr kurz plaudern, anstoßen oder auch tanzen und sie war rund um die Uhr belagert.
Langsam wurde sie müde, doch ein Ende war noch nicht abzusehen. Sie war gerade mit Naomi und Icheb in ein Gespräch vertieft, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte und eine Stimme sagte: "Darf ich um diesen Tanz bitten?"
Janni drehte sich zum MHN um und lächelte.
"Sehr gerne, Doktor. Naomi, Icheb, entschuldigt ihr mich bitte?" fragte sie ihre beiden Gesprächspartner und diese nutzen gleich die Gelegenheit um ebenfalls zu tanzen.
Das MHN führte sie an den Rand der Tanzfläche, wo es zum Strand herunterging, der jetzt schon im Dunkeln lag. Das Lied war schon zur Hälfte durch und als es vorbei war, nahm das MHN Janni bei der Hand und führte sie etwas weg von dem Trubel in die von Sternen erleuchtete Nacht.
"Ich dachte, Du könntest vielleicht eine Pause brauchen", sagte das MHN und ließ ihre Hand wieder los als sie die unterste Stufe erreicht hatten.
"Wieder einmal war das perfektes timing", sagte Janni dankbar, "ich bin in der Tat schon ziemlich kaputt. Aber es ist wunderschön. Wollen wir uns einen Moment in den Sand setzen? Ich kann schon nicht mehr stehen."
"Natürlich", antwortete das MHN und beide ließen sich einfach in den weichen Sand fallen. Janni schloß einen Moment die Augen und seufzte genüßlich.
"Ich bin sehr froh, daß Du nicht für immer von der Voyager weg bist Janni", sagte das MHN dann.
"Ich auch. Ich bin sehr gerne hier und ich weiß, daß ich Euch alle das Jahr über sehr vermissen werde. Ich wollte Dich aber noch etwas fragen, es wäre mir sehr wichtig."
"Nur zu", sagte das MHN gespannt.
"Ich möchte mein Baby gerne auf der Voyager zur Welt bringen und würde mich sehr freuen, wenn Du sein Patenonkel wirst. Q hat gesagt, ich darf mir den Zeitpunkt meiner Rückkehr selber aussuchen, das heißt, ich kann so lange hier bleiben wie ich will. Und wenn es geht möchte ich gerne so lange hier bleiben, bis das Baby zur Welt kommt."
Janni blickte gespannt das MHN an.
"Es wäre mir eine große Freude Janni, wirklich. Ich denke, der Captain hat unter diesen Umständen nichts dagegen."
Janni strahlte. "Ich wünschte nur, Thomas wäre hier", sagte sie und legte ihren Kopf an die Schulter des MHN.
Er legte einen Arm um ihre Schultern und beide blieben schweigend eine zeitlang so sitzen, bis die ersten Stimmen laut wurden, die nach Janni riefen.
Am nächsten Morgen trug sie ihren Wunsch beim Captain vor und Kathryn war begeistert.
Janni bedankte sich überschwänglich bei ihr und kurz bevor sie die Tür erreichte fiel ihr noch etwas ein. Sie kam noch einmal zurück und fragte vorsichtig: "Captain, ich weiß, ich habe nicht das Recht dazu diese Frage zu stellen, aber ich muß es einfach tun. Darf ich Sie etwas sehr persönliches fragen?"
Kathryn sah sie schmunzelnd an und nickte.
"Ich habe den Doktor ziemlich am Anfang unserer Reise um etwas gebeten, das mir sehr, sehr wichtig ist. Falls mir etwas passiert wäre sollte er Ihnen etwas ausrichten. Bitte weisen Sie Chakotay nicht mehr ab. Wenn ich eins auf dieser Reise gelernt habe, dann das, daß das Leben viel zu kurz sein kann. Hat Q die Wahrheit gesagt? Haben Sie dem Commander wirklich gestanden, wie sehr Sie ihn lieben?"
Janni zitterte etwas, sie wußte nicht, ob sie vielleicht zu weit gegangen war, doch Kathryn lächelte sogar noch mehr. Dann sagte sie: "Q hat nicht gelogen. Um ehrlich zu sein, es war der Bericht des Doktors, der mich wachgerüttelt hat. Er schrieb von Dir und Thomas und daß er kurz darauf..." Janeway verschwieg das Wort und Janni war dankbar dafür.
"Ich habe es ihm am nächsten Abend gesagt. Und dafür möchte ich Dir auch danken."
Janni kamen fast die Tränen, so glücklich war sie. Sie nickte nur und verließ dann den Bereitschaftsraum.

Wieder zu Hause

Janni blieb die nächsten Monate auf der Voyager und schloß viele Freundschaften.
Und endlich war es soweit. Fast 8 Monate nach dem Tod von Thomas brachte sie ein gesundes Mädchen zur Welt.
Das MHN legte ihr das Neugeborene auf die Brust und sagte: "Sie ist wunderschön, herzlichen Glückwunsch."
Janni hatte Freudentränen in den Augen.
"Hast Du Dir schon einen Namen überlegt?" fragte er.
"Nein, das hat Thomas gemacht."
Das MHN schaute einen Moment verwirrt drein, doch dann dachte er wieder daran, daß Janni ihm erzählt hatte, was sie während ihrer Komaphase erlebt hatte.
"Sie heißt Johanna, oder?" kombinierte er dann.
Janni nickte nur und betrachtete das kleine Wunder verzückt.
"Jetzt ist Thomas wieder bei mir", flüsterte sie Johanna zu. "Er lebt in Dir." Sie hauchte ihrem Baby einen zarten Kuß auf die Stirn und Johanna gluckste vergnügt.

Janni blieb noch vier Wochen auf der Voyager, bis es dann Zeit wurde nach Hause zu gehen.
Q erschien tatsächlich wie versprochen und als Janni sich von allen verabschiedet hatte, schnippte Q mit den Fingern und sie stand mit Johanna plötzlich wieder in ihrer Wohnung, die durch Zauberhand auf einmal drei Zimmer hatte statt zwei, wovon eins ein komplett eingerichtetes Kinderzimmer war.
Auf einmal strich etwas um ihre Beine und maunzte leise.
"Zwockel!" rief Janni freudig aus und nahm ihren Kater in den Arm, nachdem sie Johanna in das Bettchen gelegt hatte.
Q war ebenfalls noch da und fragte dann etwas provozierend: "Sonst noch etwas? Oder ist alles zufriedenstellend?"
Janni setzte ihren Kater wieder ab und ein völlig perplexer Q bekam eine Umarmung.
"Vielen Dank Q, ich wußte immer, daß in Ihrer harten Schale ein weicher Kern ist", neckte ihn Janni und zwinkerte.
"Das habe ich nicht gehört", sagte Q und schmollte.
Janni mußte lachen. "Wann dürfen wir wieder auf die Voyager?" fragte sie höflich.
"Einfach rufen. Und bevor ich endlich verschwinden darf..." Q drückte Janni einen Zettel in die Hand.
"Das Hologramm sagte, Du sollst dort anrufen."
Dann war Q verschwunden und Janni faltete den Zettel auseinander. 11 Ziffern standen dort drauf und darunter der Name "Tim" mit einem Smiley.
Dieses MHN, dachte Janni vergnügt und beschloß, keine Zeit verstreichen zu lassen bis sie sich melden würde. Sie suchte ihr Handy...

... und ein Jahr später saß ein kleines Mädchen glücklich lachend auf dem Schoß ihres Patenonkels, der mit Janni und Tim auf dem Holodeck saß und einen wunderschönen Tag erlebte.

ENDE