“Ich wünsche keine Behandlung!”, sagte Fähnrich Kim
wütend, als er dem Captain folgend die Brücke betrat.
Verärgert drehte Captain Janeway sich um.
“In meinen Bereitschaftsraum!”
Während beide gingen, schauten die Brückenoffiziere
besorgt auf den Captain und den Fähnrich.
Harry Kim folgte Captain Janeway in ihren
Bereitschaftsraum. Dort angekommen drehte sich Janeway zu ihm um und tippte ihm
mit dem Padd auf die Brust.
“Sie haben 30 Sekunden, bevor ich Sie von Tuvok auf die
Krankenstation schleifen lasse!”
“Captain! Ich bin nicht krank! Ich habe die Befehle
nicht missachtet, weil ich unter fremden Einfluss stehe! Ich habe sie
missachtet, weil Tal und ich uns lieben und ich finde es nicht richtig, dass
Sie uns von einander trennen!”
Harry hatte sich mittlerweile in Rage geredet. Seine
Ansprache war stark emotionsgeladen.
“Hören Sie sich mal zu”, entgegnete Janeway. Auch sie
war wütend. Noch nie hatte Harry ihre direkten Befehle missachtet.
“So redet nicht der Harry Kim, den ich kenne!”
“Gut, ich habe 5 Jahre auf diesem Schiff gedient und zu
allen ihren Befehlen ‚Ja Ma’m‘ gesagt. Aber diesmal nicht!”
Janeway konnte dieses Verhalten beim besten Willen nicht
verstehen.
“Sie wollen Ihren Rang, Ihre Karriere wegen dieser
Geschichte riskieren?”
Pause. Harry musste nachdenken bevor er weitersprach.
“Haben Sie jemals geliebt, Captain?”, fragte er sie
jetzt mit einem unerwartet sanftem Tonfall.
“Was soll die Frage?”
Janeway war etwas irritiert.
“Ist Ihre Haut je errötet, als Sie einer anderen Person
nahe waren? Hat sich Ihr Magen je so angefühlt, als hätte ihn jemand mit einem
Messer ausgehöhlt, wenn Sie getrennt waren? Hat es Ihnen je die Kehle
zugeschnürt, wenn es vorbei war?”
Harry musste kurz Atem holen bevor er weitersprach.
“Seven of Nine. Sie hat mir gesagt, dass die Liebe wie
eine Krankheit sei. Also, vielleicht ist sie das. Pheromone, Endorphine,
Chemikalien im Blut.....verändern unser Verhalten.....Körperliches
Unbehagen.....Aber wie man’s auch betrachtet, es ist immer noch Liebe!”
Auch Janeway überlegte kurz, bevor sie Harry antwortete.
“Um der Debatte willen sagen wir mal, Sie haben Recht.
Ihre Gefühle für Tal sind nicht anders als meine für...”
Beinahe hätte ich Chakotay gesagt!
“...wen? Den Mann, den ich heiraten wollte? Also, ich
habe ihn verloren. Und Sie werden Tal verlieren. Das wissen Sie. Was der Doktor
Ihnen anbietet, ist eine Methode, den Schmerz zu lindern!”
Hatte sie denn keine Gefühle? Harry konnte diese Antwort nicht
begreifen.
“Dieser Mann, den Sie heiraten wollten, wenn Sie einfach
ein Hypospray nehmen könnten, um zu verhindern, dass Sie ihn weiter lieben,
damit es nicht so schmerzen würde, wenn Sie fort von ihm sind, hätten Sie das
getan?”
Diese Frage hatte Janeway getroffen. Aber sie war nicht
in der Lage, darüber nachzudenken, denn plötzlich wurde das Schiff
durchgeschüttelt.
“Captain auf die Brücke”, ertönte Chakotays Stimme über
die Comm.
Chakotay! schoss es ihr durch den Kopf. Er redet von Chakotay!
Aber jetzt war wirklich keine Zeit, darüber
nachzudenken. Janeway verliess besorgt ihren Bereitschaftsraum. Über das
Gespräch mit Harry würde sie jedoch nach Beendigung der Situation nachdenken.
Harrys Worte hatten einen wunden Punkt berührt.
**
Nachdem die Krise überstanden war, Harry Kim sich von
Tal verabschiedet und Tals Raumschiff sich entfernt hatte, und nachdem Janeway
sich endlich in ihren wohlverdienten Feierabend begeben konnte, da kamen auch
die Gedanken an das zurück, was Harry ihr in ihrem Bereitschaftsraum vor den
Kopf geworfen hatte.
Seufzend liess Janeway sich auf ihr Sofa fallen. Sie zog
die Schuhe aus und legte ihren Kopf zurück. Mit geschlossenen Augen liess sie
noch einmal die Situation im Bereitschaftsraum Revue passieren.
Wieso habe ich eigentlich an Chakotay denken müssen? Ich
hatte doch noch nie eine Beziehung mit ihm!
Wütend stand sie auf und ging zum Replikator, um sich
eine Tasse Kaffee zu holen. Diese Droge, wie sie es nannte, würde doch
bestimmt in der Lage sein, ihr zu helfen, die Gedanken zu ordnen und in die
richtige Bahn zu leiten.
Aber so sehr sich Janeway auch bemühte, immer wieder
kehrten ihre Gedanken zu dem einen Mann zurück, der nun seit mehr als 5 Jahren
ihre Gefühlswelt in Aufruhr brachte.
Warum konnte ich nicht an Mark denken? Oder Justin?
Diese Männer habe ich geliebt, eine Beziehung mit ihnen gehabt.....sie
verloren. Gut, ich habe Gefühle für Chakotay. Aber meine Haut errötet nicht,
wenn ich ihm nahe bin! Mein Magen fühlt sich auch nicht so an, als ob er mit
einem Messer ausgehöhlt wird, wenn wir getrennt sind! Und schon gar nicht ist
meine Kehle zugeschnürt! Schliesslich ist gar nichts vorbei! Es hat noch nie
etwas angefangen!
Aber kaum hatte Janeway diesen Gedanken zu Ende
gebracht, als ihr sofort bewusst wurde, dass sie sich im Grunde genommen selbst
belog. Denn im gewissen Sinne hatte sie schon ein flaues Gefühl in ihrer
Magengegend, wenn Chakotay nicht an seinem Platz oder gar auf einer
Aussenmission war.
Und erröten tat sie nur aus dem Grunde nicht, weil sie
es mittlerweile meisterhaft gelernt hatte, ihre Gefühle und Emotionen unter
Kontrolle zu halten.
Vielleicht fange ich ja schon langsam an, vulkanisch zu
denken!
In Sarkasmus zu flüchten war auch eine Art, den
Problemen aus dem Weg zu gehen. Aber in der Tat, Janeway hatte über die Jahre
gelernt, sich zu isolieren. Für sie gab es gar keine andere Perspektive.
Schliesslich war sie der Captain der Voyager. Sie hatte die überaus schwere und
verantwortungsvolle Aufgabe, dieses Schiff mit samt der Crew wieder nach Hause
zu bringen.
Sie konnte es sich nicht leisten, Fehler zu machen. Und
sie würde Fehler machen, wenn sie sich ihren Emotionen hingeben würde.
Schliesslich hatte sie doch durch ihr Amt als Captain eine gewisse
Vorbildfunktion. Und was würde sie für ein Vorbild sein, wenn sie ein
Verhältnis mit ihrem Ersten Offizier anfangen würde!
Aber ich liebe ihn doch! Wenn ich in seine warmen
liebevollen Augen schaue, muss ich mich doch verdammt bremsen, um ihm nicht
sofort um den Hals zu fallen!
Was würde ich für ein Hypospray geben, das es mir
ermöglicht, diesen Gefühlen nicht zu verfallen!
Aber wenn Janeway ganz ehrlich war, dann wollte sie
dieses Hypospray gar nicht. Auch wenn sie niemals eine Beziehung zu Chakotay
zulassen könnte, so fühlte sie sich doch in seiner Gegenwart viel zu wohl, als
dass sie auf einmal ganz darauf verzichten könnte.
Lieber in seiner Gegenwart leiden, als ihn gar nicht um
mich haben!
Aber dann wurde sie auf einmal durch das Erklingen des
Türmelders aus ihren Gedanken gerissen. Eigentlich hatte sie gar keine Lust,
irgendwelche Besucher zu empfangen. Sie war schrecklich müde und fühlte sich
depressiv. Aber sie war Captain genug, als dass sie den Besucher jetzt
ignorieren würde.
Janeway hatte es auch mittlerweile sehr gut gelernt,
ihre Fassade so aufzubauen, dass ihr Gegenüber nichts von ihrem wahren Befinden
mitbekommen würde.
Also richtete sie sich auf, strich ihre Uniform glatt,
zog ihre Schuhe an und bat den Besucher mit einem schlichten
"Herein!" in ihr Quartier.
**
Harry Kim betrat das Quartier seines Captains, sichtlich
nervös. Janeway musterte ihn eingehend und stellte sofort fest, worum es bei
diesem Besuch gehen würde. Sie kannte Harry genau. Seit er damals ihr Schiff
betreten hatte, hatte sie so etwas wie Muttergefühle für ihn entwickelt. Er
hatte so jung und unerfahren auf sie gewirkt, es war ja schliesslich auch seine
erste Mission gewesen. Zwar hatte er innerhalb der Zeit, die sie inzwischen
weit entfernt von zu Hause im Deltaquadranten verbrachten, viel dazu gelernt;
er war inzwischen zu einem wertvollen Mitglied der Crew gewachsen, auf das sie
sich blind verlassen konnte. Aber der Beschützerinstinkt kam immer wieder bei
ihr durch.
Wie auch jetzt in dieser Situation.
"Harry", begrüsste sie den Fähnrich. "Was
kann ich für Sie tun?" Einladend zeigte sie auf den Sessel, doch Harry
bevorzugte es zu stehen.
Er war viel zu nervös, als dass er sich entspannt
hinsetzen könnte. Er druckste ein wenig herum, bevor er Janeway direkt ansah.
Dieses Gespräch würde ihm wirklich nicht leichtfallen.
"Captain, ich..." Er machte eine kurze Pause.
Die Vehemenz, mit der er an diesem
Vormittag zu ihr gesprochen hatte, war längst verflogen. An ihrer Statt war
Verlegenheit getreten. Eine Verlegenheit, die aufgrund der Einsicht basierte,
dass er einen Fehler gemacht hatte. Aber diese Einsicht war erst sehr spät
gekommen.
Er war durch die Liebe zu Tal viel zu blind gewesen.
Jetzt musste er aber seinem Captain gegenübertreten, um sich zu entschuldigen.
Vielleicht könnte er so einen Teil dieses Fehlers wieder gutmachen. Und gerade
das fiel ihm nun wirklich nicht leicht.
"...ich möchte mich bei Ihnen für mein Verhalten
entschuldigen. Sie hatten Recht. Meine Gefühle für Tal haben meine
Entscheidungsfähigkeit soweit eingeschränkt, dass ich nicht mehr klar denken
und handeln konnte. Ich weiss, dass das mein Verhalten von heute morgen nicht wieder
gutzumachen ist. Und wenn Sie jetzt über eine gerechte Bestrafung entscheiden,
so werde ich das hinnehmen. Ich möchte Sie nur wissen lassen, dass es mir
ehrlich leid tut und dass ich Ihnen verspreche, dass so etwas nie wieder
vorkommen wird!"
Janeway war gerührt. Sie hatte schon damit gerechnet,
dass eine derartige Ansprache kommen würde. Aber trotzdem berührten sie seine
Worte unheimlich.
"Harry, ich nehme ihre Entschuldigung an.
Nichtsdestotrotz können Ihre Worte Ihr Verhalten nicht ungeschehen machen. Und
sie sind sich auch im Klaren darüber, dass wir nicht stillschweigend darüber
hinwegsehen können. Ich werde es zunächst bei einem Eintrag belassen. Sollte
sich ihr Verhalten in der nächsten Zeit wieder so normal wie vor dem Vorfall
gestalten, dann werde ich die ganze Sache auch wieder vergessen. Aber ich rate
Ihnen Eines, lassen Sie nie wieder Ihre Gefühle Oberhand gewinnen, zumindest
nicht, was Ihren Dienst auf der Voyager betrifft. Und nun machen Sie sich keine
Sorgen mehr."
Sie lächelte ihn fürsorglich an. Sie sah, dass ihre
milden Worte Harrys Stimmung wieder ein wenig gehoben hatten, dennoch bemerkte
sie auch die Traurigkeit in seiner Stimme und in seinen Augen. Sie trat neben
ihn und legte fürsorglich ihre Hand auf seine Schulter.
"Ich weiss, dass es weh tut. Und glauben sie nicht,
dass ich so eiskalt bin, dass mich der Verlust eines Menschen nicht auch tief
treffen würde. Im Gegenteil, mir tut es mindestens genauso weh. Nur dass ich
hier in einer sehr verantwortungsvollen Position bin. Ich kann meine Gefühle
nicht Überhand nehmen lassen. Ich muss klar denken können. Meine Gefühle muss
ich mir für meine Freizeit aufheben. Dass das nicht immer leicht ist, das ist
mir klar. Man muss sich schon sehr zusammen reissen, damit einem das gelingt.
Ich kann Ihnen aber versichern, es wird seine Zeit dauern, aber auch Sie werden
es lernen!"
Harry schien erleichtert, und auch Janeway fühlte sich
ein wenig besser. Er verabschiedete sich und wünschte ihr ein gute Nacht. Dann
war sie wieder alleine.
Alleine mit meinen Gedanken.
Der Kaffee war während des Gesprächs mit Harry kalt
geworden.
Vielleicht ist dies ein Zeichen, dass ich nicht mehr so
viel grübeln sollte. Es bringt ja auch nichts. Ich komme nicht weiter.
Janeway beschloss, ins Bett zu gehen. Ihre Gedanken
wanderten nur im Kreis, so dass sie nicht mehr weiter kam. Und sie war müde!
Schlaf wird mir guttun! Und morgen ist auch noch ein
Tag! Morgen werde ich mich mit frischer Kraft an dieses Problem setzen! Ich
werde morgen eine endgültige Entscheidung treffen, was Chakotay und meine
Gefühle für ihn betrifft!
Durch diesen Gedanken bestärkt stand sie auf und ging
ins Schlafzimmer. Aber kaum hatte sie ihre Uniform mit ihrem Nachthemd
gewechselt, als erneut der Türmelder ertönte.
Will mich denn heute keiner schlafen lassen?
Verärgert warf sie sich ihren Bademantel über. Nochmal
in die Uniform zurückzuschlüpfen war ihr jetzt einfach zu viel! Dann ging sie
zur Tür. Sie hatte vor, ihren Besucher, wer immer es auch war, nicht in ihr
Quartier zu lassen. Der Grund, warum dieser Besucher sie ausgerechnet jetzt
aufsuchen wollte, konnte nicht dringend genug sein, als dass er nicht bis
morgen warten könnte!
**
Dann ging die Tür auf, und Janeway erstarrte für einen
Moment.
"Chakotay!" Mehr konnte sie nicht über die
Lippen bringen. Und diesmal gelang es ihr auch nicht so schnell, ihre Fassade
aufzubauen. Er hatte sie wirklich in einem äusserst unglücklichen Moment
erwischt!
Commander Chakotay hatte bemerkt, dass sein Captain
etwas verlegen war, als sie die Tür für ihn öffnete. Lag es daran, dass sie im
Nachthemd und Bademantel vor ihm stand? Doch andererseits hatte er sie schon
ein paar Male so gesehen, auf New Earth sogar mit weniger als das! Aber er
verkniff sich ein Lächeln. Wahrscheinlich würde sie sich nur verletzt fühlen.
Stattdessen kam er zum eigentlichen Grund seines
Besuches.
"Kathryn! Ich wollte mich nur danach erkundigen,
wie es Ihnen geht!"
Schlecht! Mir geht es schlecht! Und es wird nicht besser
durch deine plötzliche Anwesenheit!
Aber das sprach sie natürlich nicht aus. Stattdessen
versuchte sie so viel Kühle in ihre Stimme zu bringen, wie es nur möglich war.
Je mehr Abstand sie jetzt zu ihm halten konnte, desto
besser wäre es für ihre Gefühlswelt, die sich seit Harrys Ausbruch an diesem
Morgen immer noch nicht beruhigt hatte.
"Nun, ich weiss nicht, wie Sie darauf kommen, sich
nach meinem Zustand zu erkundigen, Chakotay, aber um dieses Gespräch
abzukürzen, mir geht es gut. Aber ich bin schrecklich müde und würde gerne
endlich zu etwas Schlaf kommen!"
Sie hatte jetzt zwar vielleicht etwas zu viel Schärfe in
ihre Stimme gelegt, aber ihr war nun wirklich nicht nach plaudern zu Mute, vor
allem nicht mit ihrem Ersten Offizier.
Morgen Chakotay! Morgen können wir reden. Morgen, wenn
ich über alles nachgedacht habe!
Aber Chakotay kannte diese Gemütsschwankungen bereits zu
gut. Er liess sich durch diese plötzliche Schärfe nicht so schnell abwimmeln.
Der Augenblick, als sich die Tür zu ihrem Quartier geöffnet hatte, war für ihn
lang genug gewesen, um zu erkennen, dass Kathryn jetzt nur wieder ihre Fassade
aufgebaut hatte, um ihn auf Distanz zu halten.
Sie hatte das schon unzählige Male getan, besonders seit
sie von New Earth wieder auf die Voyager zurückgekehrt waren. Und meistens
hatte er dann sofort aufgegeben. Aber dieses Mal nicht!
Als Chakotay heute morgen gesehen hatte, wie Kathryn
Harry in ihren Bereitschaftsraum beordert hatte, war er ebenfalls aufgestanden.
Er hatte geahnt, dass es wohlmöglich zu Schwierigkeiten kommen könnte. Zwar
hatte er Harry überhaupt nicht wiedererkannt, Harry, der sonst so ruhig und
pflichtbewusst war. Aber es musste irgendwas geschehen sein, dass ihn so
handeln liess.
Und Kathryn war sehr wütend gewesen. Deshalb war er zu
Tuvok auf dessen Station gegangen. So stand er nahe genug an der Tür zum
Bereitschaftsraum, um ihr eventuell zur Hilfe zu eilen. Und dann hatte er
gehört, was Harry ihr vor den Kopf geworfen hatte.
Tuvok musste es auch gehört haben, aber er zeigte
keinerlei Regung. Aber Tuvok würde sich auch nie in die Angelegenheiten des
Captains einmischen.
So stand Chakotay an der Konsole und lauschte
angestrengt Harrys Worten. Aber danach konnte er Kathryn nicht hören. Sollte er
jetzt hineingehen? Brauchte sie Hilfe? Doch Chakotay kam nicht mehr dazu,
darüber nachzudenken. Die Explosionen auf dem Generationenschiff liessen die
Voyager erbeben. Es war höchste Zeit, von hier zu verschwinden, damit die
Voyager keinen Schaden erlitt.
Er rief den Captain über die Comm und beschloss, sie
nach Feierabend darauf anzusprechen.
Und jetzt war der Feierabend gekommen.
“Gut, Kathryn, wie sie meinen”, erwiderte er nun in der
Hoffnung, dass eine Rückzugstaktik jetzt erfolgreich sein würde. “Ich bin nur
besorgt über das, was heute zwischen Ihnen und Harry vorgefallen ist. Aber wenn
sie jetzt lieber nicht reden wollen, dann gehe ich. Gute Nacht!”
Gehe nicht Chakotay! Ich will doch reden!
Kathryn fühlte sich innerlich zerrissen.
Ich weiss nicht, was ich tun soll. Ich möchte es ihm nur zu gerne sagen. Aber kann ich es wirklich tun? Darf ich es wirklich tun?
Chakotay hatte sich bereits zum Gehen gewandt. Kathryn hatte ihn mit einem Blick angesehen, den er nicht ertragen konnte. Es lag so viel Bitten und Flehen in diesem Blick. Und doch musste er ihm widerstehen. Wie oft schon hatte sie ihn so angesehen und doch jedes Mal wieder weggestossen. Er könnte es einfach nicht ertragen, wieder einmal abgewiesen zu werden. Und wenn sie wirklich mit ihm reden wollte, dann musste sie sich an ihn wenden. Das Angebot hatte er gemacht.
“Chakotay!” Kathryns Stimme war kaum wahrnehmbar, doch
er hatte sie gehört.
“Kathryn?” Er drehte sich um und ging zu ihr zurück.
Auch er hatte seine Stimme gesenkt, denn er wollte diese noch am Anfang ihrer
Entwicklung stehende und deshalb sehr zerbrechliche Stimmung zwischen ihnen
beiden nicht zerstören.
“Kommen Sie rein”, bat Kathryn ihn nun. Er folgte ihr,
die Tür schloss sich und sie waren alleine.
Kathryn brauchte eine Weile, um ihre Gefühle
einigermassen ordnen zu können. Sie hatte sich von Chakotay weggedreht und
betrachtete durch das Fenster die vorbeiziehenden Sterne.
“Kathryn, ich bin hier, weil ich mir ein wenig Sorgen
mache. Ich habe alles gehört, was Harry zu Ihnen im Bereitschaftsraum gesagt
hat. Deshalb wollte ich mich erkundigen, ob auch alles in Ordnung ist!”
Nichts ist in Ordnung!
Kathryn wollte am liebsten schreien. Aber das hätte ihr auch nichts genutzt. Also atmete sie tief durch. Als sie sich wieder weitestgehend unter Kontrolle hatte, drehte sie sich zu Chakotay um und bat ihn, sich zu setzen.
Chakotay kam dieser Aufforderung nach, und Kathryn
setzte sich zu ihm auf das Sofa.
“Sie haben die Unterredung mit Harry mitgehört? Hat es
sonst noch jemand ?” Kathryn war etwas besorgt bei dem Gedanken, dass alle
Brückenmitglieder diesen Wortwechsel mitbekommen haben könnten.
“Kathryn, sie brauchen keine Angst zu haben”, erwiderte
Chakotay und sah ihr liebevoll in die Augen. “Ich stand bei Tuvok. Die anderen
waren viel zu weit entfernt. Und selbst wenn Tuvok etwas mitgehört hat, sie
kennen ihn, er wird nichts dazu sagen.”
Er machte eine kleine Pause, um ihr eine Gelegenheit zu
geben, etwas zu sagen. Doch Kathryn hatte ihre Hände zusammengefaltet in ihren
Schoss gelegt und den Blick gesenkt. Sie sagte nichts.
“Was ist passiert?”, fuhr er fort. “Was war mit Harry
los, dass er sich so vehement Ihnen entgegengestellt hat?”
“Harry war...ist verliebt. Er....” Kathryn überlegte
kurz, wie sie das Nächste am besten sagen sollte.
“Er konnte es nicht verstehen, dass ich diese Liaison
mit Tal nicht gebilligt habe. Sein Verstand funktionierte nicht vernünftig, er
konnte nicht klar denken.”
“Aber das ist nicht alles, oder?”
Bei dieser Frage blickte Kathryn auf.
Oh Chakotay! Du kennst mich so gut!
“Sie haben Recht Chakotay. Das war nicht alles. Harry
fragte mich, ob ich jemals geliebt habe. Ob ich jemals so wie er empfunden
habe. Diese Frage hatte ich nicht erwartet. Und ich hatte nun auch nicht viel
Zeit, über eine Antwort nachzudenken. Also beschloss ich, ihm etwas zu sagen,
das ihm vielleicht helfen könnte, darüber hinwegzukommen. Aber anscheinend war
alles, was ich sagte, falsch. Ich konnte nicht zu ihm durchdringen!”
Jetzt sah Kathryn Chakotay direkt in die Augen.
Ich habe dir die Fakten gesagt. Aber das hast du ja schon alles mitgehört. Wie sage ich dir, dass ich bei diesem Gespräch nur an dich denken musste?
“Aber jetzt ist Harry doch wieder der Alte?”, fragte Chakotay.
“Ja, er war sogar eben bei mir und hat sich für sein
Verhalten entschuldigt. Und Chakotay, ich konnte natürlich auch nicht anders,
als ihm vergeben!” Dabei musste sie ein wenig lachen.
“Das ist gut zu hören! Und schön, dass sie wieder
lachen. Sie haben eben auf mich ziemlich verzweifelt gewirkt!”
“Danke Chakotay. Nun, wenn ich ehrlich bin, ich habe
mich auch nicht sehr gut gefühlt. Harrys Worte haben mich in der Tat sehr
nachdenklich gemacht. Er hatte mich gefragt, ob ich vom Doktor ein Hypospray
annehmen würde, um damit meine Gefühle zu unterdrücken und meinen Schmerz zu
lindern. Ich konnte ihm darauf jedoch nicht antworten, weil Sie uns in dem
Moment auf die Brücke riefen.”
Kathryn sah Chakotay immer noch an. Sie hatte es
geschafft, das Gespräch ein wenig in die richtige Richtung zu leiten. Sie
fragte sich aber immer noch, ob sie tatsächlich auch den Mut aufbringen würde,
ihm zu gestehen, dass sie an ihn gedacht hatte.
“Nun, wie ich Sie kenne, haben sie den Gedanken aber nur
aufgeschoben, bis sie in ihrem Quartier waren!” Chakotay wusste, dass sie nicht
aufhören würde zu grübeln.
“Chakotay, sie kennen mich einfach zu gut!” Dabei musste
Kathryn lächeln. Wie einfach wäre es jetzt, ihre Hand auszustrecken und ihn
liebevoll am Arm zu berühren! Er sass so nahe bei ihr, dass es möglich wäre.
Aber sie zögerte. Sie war sich immer noch nicht über ihre Gefühle im Klaren.
“Ja, ich habe wirklich darüber nachgedacht, nachdem ich
vorhin in mein Quartier gekommen bin. Zumindest habe ich es versucht. Aber was
soll ich Ihnen sagen? Ich bin nicht dazu gekommen! Erst wollte Harry mit mir
sprechen, und als er gerade weggegangen war, da standen Sie schon vor meiner
Tür!”
Jetzt musste Chakotay ein wenig lachen. “Nun, ich kann
ja wieder gehen und Sie in Ruhe lassen, wenn sie das möchten!” Dabei tat er so,
als ob er aufstehen wollte.
Spielt er jetzt mit mir? Oder will er tatsächlich gehen? Ich darf es nicht zulassen! Ich kann ihn nicht schon wieder gehen lassen!
Und dann tat Kathryn das, was sie in Gedanken zuvor schon gewollt hatte. Sie streckte ihre Hand aus und berührte Chakotays Arm.
“Nein, Chakotay, bitte bleiben Sie!”
Dann holte sie tief Luft und sprach weiter.
“Ich hatte zwar nicht genügend Zeit, um meine Gedanken
zu ordnen. Aber eines ist mir schon klar geworden. Ich würde mich zwar nicht
wie Harry blind in eine Liebe stürzen, aber ich würde wie er auch nicht einen
Spray gegen meine Gefühle akzeptieren. Nur ist mir diese Erkenntnis erst
gekommen, nachdem Harry mir die Augen geöffnet hat.”
Die Hand, die sie gerade auf Chakotays Arm gelegt hatte,
wanderte nun, bis sie schliesslich seine Hand gefunden hatte. Sie drückte sie
sanft und rückte dabei etwas näher an ihn heran. Sie sah ihm in die Augen und
erkannte dort eine Geborgenheit, die sie seit langem gesucht, aber nie gefunden
hatte. Doch das hatte daran gelegen, dass sie immer wieder unter Selbstzweifeln
litt und nicht zulassen wollte, diese Geborgenheit zu finden.
Jetzt endlich war sie bereit, ihren Gefühlen freien Lauf
zu lassen. Zwar würde sie sich nicht Hals über Kopf in eine neue Liebe
hineinstürzen, aber auch eine langsame Entwicklung einer Beziehung hatte seinen
Reiz.
Chakotay erwiderte den Druck ihrer Hand. In Kathryns
Augen konnte er ihre Gedanken lesen. Auch er verstand sofort, dass sie sehr
viel Zeit brauchen würde. Aber er war mehr als bereit, ihr diese Zeit zu geben.
Und so sagte er jetzt kein Wort, sondern legte seinen
Arm um ihre Schultern und zog sie sanft an sich. Kathryn liess dies bereitwillig
geschehen. Sie kuschelte sich eng an ihn und seufzte leicht.
Ich habe schliesslich bislang noch jede Herausforderung
gemeistert!
E N D E