Babysitting

Tom Paris lief in seinem Quartier unruhig auf und ab.
Wo bleibt er denn, dachte er bestimmt schon zum 10. Mal in den letzten 5 Minuten, dabei war es erst kurz vor 19 Uhr und das MHN war noch nie zu spät gewesen. Endlich ertönte der Türsummer und Tom öffnete die Türen.
"Dok, endlich! Oh, hallo Seven, was machen Sie denn hier?" begrüßte er beide.
"Ihr Einverständnis vorausgesetzt Mr. Paris würde sich Seven gerne etwas in Babysitting versuchen", erklärte das MHN.
Tom starrte beide für einen Moment an, aber dann fiel ihm wieder ein, daß er sich besser beeilen sollte, denn B'Elanna wartete sicher schon.
"Solange Sie nicht vorhaben sie zu assimilieren falls sie weint habe ich kein Problem damit."
Hastig bat er beide herein und erklärte dann in einem unglaublichen Tempo: "Miral ist in ihrem Bett, gegessen hat sie schon, Sie müssen sie jetzt nur noch zum einschlafen bringen."
"Alles klar, Mr. Paris", sagte das MHN und ging Richtung Kinderzimmer. Seven folgte ihm.
"Danke Dok!" rief Tom noch, dann war er auch schon verschwunden.
Seven zog eine Augenbraue hoch. "Halten Sie diese Aktivität wirklich für notwendig?" fragte sie.
Der Doktor schaute sie an. "Seven, später werden Sie vermutlich selber Kinder haben, so eine Gelegenheit wird sich Ihnen nicht oft bieten, zumal wir nur zwei Kinder an Bord haben und das eine ist schon fast erwachsen."
Seven atmete kurz ein und sagte dann: "Wie Sie meinen." Dann ging sie ins Kinderzimmer, gefolgt vom MHN.
"Hallo Miral!" begrüßte sie der Doktor. "Na, was schaust Dir denn da schönes an?" fragte er weiter und setzte sich auf die Bettkante.
"Das ist mein Lieblingsmärchen", erklärte die 3-jährige stolz und sah zu Seven, die bisher noch nichts getan hatte außer mit hinter dem Rücken verschränkten Armen im Türrahmen zu stehen und Miral zu beobachten. Das MHN bemerkte Mirals Blick und winkte Seven heran.
"Miral, Seven ist heute mitgekommen weil sie Dir gerne Dein Lieblingsmärchen vorlesen möchte, darf sie das?"
Die Borg hog beide Augenbrauen und schaute das MHN, angesichts der offensichtlichen Flunkerei perplex an. Miral dagegen nickte nur und hielt ihr das Padd entgegen.
"Nun kommen Sie, Seven, setzten Sie sich", sagte das MHN und rutschte zur Seite, sodaß sie sich neben Miral setzten konnte.
Seven seufzte leise, nahm das Padd von dem Kind und setzte sich dann neben sie. Miral schaute sie erwartungsvoll an und Seven blickte irritiert zum MHN.
"Lesen, Seven, einfach vorlesen."
Die Borg schaute auf das Padd, hob eine Augenbraue als sie den Titel las und fing dann an.
"Cinderella. Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, daß ihr Ende herankam, rief sie ihr einziges Töchterlein zu sich ans Bett und sprach: "Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beistehen, und ich will vom Himmel auf dich herabblicken, und will um dich sein."
Darauf tat sie die Augen zu und verschied. Das Mädchen ging jeden Tag hinaus zu dem Grabe der Mutter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Winter kam, deckte der Schnee ein weisses Tüchlein auf das Grab, und als die Sonne im Frühjahr es wieder herabgezogen hatte, nahm sich der Mann eine andere Frau.
Die Frau hatte zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiss von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen...."
"Seven, stop", wurde sie vom MHN unterbrochen. Sowohl das MHN als auch Miral schauten sie merkwürdig an. Seven war verwirrt und fragte: "Habe ich etwas falsch gelesen?"
"Es ist nicht was Sie lesen, es ist eher wie Sie es lesen."
Seven ließ das Padd sinken und widmete jetzt ihre volle Aufmerksamkeit dem MHN.
"Erklären Sie das."
Der Doktor seufzte. "Sie lesen da keinen Statusbericht, das ist eine Geschichte. Sie müssen die Charaktere unterscheidbar lesen, die Mutter zum Beispiel - sie liegt gerade im Sterben, sie ist schwach und ihre Stimme ist nicht mehr so kräftig, versetzten Sie sich an ihre Stelle. Und machen sie um Himmels Willen Pausen ziwschen den Sätzen und überlesen Sie nicht jedes Kommata."
Die Borg seufzte und überreichte dann dem MHN das Padd.
"Zeigen Sie mir wie es richtig gelesen wird", sagte sie und das MHN grinste.
"Mit dem größten Vergnügen. Also Miral, wo waren wir?"
"Bei den bösen Stiefschwestern", sagte diese und nahm ihr Targ-Stofftier noch in den Arm.
"Ah, genau, dann wollen wir mal sehen..."

Das MHN las die nächsten Abschnitte der Geschichte und Sevens Augenbrauen krochen immer höher. Es schien für sie, als ob das MHN es regelecht genießen würde alle Rollen in dem Märchen (meist höchst dramatisch) zu spielen. Er ging sogar dazu über, das Vorgelesene mit Gestiken und Mimiken zu untermalen.
Dann betrachtete sie das Kind. Ihr Blick klebte regelrecht am MHN und ihre Augen waren weit aufgerissen vor Spannung. An den richtigen Stellen zog sie sogar geräuschvoll die Luft ein, als das MHN zum Beispiel den Teil vorlas, als das Taubenhaus umgeschlagen wurde. Und bevor Cinderella zum dritten mal auf den Ball gehen wollte, machte das MHN eine Pause und reichte Seven das Padd hin.
"Sie haben es jetzt gehört, versuchen Sie es einmal."
Seven schaute erst zum MHN, dann zu Miral, die sie jetzt sehr erwartungsvoll anblickte.
Sie hob eine Augenbraue und begann dann möglichst facettenreich zu lesen.

Als sie zum Ende gekommen war, hatte sich Miral mit einem Daumen im Mund auf ihren Targ gekuschelt und schlief friedlich. Das MHN legte einen Zeigefinger über seinen Mund, als Seven etwas sagen wollte.
Sie verstand den Wink, stand leise auf und ging ins Wohnzimmer, wo sie auf der Couch Platz nahm. Das MHN deckte Miral noch zu und wies den Computer an, das Licht auf 5% zu dämmen. Dann setzte er sich neben Seven und sagte: "Das war gar nicht so schlecht. Sie lernen sehr schnell."
"Ich bin Borg", kam nur die Antwort.
Das MHN schüttelte unmerklich den Kopf und mußte ein wenig grinsen.
Nach einem Moment des Schweigens sagte Seven dann recht ungehalten: "Diese Lektüre war äußerst ungebührlich für ein Kind. Nicht nur, daß diese Geschichte voller Unwahrheiten steckt, sie ist auch noch äußerst gewalttätig. Ich halte es nicht für angebracht Kleinkindern beizubringen, daß Tauben Augen auskratzen und Fersen abgehackt werden wenn sie nicht in einen Schuh passen. Ebefalls kommen aus einem Baum keine Kleider herabgefallen."
Das MHN starrte sie kurz verblüfft an, fing dann aber an zu erklären.
"Seven, es sind nur Geschichten. Kinder haben ein anderes Empfinden als wir Erwachsenen wenn sie so ein Märchen hören. Sie haben eine Vorstellung davon was passiert, wenn man Fersen abhackt und Augen auskratzt, Kinder noch nicht. Sie verstehen nur, daß die Bösen bestraft werden und die Guten belohnt. Wenn sie alt genug sind, kann man mit ihnen auch noch über die Moral der Geschichte sprechen, aber es ist nur ein Märchen."
Seven war nicht wirklich zufrieden, wiedersprach aber nicht weiter. Das war wieder eines dieser menschlichen Dinge, die sie mit ihrer Borgeffizienz nicht so leicht vereinbaren konnte.
"Seven, ich habe eine Idee", sagte der Doktor plötzlich. "Vielleicht sollten Sie ein Märchen einmal wirklich erleben."
Die Borg sah ihn pikiert an. "Das ist hoffentlich nur ein humoristischer Vorschlag, Doktor?" fragte sie unsicher.
"Nein, ganz und gar nicht. Wir spielen auf dem Holodeck dieses Märchen einmal durch, vielleicht hilft es Ihnen besser zu verstehen warum Kinder Märchen so lieben. Sie spielen Cinderella, ich den Prinz."
Das MHN grinste über beide Ohren und Seven starrte ihn an, als ob er gerade vorgeschlagen hätte die Voyager zum nächsten Borgkubus zu fliegen um die gesamte Crew assimilieren zu lassen.
"Ich denke nicht, daß ich an so einer Aktivität teilnehmen möchte", sagte Seven spitz.
Das MHN rollte mit den Augen. "Seven, das macht Spaß!"
"Spaß ist irrelevant und Zeitverschwendung."
"Spaß ist etwas, das Sie dringend lernen sollten, wenn wir die Erde erreichen und Sie wieder unter Menschen leben", konterte das MHN.
Seven machte den Mund auf, wußte aber nicht, was sie sagen sollte. Der Doktor fühlte sich als Sieger des Wortgefechts und setzte dann hintendran: "Widerstand... ist zwecklos."
Mit einem Seufzen ergab sich Seven ihrem Schicksal, denn wenn Sie eins gelernt hatte über das MHN, dann das, daß er nicht so leicht aufgab wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte.
"Also gut, Doktor, ich werde mich bemühen."
Das MHN klatschte in die Hände. "Wunderbar, wie wäre es gleich mit morgen Abend? 18 Uhr Holodeck 1?"
"Ich werde da sein", sagte sie nicht gerade begeistert. Das MHN dagegen war voller Vorfreude auf den morgigen Abend.
"Und wie wäre es jetzt mit ein paar Runden Kadiskot, bis die Lieutenants Paris und Torres wieder zurück sind?" fragte er.
"Einverstanden", sagte Seven und das MHN holte das Spiel.

Bäumchen rüttel Dich....

Pünktlich um 18 Uhr traf Seven vor Holodeck 1 ein. Der Doktor war nirgends zu sehen und daraufhin prüfte sie, ob das Holodeck schon aktiv war. Dem war so und Seven trat ein.
Sie kam vor einem relativ großen Anwesen an, mit viel Grünfläche drum herum. Vor dem Portal wartete bereits der Doktor, der seine Uniform gegen passende Kleidung der Märchenfiguren getauscht hatte.
"Seven!" rief er und winkte sie zu sich heran.
Die Borg seufzte noch einmal und ging dann zu ihm hinüber.
"Na, was sagen Sie?" fragte das MHN und deutete auf das Haus hinter sich.
Seven nickte kurz und meinte nur: "Primitiv, aber vermutlich angemessen."
Der Doktor zog eine Schnute und meinte: "Ich frage nicht weiter. So, lassen Sie uns anfangen. Sie brauchen erst einmal andere Kleidung. Computer, den Funktionsanzug von Seven of Nine durch ein schlichtes Unterkleid, einen braunen, langen Kittel und Holzclogs ersetzen."
Im Handumdrehen hatte Seven die gewünschten Sachen an und schaute an sich herunter.
"Ist das wirklich notwenig, Doktor?" fragte sie.
"Aber natürlich! Kostüme sind eine wichtige Komponente um in eine Rolle schlüpfen zu können. Sie bekommen später noch etwas anderes. Und öffnen Sie ihre Haare, sie bekommen ein Haarband für einen Zopf."
Seven protestierte gar nicht erst groß, sondern tat einfach, was das Hologramm erbeten hatte und einen Augenblick später hatter er ihr Haar hinten zugebunden.
"Noch etwas?" fragte sie.
Das MHN musterte sie und meinte dann: "Nein, jetzt paßt alles. Beginnen wir. Und spielen Sie mit, Sie kennen jetzt das Märchen. Seien Sie Cinderella." Er zwinkerte ihr noch einmal zu und sagte dann: "Computer, Programm starten."
Eine ziemlich finster dreinblickende Frau in einem schönen Kleid stand auf einmal neben dem MHN, flankiert von 2 jungen Frauen in Sevens Alter. Beide waren ebenfalls in schöne und teure Kleider gekleidet und das MHN flüsterte schnell Richtung Seven: "Ach ja, ich habe den Anfang etwas verkürzt, wir fangen gleich an der Stelle an, an der der Vater - das bin ich für den Moment - auf Geschäftsreise geht und Cinderella mit den Frauen allein ist. Ich werde aber gleich die Rolle des Kammerdieners übernehmen."
Und dann begann die Geschichte. Gleich am Anfang hatte Seven die Ermahnung des Doktors, ihre Rolle schön zu spielen, wohl vergessen, denn als die Stiefmutter ihr einen Besen, Schaufel und Eimer in die Hand drückte und befahl: "Und jetzt mach die Küche sauer, putz die Töpfe, wasche und bügel unsere Kleider und kümmer Dich um den Haushalt", blitzte es in Sevens Augen und sie sagte in ihrer typischen Borgart: "Ich werde mich nicht fügen."
"Computer, Programm unterbrechen", sagte das MHN und die Figuren erstarrten, das Gesicht der Stiefmutter mit einer völlig schockierten Miene über diese Frechheit.
"Seven", sagte das MHN warnend, "Sie haben es versprochen. Seien Sie CIN-DE-REL-LA!" Er betonte jede einzelne Silbe des Namens und schaute sie vorwurfsvoll an.
Die Borg überlegte, das Holodeck sofort zu verlassen, diesen Unsinn wollte sie nicht länger mitmachen. Aber dann sah sie das hoffnungsvolle Gesicht des MHN, das sich hier scheinbar wirklich drauf gefreut hatte und sie unterdrückte den Wunsch zu gehen. Sie straffte sie Schultern und sagte dann: "Verzeihung, ich werde mir jetzt mehr Mühe geben."
"Sie werden es nicht bereuen, das verspreche ich Ihnen", sagte das MHN dankbar.
Seven war da anderer Ansicht, sagte aber nichts.
"Computer, Programm neu starten."
Der Computer setzte den Anfang zurück und diesmal gelang es Seven, ihrer Rolle gerecht zu werden.

Nach einer guten halben Stunde kam dann der erste Ballbesuch an die Reihe. Seven stand am Bäumchen vor dem Grab und sagte den Spruch auf "Bäumchen rüttel Dich, und schüttel Dich, wirf Gold und Silber über mich", und staunte nicht schlecht, als der Computer ihr ein Ballkleid verpaßt hatte. Ihre Hände, Arme und das Gesicht waren wieder sauber und auch ihre Haare waren wunderschön hochgesteckt.
Sie wollte es nicht zugeben, aber langsam fand sie doch ein wenig Gefallen an der Geschichte. Der Doktor hatte in einem Punkt zumindest Recht gehabt - es zu spielen war besser als es nur zu lesen.
Dann stieg sie in die wartende Kutsche (der Doktor hatte die Geschichte leicht abgeändert, sonst wäre sie zu schnell vorüber gewesen) und wurde zum Schloß gefahren.
Vor der großen und sehr breiten Treppe zum Schloßeingang hielten sie an und Seven stieg die Stufen hinauf. Der Ballsaal war prunkvoll, schlichtweg gesagt, und sehr voll.
Sie hatte gerade ein paar Schritte hinein getan, da tippte ihr jemand von hinten auf die Schulter. Überrascht drehte sie sich um und sah den Doktor vor ihr stehen. Diesmal mit einer Mütze auf, aus der eine lange Feder herausragte und prinzgerechter Kleidung mit Goldverzierungen und aus blauem Samt.
"Darf ich um diesen Tanz bitten?" fragte er höflich und obwohl Seven wußte, wie sehr er sich auf dieses Spiel gefreut hatte, sah er ungewöhnlich ernst aus. Er lächelte zwar, aber irgendwie sah es so aus, als wenn er eine sehr schwierige Operation durchführen müßte und nicht wußte, ob sie gelingt.
Ein wenig verwirrt akzeptierte sie sein Angebot und ließ sich auf die Tanzfläche führen.
"Doktor", flüsterte sie, "ist alles in Ordnung mit Ihnen?"
"Seven, Ihre Rolle", flüsterte er zurück.
Die Borg nickte und tat ihre Beobachtung unter einem weiteren Irrtum ab. Scheinbar schien das seine Interpretation vom Prinzen zu sein.
Wie Recht Seven jedoch hatte, würde Sie erst später erfahren. Das MHN hatte die ganze Zeit hinter dem Eingang auf sie gewartet. Als die Borg dann endlich eintrat, war er für einen Moment wie verzaubert.
Sie sieht einfach wunderschön aus, dachte er und schluckte. Er war hier, um den Prinzen zu spielen, nicht sich selbst. Aber wenn er ehrlich war hatte dieses ganze Märchenspiel nicht nur dazu gedient, ihr wirklich diese Erfahrung zuteil werden zu lassen, sondern auch dem tieferen Zweck gedient, Seven in ein Kleid zu packen und mit ihr auf einem Ball zu tanzen.
Während das Tanzens versank das MHN völlig in Seven und dem wunderschönen Gefühl, sie für sich zu haben und ihr so nahe sein zu können. Er liebte diese Frau einfach, hütete sich aber davor, ihr etwas zu sagen. Was hatte er als Hologramm schon zu bieten?
Er hatte gar nicht gemerkt, wie die Zeit verging, bis Seven plötzlich seine Hand losließ und eilig ohne ein weiteres Wort verschwand. Für einen kurzen Moment wollte er ihr schon hinterherrufen, was passiert sei, aber dann fiel ihm wieder ein, daß Cinderella bis Mitternacht zu Hause sein mußte. Als er auf die Uhr sah, hatte er die Bestätigung - es war 5 vor 12.
Er seufzte genüßlich in Aussicht darauf, daß noch zwer weitere Bälle vor ihm lagen, auf denen er mit ihr tanzen konnte. Und sie würde mit jedem Mal schöner aussehen.
Natürlich war die Zeit auch deshalb so schnell vergangen, weil der Computer aus zwei Stunden gerade mal 20 Minuten gemacht hatte, sonst würden sie tagelang an diesem Märchen spielen.
Er beschloß, solange wieder in die Rolle des Vaters zu schlüpfen und nach Seven zu sehen.

Eine böse Überraschung

Seven und das MHN waren gerade beim zweiten Ballereignis, als plötzlich das Holodeck komplett dunkel wurde und die Geräusche des Festes verstummten.
"Computer, Licht", sagte Seven sofort, doch nichts passierte.
"Ein Energieausfall?" fragte das MHN und wollte gerade auf sein Combadge tippen, als das Holodeck wieder zum Leben erwachte.
"Vielleicht sollten wir auf unsere Stationen zurückkehren", sagte Seven, die jetzt nicht mehr an ihre Rolle dachte.
Das MHN seufzte, er hätte gerne noch mit ihr weitergetanzt, aber natürlich hatte das Schiff und die Besatzung Vorrang. Wer konnte schon wissen, auf was sie jetzt wieder gestoßen waren.
Vielleicht war aber auch alles ganz harmlos und B'Elanna hatte aus Versehen den falschen Knopf gedrückt. Das war natürlich Quatsch, aber der Gedanke traf den Sinn.
"Machen wir morgen Abend an der Stelle weiter?" fragte das MHN die Borg.
Zu seiner völligen Überraschung nickte sie.
"Gerne, Doktor. Computer, Programm beenden", sagte sie und lief Richtung Ausgang.
Eine Sekunde, nachdem Seven das gesagt hatte wußten beide, daß etwas nicht stimmte. Die Simulation lief weiter und auch die Ausgangstüren des Holodecks wurden nicht sichtbar.
Jetzt tippte das MHN doch auf sein Combadge. "Doktor an die Brücke", sagte er, doch er sollte keine Antwort bekommen.
"Das MHN an die Besatzung, kann mich irgendjemand hören?" fragte er schließlich, doch auch das hatte keinen Erfolg.
"Computer", probierte es Seven nun, "ist die Kommunikation ausgefallen?"
Doch auch die Borg erhielt keine Antwort.
Der Doktor sah sie stirnrunzelnd an. "Scheint doch ein ernsteres Problem zu sein, können Sie die Türen manuell öffnen?"
"Hinter dieser Anrichte müßte ein Zugangspaneel sein", sagte Seven und deutete auf ein kleines Holztischchen, auf dem eine große Vase mit Gladiolen stand. Sie griff hinter die Vase, fand aber kein Zugangspaneel. Statt dessen fühlte sie kalten Stein. Irritiert schaute sie sich um und ging dann an eine andere Stelle. Aber auch hier konnte sie nichts finden.
"Seven?" fragte das MHN unsicher, denn er hatte gemerkt, daß etwas nicht stimmte.
"Ich kann an keinen Zugang gelangen", sagte sie und sah ihn an.
"Aber das ist unmöglich, selbst wenn die Hauptenergie ausfällt müßte man die Paneele öffnen können", widersprach das MHN.
"Auf einem Holodeck, ja", sagte Seven.
Das MHN stutzte. "Wie meinen Sie das? Das hier ist ein Holodeck."
Seven sah ihn ernst an. "Ich befürchte, das ist es nicht, Doktor."
Für einen Moment war der Doktor sprachlos, dann meinte er: "Das ist unmöglich Seven. Wo sollten wir sonst sein?"
Die Borg sagte vorerst nichts, ging zu einem Tisch, auf dem Speisen standen, nahm einen großen Teller und meinte dann: "Wenn das ein Holodeck ist, müßte sich die Matrix gleich für einen Moment destabiliesieren." Sie nahm den Teller und warf ihn gegen die Wand. Der Teller zerbarst aber der Wand tat das nichts.
Das MHN war sprachlos. Dies hier war tatsächlich nicht mehr das Holodeck. "Aber... wie sind wir hierhergekommen?" fragte er.
"Eine ebenfalls interessante Frage wäre: wo sind wir", ergänzte Seven. Just in dem Moment wurde ihnen der endgültige Beweis dafür geliefert, daß sie nicht mehr auf der Voyager waren.
Bewaffnete Soldaten stürmten den Saal und die Gäste fingen an zu schreien. Hier und dort sah man, wie jemand zu Boden ging oder versuchte wegzulaufen, doch der Saal war umstellt.
Das MHN drängte Seven an die Seite und stellte sich schützend vor sie, das hatte er sicher nicht programmiert.
Einer der Soldaten trat auf das Podest, wo die beiden Stühle für das Regentenpaar standen und allmählich kehrte Ruhe ein.
Dann sprach er laut und deutlich: "Das Fest ist vorüber. Aber diesem Augenblick bin ich der rechtmäßige Herrscher über Lin'ath."
Das MHN und Seven blickten sich erstaunt an, dann flüsterte er: "Lin'ath? Ist das der Planet?"
"Diesen Namen habe ich noch nicht gehört", sagte Seven, da er offensichtlich unterschwellig fragen wollte, ob die Borg so einen Planeten kannten.
Inzwischen hatte sich der Schock auf den Gesichtern der Gäste gelegt und sie sahen eher resigniert aus. Der Soldat setzte sich ganz unehrenvoll die Krone auf und fragte dann: "Wo ist das Prinz, der das Fest hier veranstaltet hat? Er trete vor."
Sevens Augen richteten sich auf das MHN, ebenfalls allmählich die Augen der übrigen Gäste, als sie ihn gefunden hatten.
Das MHN wußte nicht Recht, was es machen sollte, denn er war natürlich nicht der echte Prinz. Er überlegte immer noch, doch da hatte ihn auch der neue Herrscher entdeckt und nickte zwei Soldaten zu. Mit angelegter Hellebarde gingen sie auf den vermeintlichen Prinzen zu und einer sagte: "Du bist gemeint."
Er blickte noch einmal kurz zu Seven und entschied dann, dieses Mißverständnis aufzuklären. Natürlich hatte er den Vorteil, daß man ihm nichts anhaben konnte, schließlich er war ein Hologramm. Und genau dieser Gedanke ließ ihn plötzlich stutzen. Wie konnte er noch hier sein? Sein mobiler Emitter lag auf der Krankenstation und das hier war nicht mehr das Holodeck. Bevor er überhaupt eine Hypothese entwickeln konnte, wie das möglich war, wurde ihm die Antwort geliefert. Auf ein Nicken des Herrschers stach ein Gardist ihm mit der Hellebarde in die Schulter, um ihn zum Gehen zu bewegen.
Das MHN schrie auf, als er einen Schmerz verspürte, dort, wo der Gardist zugestochen hatte.
Reflexartig langte er mit der anderen Hand auf sein Schulterblatt und als er die Hand vorzog und ansah war er sprachlos.
Seine Hand war rot. Mit offenem Mund starrte er auf sein Blut und plötzlich spürte er ganz deutlich das Klopfen seines Herzens.
"Doktor...", fing Seven völlig überrascht an, "Sie bluten."
Das MHN konnte nicht mehr antworten, noch immer in Schockstarre wurde er jetzt von den zwei Soldaten gepackt und unsanft nach vorne gebracht. Wieder spürte er Schmerzen und das brachte ihn halbwegs wieder ins Hier und Jetzt.
Aber, das ist nicht möglich, dachte er immer noch völlig perplex.
Die Soldaten hatten ihn inzwischen vor das Podest gebracht und hielten rechts und links Wache.
Der neue Herrscher blickte das MHN für eine Weile durchdringend an, dann wanderte sein Blick über die vielen Leute im Saal um schließlich bei Seven of Nine hängenzubleiben, die bisher vom Doktor verdeckt gestanden hatte.
Er stutzte, als er sie sah und gab dann einer Wache hinter ihm ein Zeichen. Diese trat zu ihm heran und der Herrscher flüsterte ihm etwas ins Ohr und deutete in Sevens Richtung. Die Wache nickte kurz, trat vom Podest herunter und ging Richtung Seven.
Der neue Regent wandte sich unterdessen an die versammelten Gäste.
"Das Fest ist hiermit beendet. Kehrt auf Eure Höfe zurück und erwartet in nächster Zeit meine Boten."
Während die Gäste gesenkten Hauptes hinausströmten, hatte der Regent den beiden Wachen beim MHN einen Wink gegeben und diese führten ihn nun in einen Nebenraum.
"Nehmen Sie Ihren Arm weg", hörte er Sevens schneidende Stimme und drehte sich um. Doch sofort wurde er weiter gestoßen und hatte nur sehen können, daß Seven ebenfalls mit einer Hellebarde bedroht wurde und in seine Richtung geführt wurde.
Das MHN wurde auf einen Stuhl gedrückt und Seven nahm ihm gegenüber Platz.
Der Regent trat an den Tischkopf heran und sagte dann an das MHN gewandt: "Prinz Kal'en..."
Er dehnte die Anrede etwas aus und machte eine kurze Pause bevor er weitersprach.
"Sie haben zwei Optionen. Erstens: Ich werde Sie exekutieren lassen."
Das MHN und Seven blickten ihn erschrocken an.
"Zweitens: Sie werden sich ab sofort bei mir nützlich machen. In der Küche arbeiten, im Garten, im Haus, alle anfallenden Arbeiten erledigen..."
"Hören Sie, wir sind nicht die, für die Sie uns halten, wir...."
Weiter kam das MHN nicht, denn ermpört darüber, daß der Prinz wagte zu widersprechen brüllte der Regent: "Schweigen Sie! Sie haben hier gar nichts mehr zu sagen. Das Einzige, das ich jetzt von Ihnen hören möchte ist eine Entscheidung ob Sie leben oder sterben möchten."
Der Doktor sah Seven fragend und besorgt an und diese nickte leicht.
"Ich wähle das Leben", sagte das MHN.
"Gut", sagte der Regent. "Das nächste, was Sie ab jetzt lernen werden: Sollte eine Arbeit nicht zu meiner vollsten Zufriedenheit erledigt sein, oder wagen Sie irgendwelche Widerworte, dann wird es ihre Freundin büßen."
Er sah Seven an und diese blickte halt zurück.
"Ich habe verstanden", sagte das MHN.
"Gut. Ich sehe, wir verstehen uns. Bringt ihn weg."
Die Wachen packten den Doktor an den Oberarmen und zogen ihn vom Stuhl hoch. Er gab einen Schmerzenslaut von sich, als er durch die heftige Bewegung wieder seine Schulterwunde spürte. Dann wurde er weggebracht.

Blut und Schweiß

Als das MHN aus dem Raum war musterte der Herrscher Seven mit lüsternden Blicken. Er trat hinter sie und konnte nicht widerstehen, ihr Haar anzufassen. Doch das war Seven eindeutig zuviel. Schnell stand sie auf, drehte sich um, packte in der Drehbewegung noch seine Hand und knickte sie nach hinten. Der Regent schrie auf und ging in die Knie, Seven zwang ihn mit der Handstellung nach unten.
"Sie werden mich nicht noch einmal berühren", schäumte sie und ließ ihn dann los, da zwei Wachen sofort herangeeilt waren und sie mit ihren Waffen bedrohten.
Der Regent brauchte einen Moment um zu begreifen, was gerade passiert war - hatte sich das Weib gerade wirklich gegen ihn zur Wehr gesetzt und ihn auch noch gedemütigt?
Einerseits wollte er sie auf der Stelle umbringen, andererseits kam er nicht drum herum sie insgeheim zu bewundern.
Tatsächlich hatte er sich immer so eine Frau gewünscht, die sich ihm widersetzte. Er beschloß, sie am Leben zu lassen, damit er vor seinen Männern aber nicht als Feigling dastand mußte er sie bestrafen.
Mal sehen wie sie zu dem Prinzen steht, dachte er mit einem hämischen Grinsen. Ungeachtet ihrer Worte und gestärkt durch die Waffen und Präsenz seiner Leute packte er das widerspenstige Mädchen im Nacken und drückte zu.
Sie schrie nicht und blickte ihn nur kalt an.
Welch eine Willensstärke, dachte er und zischte dann: "Wenn Du das noch einmal machst, dann werde ich Kal'en vor Deinen Augen foltern bis er um Gnade winselt, hast Du verstanden?"
Seven wollte gerade zu einer scharfen Antwort ansetzen, aber dann fiel ihr ein, daß der Doktor aus unerfindlichen Gründen jetzt verletzbar bar. Daher preßte sie die Lippen aufeinander und nach einem Moment sagte sie nur: "Völlig."
Der Regent ließ sie los und befahl dann seinen Männern: "Bringt sie in ein Gemach in den Turm. Bewacht sie rund um die Uhr."
Sie wollten Seven an den Armen packen, doch diese zog sie weg und ging dann hoch erhobenen Hauptes mehr oder weniger freiwillig mit.

Zur selben Zeit war das MHN mit seinen Bewachern im Kellerbereich des Schlosses angekommen. Er wurde in eine winzige Kammer gestoßen, in der eine Magd wartete.
"Versorg seine Wunde und dann verschwinde", schnauzte sie eine Wache an und das junge Mädchen nickte nur angsterfüllt. Dann wandte die Wache sich an den vermeintlichen Prinzen. "Zieh das Zeug auf der Pritsche an und dann wirst Du arbeiten."
Er knallte die Tür zu und das MHN war mit dem verängstigten, jungen Mädchen allein.
"Keine Angst", sagte er beruhigend und als Zeichen, daß er ihr nichts tun würde, setzte er sich langsam auf die Pritsche.
Die Magd sah ihm nur still zu und wartete, ein Tuch in der einen Hand, einen Krug in der anderen, was als nächstes passieren würde.
Das MHN zog seinen Wams aus und schnürte dann das Hemd soweit auf, daß es nicht mehr die Schulterwunde bedeckte. "Wärst Du bitte so freundlich und hilfst mir? Ich komme an die Wunde nicht heran", sagte er wieder ganz freundlich.
Die Magd nickte nur zaghaft und trat dann vorsichtig hinter ihn. Kurz darauf spürte er ein heftiges Brennen, als sie ihm ein Tuch, vermutlich mit Alkohol getränkt, auf die Wunde drückte.
Er zuckte zusammen und biß fest die Zähne zusammen um einen Schmerzenschrei zu unterdrücken. Nach einer Weile ließ das Brennen dann nach und die Magd nahm das Tuch wieder weg.
"Vielen Dank", sagte das MHN.
Sie nickte nur, deutete dann auf die alten Sachen auf der Pritsche und lief zur Tür. Dann war sie weg.
Der Doktor seufzte, entledigte sich dann aber seiner Kleidung und zog die neue an. Es waren mehr Lumpen als Kleider. Selbst Sevens Cinderella-Kleidung war nicht so schmutzig und zerrissen gewesen wie seine jetzt. Doch er konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn die Tür ging auf und eine Wache zog ihn wieder heraus. Er wurde in die Küche gebracht und dann begann die Arbeit.
Er mußte die gesamten Töpfe schrubben, Asche zusammenkehren, den Boden fegen und scheuern und ein Ende war nicht abzusehen. Nach kurzer Zeit schon war der Doktor fast an seinen Grenzen angelangt, sein Herz hämmerte in seiner Brust, seine Hände waren blutig und die Elektrolyten, die er ausschwitzte, brannten bald in jeder noch so kleinen Wunde. Doch er dachte an Seven und was mit ihr passieren würde, wenn er aufhören würde, daher biß er die Zähne zusammen und machte weiter.

Die Borg war derweil in ein Turmzimmer gebracht worden. Es war ein möbliertes Zimmer mit einem Waschtisch, einem Bett und einem großen Kleiderschrank, der voller schöner Kleider hing. Seven interessierte das nicht, sie überlegte, was sie tun konnte. Dabei hatte sie mehrere Probleme zu bedenken. Wie waren sie hierherkommen? Wo war das Hier? Wie war es möglich, daß der Doktor auf einmal menschlich war? Wo war die Voyager? Wie konnten Sie Kontakt zum Schiff aufnehmen und war es überhaupt in Reichweite? Was konnte Sie tun ohne den Doktor zu gefährenden?
Die Fragen nahmen kein Ende und Seven hatte absolut keine Erklärung dafür, wie sie überhaupt hergekommen waren.
Hinter ihr ertönte plötzlich das Geräusch einer quietschenden Tür. Sie drehte sich um und verschränkte die Hände hinter dem Rücken. Dabei ärgerte sie, daß sie nicht ihren Funktionsanzug trug sondern immer noch dieses hinderliche Kleid von ihrem Holodeckspiel.
Der Regent trat langsam herein, sah sich dabei im Zimmer um und lächelte Seven dann an. Hinter ihm wurde die Tür geschlossen.
"Ich hoffe, es trifft ihren Geschmack, meine Schöne", sagte er und musterte sie von oben bis unten.
"Geschmack ist irrelevant. Nennen Sie Ihre Absichten", konstatierte Seven unbeeindruckt.
Der Regent sah sie überrascht an, verlor dabei aber nicht sein Lächeln.
"Oho! Da ist jemand aber ungeduldig."
"Wie sind wir hierhergekommen?" fragte Seven scharf.
Der Regent sah sie an, als ob sie gerade einen Witz gemacht hätte und lachte. "Ich nehme an, mit Ihrer Kutsche. Oder sind sie geritten? Nein", fügte er gleich an, "mit so einem Kleid ist es schwer auf einem Pferd zu sitzen."
"Wie sind wir auf diesen Planeten gelangt?" verdeutlichte Seven ihre Frage und gleichzeitig auch ihre Absicht, keine Spiele spielen zu wollen.
Diesmal war der Regent wirklich überrascht. Er kniff die Augen zusammen und überlegte, was er von dieser Frage halten sollte. Dann sagte er gereizt: "Was bezwecken Sie mit diesem Unsinn? Wollen Sie mir weismachen, Sie wären verrückt?"
"Keineswegs", sagte Seven kühl.
"Was soll dann dieser Unfug?" brüllte er wütend. Diese Frau brachte ihn wirklich in Rage, das erregte ihn schon fast. Oh, wie würde er es genießen wenn er sie erst gebrochen hätte und sie ihm ganz hörig war...
Schnell war er neben ihr, packte sie am Genick und zwang ihren Kopf ein Stück nach hinten.
Sevens Hände zuckten, aber sie hielt sich zurück, als sie an den Doktor dachte. Ohne eine weitere Regung starrte sie ihn genauso fest an wie vorher.
Der Regent vergaß sämtliche Höflichkeit gegenüber einer Dame und zischte an ihr Ohr: "Du wirst die Trophäe meiner Sammlung werden, bald wirst Du nicht mehr so stolz sein und wirst Dich zu meinen Füßen winden, mich anbetteln und jeden Wunsch erfüllen..."
Seven kniff ihrerseits leicht die Augen zusammen. "Das wird niemals geschehen", sagte Sie nur.
"Das werden wir ja sehen", sagte er leise und ließ sie dann los.
Er drehte sich um und ging Richtung Tür. Dort klopfte er einmal laut und sie wurde geöffnet. Bevor er draußen war befahl er noch: "Zieh das rote Kleid im Schrank an, Du wirst mir beim Abendessen Gesellschaft leisten." Dann wurde die Tür geschlossen und Seven war allein.
Widerwillig zog sie sich um und wurde später aus dem Zimmer zum großen Saal eskortiert. Der Tisch war für zwei Personen gedeckt und etliche Wachen und Diener standen bereit.
"Wie schön, daß Du mir Gesellschaft leistest", begrüßte er sie.
"Ich bin nicht freiwillig hier", antwortete Seven und nahm Platz.
"Natürlich nicht, und damit Du auch weißt, was mit Deinem Prizen inzwischen passiert ist..."
Der Regent gab einem Diener einen Wink und dieser winkte nun seinerseits jemanden heran. Aus einer Nebentür traten, mit allerlei Platten und Tellern beladen, vier Leute hervor. Seven bekam große Augen, als sie den letzten Mann als das MHN ausmachen konnte. Aber wie sah er aus! Er ging leicht gebeugt, seine Kleidung war schmutzig und zerrissen und er sah aus, als könne er sich kaum noch auf den Beinen halten.
"Doktor", begann Seven und wollte aufstehen, doch eine Wache drückte sie sofort wieder auf den Stuhl. Der Doktor trat neben sie und stellte ihr den Teller hin.
"Doktor, geht es Ihnen gut?" flüsterte sie.
"Als echter Mensch bin ich keine schwere Arbeit gewöhnt", sagte er und fügte leise hinzu: "Ich hätte nie gedacht, in welcher vielfältigen Form Schmerzen und Erschöpfung auftreten können."
Seven machte sich Sorgen um ihn, konnte aber weiter nichts mehr sagen da er wieder in die Küche schlurfte um Wein zu holen.

Den Rest des Abends saß Seven größtenteils schweigend am Tisch, ab und zu zu einer Antwort genötigt, damit der Regent zufrieden war. Das MHN mußte die ganze Zeit im hinteren Teil stehenbleiben und je nach Wunsch neue Speisen oder Getränke holen. Seven entging nicht, daß er schon zitterte vor Anstrengung.
"Ich bin müde", improvisierte sie, damit dieser Abend ein Ende nehmen würde und der Doktor hoffentlich etwas Erholung finden konnte.
Da sich Seven gut benommen hatte war der Regent wohlwollend und gestattete ihr, sich zurückzuziehen. Bevor sie aber ging sagte er: "Morgen wird der erste Ball nach meiner Krönung stattfinden. Ich erwarte, daß Du kommst und Dich besonders schön machst. Du wirst meine Begleitung sein." Er grinste sie gierig an.
Seven schluckte eine scharfe Antwort herunter, schielte kurz zum MHN, der mit einer sehr besorgten Miene dastand und sagte dann: "Ich werde mich fügen." Dann ging sie, wieder erskortiert von den Wachen, in ihr Zimmer zurück.
Dem Doktor, der vor Schreck wie erstarrt dastand, hallten die Worte noch im Kopf.
Er will Seven, dachte er entsetzt und Wut stieg in ihm auf. Er würde alles tun, um sie vor ihm zu beschützen. Doch weiter konnte er nicht darüber nachdenken, denn nun mußte er noch den Tisch abräumen. Inzwischen tat ihm jeder Muskel im Körper weh und ebenfalls seine Füße. Außerdem war er totmüde und als er endlich kurz vor Mitternacht in seine Kammer gebracht wurde, sank er unendlich dankbar auf die Pritsche und war sofort eingeschlafen.

Das MHN to the rescue...

Am nächsten Morgen wurde er wachgerüttelt. Gequält stöhnte er auf, als er wach wurde und eine Schmerzwelle durch seinen Körper schoß. Seine Muskeln waren steif und seine Wunden brannten. Die Finger konnte er nur unter großen Schmerzen zusammenkrümmen, dann die vielen Schnitt- und Schürfwunden waren oberflächlich verschorft und taten bei jeder kleinen Bewegung höllisch weh.
Die Magd von gestern stand wieder bei ihm und betrachtete ihn mitleidsvoll.
Als der Doktor sie erkannte lächelte er wieder freundlich.
"Guten Morgen", begrüßte er sie.
Sie lächelte nur scheu, sagte aber nichts. Statt dessen zeigte sie auf das kleine Tablett mit einem Krug Wasser, einer alten Brotrinde, einer kleinen Schüssel mit einer fettartigen Creme drin und einem weiteren Krug, der mit einem Tuch abgedeckt war. Das MHN trank dankbar das Wasser und aß die Brotrinde, er merkte erst jetzt, wie hungring und vor allem durstig er gewesen war.
Die Magd nahm derweil den abgedeckten Krug und schob mit zitternden Händen ganz vorsichtig sein Hemd zurück, sodaß sie an die Schulterverletzung herankommen konnte.
"Danke für Ihre Hilfe", sagte der Doktor und kurz darauf spürte er wieder das Brennen von dem Alkohol. Diesmal war es nicht ganz so schlimm wie gestern, was er als gutes Zeichen nahm.
Als sie mit seiner Schulter fertig war und er aufgegessen hatte, hielt sie ihm die kleine Schüssel hin.
Das MHN blickte sie fragend an und sie nahm ein wenig vom Inhalt und rieb sich damit die Hände ein. Dann hielt sie es ihm wieder hin und er verstand. Er nahm eine großzügige Menge der Creme und rieb sich damit ebenfalls die Hände ein. Schnell spürte er, wie die Haut weicher wurde und er die Finger besser bewegen konnte.
Die Tür, die wieder ins Schloß fiel sagte ihm, daß die Magd wieder verschwunden war.
Er seufzte und hoffte nur, daß er den heutigen Tag halbwegs heil überstehen würde. Und er mußte eine Möglichkeit finden mit Seven zu sprechen, sie mußten hier weg, soviel stand fest. Vielleicht würde er auf dem Ball heute Abend eine Möglichkeit finden.
Die Tür ging wieder auf, eine Wache holte ihn heraus und wieder wurde er in die Küche gebracht.

Seven hatte den gesamten Tag in ihrem Turmzimmer verbracht. Sie hatte die Zeit genutzt und versucht, nur irgendeine ihrer vielen Fragen zufriedenstellend erklären zu können, war aber immer an einigen Ungereimtheiten gescheitert. Jetzt war es an der Zeit wieder eines dieser lästigen Kleider anzuziehen. Sie hielt sich nicht lange mit Vorbereitungen auf, sie wollte so schnell wie möglich in den Ballsaal und nach dem Doktor sehen. Als sie an seinen gestrigen Anblick dachte, fühlte sie sich immer, als ob ihr Magen Achterbahn fahren würde. Sie hatte ihn noch nie in einem Moment der Schwäche erlebt und sein Anblick gestern hatte sie mehr verstört, als ihr bewußt war.

Als sie angezogen war klopfte sie an die Tür und eine Wache öffnete.
"Ich bin bereit", sagte sie und folgte dann der Wache.
Als Seven den Saal betrat wurde es merklich leiser und sie spürte viele Blicke auf sich. Sie suchte möglichst unauffällig die Umgebung nach dem Doktor ab, konnte ihn aber vorerst nicht finden.
Dann war sie am Podest angekommen und der Regent reichte ihr eine Hand, um ihr nach oben zu helfen. Seven ignorierte sie. Die Wangenmuskeln des Regenten zucken kurz, sonst ließ er sich aber nichts anmerken.
Er stand am vorderen Rand auf dem Podest und Seven neben ihm. Sein Blick glitt über seine Untertanen und dann sprach er laut und deutlich, daß alle es hören konnten: "Vor langer Zeit wurde meinem Urgroßvater seine Krone geraubt. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der ich sie wieder eingefordert habe. Wer sich mir unterwirft wird leben, wer nicht", er machte eine Pause und blickte finster in die änglichen Gesichter der Leute, "der wird sterben."
Wieder musterte er die Leute um ihre Reaktion zu sehen. Viele hielten die Blicke gesenkt und keiner wagte zu widersprechen. "Und jetzt - tanzt, es ist eine neue Ära angebrochen."
Sofort spielten die Musiker los und die Mitte des Saals wurde für die ersten Tanzpaare geräumt.
der Regent faßte Seven am Arm und wollte sie zum Thron führen, doch sie schüttelte seine Hand ab und starrte ihn herausfordernd an. Langsam und mit einem Blick, der einen Grizzly in die Fluch geschlagen hätte, schaute er Seven an und packte sie wieder am Arm. Er beugte sich zu ihr leicht hin und sagte warnend: "Wenn Du das noch ein einziges Mal machst, dann wird es Kal'en schlecht ergehen, hast Du das verstanden?"
Sevens Lippen zuckten kurz und der Regent merkte, wie sehr sie sich beherrschte als sie antwortete: "Vollkommen." Damit setzte sie sich auf den einen Thron und der Regent nahm neben ihr Platz.
Er beobachtete seine Untertanen, hin und wieder trat eine Wache zu ihm um ihn etwas ins Ohr zu flüstern. Seven nutzte die Zeit und suchte weiter nach dem MHN und endlich sah sie ihn.
Er war gerade dabei Getränke zu servieren und die Borg war erleichtert, als sie sah, daß es ihm halbwegs gut ging. Seine Schultern hingen ziemlich herunter und er machte allgemein einen müden und kaputten Eindruck, das konnten auch die neuen Sachen nicht verbergen, die er an hatte. Schließlich konnte er nicht in Lumpen auf dem Ball erscheinen.
Plötzlich wurde Seven wieder am Arm gefaßt und gerade rechtzeitig erinnerte sie sich daran, daß jede Zuwiderhandlung von ihr Konsequenzen für den Doktor haben würde, daher wehrte sie sich nicht und folgte dem Regenten, der jetzt mit ihr tanzen wollte. Das MHN hatte Seven ebenfalls entdeckt und war dankbar, daß er mit seinem Tablett voller Getränke einen Grund hatte, nicht sofort wieder in die Küche gehen zu müssen.
Die Mitte der Tanzfläche wurde freigemacht, als der neue Herrscher mit seiner Dame tanzte.
Der Doktor sah genau wie sehr Seven das zuwider war und ballte unwillkürlich seine freie Hand zu einer Faust. Wieder stieg Wut in ihm hinauf und er ließ die beiden keine Sekunde aus den Augen.
Der Regent genoß seine Position gegenüber Seven aus und seine Hände glitten langsam aber sicher in Bereiche, die nichts mehr mit einer Tanzposition zu tun hatten sondern mit Verlangen.
Er umfaßte ihre Taille, wobei seine Hand schon fast auf ihrem Gesäß lag, und zog sie immer enger an sich heran.
Seven dachte unentwegt an den Doktor und was mit ihm passieren würde, wenn sie jetzt die Beherrschung verlieren würde und gab sich alle Mühe, ruhig zu bleiben.
Doch dann ging der Regent einen Schritt zu weit. Sein Gesicht kam dem von Seven immer näher und auf einmal drückte er sie mit beiden Armen fest an sich heran, eine Hand im Rücken, die andere im Nacken, und küßte sie. Seven riß die Augen auf und wollte gerade zum Schlag ausholen, da hörte sie ein wütendes Brüllen, das immer lauter wurde.
"Nimm Deine dreckigen Hände von ihr", hörte sie die wutschäumende Stimme des MHN und gleich darauf gab es einen kleinen Tumult unter den übrigen Tanzenden und der Doktor erschien von irgendwo her und riß den Regenten von Seven los und warf ihn zu Boden.
Im Saal wurde es mucksmäuschenstill und alle beobachteten das Geschehen.
Der Regent lag mit blutender Lippe am Boden und versuchte zu erfassen, was eben geschehen war. Dann sah er in das zornesrote Gesicht des MHN, der sich schützend vor Seven gestellt hatte.
Die Wachen waren inzwischen herangekommen und bedrohten den Doktor mit ihren Waffen.
Langsam und vor Wut schäumend stand der Regent auf und befahl seinen Wachen: "Räumt den Saal, bis auf diese beiden", und zeigte auf Seven und das MHN. Laut rief er: "Das Fest in vorbei. Verschwindet."
Die Untertanen gehorchten sofort, denn keiner wollte die Zielscheibe für den Zorn des neuen Herrschers werden und binnen zwei Minuten war der Saal leer.
Der Regent sagte nichts sondern starrte das MHN nur an und wartete, bis alles weg waren. Als die Wachen die großen Türen endlich geschlossen hatten gab er den beiden Wachen, die das MHN in Schach hielten einen Wink. Sie ergriffen ihn und wollten ihn wegschleifen, doch sie hatten nicht mit Seven gerechnet, die sich jetzt nicht mehr beherrschen konnte. Sie verpaßte der einen Wache einen Kinnhaken und diese ging zu Boden, dabei schnappte sie sich die Hellebarde, den anderen schickte sie mit einem gezielten Schlag mit der Waffe auf den Kopf ins Reich der Träume.
Das MHN wurde losgelassen, doch schon kamen von allen Seiten Wachen heran. Seven überlegte nicht lange sondern trat zu dem Regenten, der sie ungläubig anstarrte, und nahm ihn in den Schwitzkasten. Sofort blieben die Wachen stehen und überlegten, was sie jetzt tun sollten.
"Entfernen Sie sich", befahl Seven. Die Wachen schauten ihren Herren unschlüssig an und blieben erst einmal stehen.
"Ihr glaubt doch nicht etwa, daß ihr hier lebend rauskommen könnt, oder?" fragte der Regent und lachte leise. Seven beachtete ihn nicht.
"Lassen Sie uns passieren, dann bleibt er am Leben", sagte sie weiter und drückte etwas fester zu, um ihre Entschlossenheit zu demonstrieren. Ihrer Geisel wurde das wohl zu bunt, denn er nickte kurz einer Wache zu, diese trat näher an Seven heran und gleichzeitig näherte sich von hinten eine andere Wache. Seven und das MHN, abgelenkt von der einen Wache, bemerkten die Gefahr von hinten nicht und ehe es sich einer versah hatte eine Wache das MHN von hinten gepackt und hielt nun ihn im Schwitzkasten. Seven blickte hilflos zum Doktor, der jetzt rot anlief und keinen Ton herausbrachte.
"Laß mich los und ich verschone vielleicht sein Leben", zischte der Regent und nach ein paar Sekunden ließ Seven ihn frei. Er nickte der Wache zu und dieser lockerte seinen Würgegriff. Das MHN schnappte nach Luft und sackte in den Armen der Wache keuchend etwas zusammen.
Der Regent nahm Seven die Waffe ab und sagte dann: "Das hättest Du nicht tun sollen. Wachen - bringt beide ins Verließ."

Im Verlies

Seven und das MHN wurden unsanft gepackt und weggezerrt. Auf dem Weg nach unten raunte Seven dem Doktor zu: "Warum haben Sie das gemacht, Doktor?"
Er schaute sie kurz an und meinte dann: "Ich konnte es nicht mitansehen, was er mit Ihnen gemacht hat."
Seven war für einen Moment sprachlos und eine Wärme breitete sich in ihr aus. Ihr Herz schien ein paar Takte schneller zu schlagen und für eine Sekunde hatte sie das Bedürfnis, den Doktor zu umarmen. Verwirrt über diese plötzliche Intensität der Gefühle schwieg sie und kurz darauf waren sie scheinbar angekommen.
Während Seven auf einen Stuhl gesetzt und ihre Hände dran gefesselt wurden, hatte man das MHN an die Wand geführt und seine Hände mit Eisenfesseln über den Kopf fixiert. Er stand mit dem Gesicht zur Wand und konnte sich nicht umdrehen um Seven anzuschauen.
"Was haben Sie mit uns vor?" hörte er die Borg fragen, doch sie bekam keine Antwort. Die Wache entfernte sich und die beiden blieben allein in dem Kerker zurück.

"Es tut mir leid, Seven", sagte der Doktor nach einem Moment.
Seven blickte ihn überrascht an, was er jedoch nicht sehen konnte und fragte: "Was tut Ihnen leid, Doktor?"
"Das alles hier", sagte er nur.
"Es ist nicht Ihre Schuld, daß wir hier sind", sagte Seven und versuchte vergeblich ihre Fesseln zu lösen. Dann hörten Sie Schritte und der Regent kam herein. Zufrieden blickte er auf seine Gefangenen und sagte dann: "Ich muß sagen, ich bin gar nicht so enttäuscht, daß Ihr jetzt hier seid. Eigentlich hatte ich sogar gehofft, daß ihr rebelliert."
Zufrieden lächelnd zog er einen kleinen Dolch und trat an das MHN heran.
"Lassen Sie ihn in Ruhe", sagte Seven wütend und versuchte einmal mehr sich zu befreien.
Der Regent packte den Kragen von der Kleidung des Doktors, setzte den Dolch an und schlitzte dann das Hemd auf. Die kaputten Teile fielen auf den Boden und der Doktor stand mit nacktem Oberkörper da.
Dann zog er aus einer Tasche ein breites Tuch hervor mit dem er das MHN knebelte.
"Sieh zu", sagte er zu Seven, "das passiert, wenn man mir nicht gehorcht."
Von der Wand nahm er eine Peitsche und schlug sie mit aller Kraft auf den Rücken des Doktors.
Seven schrie entsetzt: "Nein!"
Das MHN bäumte sich auf und schrie ebenfalls, was aber durch den Knebel sehr gedämpft wurde.
Der Regent holte ein weiteres Mal aus und eine zweite, blutige Strieme entstand auf dem Rücken vom Doktor und dieser schrie wieder und wand sich in seinen Fesseln.
Noch drei mal schlug er auf das MHN ein, dann hängte er die Peitsche wieder an die Wand und sagte: "Das war der Anfang. Ich komme später wieder."
Er gab der Wache noch ein Zeichen bevor er ging und diese entfernte den Knebel. Dann ging er ebenfalls hinaus und sperrte für alle Fälle die Verließtür zu.

"Doktor?" fragte Seven leise. Sie war immer noch entsetzt darüber, was gerade geschehen war und hatte den irrationalen Wunsch, dies möge alles nur ein schlechter Traum sein.
Der Doktor hing mehr in den Ketten, als daß er stehen konnte und stöhnte mitleiderregend. Das Blut lief ihm den Rücken herunter und tropfte auf den Stein.
"Doktor, bitte sagen Sie etwas." In Sevens Stimme klang jetzt ein Hauch Angst mit.
"Seven", brachte das MHN gequält heraus. "Es geht mir gut."
Daß das natürlich nicht der Fall war, war beiden klar, aber Seven war froh, daß er wenigstens antwortete. Seven hatte den Wunsch ihm irgendetwas zu sagen, das ihm helfen könnte, aber sie wußte absolut gar nicht, was sie sagen konnte.
Der Doktor spürte jeden einzelnen Herzschlag als schmerzhaftes Pochen. Langsam wurde das Brennen erträglich und solange er sich nicht zu viel bewegte, ließ es sich aushalten. Er stellte sich immer und immer wieder dieselbe Frage: Was war nur passiert? Sein Verstand versuchte irgendeine Erklärung für ihre mißliche Lage zu finden, aber er konnte nicht klar denken. Von Seven hörte er auch nichts mehr und er fragte sich, ob mit ihr alles in Ordnung war.
"Seven?" fragte er leise.
"Ja Doktor?" antwortete sie ungewöhnlich leise.
"Ist mit Ihnen alles in Ordnung? Hat er Ihnen etwas getan?"
Seven schluckte. Ihr Magen schien einen Salto rückwärts zu machen. Er litt sicher furchtbare Schmerzen und machte sich dennoch Sorgen um ihr Wohlergehen? Durch Seven spülte eine Woge der Zuneigung und ein Kloß bildete sich in ihrem Hals.
"Mit mir ist alles in Ordnung", antwortete sie. "Doktor, ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen kann", sagte sie dann verzweifelt.
Das MHN lächelte leicht, was Seven allerdings nicht sah. "Ist schon gut Seven, wir kommen beide wieder gesund und munter zurück auf die Voyager. Das verspreche ich Ihnen. Sie dürfen nur nicht aufgeben."
Bevor Seven antworten konnte hörten sie wieder Schritte, die näher kamen. Dann wurde die Tür aufgeschlossen und der Regent trat herein, gefolgt von zwei Wachen. Er blieb vor dem MHN stehen und nickte den beiden Wachen zu. Diese öffneten die Eisenfesseln an seinen Händen und packten ihn grob an den Armen. Er stöhnte auf, als sie ihn umdrehten und in die Mitte des Raumes zerrten. In Sevens Blickrichtung blieben sie dann stehen und das MHN sah die Borg an.
Der Regent sah zufrieden auf seinen Gefangenen und sagte dann: "Ich kann mich erinnern Euch beiden klar gemacht zu haben was passiert, wenn ihr nicht spurt. Nun, einer hat seine Strafe schon bekommen. Aber Du..." er ging auf Seven zu, umrundete einmal ihren Stuhl und strich ihr dabei über die Schulterblätter und durch die Haare, "Du noch nicht."
"Wagen Sie es nicht sie anzurühren", sagte das MHN und ballte die Hände zu Fäusten. Die Wachen packten noch fester zu und hielten ihn im Zaum.
Der Regent blickte das MHN nur mitleidig an und meinte: "Du lernst es scheinbar nicht. Noch ein Wort, und sie wird es büßen."
Sein Blick glitt zu Seven und der Doktor konnte nichts anderes tun, als ihn böse anzufunkeln. Er wollte sie nicht noch mehr in Schwierigkeiten bringen.
"Aber keine Sorge, ich würde niemals ihre Schönheit zerstören, schließlich... brauche ich sie noch. Aber einen kleinen Vorgeschmack auf unsere Hochzeitsnacht wird mir wohl vergönnt sein."
Seven riß an ihren Fesseln, aber gegen Eisenfesseln kam auch keine Borg an.
"Hören Sie auf!" rief das MHN wütend und versuchte sich loszureißen. Der Regent trat zu Seven und wollte gerade anfangen, ihr Kleid auszuziehen, da gelang es dem Doktor sich loszureißen und er stürzte sich wutentbrannt auf den Regenten. Adrenalin strömte durch seinen Körper und unterdrückte die Schmerzen. Jetzt wollte er nur selber welche zufügen. Mit einem gezielten Schlag schickte er den Regenten zu Boden und warf sich auf ihn.
"Doktor, hören Sie auf!" rief Seven verzweifelt, denn ihr war klar, daß das noch ernstere Konsequenzen für ihn haben würde.
Die Wachen waren bereits heran und unter Aufbietung aller ihrer Kräfte zogen sie das MHN von ihrem Regenten herunter, der eine gebrochene Nase hatte und blutete.
Sie zerrten ihn zur Wand herüber und dann schlug eine Wache ihm mit seinem Ellenbogen heftig in den Magen. Das MHN würgte und ging in die Knie, unfähig sich noch zu bewegen.
Die Wache packte seine rechte Hand und legte einen Eisenring um sein Handgelenk, der in der Wand verankert war. Die andere Wache machte dasselbe mit seiner linken Hand und kurz darauf hing er wieder in Handschellen.
Der Regent war rot vor Zorn und trat vor das MHN.
"Das war gerade Dein Todesurteil", sagte er und schlug ihm noch einmal in den Magen. Das MHN sackte wieder zusammen und der Regent wollte gerade gehen, da hörte er Seven: "Nein, bitte, tun Sie ihm nichts, er wollte mich nur beschützen. Töten Sie mich an seiner Stelle!"
Der Regent blickte sie sprachlos und und das MHN hob mühsam den Kopf. Er konnte nicht glauben was er gerade gehört hatte.
Seven hatte Tränen in den Augen und blickte ihn verzweifelt an. Der Regent blickte zwischen den beiden hin und her und überlegte, ob er nicht einfach beide töten sollte. Aber die Frau war so schön und widerspenstig, er mußte sie einfach haben. Daher meinte er: "Du wirst mir gehören. Aber ich gestatte Dir noch, Dich von ihm zu verabschieden. Allein. Wachen!" rief er und deutete auf Seven.
"Nehmt ihr die Ketten ab und laßt sie für eine Weile allein."
Er wandte sich noch einmal an das MHN. "Ich werde es genießen Dich sehr langsam zu töten."
Damit verließ er das Verlies und die Wachen sperrten die Tür von außen ab, nachdem sie Seven die Ketten abgenommen hatten.

Das Geständnis und eine kleine Überraschung

Die Borg lief zum MHN und umarmte ihn. Der Doktor war völlig überrascht von dieser Geste und wünschte, er hätte seine Arme frei um sie auch zu umarmen. Aber er war immer noch an die Wand gekettet. Daher schmiegte er nur seinen Kopf an ihren Hals und flüsterte: "Sie dürfen nicht aufgeben Seven, versprechen Sie mir, daß Sie alles tun um wieder zurück zur Voyager zu kommen."
Die Borg ließ ihn los und wischte sich die Augen trocken. Dann legte sie eine Hand an die Wange des MHN und sah ihm in die Augen. "Doktor, ich...", doch ihre Stimme versagte. Statt dessen kam sie langsam näher und als sie nur noch ein paar Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war schloß sie die Augen und küßte ihn leidenschaftlich.
Das MHN konnte nicht glauben, was gerade passierte und erwiderte den Kuß nur zu gern.
Hinter ihnen erklang ein Rasseln und beide wußten, daß es jetzt Zeit wurde sich zu verabschieden.
"Ich liebe Sie, Doktor", sagte Seven mit zitternder Stimme und küßte ihn noch einmal.
"Ich liebe Dich auch, Seven. Bitte paß auf Dich auf. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit miteinander gehabt."
Seven umarmte ihn noch einmal und beide schlossen die Augen um diesen Moment so intensiv wie möglich zu erleben. Sämtliche Geräusche um sie herum verstummten und als sie die Augen wieder öffneten, war es komplett dunkel.
"Seven?" fragte das MHN und spürte auf einmal, daß er seine Arme bewegen konnte und außerdem die Schmerzen komplett weg waren.
"Ich bin hier", sagte die Borg und das MHN spürte ihre Nähe.
"Janeway an die Crew, unsere Hauptenergie mußte aus technischen Gründen für ein paar Sekunden abgeschaltet werden. Es besteht kein Grund zur Sorge. Janeway Ende.
" "Was?" fragte das MHN verwirrt. Plötzlich ging das Licht wieder an und der Doktor und Seven sahen das vertraute Holodeckgitter.
Verwirrt schauten sie sich an. "Doktor? Ihre Wunden... sie sind weg."
Das MHN tastete an sich hinab und sah, daß er wieder seine Uniform an hatte. "Ich bin wieder ich selber", stellte er verwundert fest und sah Seven mit gemischten Gefühlen an.
Diese jedoch war überglücklich und bevor sie es sich anders überlegen konnte umarmte sie ihn noch einmal und küßte ihn dann.
Er schlang seine Arme um ihre Taille und seine Zweifel darüber, daß sie ihn nicht lieben konnte weil er ein Hologramm war, wurden weggespült.
Drei auseinandergezogene, klatschende Geräusche ließen sie herumfahren und als sie die Ursache des Geräusches ausgemacht hatten, sahen sich beide an und das MHN blickte finster drein als er sagte: "Q. Ich hätte es wissen müssen."
Q stand mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck da und klatschte noch einmal in die Hände.
"Sind Sie für unseren... Ausflug... verantwortlich?" fragte Seven wütend.
Q grinste. "Aber natürlich, hat es Ihnen gefallen?"
Seven wollte auf ihn losgehen, aber der Doktor hielt sie zurück. "Nicht", sagte er leise und wandte sich dann seinerseits an Q.
"Dürfen wir den Grund für ihren makaberen Scherz erfahren?"
Q wirkte beleidigt. "Das war kein Scherz, Doktor. Im Gegenteil, ich habe Ihnen beiden ein großes Geschenk gemacht. Wollten Sie nicht schon immer einmal wirklich menschlich sein? Sind Sie nicht schon lange in die Borg verliebt?"
Das MHN starrte ihn völlig perplex an und fragte nur: "Wie bitte?"
Q kam auf die beiden zu. "Ich wollte der Voyager etwas Gutes tun, weil ihr Captain so freundlich war, auf meinen Junior aufzupassen. Ich habe die Crew beobachtet und schließlich mich entschlossen, Ihnen beiden zu helfen."
Q strahlte und öffnete seine Arme wie ein Held und erwartete wohl, daß die beiden ihn um den Hals fallen würden.
Doch die beiden schauten ihn nur an und wußten nicht, was sie sagen sollten.
Aber er hat Recht, dachte das MHN. Wäre das nicht passiert, hätten wir uns vermutlich nie gestanden, daß wir uns lieben. Dieser Gedanke ließ ihn lächeln und er schaute Seven liebevoll an.
Q lächelte zufrieden und sagte dann: "Ich war sehr überrascht als die Borg sich für Sie aufopfern wollte, Doktor. Daher werde ich Ihnen noch ein Geschenk machen. Sie dürfen für eine Nacht noch einmal ein Mensch sein. Nutzen Sie es."
Damit schnippte Q und verschwand in einem weißen Lichtblitz.
Seven und das MHN sahen sich an. "Ich weiß nicht, warum er das gemacht hat", fing das MHN an, "aber in einem Punkt hat er Recht: Wäre das alles nicht passiert hätten wir vielleicht niemals zueinander gefunden. Vorausgesetzt... Du meintest das ernst, Seven." Er schaute sie hoffnungsvoll an und die Borg lächelte.
"Ich habe jedes einzelne Wort völlig ernst gemeint, Doktor."
Damit legte sie ihre Hände auf seine Schultern, zog ihn an sich heran und küßte ihn noch einmal leidenschaftlich.
Das MHN war überglücklich und meinte dann: "Wenn Q sein Versprechen wirklich hält und ich noch einmal ein Mensch sein darf, würdest Du die Nacht denn mit mir verbringen? Oh, ich meine natürlich, nur zusammen im Sinne von nebeneinander sitzen und reden und vielleicht küssen, ich wollte nicht..." sagte das MHN hastig und etwas aufgeregt, als ihm die Doppeldeutigkeit seiner Wortwahl bewußt wurde.
Seven lachte nur und sagte: "Ich träume von einer Nacht mit Dir schon sehr lange, aber ... aktiv!" Seven klimperte mit ihren Wimpern und das MHN schluckte. Anstatt einer Antwort küßte er sie noch einmal und meinte dann: "Das Problem ist nur, daß wir beide kein eigenes Quartier haben. Vielleicht sollten wir gleich hier bleiben?"
"Eine gute Idee. Computer, erstelle ein Standartquartier und verriegel die Tür."
Sofort standen beide in einem Quartier und Seven sagte: "Computer, Nachtwäsche für uns beide auf dem Bett generieren."
Das MHN spürte, wie sein wieder echtes Herz schneller schlug und blickte Seven an. Diese streckte noch etwas zögerlich ihre Hände nach dem MHN aus und begann dann, seine Uniform auszuziehen.
Das MHN revanchierte sich an Sevens Kleidung und als sie beide nur noch in Unterwäsche dastanden raunte das MHN in Sevens Ohr: "Vielleicht brauchen wir gar keine Nachwäsche, oder?"
Dann bugsierte er sie auf das Bett und küßte sie. Dabei öffnete er geschickt ihren BH, der kurz darauf neben das Bett flog. Bevor er jedoch weitermachte fragte er noch einmal: "Bist Du Dir wirklich sicher, Seven?"
Sie schaute ihn nur an, entledigte sich selber ihres Slips und zog ihn zu sich heran.
"Du hast noch ein störendes Kleidungsstück an", sagte sie und deutete auf die Hose des Doktors.
"Tu mir nur einen Gefallen", sagte sie noch und das MHN verharrte.
"Was immer Du willst", sagte er und wartete gespannt, um was Seven ihn bitten würde.
"Ich habe noch nie... ich meine, Du bist der erste Mann mit dem ich... "
Das MHN verstand und mußte dann unwillkürlich schmunzeln. Seven blickte ihn fragend an und er sagte: "Du bist die erste Frau für mich."
Seven lächelte. "Dann sollten wir alles ausprobieren, was uns einfällt."
Das MHN schluckte nervös. "Was immer Du willst." Dann entledigte er sich seiner Hosen und schlüpfte zu ihr unter die Decke.

Zwei Monate später rutschte Seven gerade vom Biobett herunter und küßte das MHN leidenschaftlich.
"Willst Du schon wissen, was es wird?" fragte er sie und konnte ihr beider Glück kaum fassen.
"Ja, das möchte ich. Du auch?" fragte Seven.
"Es wird ein Junge. Und ich liebe Dich." Er küßte sie noch einmal.
"Muß ich einem Jungen auch das Märchen von Cinderella vorlesen oder ist das zu mädchenhaft?" fragte sie scherzend.
"Nun, wir könnten ihm unsere Version von Cinderella erzählen", schlug das MHN vor. Aber die Verlies-Szene ändern wir vorher ab.
"Das darfst Du dann übernehmen."
Das MHN blickte sie ernst an. "Bist Du glücklich, Seven?" fragte er.
Die Borg nickte. "Ich war nie glücklicher in meinem Leben, solange Du bei mir bist."
"Das werde ich, ich verspreche es. Willst Du meine Frau werden, Seven?" fragte er und kniete vor ihr nieder.
Seven blinzelte eine Träne weg und sagte nur: "Ja, das will ich."
Das MHN stand wieder auf und nahm sie in die Arme.
"Ich bin das glücklichstes MHN im Universum", sagte er und küßte sie noch einmal.

ENDE