Captain
Kathryn Janeway starrte nun schon seit einer halben Stunde auf ihr Padd. Immer
wieder las sie den Bericht über die gescheiterte Außenmission durch und
versuchte herauszufinden, woran es gelegen hatte, dass diese Mission so derart
schief gegangen war.
Immer wieder zermarterte sie
ihr Gehirn, überdachte alle Situationen in einzelnen Schritten. Aber sie kam
nicht weiter. Die Lösung lag völlig im Dunkeln. Aber dennoch war das Ergebnis
klar. Brutale Realität. Traurige Wahrheit.
Ihre Gedanken wurden durch
das Ertönen des Türmelders unterbrochen. Eigentlich hatte sie überhaupt keine
Lust, auch nur ein einziges Gesicht ihrer Crew zu sehen. Aber instinktiv wusste
sie, wer sich hinter der Tür befand. Und sie wusste auch, dass die Anwesenheit
dieser gewissen Person ihr guttun würde.
„Herein“, sagte sie mit kaum
wahrnehmbarer Stimme. Den Kopf hielt sie gesenkt, den Blick weiterhin starr auf
das Padd gerichtet.
Commander Chakotay betrat
den Bereitschaftsraum mit gemischten Gefühlen. Er kannte den Captain nun schon
sehr lange, um zu wissen, dass sie sich gerade mit endlosen Selbstvorwürfen
plagen würde. Wie gerne würde er sie von ihrer Qual befreien! Aber er hatte
dies schon unzählige Male versucht. Immer wurde er von ihr abgewiesen.
Schön, sie hörte ihm zu. Sie
ließ es auch zu, dass er ihr Ratschläge gab. Selbst an seine Schulter lehnte
sie sich an. Aber richtigen Trost vermochte er ihr nie zu spenden. Da zog sie
sich immer zurück.
Und trotzdem wurde er immer
wieder von ihr angezogen. Und er wusste auch, dass sie auf ihn als Freund
zählte. Und das wollte er ihr nun wirklich nicht vorenthalten. Besonders nicht
in einer so schwierigen Situation wie dieser!
„Sie brauchen eine Pause,
Kathryn“, sagte er zu ihr als er vor ihrem Tisch stand. Aber sie reagiert
nicht. Ihr Blick war starr an das Padd vor ihr geheftet.
„Kathryn“, sprach er sie ein
zweites Mal an. Diesmal mit Erfolg.
„Oh Chakotay“, seufzte sie
fast unmerklich. Doch er hatte es gehört. Und ein Schmerz durchbohrte ihn wie
ein brennender Pfeil. Er konnte es nicht ertragen, sie so leiden zu sehen.
„Kathryn, hören Sie mir zu.
Es bringt nichts, wenn Sie sich hier im Bereitschaftsraum verkriechen und den
Bericht immer wieder lesen. Das bringt Tom, Tuvok und Neelix auch nicht wieder
zurück. Es ist nun mal passiert, so hart wie dies jetzt auch klingen mag.
Vielleicht werden Sie herausfinden, warum dieses Shuttle auf einmal von der
Anomalie angezogen wurde. Vielleicht werden Sie herausfinden, warum keiner der
Drei in der Lage war, etwas dagegen zu tun. Aber Sie können sie nicht mehr
zurückbringen.“
Nach einer kurzen Pause
fügte er noch hinzu: „Sie müssen lernen, den Tod der Drei zu akzeptieren, so
hart das jetzt auch klingen mag.“
Der Captain war jetzt
aufgestanden und zu den großen Fenstern herübergegangen. Sie beobachtete die
vorüberziehenden Sterne und fragte sich, ob nicht doch an Chakotays Worten
irgend etwas Sinn machte. Sie wollte den Tod liebend gerne akzeptieren, vor
allem aber wünschte sie, ihr Verstand würde endlich Ruhe geben.
„Chakotay“, sagte sie leise.
„Ich weiß, dass sie Recht haben. Aber ich kann es nicht akzeptieren. Ich sehe
immer wieder in B’Elannas trauriges Gesicht und weiß, dass ihre Tochter ohne
Vater aufwachsen wird. Und warum? Weil es meine Schuld ist?“
Eine Träne begann, ihre
Wange herunter zu laufen, aber sie machte sich nicht die Mühe, sie
wegzuwischen, so wie sie es sonst tat. Sie hatte einfach keine Kraft mehr.
Während der Captain sprach,
war Chakotay hinter sie getreten. Er hatte bemerkt, dass ihr Körper leicht
zitterte. Er hatte bemerkte, wie leise sie noch immer sprach. Und inzwischen
kannte er sie gut genug, um diese Zeichen deuten zu können. Kathryn war am Ende
ihrer Kräfte. Nicht, dass sie körperlich erschöpft war. Nein, es war eine
mentale Kraftlosigkeit, dadurch dass ihr Verstand auf 200% lief und sie sich
keine Pause gönne wollte.
Sanft legte er ihr seine
Hand auf die Schulter. Er sagte kein Wort, denn instinktiv spürte er, dass sie
noch nicht zu Ende gesprochen hatte.
Kathryn zuckte leicht
zusammen, als sie Chakotays Hand auf ihrer Schulter spürte. Aber sie ließ es
geschehen. Es gab ihr eine gewisse Sicherheit. Eine kleine Zuflucht in ihrer
allumfassenden Traurigkeit.
Aber sie drehte sich nicht
zu ihm um. Stattdessen starrte sie weiter hinaus ins All.
Sie verspürte das dringende
Bedürfnis, sich ihm zu erklären. Ihre Ängste und ihre Befürchtungen vor ihm
darzulegen, sich ihm zu offenbaren. Sie wusste nicht, ob es ihr danach besser
gehen würde. Aber in diesem Moment schien es für sie das Richtige zu tun, wenn
sie ihre Ängste offen aussprach.
„Wir hätten damals nie die
Phalanx zerstören dürfen! Wir wären zurück in den Alphaquadranten gekommen und
wären nicht hier gestrandet. All diese Gefahren, all dieses Unbekannte wären
uns erspart geblieben! Und dieser sinnlose Tod!“
Vor ihrem inneren Auge
spielte sich wieder die Szene ab, als Tom, Tuvok und Neelix die Voyager
verließen, um auf eine Außenmission zu starten. Sie hatten in der Nähe einen
Planeten der Klasse M entdeckt, der vielversprechend war, um ihre Nahrungsreserven
wieder aufzufüllen. Gleichzeitig wollte Janeway einen Nebel untersuchen, an dem
sie vor 4 Tagen vorbeigeflogen waren.
„Wir
treffen uns dann in 2 Tagen bei diesen Koordinaten wieder“, sagte Tuvok, bevor
die drei sich auf den Weg zur Shuttlerampe machten.
„Ich bin sicher, wir werden ein paar interessante
Entdeckungen machen“, warf Neelix ein. Der freundliche Talaxianer war wie immer
ganz aufgeregt, wenn er mal wieder eine Außenmission begleiten durfte.
Tom war nicht bei ihnen. Er wollte lieber noch mal im
Maschinenraum bei B’Elanna vorbeischauen, um sicher zu sein, dass sie nicht in
seiner Abwesenheit das Kind bekommen würde. Er war wahrscheinlich aufgeregter
bei der ganzen Sache als seine Frau.
Captain Janeway musste bei der Vorstellung lächeln.
Dann entließ sie ihre Crewmitglieder und begab sich
wieder in ihren Bereitschaftsraum. Sie wollte sich noch etwas auf den Nebel
vorbereiten, den sie erkunden wollte. Seven of Nine hatte ihr zuvor sämtliche
Daten in den Bereitschaftsraum transferiert.
„Commander, Sie haben die Brücke“, sagte sie zu ihrem
Ersten Offizier, dann schlossen sich die Türen hinter ihr.
Der
Gedanke an den ganzen Vorfall wurde unerträglich. Sie war einfach zu schwach,
um noch länger ihre Fassung zu wahren. Sie ließ sich auf die Couch fallen und
fing an zu weinen.
Chakotay setzte sich neben
sie. Er hatte Kathryn noch nie in solch einer Verfassung gesehen. Hilflos
musste er mit ansehen, wie dicke Tränen an ihren Wangen herunterliefen. Für ihn
war der Captain immer so eine starke Persönlichkeit gewesen. Nichts hatte sie
richtig umwerfen können. Sie war immer Herrin der Lage gewesen.
Aus einem Impuls heraus zog
er sie an sich heran. Er legte den Arm um sie, so daß sie ihren Kopf an seine
Brust lehnen konnte. Vorsichtig streichelte er über ihren Kopf und drückte
sanft einen Kuss auf ihre Haare.
Immer noch sagte er kein
Wort. Er ließ sie weinen. Er wollte warten, bis sie sich etwas beruhigt hatte.
Vielleicht wollte sie noch etwas sagen.
Kathryn ließ sich
bereitwillig in die Arme nehmen.
Wie sehr hatte sie sich als
Kind danach gesehnt, von ihrem Vater in die Arme genommen zu werden. Zu wenig
waren die Gelegenheiten gewesen, wenn er sie hatte trösten können. Ihr Vater
war immer viel zu beschäftigt gewesen.
Schon früh hatte sie
gelernt, alleine mit ihren Sorgen und Ängsten fertig zu werden.
Und jetzt bot Chakotay ihr
eine starke Schulter an. Sie lehnte sich an seine Brust. Er nahm sie in die
Arme, streichelte sie sanft. Es fühlte sich wie Balsam auf ihren Wunden an.
Langsam wurden die Tränen weniger,
bis nur noch ein leises Schluchzen zu hören war. Und auch dieses versiegte
bald. Schließlich lag Kathryn nur noch mit geschlossenen Augen an Chakotays
Brust und lauschte dem beruhigenden Pochen seines Herzschlages.
Nach einer Weile hatte sie
sich wieder weitestgehend beruhigt. Sie richtete sich auf und sah Chakotay in
die Augen.
„Danke“, sagte sie zu ihm.
„Ich hätte mich nicht so gehen lassen dürfen.“
„Ach Kathryn“, erwiderte er
ihr. „Sie brauchen sich nicht bei mir zu entschuldigen. Sie sind völlig
erschöpft. Sie brauchen Ruhe. Deshalb bin ich auch zu Ihnen gekommen. Ich
möchte, daß sie sich in ihr Quartier begeben und schlafen. Sie sind jetzt seit
mehr als 48 Stunden auf den Beinen. Ich möchte Sie nicht auf der Krankenstation
besuchen müssen!“ Dabei lächelte er sie an.
Er wusste, dass es schwer
war, den Captain davon zu überzeugen, dass sie eine Pause brauchte. Aber er
glaubte, dass sie das in ihrer gegenwärtigen Verfassung gar nicht in Frage
stellen würde, sondern einfach seiner Aufforderung folgen würde.
Und richtig. Kathryn stand
auf, ließ ihn dabei jedoch nicht aus den Augen.
„Vielleicht haben Sie
recht“, antwortete sie ihm. „Ich weiß jedoch nicht, ob ich zur Ruhe kommen
kann. Diese Gedanken, sie verfolgen mich Tag und Nacht. Das ist auch der Grund,
warum ich so lange nicht geschlafen habe. Ich habe mich in die Arbeit gekniet,
um vergessen zu können! In meinem Quartier werde ich nur allzu sehr gequält.“
„Dann gehen wir jetzt an der
Krankenstation vorbei und Sie lassen sich vom Doktor ein leichtes Schlafmittel
geben.“
„Wir?“, fragte Kathryn
erstaunt.
„Wir!“, antwortete Chakotay.
„Ich möchte doch sicherstellen, dass sie wirklich ihr Quartier aufsuchen und
dort schlafen gehen.“ Dabei lächelte er sie liebevoll an.
„Also, ich denke, das wird
wohl nicht notwendig sein. Den Weg in mein Quartier werde ich noch alleine
finden, geschweige denn den Weg in mein Bett.“
„Keine Widerrede, Kathryn.
Ich bringe Sie jetzt ins Bett. Das ist ein Befehl!“
Kathryn sah, dass sie keine
Chance hatte. Also ließ sie sich von Chakotay zunächst zur Krankenstation
begleiten. Der Doktor sah ein, dass sie ein Schlafmittel brauchte und gab ihr
einen Hypospray. Danach gingen beide zu ihrem Quartier.
Vor ihrer Tür machte Kathryn
Halt. „Ich denke, dass reicht jetzt an Begleitung. Ich lege mich jetzt hin,
nachdem ich meine Medizin genommen habe. Versprochen. Sie werden mich nicht vor
morgen früh wiedersehen.“
„Entschuldigung, Kathryn,
aber so schnell lasse ich mir von Ihnen jetzt nicht befehlen zu gehen. Ich habe
mir ein Programm für Sie zurecht gelegt, und ich werde Sie erst verlassen, wenn
das Programm beendet ist und Sie friedlich in Ihrem Bett schlafen!“
„Also Chakotay!“ Kathryn
musste jetzt energisch protestieren. „Ihre Fürsorge und Ihr Mitgefühl in Ehren,
aber dies ist immer noch mein persönliches Quartier. Und da werde ich auch
alleine hineingehen!“
„Bitte Kathryn!“ Chakotay
musste ein wenig schmunzeln. Kathryn war immer so engstirnig. Sie konnte nie
erkennen, wie gut er es mit ihr meinte, vor allem aber nicht, dass sie sich ab
und zu auch mal fallen lassen musste.
„Seien sie doch einmal nicht
der Captain! Lassen Sie es doch einmal zu, dass ich Ihnen helfe! Und keine
Angst, es wird niemand erfahren!“
„Also, was soll ich dazu
noch sagen? Habe ich überhaupt keine Chance auf einen Protest?“
„Nein, ich befürchte nicht!“
Chakotays Schmunzeln hatte sich in ein Lachen verwandelt. Und dieses Lachen
wirkte ansteckend.
Kathryn sah ein, dass sie
gegen ihren Ersten Offizier keine Chance hatte und ließ es einfach geschehen.
Es war auch viel einfacher, sich ihm zu ergeben als zu protestieren.
Wahrscheinlich hätte sie alles gemacht, wonach er sie gefragt hätte.
Chakotay ging zunächst in
Kathryns Badezimmer und ließ ein Bad für sie laufen. Er wusste, wie gerne sie
badete. Er hatte extra ein Badeöl für sie repliziert, das eine beruhigende
Wirkung hatte. Wenn sie sich dadurch nicht richtig entspannen konnte, so würde
er sie nach dem Bad massieren. Das und das Hypospray des Doktors sollten
eigentlich bewirken, dass sie zumindest diese Nacht durchschlafen konnte und
nicht durch Alpträume geplagt würde.
Und er sollte Recht
behalten! Kathryn schlief während der Massage ein und erwachte nicht mal mehr,
als er sie bequem auf ihr Bett legte.
Aber Chakotay verließ ihr
Quartier noch nicht. Irgendwie hatte er es im Gefühl, dass er bei ihr bleiben
sollte. Vielleicht würde sie doch nicht so ruhig schlafen können, wie er es
sich wünschte. Und dann wollte er für sie da sein.
Nachdem er einen Sessel
neben ihr Bett gezogen und es sich dort gemütlich gemacht hatte, bemerkte er,
dass auch er ziemlich erschöpft und müde war.
Er schloss die Augen, um
sich ein wenig zu entspannen. Er wollte jedoch nicht schlafen.
Er wusste zwar, dass Harry
die Brücke voll im Griff hatte, und wenn es doch Schwierigkeiten geben würde,
dass er ihn schnell über den Kommunikator erreichen könnte.
Er wollte nur schnell für
Kathryn da sein können, wenn sie aufwachte.
„Paris an Voyager, ich glaube, wir haben ein
Problem!“
„Voyager hier. Was gibt es für Probleme?“
„Wir sind auf eine Raumanomalie gestoßen, die unsere
Sensoren nicht angezeigt haben. Jetzt werden wir von dieser Anomalie
angezogen.“
„Können Sie sich daraus wieder befreien?“
„Wir haben alles versucht. Erfolglos! Aber das
eigentliche Problem kommt erst noch. Etwas in der Anomalie hatte zur Folge,
dass wir nicht nur den gesamten Antrieb, sondern auch die Hauptenergie verloren
haben. Wir arbeiten fieberhaft daran, ihn wieder herzustellen, aber ich glaube,
wir schaffen es ohne Hilfe nicht.“
„Wissen Sie, was es verursacht haben könnte?“
„Nein, nur dass es mit der Anomalie zusammen hängen
muss.“
„Wie lange noch, bis sie in die Anomalie
hineingezogen werden?“
„2, vielleicht 3 Stunden. Mehr nicht.“
Der Captain blickte zu ihrem Ersten Offizier herüber,
ohne ein Wort zu sagen. Beide waren sich völlig darüber im Klaren, dass sie es
niemals schaffen würden, in dieser kurzen Zeit den Delta Flyer zu erreichen.
„Tom, ich melde mich in Kürze wieder. Wir kommen zu
Ihnen!“
„In Ordnung. Paris Ende.“
„Commander! Fliegen Sie in Richtung dieses Planeten.
Maximum Warp. Ich werde mich zu Seven in die Astrometrie begeben. Vielleicht
können wir von dort aus eine Lösung finden. Harry, Sie begleiten mich. Janeway
an Torres, kommen Sie sofort zur Astrometrie!“
Dann verließen der Captain und Kim die Brücke.
Chakotay setzte sich an die Conn und setzte einen Kurs zum Planeten. Insgeheim
wusste er, daß sie selbst mit Maximum Warp immer noch mindestens 4 Stunden
brauchten, um den Planeten zu erreichen, geschweige denn in Sensorreichweite zu
sein. Wenn der Captain und die anderen nicht schnell mit einer anderen Lösung
aufwarten konnten, dann würde diese Mission ein schreckliches Ende nehmen.
Kurze Zeit später erfolgte die nächste Nachricht vom
Delta Flyer.
„Tuvok an Voyager...alle Systeme versagen...wir
werden immer schneller....zur Anomalie hingezogen.“
Dann konnte man nur noch ein Rauschen vernehmen.
Chakotay hatte inzwischen die Transmission so geschaltet, dass auch der Captain
sie in der Astrometrie hören konnte.
„Janeway an Tuvok, können Sie mich hören?“
Nach einer Weile ließ das Rauschen wieder nach. Alle
atmeten auf, als sie wieder Tuvoks Stimme hörten.
„Tuvok hier... Wir haben Schwierigkeiten... Wir
werden plötzlich schneller von der Anomalie angezogen... Dadurch werden
sämtliche Systeme beeinträchtigt... Wir konnte bislang auch noch nicht den
Antrieb reparieren...Ich weßs nicht...wie lange wir noch die Kommunikation...
aufrecht... erhalten können...Wir...“
Dann war wieder nur ein Rauschen zu hören.
„Janeway an Tuvok.“
Das Rauschen wurde stärker, dann war nur noch Stille.
„Janeway an Tuvok, melden Sie sich!“
Stille. Unerträgliche, angsteinflößende Stille.
„Tuvok, melden Sie sich.“
Doch es erfolgte keine weitere Transmission.
Chakotay drehte sich zur Crew um. Alle starrten mit
angstgeweiteten Augen auf die vorbeifliegenden Sterne, keiner hatte den Mut
etwas zu sagen.
„Janeway an Chakotay, wann sind wir da?“ Auch die
Stimme des Captains klang gequält.
„Noch ca. 1 Stunde und 20 Minuten Captain.“
Dann war wieder Stille.
Chakotay
wachte schweißgebadet auf. Die Erinnerung an die letzten Worte von Tom und
Tuvok waren zu viel für ihn. Er merkte, wie langsam eine Träne an seiner Wange
herunterrollte. Er hatte drei Menschen verloren, mit denen er in den letzten
Jahren eng zusammen gearbeitet hatte.
Neelix, der immer lustig
gewesen war. Manchmal vielleicht ein wenig aufdringlich, aber ein wesensguter Mann.
Tuvok, der ihn zwar manchmal
durch seine emotionslose Weise stark irritiert hatte, auf den er aber immer
zählen konnte.
Und schließlich Tom. Zu
Zeiten des Maquis waren sie nicht immer einer Meinung gewesen, und zugegeben,
der Start auf der Voyager war auch nicht gerade einfach gewesen, aber das hatte
sich eigentlich nach und nach ziemlich schnell wieder gelegt.
Der Verlust dieser drei
Männer war schrecklich.
Plötzlich bemerkte Chakotay,
wie sich Kathryn im Bett hin und her wälzte und dabei gelegentlich stöhnte.
Sanft legte er eine Hand auf ihren Arm in der Hoffnung, sie dadurch beruhigen
zu können.
Doch sie schreckte jäh hoch
und starrte ihn an.
Kathryn hatte wieder von der
letzten Transmission geträumt. Bilder der toten Crewmitglieder, die durch das
All schwebten, hatten sie verfolgt. Dann hatte sie plötzlich eine Berührung an
ihrem Arm gespürt und drehte sich angsterfüllt um.
Doch es war nur das besorgte
Gesicht ihres Ersten Offiziers, in das sie jetzt blickte.
Chakotay sah die Angst in
ihren Augen, und eine unendliche Traurigkeit überfiel ihn. Es tat ihm weh, sie
so leiden zu sehen. Er wußte, daß vor allem Tuvoks Tod sie sehr getroffen
hatte. Kathryn hatte eine tiefe Freundschaft zu dem Vulkanier gepflegt.
Er stand von seinem Sessel
auf und setzte sich zu ihr aufs Bett. Dann nahm er sie sanft in den Arm und zog
sie eng an sich. Kathryn ließ dies bereitwillig geschehen.
Sie spürte einen gewissen
Trost, als sie sich so eng an Chakotay schmiegte. Und plötzlich überkamen sie
wieder die Tränen. Und auch dieses Mal hielt sie sie nicht zurück.
Nach geraumer Zeit
versiegten die Tränen. Kathryn richtete sich auf und sah ihn an.
„Ich möchte mich für meine
Gefühlsausbrüche entschuldigen.“
Aber Chakotay ließ sie nicht
ausreden.
„Es gibt nichts zu
entschuldigen“, erwiderte er. Dann rutschte er etwas tiefer und zog sie wieder
an sich. Kathryn kuschelte sich an seine Seite und schloss die Augen.
In diesem Moment wusste sie,
dass die Nähe ihres Ersten Offiziers ihr Stärke geben würde. Bislang hatte sie
eine solche Nähe nie zugelassen. Aber in den letzten Minuten hatte sie erkannt,
dass sie sich dem nicht zu verschließen brauchte.
Und mit dieser Erkenntnis
wusste sie auch, dass sie gemeinsam den schweren Rückweg zur Erde bewältigen
könnten, wenn sie nur zusammen halten würden.