Autor: Brianna

„Captain!“

„Chakotay! Hatte nicht erwartet, Sie heute zu Gesicht zu bekommen. Genießen Sie Ihren freien Tag?“

Janeway lächelte ihn an. Für sie war es immer erfreulich, wenn sie ihren Ersten Offizier traf, sei es nun dienstlich oder privat.

Aber dieses Gefühl beruhte auf Gegenseitigkeit, nur daß Chakotay sich wünschte, daß diese privaten Treffen weit aus mehr stattfinden könnten.

„Natürlich genieße ich ihn. Ich hatte endlich mal wieder Zeit zu meditieren. Und noch ein paar andere Dinge zu tun."

Womit genau er den ganzen Tag beschäftigt war, wollte Chakotay ihr natürlich nicht sagen. Schließlich sollte es eine ganz spezielle Überraschung für den Captain werden.

„Ach, was ich Sie fragen wollte“, fuhr er fort. „Haben Sie heute Abend eigentlich schon etwas nach Dienstschluß vor?“

Wieder lächelte Janeway ihn an. Sag jetzt bitte nicht ja, bat er inständig.

„Eigentlich ja. Der Doktor hatte mich gebeten, ihm bei einem Problem zu helfen. Anscheinend machen Sevens Borgimplantate wieder Schwierigkeiten, und dem Doktor gehen langsam die Ideen aus. Aber wieso fragen Sie?“

Janeway sah ihn auffordernd an. Aber Chakotay war enttäuscht. Er hatte so stark gehofft, den Abend mit ihr verbringen zu können. Aber gegen den Doktor und der Gelegenheit, ein wenig forschen zu können, kam er nicht an. Zumal es hier auch um Seven ging, Janeways Liebling.

„Nun, ich wollte Sie eigentlich einladen. Aber wie ich sehe, sind sie schon vergeben. Ein anderes Mal vielleicht.“

Chakotay wollte sich schon wieder abwenden und zurück zu seinem Quartier gehen, als der Captain ihn fragte, um was für eine Einladung es gehen würde.

„Nun, ich hatte mir eine kleine Überraschung für Sie ausgedacht. Mehr kann ich aber nicht verraten, denn sonst ist es ja keine Überraschung mehr.“

Er grinste verschmitzt. Vielleicht hatte er ja doch noch eine Chance.

„Ja, das ist ja wirklich eine schwere Entscheidung. Der Doktor oder Ihre Überraschung. Aber ich denke, daß der Doktor noch einen Tag länger warten kann. Es sieht ja schließlich so aus, als ob Sie sich mit Ihrer Überraschung sehr viel Mühe gegeben haben. Ich bin schon richtig gespannt.“

Jetzt konnte Chakotay wieder lachen.

„Gut, dann treffen wir uns um 7 vor Holodeck 2. Ach ja, und ziehen Sie sich warm an!“

Janeway guckte ihn äußerst erstaunt an, sagte aber nichts. Chakotay hatte immer gute Holodeck-Ideen. Einmal hatte er sie eingeladen, einen Spaziergang in den Bergen von Montana zu machen. Es war wunderschön gewesen.

Wenn er nur nicht mein Erster Offizier wäre, dachte sie jetzt verträumt. Sie fühlte sich durchaus durch ihn angesprochen. Aber es gab gewisse Regeln, die sie als Captain der Voyager einhalten mußte. Sie mußte als Vorbild dienen, und eine Liaison mit Chakotay würde die Moral auf dem Schiff doch stark sinken lassen.

Nein, sie konnte ihren Gefühlen nicht freien Lauf lassen. Obwohl sie schon einmal kurz davor gewesen war. Wenn sie jetzt an die Zeit zurückdachte, wo sie mit Chakotay auf New Earth durch den tödlichen Virus gefangen gewesen war, erinnerte sie sich, daß sie kurz davor gewesen war, sich ihren Gefühlen zu ergeben. Aber dann hatte die Voyager sie gerettet und sie war wieder gefangen.

Beider Wege trennten sich. Janeway setzte ihren Weg zum Maschinenraum fort, aber nicht ohne vorher auf der Krankenstation vorbeizuschauen. Sie erzählte dem Doktor nicht, warum sie abends nicht kommen würde. Nicht, daß sie ihre Verabredung mit Chakotay bewußt geheimhalten wollte, schließlich wußten fast alle an Board, daß sie und der Erste Offizier desöfteren ihre Freizeit miteinander verbrachten. Aber irgendwie empfand sie es als unangebracht, dem Doktor den wahren Grund ihrer Absage mitzuteilen.

Chakotay jedoch ging wieder zurück zum Holodeck, um noch einige Modifikationen vorzunehmen. Schließlich sollte seine Überraschung ein voller Erfolg werden. Wenn alles so klappen würde, wie er es sich vorstellte, dann könnten Kathryn – wie er sie immer noch insgeheim liebevoll nannte – und er daran anknüpfen, wo sie auf New Earth unliebsam durch Tuvok gestört worden waren.

Schließlich wurde es sieben Uhr. Chakotay hatte sein Programm vervollständigt und wartete nun ungeduldig vor dem Holodeck. Auch er hatte sich warm angezogen, d.h. er trug eine mit Fell gefütterte Lederhose, wie sie auch schon früher von seinem Stamm bei starker Kälte getragen wurde. Dazu hatte er Fellstiefel und einen warmen Fellmantel gewählt. Wäre er nicht auf der Voyager im Deltaquadranten, man hätte ihn durchaus für einen Stammesangehörigen auf dem Weg zur winterlichen Jagd halten können.

Aber Chakotay mußte nicht lange warten. Janeway kam um die Ecke, und ihr Anblick nahm ihm den Atem. Sie trug einen wunderschönen, fast bodenlangen, dunkelblauen Mantel. Chakotay fand, daß ihr diese Farbe unheimlich gut stand, fast noch besser als das Rot ihrer Uniform, in dem er sie tagtäglich sah. Sie hatte sich eine Wollmütze aufgesetzt, die ein wenig an die frühere Zarenzeit auf der Erde erinnerte. Insgesamt sah Kathryn, wie immer, wunderschön aus.

„Captain!“ Zur Begrüßung legte Chakotay ihr kurz die Hand auf die Schulter. Das tat er immer. Es war die einzige Möglichkeit für ihn, unverfänglich Körperkontakt mit ihr aufzunehmen. Und wie immer verlangte es ihn nach mehr. Doch er mußte sich bremsen. Wenn alles gut verlaufen würde, könnte er durchaus auf mehr hoffen.

„Chakotay! Sie sehen gut aus. Also habe ich mich mit der Wahl meiner Kleidung nicht getäuscht. Sie sehen aus, als wollten sie eine Expedition zum Nordpol durchführen.“

„Nicht ganz.“ Chakotay konnte ein leichtes Grinsen nicht vermeiden. „Unser Ausflug wird uns mal wieder in die Berge von Montana führen, die Sie doch so sehr mögen. Nur dieses Mal habe ich den Winter als Jahreszeit gewählt.“

Nach einer kurzen Pause, in der er seinen Captain noch einmal schnell musterte, befahl er dem Computer, das Holodeckprogramm zu starten.

„Kommen Sie Captain, es geht los!“

„Ach ja, Chakotay, bevor wir unseren Ausflug starten. Dies ist ein privates Vergnügen. Ich denke, wir können unsere Kommandostruktur für ein paar Stunden vergessen. Nenn mich Kathryn und laß das schrecklich ‚Sie‘ weg, o.K.?“

Dabei lächelte sie ihn verschmitzt an. Chakotay war das mehr als nur recht. Das letzte Mal, wo Kathryn dies vorgeschlagen hatte, war auf New Earth gewesen. Aber es schien ihm, als ob es Millionen von Lichtjahren her war.

Beide betraten nun das Holodeck und die Eingangstür schloß sich. Chakotay hatte sein Programm mit einer besonderen Sicherung versehen. Niemand konnte das Programm so ohne weiteres betreten. Es verlangte eine Kontaktaufnahme über den Kommunikator, schließlich wollte er keine unliebsamen Besucher.

„Wow, Chakotay, du hast dir aber ziemlich viel Mühe gegeben!“ Kathryn drehte sich um und genoß den Ausblick über die Landschaft. Sie standen am Fuße eines Bergmassivs. Ringsherum war dichter Nadelwald. Es mußte viel und lange geschneit haben, denn außer ein paar grünen Stellen, die hier und da hervorblitzten, war alles weiß.

Und es war kalt!

„Nun, es freut mich, daß es dir gefällt. Aber warte erstmal ab, das beste kommt noch.“

Mit diesen Worten nahm er sie sanft beim Arm und führte sie ein paar Schritte in den Wald hinein. „Mach bitte die Augen zu“, forderte er sie auf.

Kathryn schaute Chakotay zwar etwas fragend an, ergab sich aber sofort. Irgendwie gefiel ihr die Vorstellung, mit geschlossenen Augen von ihm geführt zu werden. Sie vertraute ihrem Ersten Offizier blind. Er würde sie nie willentlich einer Gefahr aussetzen. Und hatte er nicht hier von einer Überraschung gesprochen?

Sie gingen noch ein paar Schritte weiter in den Wald hinein. Auch Chakotay genoß es, Kathryn so führen zu dürfen. Wie gerne hätte er sie jetzt zu sich gedreht und sie einfach geküßt! Wie oft hatte er davon geträumt, sie endlich in seinen Armen halten zu dürfen! Ohne Protokoll, ohne Beschränkungen! Wie oft war er auf New Earth der Versuchung nahe gewesen! Und wie oft hatte er Tuvok dafür verflucht, Kathryns direkten Befehl mißachtet zu haben und zum Planeten zurückgekehrt zu sein!

„Du kannst deine Augen jetzt wieder öffnen“, bat er sie nun.

Kathryn öffnete ihre Augen und erblickte einen Schlitten mit zwei wunderschönen Pferden davor.

„Chakotay, das ist...“, sie drehte sich zu ihm um und konnte einfach nicht weitersprechen. Ihre Augen glänzten wie die eines Kindes, das staunend vor den bunten Lichtern eines Weihnachtsbaumes stand.

Kathryn fühlte sich versucht, Chakotay dafür zu küssen. Aber sie widerstand dieser Versuchung. Irgendwie empfand sie es als nicht richtig. Oder besser, ihr Verstand empfand es als nicht richtig. In ihrem Verstand war sie immer noch der pflichtgebundene Sternenflottencaptain, der sein Protokoll beachten mußte. Aber ihr Herz schlug in eine andere Richtung. Schon lange bevor New Earth hatte Kathryn innerlich begonnen, diesen Kampf auszufechten. Immer hatte ihr Verstand gesiegt. Auf New Earth jedoch hatte sie langsam begonnen zu akzeptieren, daß sie Gefühle für Chakotay hatte, und daß sie diese Gefühle nicht ständig unterdrücken konnte. Allerdings war aber im entscheidenden Moment die Voyager wieder zurückgekehrt, und damit auch ihre Bindungen, ihr ‚Gefängnis‘.

Chakotay führte sie nun zum Schlitten und, Gentleman der er war, half er ihr einzusteigen. Dann stieg auch er ein, setzte sich neben sie und holte eine Decke hervor, die er nun liebevoll um Kathryns Beine drapierte.

„Ich möchte ja nicht, daß dir kalt wird!“ Dann nahm er die Zügel in die Hand und schnalzte den beiden Pferden zu. Sie begannen, sich in einem leichten Trab vorwärts zu bewegen. An ihrem Geschirr waren kleine Glöckchen angebracht, die nun leicht klingelten.

Kathryn lehnte sich zurück und genoß die Fahrt durch den winterlichen Wald. Zwischendurch ließ sie immer wieder ihren Blick über Chakotays Silhouette schweifen. Sie war ihr so vertraut. Ein starker Rücken, der sie in jeder Situation stärkte. Eine starke Schulter, an der sie sich immerzu anlehnen konnte. Und ein weiches Herz, das sie viel zu gut zu verstehen schien.

Auch Chakotay war in seinen Gedanken versunken. Der erste Teil der Überraschung war gelungen. Nie würde er jemals ihren Blick vergessen, als sie den Pferdeschlitten sah. Sie hatte sich wahnsinnig darüber gefreut. Er hoffte nur, daß auch der Rest genauso gut, wenn nicht noch besser ankam.

Kathryn wollte sich gerade wieder nach vorne lehnen, als plötzlich der Boden unter ihnen stark zu beben anfing.

„Was war das“, fragte sie Chakotay, der sofort den Schlitten angehalten hatte und sich zu ihr umdrehte.

„Ich weiß nicht. Chakotay an Brücke, Bericht!“

Keine Antwort. Nur die Stille des Waldes war zu vernehmen.

„Chakotay an Tuvok, was ist da los?“

Immer noch keine Antwort. Er sah Kathryn fragend an.

„Janeway an Brücke, antworten Sie!“

Aber auch sie erhielt keine Antwort.

„Janeway an Tuvok...B’Elanna...Harry...so antworte doch einer!“

Aber es blieb bei der Stille. Die Kommunikation war abgebrochen.

„Wir müssen nachsehen, was da los ist!“ Damit stieg sie vom Schlitten. Innerlich verfluchte sie diesen Zwischenfall, aber sie war immer noch Herrin ihres Verstandes, und der sagte ihr, daß die Voyager jetzt ihren Captain und ihren Ersten Offizier dringender benötigte, als diese sich gerade neuentwickelnde Romanze.

„Computer, Ausgang.“ Doch auch dieser Befehl wurde mißachtet.

„Wahrscheinlich ist der Hauptcomputer ausgefallen“, gab Chakotay zu bedenken. Auch ihm mißfiel diese unerwartete Situation. Aber er mußte jetzt ebenfalls einen klaren Kopf bewahren. Schließlich ging die Sicherheit des Schiffes vor. Wenn alles wieder in Ordnung war, konnten sie ja ihren Ausflug fortsetzen.

„Wir müssen die Steuertafel finden und den Ausgang manuell steuern.“ Kathryn nickte ihm zu und beide machten sich auf den Weg zurück aus dem Wald. Hier würden sie die Tafel nicht finden.

Wenn Chakotay sich recht erinnerte, war am Waldrand eine kleine Gesteinsformation. Hierbei handelte es sich vermutlich um die Tarnung der Steuertafel. Er teilte Kathryn dies mit, und auch sie stimmte ihm zu.

Und tatsächlich, wenige Minuten später konnten sie den Schnee von der Formation wegräumen und die Steuertafel zum Vorschein kommen lassen. Doch die Tafel war dunkel.

„Das ist ja merkwürdig“, sagte Chakotay zu ihr. „Selbst wenn wir einen totalen Systemausfall hätten, müßte das Notfallsystem funktionieren und somit auch diese Schalttafel. Aber es gibt keinerlei Impulse!“

„Laß mich mal“, erwiderte Kathryn und schob Chakotay einfach beiseite. Er mußte zugeben, daß sie sich wirklich besser mit Technik auskannte als er. Er hatte vollstes Vertrauen in sie, blieb jedoch in der Nähe, falls er ihr helfen konnte.

Nach ca. einer halben Stunde gab sie jedoch auf. „Es tut mir leid, aber dieses Problem stellt mich vor ein Rätsel. Ich habe alles Erdenkliche versucht, aber nichts hat geholfen. Ich weiß wirklich nicht mehr weiter. Was machen wir jetzt Chakotay?“

„Also, wenn selbst du nicht mehr weiter weißt, dann kann ich bestimmt auch nicht viel dazu beisteuern. Du bist schließlich der bessere Techniker von uns beiden.“ Er mußte dabei leicht grinsen, und auch Kathryn ließ sich davon anstecken. Aber schnell hatten sich beide wieder gefangen.

„Was machen wir jetzt“, fragte er sie.

„Nun, draußen muß es wohl irgendwie zu einem Vorfall gekommen sein, der einen totalen Systemausfall zur Folge hatte. Wir sind hier auf dem Holodeck gefangen, eine Kontaktaufnahme mit dem Rest der Crew ist zur Zeit nicht möglich. Ich glaube, wir können nur warten und unser vollstes Vertrauen in unsere Crew setzen.“

„Das war auch mein Gedanke“, stimmte Chakotay ihr zu. „Die werden uns sicherlich schnell wieder befreien können.“ Innerlich kam ihm der Gedanke, daß das vielleicht auch nicht der Fall sein könnte und malte sich aus, wie es wäre, wenn er mit Kathryn für immer auf dem Holodeck gefangen sein würde. So unpassend schien ihm die Situation nicht, aber die Gefahren, die damit verbunden waren, waren ihm durchaus bewußt, und so wünschte er es sich nicht wirklich.

„Nun“, fuhr er fort. „Sieht so aus, als ob wir zur Zeit nicht viel ausrichten können. Oder siehst du es anders?“

Kathryn nickte nur.

&xnbsp;„Gut, und deshalb sehe ich keinen Grund, warum wir nicht unseren Ausflug weiterführen könnten. Oder hast du irgendwelche Einwände?“

Kathryn antwortete nicht sofort. Ihr Verstand sagte ihr, daß es dort vielleicht doch noch irgendeine Möglichkeit gab, die sie noch nicht ausprobiert hatte, obwohl ihre Mittel in dieser Situation reichlich begrenzt waren. Ohne Tricorder konnte sie unmöglich der Ursache auf den Grund gehen. Und warum nicht? Warum sollte sie sich einmal nicht auf ihre Crew verlassen? Sie hatte ein wirklich erfahrenes Team, daß sich bereits in zahlreichen kritischen Situationen bewährt hatte. Aber auch ihr kam flüchtig der Gedanke, daß sie ja auch für immer hier auf dem Holodeck gestrandet sein könnten. Doch sie schob diesen Gedanken auch schnell wieder beiseite.

„Du hast wahrscheinlich recht. Eigentlich widerstrebt es mir, alles einfach stehen und liegen zu lassen. Aber ich habe wirklich alles versucht. Laß uns dein Programm fortführen!“

Sie hakte sich bei Chakotay unter und die beiden machten sich auf den Weg zurück zum Schlitten.

Chakotay war froh, daß es nicht schwer gewesen war, Kathryn zu überreden. Der Zwischenfall war wirklich zu einem schlechten Zeitpunkt gekommen und er hatte schon verzweifelt darüber nachgedacht, wann er wohl später wieder eine Gelegenheit bekommen würde, das Programm mit Kathryn fortzusetzen.

Aber nun setzte er sich glücklich neben sie und ließ die Pferde &xnbsp;loslaufen.

Nach einer Weile verließen sie wieder den Wald.

„Schau mal“, sagte Chakotay und deutete auf eine kleine Holzhütte am Rande der Lichtung. Die Hütte war hell erleuchtet.

„Oh, Chakotay, das ist jetzt genau das Richtige. Ich bin nämlich total erfroren!“

„Keine Sorge“, erwiderte er mit einem breiten Grinsen. „Ich werde schon dafür sorgen, daß dir schnell wieder warm wird.“

Kathryn wollte eigentlich erst darauf antworten, aber sie ließ es dann doch lieber. Sie wollte gar nicht wissen, was er für diesen Teil des Ausfluges geplant hatte, denn sie konnte sich schon denken, daß er sie auch hier aufs Angenehmste überraschen würde.

Der Schlitten hielt direkt vor der Tür, und Chakotay sprang schnell herunter, um Kathryn aus dem Schlitten zu helfen. Dann ging er vor und öffnete die Tür. Kathryn trat herein und wurde sogleich von einer wohligen Wärme empfangen.

Die Hütte war nicht sehr groß. Ein großer Wohnraum mit einem offenen Kamin, weiter hinten eine kleine Küche. Eine Treppe führte nach oben, wo wahrscheinlich ein Schlafraum und ein Badezimmer untergebracht waren.

Kathryn zog ihren Mantel aus und setzte ihre Mütze ab. Dann ging sie zum Kamin und wärmte sich die Hände am Feuer.

Auch Chakotay zog sich seine Jacke aus, dann ging er zur Küche und setzte Kaffee auf.

„Du möchtest doch sicherlich auch einen heißen Kaffee. Frisch aufgebraut und nicht aus dem Replikator!“

„Ich weiß gar nicht, was du gegen den Replikator hast“, entgegnete sie ihm lachend. „Ich bin mit dem Kaffee eigentlich immer zufrieden. Aber natürlich möchte ich einen. Und vielleicht noch etwas Stärkeres, wenn was da ist.“

„Was Stärkeres? Nun, ich könnte dir einen Whiskey dazu anbieten. Warte einen Moment.“

„Kümmere du dich mal um den Kaffee, Chakotay. Ich habe den Whiskey schon gefunden. Möchtest du auch einen?“

Chakotay kam zu ihr zurück. „Wenn du mich so lieb fragst, wer könnte da widerstehen?“

Er nahm ihr das Glas aus der Hand, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Wäre jetzt der richtige Moment? Er konnte es nicht sagen. Es schien irgendwie nie der richtige Moment zu sein. Unzählige Male hatte Kathryn ihn schon in ihr Quartier zum Essen eingeladen. Anschließend hatten sie meist noch zusammen etwas getrunken, waren näher gerutscht und hatten sich gut unterhalten. All die Male hatte er sich ebenfalls gefragt, ob es vielleicht der richtige Moment wäre, und doch hatte er immer wieder seinen Mund gehalten, den Moment verstreichen lassen.

So werde ich nie erfahren, was Kathryn wirklich für mich empfindet! Ich muß es wagen, um ein für alle mal Klarheit zu bekommen!

„Kathryn?“

„Ja, Chakotay.“

„Ich glaube, es gibt da etwas, über das wir beide reden müssen.“

Kathryn schaute ihn jetzt überrascht an. Ahnte sie denn wirklich nichts?

Und ob sie etwas ahnte! Sie wollte es nur nicht so klar zeigen. Sie war sich immer noch nicht sicher, ob sie ihren Gefühlen wirklich freien Lauf lassen durfte. Als sie mit Chakotay das Holodeck betreten hatte, hatte sie es schon im Gefühl gehabt. Und je weiter das Programm gelaufen war, um so mehr wurde ihre Vermutung bestätigt.

„Über was müssen wir beide denn reden? Chakotay, du wirkst auf einmal so ernst!“

„Vielleicht ist es auch eine ernste Angelegenheit. Aber Kathryn, du mußt mir eines versprechen, was immer ich auch sagen werde, es soll niemals zwischen uns stehen und unsere gute Freundschaft gefährden. Ich muß es dir einfach sagen, aber egal, was du darauf antwortest, ich werde es akzeptieren.“

Nun war der Moment gekommen und tief im Inneren hatte Chakotay Angst.

Kathryn schaute ihn erwartungsvoll an. Sie war sich vollkommen im Klaren darüber, was jetzt kommen würde. Trotzdem würde sie ihn ausreden lassen. Sie war gespannt, wie er es formulieren würde.

„Vielleicht sollte ich dabei anfangen, als ich als Maquis auf dein Schiff kam. Trotz aller Skepsis hast du von Anfang an Vertrauen in mich gesetzt und mich als Freund offen auf deinem Schiff empfangen. Und auch ich teilte dieses Vertrauen und diese Freundschaft. Aber mit der Zeit wuchs diese Freundschaft und die damit verbundenen Gefühle so weit, daß sie über eine bloße Freundschaft hinausgingen. Und als wir schließlich auf New Earth strandeten, da bot sich mir eine einzigartige Chance, dir endlich meine wahren Gefühle zu zeigen. Wäre die Voyager nicht zurückgekehrt, ich hätte es getan. Doch dann waren wir wieder zurück, die so mühevoll aufgebaute Nähe zerbrach und alles ging so weiter wie vor New Earth. Doch in meinem Inneren wußte ich, ich konnte nicht ewig so weiter machen. Ich konnte meine Gefühle nicht betrügen und so tun, als ob da nicht mehr als nur Freundschaft ist. Deshalb kreierte ich dieses Programm. Ich wollte einen schönen Rahmen für mein Geständnis haben. Und vor allem wollte ich keine ungebetenen Gäste.“

Chakotay machte eine kurze Pause, sprach aber sofort wieder weiter.

„Kathryn.“ Dabei nahm er ihre Hände in seine und streichelte sie sanft. Er spürte keinen Widerstand.

„Kathryn, ich...ich liebe dich. Ich habe dieses unsägliche Verlangen in mir, mehr als nur dein Freund zu sein. Ich möchte dich in meine Arme schließen, dich küssen. Ich möchte viel mehr Zeit mit dir verbringen und ich möchte morgens neben dir aufwachen und dich ansehen können mit dem Wissen, daß das nicht nur eine Illusion ist.“

Kathryn atmete tief ein. Auch sie spürte dieses Verlangen. Aber konnte sie es wirklich wagen? Durfte sie diesen Schritt machen?

Ach, zum Teufel mit der Sternenflotte und ihren Protokollen! Wir sind hier im Deltaquadranten, weit entfernt von der Erde und Admirälen, die mir auf die Finger schauen. Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Und jetzt habe ich Gefühle für Chakotay und ich möchte diese Gefühle ausleben. Und was sollte die Crew schon denken? Schließlich bin ich auch nur ein Mensch.

Als Chakotay zu ihr sprach, hatte Kathryn ihren Blick auf ihre Hände gesenkt, die er sanft in den seinen hielt und liebevoll streichelte. Nun blickte sie auf zu ihm auf und sah in seinen Augen all die Liebe, die in seinen Worten mitgeflossen war. Sie überlegte sich, auf welche Art und Weise sie ihm am besten antworten konnte, aber ihr fehlten die Worte. Statt dessen entschloß sie sich spontan zu einer Geste, die unmißverständlich für ihn sein würde.

Sie nährte sich langsam seinem Gesicht, ließ dabei aber seine Augen nicht aus ihrem Blick. Erst kurz vorher schloß sie ihre Augen und küßte Chakotay sanft. Ihr Kuß wurde erwidert, erst ebenso vorsichtig, dann aber, als sich beide über ihr Verlangen und die Entscheidung des anderen, dieses Verlangen zuzulassen, klarwurden, wurde dieser Kuß intensiver.

Nach einer unendlich langen Zeit trennten sie sich erst wieder.

„Ich frage mich, warum ich immer so zurückhaltend gewesen bin! Ich habe ziemlich viel verpaßt!“ Dann zog sie ihn wieder an sich und küßte ihn erneut.

Am nächsten Morgen wachte Chakotay auf. Er schaute auf Kathryn, die friedlich neben ihm schlief. Diesen Moment hatte er sich immer gewünscht. Eine wohlige Wärme durchflutete seinen Körper. Er entschloß sich, nicht aufzustehen, sondern statt dessen sich noch mal an sie zu kuscheln und den Moment noch etwas länger zu genießen.

„Tuvok an Captain Janeway, bitte melden!“

Kathryn schlug die Augen auf. Chakotay lag an ihrer Seite, und sie konnte seinen warmen Körper wunderbar an ihrem fühlen. Er lächelte sie an und richtete sich langsam auf.

„Janeway hier. Tuvok, was ist passiert?“

Irgendwie war sie enttäuscht, daß ihre Mannschaft es so schnell geschafft hatte, was auch immer es für Probleme waren, zu beheben.

„Wir hatten Kontakt mit einer plötzlich auftretenden Raumanormalie. Das hatte einen kompletten Systemausfall zur Ursache. Die primären Systeme funktionieren wieder einwandfrei, und auch die sekundären System sind fast wieder alle funktionstüchtig.“

„Gut, Tuvok. Ich komme auf die Brücke.“ Mit einem kurzem Blick auf Chakotay fügte sie dann aber noch hinzu: „Geben Sie mir ein paar Minuten.“

Dann drehte sie sich zu Chakotay um.

„Chakotay, ich weiß nicht, was wir jetzt machen sollen. Ich...ich habe diese Zeit mit dir unheimlich genossen und etwas in mir sagt, daß ich es nicht aufgeben sollte. Aber mein Verstand sagt mir, daß ich das nicht machen kann. Was sollte die Crew von mir, von uns denken?“

„Ich glaube, daß die Crew gar nichts denken würde. Im Gegenteil, ich glaube sogar, die würden sich für dich, für uns freuen. Du brauchst dir da keine Gedanken zu machen. Deine Mannschaft steht so loyal hinter dir, unsere Beziehung würde diese Loyalität bestimmt nicht brechen!“

„Aber was ist mit der Sternenflotte, mit den Protokollen?“

„Kathryn, wir sind so weit von der Sternenflotte und ihren Protokollen entfernt, wer sollte da schon fragen! Laß uns erst dann darüber Gedanken machen, wenn es soweit ist. Aber selbst dann werden wir schon ein Weg finden.“

Kathryn schaute Chakotay an. Es sprach so viel Liebe aus seinen Worten, er war so sanft und einfühlsam. Und er hatte Recht. Es würde schon ein Weg geben, solange sie zueinander halten würden. Und mit der Crew hatte er auch Recht, hatten die nicht schon immer insgeheim erwartet, daß sich etwas zwischen ihnen beiden entwickeln würde?

Sie drückte Chakotay fest an sich und gab ihm einen Kuß auf seine Lippen.

„Dann sehen wir uns heute abend in meinem Quartier?“

Chakotay lächelte. „Wenn Sie das befehlen, Captain!“

„Ich hoffe doch, daß Sie nicht erst einem Befehl folgen müssen!“ Dann zog sie sich an und verließ das Holodeck.

Auf der Brücke erschien ein ungewohnt lockerer und äußerst zufriedener Captain, der bei dem anschließenden Briefing über die Anormalie und deren Auswirkungen nur halb zuhörte und dafür verträumt aus dem Fenster schaute. Die Crew sollte jedoch innerhalb der nächsten Tage verstehen lernen, woher diese Gemütsstimmung kam, und jeder war hocherfreut über die unerwartete Wendung.